André François Roger Jacques Boulloche (* 7. September 1915 im 7. Arrondissement, Paris; † 16. März 1978 in Malsburg-Marzell, Landkreis Lörrach, Baden-Württemberg) war ein französischer Politiker, der zwischen 1958 und 1959 Beigeordneter Minister beim Premierminister für den öffentlichen Dienst und staatliche Märkte sowie von Januar bis Dezember 1959 Minister für nationale Bildung war. Später war er zwischen 1965 und 1978 Bürgermeister von Montbéliard sowie zugleich von 1967 bis zu seinem Tod am 16. März 1978 Mitglied der Nationalversammlung.

Leben Studium und Offizier im Zweiten Weltkrieg Boulloches Vater war Absolvent der École polytechnique und Generalingenieur für Brücken- und Straßenbau sowie später Leiter der Straßenbauabteilung im Ministerium für öffentliche Arbeiten. Sein Großvater väterlicherseits war Untersuchungsrichter am Kassationshof. Er selbst absolvierte seine schulische Ausbildung am Gymnasium von Beauvais, ehe er 1931 zum Lycée Janson de Sailly wechselte. Nach dessen Abschluss begann er 1934 ebenfalls ein Studium an der École polytechnique sowie danach an der Staatlichen Schule für Brücken- und Straßenbau (École nationale des ponts et chaussées), das er 1939 abschloss. Ein daneben absolviertes Studium der Rechtswissenschaften beendete er mit einem Lizenziat und nahm daraufhin eine Tätigkeit als Stadtingenieur für Brücken- und Straßenbau in Soissons auf.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Boulloche im Herbst 1939 zum Militärdienst eingezogen und diente zunächst als Leutnant im 6. Ingenieurregiment in Ostfrankreich, ehe er nach während des Frankreichfeldzuges der deutschen Wehrmacht als Flugbeobachtungsoffizier bei der Heeresluftwaffe. Im Juni 1940 floh er zunächst nach Nordafrika, nachdem seine Flucht nach England missglückte. Nach seiner Rückkehr in das von der deutschen Wehrmacht besetzte Frankreich schied er aus dem aktiven Militärdienst aus.

Mitglied der Résistance und KZ-Häftling mini|Boulloche befand sich von April 1944 bis zu seiner Befreiung durch Einheiten der 3. US-Armee am 23. April 1945 als Häftling im KZ Flossenbürg Er schloss sich Ende 1940 der Widerstandsbewegung Résistance an. Dort wurde er von André Postel-Vinay beauftragt, ein Netzwerk für Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes im Département Aisne aufzubauen. Nach der Verhaftung von Postel-Vinay war Boulloche verantwortlich für das Netzwerk der Résistance in Nord- und Ostfrankreich. Nachdem die Geheime Staatspolizei ihn festnehmen wollte, konnte er zunächst nach Spanien entkommen. Kurz nach seiner Festnahme im Dezember 1942 gelang ihm die 1943 die Flucht nach London, wo er sich im Auslandsnachrichtendienst der von Charles de Gaulle gegründeten Forces françaises libres (FFF) engagierte, dem Bureau Central de Renseignements et d’Action (BCRA).

Am 13. Dezember 1943 kehrte Boulloche unter dem Pseudonym „Armand“ zusammen mit Maurice Bourgès-Maunoury nach Frankreich zurück und wurde Militärischer Regionaldelegierter (Délégué militaire régional) in der Region Paris. In der Folgezeit baute er die dortige paramilitärische Organisation der Résistance auf, die nach der Festnahm von Brigadegeneral Charles Delestraint ohne Führung war. Nachdem er verraten wurde, wurde er am 12. Januar 1944 abermals von der Gestapo verhaftet. In der Haftstrafe erlitt er eine Magenerkrankung, die im Hôpital de la Salpêtrière operiert wurde. Im Anschluss befand er sich im Gestapo-Gefängnis von Fresnes sowie anschließend im KZ Royallieu bei Compiègne, ehe er im April 1944 ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert werden sollte. Tatsächlich wurde dieser Deportationszug zunächst zum KZ Buchenwald sowie schließlich zum KZ Flossenbürg weitergeleitet. Dort wurde er am 23. April 1945 nach mehr als vierzehnmonatiger Haft von Einheiten der 3. US-Armee befreit.After Surviving Concentration Camps, One Man Fought to Reunite France and Germany Seine ebenfalls in der Résistance aktiven Eltern und sein Bruder befanden sich ebenfalls in KZ-Haft, in der sie alle ums Leben kamen.Donald Reid: Germaine Tillion, Lucie Aubrac, and the Politics of Memories of the French Resistance, 2009, ISBN 1-4438-0722-2, S. 62 u. a.

Für seine Verdienste um die Befreiung Frankreichs wurde Boulloche von General de Gaulle zum Compagnon des Ordre de la Libération ernannt.

Nachkriegszeit und Vierte Republik mini|Während der Amtszeit von Premierminister Maurice Bourgès-Maunoury war Boulloche von Juni bis November 1957 dessen Kabinettschef Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahm Boulloche eine Tätigkeit in der öffentlichen Verwaltung in Paris auf und befand sich 1946 für das Ministerium für öffentliche Arbeiten auf einer Studienreise in den USA, ehe er nach seiner Rückkehr 1948 Leiter des Brücken- und Straßenbauamtes des Arrondissement Versailles wurde. Im Anschluss wurde er 1950 Regierungskommissar der RATP (Régie autonome des transports Parisiens), der für den öffentlichen Personennahverkehr zuständigen Betriebe von Paris, sowie danach zwischen 1953 und 1954 Leiter der Infrastrukturabteilung im Luftfahrtministerium, wo er auch für die Gebäude der Luftfahrtstützpunkte der NATO zuständig war.

Neben seiner beruflichen Laufbahn engagierte sich Boulloche in der Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO), deren Mitglied er 1946 wurde. Er war Mitglied der Vorstände der SFIO von Fontainebleau sowie im Département Seine-et-Marne und war später Vize-Sekretär sowie Verwaltungssekretär der SFIO. Er war von Januar bis November 1947 Kabinettschef von Paul Ramadier während dessen Amtszeit als Premierminister. Dessen Kabinettschef war er erneut als Ramadier von September 1948 bis Oktober 1949 Minister für nationale Verteidigung war.Georgette Elgey: Histoire de la IVe République: La République des illusions (1945–1951), 1993, ISBN 2-213-66422-6

Bei den Wahlen zur Nationalversammlung am 17. Juni 1951 kandidierte er im Département Seine-et-Marne auf der Liste der SFIO, die von Jacques Piette angeführt wurde, der allerdings als einziger Vertreter seiner Partei in diesem Wahlbezirk gewählt wurde. 1953 wurde er zum Mitglied des Gemeinderates von Fontainebleau gewählt, wo er die sozialistische Opposition vertrat. Seine Kandidaturen für ein Mandat im Rat des Kanton Fontainebleau bei den Wahlen 1951, 1955 und 1958 waren jedoch erfolglos. Obwohl die SFIO sich in der Opposition befand, wurde Boulloche am 19. Juni 1954 Kabinettschef seines früheren Kameraden in der Résistance, Maurice Bourgès-Maunoury, der bis Februar 1955 Minister für Industrie und Handel war. Im Anschluss fungierte er von 1955 bis zur Unabhängigkeit von Frankreich am 2. März 1956 als Direktor der Behörde für öffentliche Arbeiten von Marokko und wurde danach im März 1956 erster Generalsekretär des Ministeriums für öffentliche Arbeiten von Marokko.

Im Juni 1957 kehrte Boulloche nach Frankreich zurück und wurde am 13. Juni 1957 erneut Kabinettschef von Bourgès-Maunoury, der diesmal bis zum 6. November 1957 selbst das Amt des Premierministers bekleidete. Kurz vor dem Ende von dessen Regierung wurde er im September 1957 stellvertretender Generaldelegierter der Regionalen Gemeinschaft für die Sahara OCRS (Organisation commune des régions sahariennes).

Am 7. Juli 1958 wurde Boulloche von Premierminister de Gaulle zum Beigeordneten Minister beim Premierminister für den öffentlichen Dienst und die staatliche Märkte (Ministre délégué à la Présidence du Conseil, chargé de la fonction publique et des marchés de l’Etat) in dessen drittes Kabinett berufen, dem er bis zum 8. Januar 1959 angehörte. In dieser Funktion war er nicht nur für die Reformen der staatlichen Verwaltung und Märkte zuständig, sondern auch der Gebietskörperschaften.

Fünfte Republik Bildungsminister im Kabinett Debré mini|Premierminister Michel Debré berief Boulloche 1959 zum Minister für nationale Bildung in das Kabinett Debré Nach der ersten Präsidentschaftswahl der am 5. Oktober 1958 gegründeten Fünften Französischen Republik, aus der am 21. Dezember 1958 Charles de Gaulle als Sieger hervorging, trat er mit den anderen sozialistischen Ministern der dritten Regierung de Gaulle wie dem Staatsminister Guy Mollet am 7. Januar 1959 zurück.

Unmittelbar darauf wurde Boulloche am 8. Januar 1959 vom neuen Premierminister Michel Debré zum Bildungsminister (Ministre de l’éducation nationale) in dessen Regierung berufen.Kabinett Debré Er legte daraufhin seine Mitgliedschaft in der SFIO nieder und sah die Frage der Bildungspolitik Frankreichs zunächst im Sinne der 1957 geführten Verhandlungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der französischen Regierung, die bei diesen Verhandlung vom damaligen Premierminister Guy Mollet vertreten wurde.

Am 23. Dezember 1959 trat er jedoch von seinem Ministeramt zurück, nachdem es zu einer Abstimmung über die Bildungspolitik der Regierung Debré bezüglich der gesetzlichen Regelungen zwischen staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen gekommen war und er mit dieser Entscheidung nicht einverstanden war.BERUFLICHES: André Boulloche. In: Der Spiegel vom 6. Januar 1965François-Georges Maugarlone: Histoire personnelle de la Ve République, 2008, ISBN 2-213-64139-0W. D. Halls: Education, Culture and Politics in Modern France: Society, School, and Progess Series, 2014, ISBN 1-4831-3764-3, S. 175Claude Lelièvre, Christian Nique: L’école des présidents: de Charles de Gaulle à François Mitterrand, 1995, ISBN 2-7381-0298-0, S. 47 u. a.Daniel Amson: La Querelle religieuse: Quinze siècles d’incompréhensions, 2004, ISBN 2-7381-8390-5, S. 328 u. a. Zudem sah er sich den Sparzwängen im Haushalt seines Ministeriums angesichts des Algerienkrieges ausgesetzt, die er ebenfalls nicht akzeptieren sollte, zumal er aufgrund der wachsenden Geburtenrate vom Bau zahlreicher Schulen ausging. Andererseits begann er in seiner knapp einjährigen Amtszeit mit Reformen in der nationalen Bildungsverwaltung, die zu einer Erhöhung der Verwaltungsmitarbeiter sowie in einem geringeren Maße auch der Lehrer führte. In seiner Amtszeit kam es zu einem Vorziehen des Schulbeginns vom 1. Oktober auf den 15. September sowie zur Weiterentwicklung der Hochschulbildung. Ferner schuf er ein Kontingent an zusätzlichen Stipendien für Studenten aus Algerien, damit diese nach einer Unabhängigkeit ihres Landes führende Funktionen übernehmen konnten.Michel Debré: Trois Républiques pour une France - tome 3: Gouverneur, 1958–1962, 1988, ISBN 2-226-22570-6, S. 16 u. a.

Mitglied des Staatsrates und erfolglose Kandidatur 1962 Nach seinem Ausscheiden aus der Regierung wurde er für seine bisherigen Verdienste für die Französische Republik und die Regierung zum Außerordentlichen Staatsrat (Conseiller d’État en service extraordinaire) ernannt und wurde dadurch Mitglied des Conseil d’État, der zum einen als Verwaltungsgerichtshof, andererseits als Rechtsberatungsorgan der Regierung fungiert. 1960 war er zudem Vorsitzender einer Kommission zur Prüfung der Wasserverbindungen von Rhein und Rhone, 1961 Vorsitzender der Kommission zur Reform der Grandes Écoles sowie zwischen 1962 und 1963 Leiter des Büros für die Zusammenarbeit und Einrichtungen der Universitäten. 1962 wurde Boulloche zum Generalingenieur für Brücken- und Straßenbauwesen ernannt sowie 1964 vom Generalkommissariat für Planung zum Vorsitzenden von dessen Ausschuss für Gebäude und öffentliche Arbeiten berufen. Sein Abschlussbericht zu den Grandes écoles wurde 1968 intensiv diskutiert. 1966 wurde er schließlich auch Präsident des Instituts für internationalen Handel (Institut de commerce international), das er bis zu seinem Tode leitete.