Kuttel Daddeldu erzählt seinen Kindern das Märchen vom Rotkäppchen und zeichnet ihnen sogar was dazu ist eine 1923 erschienene Handschrift von Joachim Ringelnatz.

Originalausgabe „Joachim Ringelnatz Rotkäppchen“ wurde im Oktober/November 1923 von Ringelnatz in einer Gesamtauflage von zehn Exemplaren für den Verlag Alfred Richard Mayer in Berlin-Wilmersdorf von Hand geschrieben, wie auch in der Vorbemerkung ausgewiesen. Die zehn Exemplare sind jeweils mit einer ganzseitigen monogrammierten und kolorierten Federzeichnung und 11 Original-Federzeichnungen des Autors im handgeschriebenen Text versehen. Die einzelnen Exemplare sind unterschiedlich bebildert, ein Nachweis aller Varianten ist nicht möglich.Exemplar Nr. 5, Katalog der Firma M. Edelmann, Nürnberg 1961Exemplar Nr. 6, Ketterer Kunst, Auktion, Hamburg 2011.Exemplar Nr. 2, Koller Auktionen, Zürich 2012.

Im September 1923 hatte Ringelnatz das Märchen entworfen.Brief Nr. M329, 18. Oktober 1923 an Muschelkalk. In: Walter Pape (1982–1985), Briefband. Es waren 12 handgeschriebene Exemplare angedacht, er schaffte aber nur 10 Stück. Erleichtert konnte er die ihm lästig gewordene Arbeit im November 1923 abschließen.Brief Nr. M342, 5. November 1923 an Muschelkalk. In: Walter Pape (1982–1985), Briefband.

Faksimiledruck von Karl Schönberg Als Vorlage für diesen Faksimiledruck diente das 10. Exemplar des handgeschriebenen Originals, es wurde 1935 von Karl Schönberg in einer posthumen Auflage von 30 Exemplaren aufgelegt. Die in dieser Ausgabe jeweils auf Blatt 2 befindliche Original-Aquarellzeichnung sowie das dabei befindliche Monogramm J.R.M stammen nicht von Ringelnatz.Walter Pape (1982–1985), Band 4, S. 405.

Abbildungen (Seite) Text (ohne Nummerierung) (Umbruch analog zur Handschrift) 400px Umschlag Joachim RingelnatzRotkäppchen 400px 1 Joachim RingelnatzKuttel Daddeldu erzählt seinen Kinderndas Märchen von Rotkäppchenund zeichnet ihnen sogar was dazu 400px 2 und 3 Dieses Buch schrieb Joachim Ringelnatz fürAlfred Richard Meyer Oktober 1923 teilsin Salzwedel teils in Liverpool inzehn bezifferten Exemplaren mittreuer Seemannshand. Jedes Buch istvom Autor, den Literarhistorikernzum Schabernack, immer anders be-bildert worden.Exemplar Nro. 10Joachim Ringelnatz 400px 4 und 5 Also Kinners, wenn ihr mal fünfMinuten lang das Maul halten könnt,dann will ich euch die Geschichte vomRotkäppchen erzählen, wenn ich mir das noch zusammenreimen kann. Deralte Kapitän Muckelmann hat mir dasvorerzählt, als ich noch so klein undso dumm war, wie ihr jetzt seid. UndKapitän Muckelmann hat nie gelogen.Also lissen tu mi. Da war malein kleines Mädchen. Das wurdeRotkäppchen angetitelt – genannt heißt das.Weil es Tag und Nacht eine roteKappe auf dem Kopfe hatte. Das war ein 400px 6 und 7 schönes Mädchen, so rot wie Blut undso weiß wie Schnee und so schwarzwie Ebenholz. Mit so große rundeAugen und hinten so ganz dicke Beineund vorn – na kurz, eine verfluchtschöne, wunderbare, saubere Dirn.Und eines Tages schickte die Muttersie durch den Wald zur Großmutter; diewar natürlich krank. Und die Muttergab Rotkäppchen einen Korb mitdrei Flaschen spanischem Weinund zwei Flaschen schottischem Whisky undeiner Flasche Rostocker Korn und einerFlasche Schwedenpunsch und einer Buttelmit Köm und noch ein paar FlaschenBier und Kuchen und solchen Kram mit,damit sich Großmutter mal erst stärkensollte.„Rotkäppchen“, sagte die Mutternoch extra, „geh nicht vom Wege ab,denn im Walde gibts wilde Wölfe!“(Das Ganze muß sich bei Nikolajew odersonstwo in Sibirien abgespielt haben.) 400px 8 und 9 Rotkäppchen versprach alles und ging los.Und im Walde begegnete ihr der Wolf.Der fragte: „Rotkäppchen, wo gehst dudenn hin?“ Und da erzählte sie ihmalles, was ihr schon wißt. Und er fragte:„Wo wohnt denn deine Großmutter?“Und sie sagte ihm das ganz genau:„Schwiegerstraße dreizehn zur ebenen Erde.“Und da zeigte der Wolf dem Kindesaftige Himbeeren und Erdbeeren und lockte sie so vom Wege ab in den tiefenWald.Und während sie fleißig Beeren pflückte,lief der Wolf mit vollen Segeln nach derSchwiegerstraße Nummero dreizehn undklopfte zur ebenen Erde bei der Groß-mutter an die Tür. Die Großmutter war ein mißtrauisches,altes Weib mit vielen Zahnlücken. Deshalbfragte sie barsch: „Wer klopft da an meinHäuschen?“Und da antwortete der Wolf draußenmit verstellter Stimme: „Ich bin es, Dorn-röschen!“Und da rief die Alte: „Herein!“ 400px 10 und 11 Und da fegte der Wolf ins Zimmerhinein. Und da zog sich die Alteihre Nachtjacke an und setzte ihre Nacht-haube auf und fraß den Wolf mitHaut und Haar auf.Unterdessen hatte sich Rot-käppchen im Walde verirrt. Und wieso pißdumme Mädel sind, fing sie an,laut zu heulen.Und das hörte der Jäger im tiefenWald und eilte herbei. Na – und wasgeht uns das an, was die beiden dort imtiefen Walde miteinander vorgehabt haben,denn es war inzwischen ganz dunkelgeworden, jedenfalls brachte er sie aufden richtigen Weg.Also lief sie nun in dieSchwiegerstraße. Und da sah sie, daßihre Großmutter ganz dick aufgedunsenwar.Und Rotkäppchen fragte: „Großmutter,warum hast du denn so große Augen?“ 400px 12 und 13 Und die Großmutter antwortete: „Damitich dich besser sehen kann!“Und da fragte Rotkäppchen weiter:„Großmutter, warum hast du denn sogroße Ohren?“Und die Großmutter antwortete:„Damit ich dich besser hören kann!“Und da fragte Rotkäppchen weiter: „Großmutter, warum hast du dennso einen großen Mund?“Nun ist das ja auch nicht recht,wenn Kinder so was zu einer er-wachsenen Großmutter sagen.Also da wurde die Alte fuchs-teufelswild und brachte kein Wortmehr heraus, sondern fraß das armeRotkäppchen mit Haut und Haar auf. 400px 14 und 15 Und dann schnarchte sie wie ein Walfisch.Und draußen ging gerade der Jägervorbei.Und der wunderte sich, wiesoein Walfisch in die Schwiegerstraßekäme. Und da lud er seine Flinte undzog sein langes Messer aus der Scheideund trat, ohne anzuklopfen, in dieStube.Und da sah er zu seinemSchrecken statt einen Walfisch dieaufgedunsene Großmutter im Bett.Und – diavolo caracho! – daschlag einer lang an Deck hin! – Es ist 400px 16 und 17 kaum zu glauben! – Hat doch das altegefräßige Weib auch noch den Jägeraufgefressen. –Ja, da glotzt ihr Gören undsperrt das Maul auf, als käme danoch was. – Aber schert euch jetztmal aus dem Wind, sonst mach icheuch Beine.Mir ist schon sowiesodie Kehle ganz trocken von dendummen Geschichten, die doch allenur erlogen und erstunken sind.Marsch fort! Laßt eurenVater jetzt eins trinken, ihr –überflüssige Fischbrut! 400px Druckvermerk Joachim RingelnatzzumGedenkenließ Karl Schönbergim Winter 1935 für seine Freundeund für Freunde des Dichters diesenFacsimiledruck eines von JoachimRingelnatz mit der Hand geschrie-benen und gezeichneten Manuscript-buches in 30 Exemplaren herstellen.

Nachdruck Faksimileausgabe (mit Selbstporträt) mini|Selbstbildnis Ringelnatz, Tuschzeichnung Eine erneute Auflage der Faksimileausgabe wurde 1961 hergestellt, dabei wurde für das Aquarell der vorangegangenen Auflage ein Selbstporträt von Ringelnatz eingefügt, eine Federzeichnung, welche erstmals in einer Ausgabe „Der Querschnitt“ von 1925 abgedruckt worden war.Der Querschnitt 5, Heft 8, August 1925, S. 714.

Literatur Walter Pape: Joachim Ringelnatz – Das Gesamtwerk, in sieben Bänden und einem Briefband. Hensel Verlag, Berlin 1982–1985

Weblinks

Erzählung als Hörbuch gesprochen von Wolfgang Gerber auf ringelnatz.net (kostenloser Download verfügbar).

Einzelnachweise

Kategorie:Lyrik Kategorie:Satire Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Kinder- und Jugendliteratur Kategorie:Joachim Ringelnatz