Anne Hébert (* 1. August 1916 in Sainte-Catherine-de-Fossambault; † 22. Januar 2000 in Montréal) war eine frankophone kanadische Schriftstellerin.Pierre H. Lemieux, Anne Hébert auf: encyclopediecanadienne.ca, abgerufen am 6. September 2015 (französisch, ). Zu ihren wichtigsten Werken zählen der Erzählband Le Torrent (1950), der Gedichtband Le Tombeau des rois (1960) sowie die Romane Les Chambres de bois (1958) und Kamouraska (1970). Ihr Schaffen hatte prägenden Einfluss auf die Literatur von Québec und wurde mit zahlreichen Preisen französischsprachiger Länder gewürdigt, u. a. mit drei Prix du Gouverneur général und dem Prix Femina.
Leben und Schaffen Anne Hébert wurde 1916 in Sainte-Catherine-de-Fossambault (seit 1984 Sainte-Catherine-de-la-Jacques-Cartier) geboren und auf den Namen Marie Marguerite Claire Louise Anne Hébert getauft.Nathalie Watteyne, auf: usherbrooke.ca, abgerufen am 6. September 2015 (französisch). Ihr Vater, Maurice Lang-Hébert, arbeitete für die Regierung der Provinz Québec, später war er Direktor des Tourismusverbands; neben seinem Beruf war er Dichter und Literaturkritiker.
Bis zum Alter von elf Jahren wurde Anne Hébert von einem Privatlehrer unterrichtet, danach besuchte sie das Collège Notre-Dame-de-Bellevue et Mérici in der Stadt Québec.Robert Harvey, auf: anne-hebert.com, abgerufen am 6. September 2015 (französisch). Bereits in jungen Jahren begann sie zu schreiben. Gefördert und beeinflusst wurde sie dabei von ihrer Mutter, Marguerite-Marie Taché, die sich für das Theater begeisterte,Robert Harvey, auf: anne-hebert.com, abgerufen am 6. September 2015 (französisch). von ihrem Vater sowie ihrem Cousin Hector de Saint-Denys Garneau, der selbst Dichter und Essayist war.Lee Skallerup, Anne Hébert (1916-2000) in "French Canadian writers" bei der Athabasca University (englisch).
Ab 1937 veröffentlichte Hébert einzelne Texte in Zeitschriften. auf: anne-hebert.com, abgerufen am 6. September 2015 (französisch). 1942 erschien ihr erster Gedichtband, Les Songes en équilibre, für den sie mit einem Prix David ausgezeichnet wurde.Liste ihrer Preise und Ehrungen: auf: anne-hebert.com, abgerufen am 6. September 2015 (französisch). Der Tod ihres Cousins Hector (1943) und ihrer einzigen Schwester, Marie, (1952) prägten ihre „poetische Vision, voller Bilder von Tod und Ertrinken“. Trotz ihres erfolgreichen Lyrikdebüts fand sie zunächst keinen Verlag für ihren Erzählband Le Torrent, den sie 1950 auf eigene Kosten drucken ließ. Die darin dargestellte „Gewalt im Unausgesprochenen und in den Werten der Québecer Gesellschaft“ brachte die Leserschaft gegen sie auf.
Von 1950 bis 1954 arbeitete Hébert für Radio-Canada und das Office national du film du Canada. Auch für ihren zweiten Gedichtband, Le Tombeau des rois, fand Hébert keinen Verleger. Der Schriftsteller Roger Lemelin gewährte ihr ein Darlehen, um den Band zu veröffentlichen. Ein Stipendium der Société Royale du Canada ermöglichte ihr 1954, nach Paris zu gehen; die kommenden Jahre lebte sie abwechselnd in Frankreich und Kanada. Ihr erster Roman, Les Chambres de bois (1958), bewirkte eine „signifikante Verschiebung von Stil und Inhalt der Québecer Literatur“: An die Stelle des realistischen Diskurses trat eine „rebellische Literatur, die experimentell ist“, die Entfremdung, „brutale Leidenschaft und primitive Gewalt“ zeigt. 1960 wurde Hébert für ihren Gedichtband Poèmes der Prix du Gouverneur général pour poésie ou théâtre de langue français zuerkannt.Pallister und Skallerup datieren den Preis auf 1960, gibt 1961 an. Der Prix du Gouverneur général 1960 wurde laut 1961 vergeben.
Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1965 wurde Hébert für die Dauer von 27 Jahren in Paris sesshaft. Neben Büchern und Theaterstücken schrieb sie für Magazine, u. a. Châtelaine, Les Écrits du Canada français und Esprit. Nach vierjähriger Recherche- und Schreibzeit veröffentlichte sie 1970 ihren zweiten Roman, Kamouraska, mit dem sie einem breiten Publikum bekannt wurde.Robert Harvey, auf: anne-hebert.com, abgerufen am 6. September 2015 (französisch). Der Roman handelt vom Versuch einer Frau, „die Fußfesseln abzuschütteln, die sie davon abhalten, eine Art Selbstverwirklichung zu erreichen“.Patrick Corcoran, „Anne Hébert (Quebec, 1916–2000)“, in: Patrick Corcoran, The Cambridge Introduction to Francophone Literature, Cambridge: Cambridge University Press 2007, ISBN 978-0521849715, S. 160. Für Kamouraska erhielt Hébert 1971 den Prix des Libraires und den Prix de l'Académie royale de Belgique. Im Jahr 1973 entstand nach Vorlage des Romans der gleichnamige Spielfilm von Claude Jutra mit Geneviève Bujold in der Hauptrolle.
In den folgenden Jahren erhielten Héberts Werke zahlreiche Preise, darunter erneut den Prix Athanase-David (1978)Lauréates et lauréats Hébert, Anne auf: prixduquebec.gouv.qc.ca, abgerufen am 6. September 2015 (französisch). und den Prix du Gouverneur général pour romans et nouvelles de langue française für Les Enfants du sabbat (1975). Mit ihrem sechsten Roman, Le Premier Jardin, setzte sie 1988 ein literarisches Denkmal für die sogenannten Töchter des Königs, jene Frauen aus den Gründungstagen Neufrankreichs, die rekrutiert wurden, um mit dortigen Siedlern verheiratet zu werden, Familien zu gründen und somit die Einwohnerzahl der französischen Kolonie zu vergrößern, und „von denen nicht einmal der Name bewahrt wird und deren geschichtliches Wirken verschwindet“.Anne Hébert, nach: Rosanna Furgiuele und Rosalind Gill, Le Francais Dans le Village Global: Manuel de Lecture Et Decriture. Toronto: Canadian Scholars Press, 2008, ISBN 978-1551303376, S. 59.
Im Jahr 1978 bot der Premierminister der Provinz Québec, René Lévesque, Hébert an, Vizegouverneurin von Québec zu werden; sie lehnte ab. 1989 berief sie der französische Premierminister, Michel Rocard, in den Conseil supérieur de la langue française.Robert Harvey, auf: anne-hebert.com, abgerufen am 6. September 2015 (französisch).
1997 kehrte sie nach Kanada zurück. Im Jahr 2000 starb sie in Montréal und wurde in ihrem Geburtsort beigesetzt.
Einflüsse Zu den Autoren, die ihr Schaffen laut eigenem Bekunden maßgeblich beeinflusst haben, zählten Charles Baudelaire, Georges Bernanos, Marie-Claire Blais, Karen Blixen, Emily Brontë, Hélène Cixous, Paul Claudel, Réjean Ducharme, Charles Dickens, Fjodor Dostojewski, William Faulkner, Jeanne Lapointe, James Joyce, Pierre Jean Jouve, Franz Kafka, Maurice Maeterlinck, Charles-Ferdinand Ramuz, Arthur Rimbaud, Nathalie Sarraute, Jean-Paul Sartre, Anton Tschechow, Marcel Proust, Émile Verhaeren und Paul Verlaine.
Werke (Auswahl) Lyrik Les Songes en équilibre, 1942 Le Tombeau des rois, 1953 Mystère de la parole, 1960 Poèmes, 1960 (Neuauflage von Le Tombeau des rois zusammen mit Mystère de la parole) Le jour n'a d'égal que la nuit, 1992 Poèmes pour la main gauche, 1997 Erzählungen Le Torrent. Erzählungen. Beauchemin, Montréal 1950 (darin enthalten: Le Torrent, L'Ange de Dominique, La Robe corail, Le Printemps de Catherine, La Maison de l'esplanade); erweiterte Ausgabe: HMH, coll. L'Abre, Montréal 1963 (zusätzlich mit Un grand mariage, La Mort de Stella); diese Ausgabe erneut veröffentlicht: Bibliothèque Québécoise (BQ), 1989 Erzählung, stark gekürzt, Übers. Beate Thill: Der Sturzbach, in: Anders schreibendes Amerika. Literatur aus Québec. Hgg. Lothar Baier, Pierre Filion. Das Wunderhorn, Heidelberg 2000, S. 70–77 (= Le Torrent, die titelgebende Geschichte)in der französischen Wikipedia findet sich eine Inhaltsangabe. Der Text gibt lediglich das erste Drittel des Originals wieder, bricht ab, ohne jede Angabe oder Erklärung dazu; das Wesentliche, sowie die Titelgebung, sind dadurch nicht erkennbar. Vollständig nur in der Manesse-Ausgabe 1967, 1986 Einzelerz., Übers. Renate Rivenq: Der Wildbach, in Kanadische Erzähler der Gegenwart. Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich 1967, 1986, S. 85–142 (= Le Torrent) Einzelerz., Übers. Thorgerd Schücker: Die Einheirat, in Kanada erzählt. 17 Erzählungen. Hg. Stefana Sabin. Fischer TB 10930, 1992, S. 98–128 (= Un grand mariage); zuerst in Ernst Bartsch (Hg.): Die weite Reise. Kanadische Erzählungen und Kurzgeschichten. Verlag Volk und Welt, Berlin 1976 Einzelerz., Übers. Christa Gallner, Armin Arnold: Das Haus an der Esplanade, in: Moderne Erzähler der Welt: Kanada. Edition Erdmann, 1976; wieder in: Frauen in Kanada. Erzählungen und Gedichte. dtv, 1993 Aurélien, Clara, Mademoiselle et le Lieutenant anglais. 1995 Übers. Astrid Wintersberger: Aurélien, Clara, das Fräulein und der englische Leutnant. Residenz, Salzburg 2000, ISBN 9783701711987 Romane Les Chambres de bois, 1958 Kamouraska, 1970 Kamouraska. Bucher, Luzern 1972 (übersetzt von Gertrud Strub). Les Enfants du sabbat, 1975 Héloïse, 1980 Les Fous de Bassan, 1982 Le Premier Jardin, 1988 L'Enfant chargé de songes, 1992. Das wilde Herz des Flusses. Residenz, Salzburg 1999 ISBN 978-3701711482 (übersetzt von Christian Rochow). Est-ce que je te dérange?, 1998. Un habit de lumière, 1999 Theaterstücke und Hörspiele Les Invités au procès, 1952 La Mercière assassinée, 1958 Le Temps sauvage, 1963 Les Invités au procès, 1967. L'Île de la demoiselle, 1978. La Cage, suivi de L'Île de la demoiselle, 1990. Libretto L’Arche. 2000, Musik Isabelle Panneton Drehbücher Lock-Keeper. 1953, Regie Pierre Arbour The Charwoman. 1954, Regie Léonard Forest Needles and Pins. 1955, Regie Roger Blais La Mercière assassinée. 1958, Regie Jean Faucher La Canne à pêche. 1959, Regie Fernand Dansereau Saint-Denys Garneau. 1960, Regie Louis Portugais L'Étudiant. 1961, Regie: Jean Dansereau Kamouraska. 1973, Regie: Claude Jutra Les Fous de Bassan. 1987, Regie: Yves Simoneau
Preise und Würdigungen (Auswahl) 1943 Prix David für Les Songes en équilibre 1958 Prix Québec-Paris für Les Chambres de bois 1958 Prix Ludger-Duvernay für ihr lyrisches Werk 1960 Mitglied in der Société Royale du Canada 1961 Prix du Gouverneur général 1960 für Poèmes 1963 Guggenheim-Stipendium 1968 Prix Molson für ihr lyrisches Werk 1969 Compagnon de l'Ordre du Canada 1969 Ehrendoktorwürde der University of Toronto 1970 Ehrendoktorwürde der University of Guelph 1971 Prix des libraires für Kamouraska 1971 Grand Prix de l'Académie royale de Belgique für Kamouraska 1975 Prix du Gouverneur général für Les Enfants du sabbat 1979 Ehrendoktorwürde der Université du Québec à Montréal 1976 Prix Prince-Pierre-de-Monaco für ihr Gesamtwerk 1978 Prix Athanase-David für ihr Gesamtwerk 1980 Ehrendoktorwürde der McGill University 1982 Prix Femina für Les Fous de Bassan 1983 Ehrendoktorwürde der Université Laval 1984 Medaille der Académie des lettres du Québec 1985 Officier de l'Ordre national du Québec 1987 Prix Fleury-Mesplet 1988 Prix littéraire Canada-Communauté française de Belgique 1989 Grand prix de l'écriture S.T. Dupont 1992 Prix du Gouverneur général für L'enfant chargé de songes 1993 Prix Alain-Grandbois für Le jour n'a d'égal que la nuit 1993 Mitglied des Ordre des francophones d'Amérique 1993 Prix Gilles-Corbeil für ihr Gesamtwerk 1999 Prix Jean-Hamelin für Un habit de lumière 2000 Stiftung des Prix Anne-Hébert durch das Centre culturel canadien de Paris und Radio Canada 2004 Stiftung des Prix scientifique Anne-Hébert durch das Centre Anne-Hébert und den Service de la recherche et de la coopération internationale der Université de Sherbrooke
Literatur Élodie Rousselot, Re-Writing Women into Canadian History: Margaret Atwood and Anne Hébert. Québec: Instant même, 2013, ISBN 978-2895022572. Nathalie Watteyne et al., Anne Hébert: chronologie et bibliographie des livres, parties de livres, articles et autres travaux consacrés à son œuvre. Montréal: Les Presses de l’Université de Montréal, 2008. Adela Elena Gligor, Mythes et intertextes bibliques dans l’œuvre d’Anne Hébert. Dissertationsschrift: Université d’Angers und Université de Montréal, 2008, Online bei Hyper Articles en Ligne, 2009.