Ferngespräche versammelt vierundzwanzig Kurzgeschichten von Marie Luise Kaschnitz, die 1966 bei Insel in Frankfurt am Main erschienen. Fünf Erzählungen aus diesem Band (Der Tulpenmann – Der Tunsch – Silberne Mandeln – Die Füße im Feuer – Ein Mann, eines Tages) erschienen zusammen mit drei Erzählungen aus dem Erzählungsband „Lange Schatten“ (Gespenster – Das dicke Kind – Die späten Abenteuer) unter dem Titel „Der Tulpenmann“ ebenfalls 1966 als Nr. 9824 in Reclams Universal-Bibliothek.
Inhalt Ein Tamburin, ein Pferd Die Jahre sind vergangen. Das damals im Kriege elfjährige Waisenkind ist inzwischen Mutter geworden. Immer noch fühlt die junge Ehefrau sich am Tode ihrer treusorgenden Pflegeeltern schuldig. Versteck für die Zimmerschlüssel im Hause der Pflegeeltern war ein Tamburin gewesen. Die Pflegemutter hatte das Kind damals gebeten, auch den Vorratskammerschlüssel in jener Schlagtrommel zu deponieren. Offenbar hatte die Elfjährige den Auftrag vergessen, also nicht erledigt. Soldaten hatten des Nachts auf der Suche nach einem Flüchtling im Hause den Schlüssel gefordert. Als der Schlüssel im Tamburin nicht auffindbar gewesen war, waren die geliebten Pflegeeltern von den Soldaten auf der Stelle erschossen worden. Weblinks Erstveröffentlichung 1952 Übertragung ins Slowenische von Urška P. Černe mini|hochkant=0.7|Der Tulpenmann
Der Tulpenmann In Afrika war der Zirkus des Herrn Luigi von einem Sturm ruiniert worden. Der gutmütige Kapitän eines britischen Kriegsschiffes hatte die Überreste des Zirkus nach Italien mitgenommen. Dort an der Cestius-Pyramide, ganz in der Nähe des Cimitero acattolico, erlebt dieser Zirkus seine letzten Tage. Obwohl keine Vorstellung mehr möglich ist, jongliert der Tulpenmann mit seinen Bällen weiter. Seinen Namen hat er von den auf sein Kostüm gestickten Tulpen. Die Zirkustiere sterben und werden verscharrt. Artisten nehmen fremde Engagements an und der Tulpenmann übt täglich weiter. Sogar einen Jungen macht er zu seinem Schüler. Das Kind trägt schließlich beim Üben das viel zu große Kostüm seines Lehrers. Andere Ausgaben Marie Luise Kaschnitz: Der Tulpenmann. Erzählungen. Auswahl und Nachwort von Hans Bender. 86 Seiten. Reclam, Stuttgart 1993 (Erstaufl. 1979, RUB 9824), ISBN 3-15-009824-6
Lupinen Als sich Barbara nahe ihrer Heimatstadt unter einen Zug der Kinderlandverschickung wirft, ist es dieselbe Stelle bei den Lupinen, an der sie 1943 aus dem JudenzugVerwendete Ausgabe, S. 28, 2. Z.v.u. gesprungen war und bei ihrem Schwager, dem SA-Mann Kapfinger, verborgen überlebte. Barbaras ältere Schwester Fanny hatte nicht den Mut zum Sprung in die Lupinen gehabt. Eigentlich wollte Barbara auf Dauer den Platz der Schwester bei ihrem Schwager einnehmen, doch als er das anscheinend errät und genau das Entsprechende probiert, schreckt das Mädchen zurück. Rezeption Huber-SauterHuber-Sauter, S. 29, Fußnote 13 verweist auf Walter Schönau: Das Geschwistermotiv im Werk von Marie Luise Kaschnitz. Darin wird unter anderem Lupinen besprochen. Marie Herberger: Ist „Lupinen“ von Marie-Luise Kaschnitz eine typische Kurzgeschichte? Weblinks Erstveröffentlichung 1952
Der Tunsch Die Akte Mordsache Almhütte des Untersuchungsbeamten vor Ort schwillt an. Das Opfer, der junge Senner, war eigentlich mit seinen Melkern und Knechten – vier älteren Männern – gut zurechtgekommen. Der „Erklärung“ des Todesfalles durch einen der Knechte kann der ratlose Untersuchungsbeamte keinesfalls folgen: Der Tunsch war es – eine Puppe aus Teig, die sich der Senner zu Lebzeiten geknetet hatte.vgl. Sennentuntschi Der Untersuchungsbeamte weiß nicht, was er von der Aussage des Vaters des Toten halten soll. Der Vater hat in der Teigpuppe das Abbild eines verfeindeten Mitschülers des Sohnes erkannt. Der Untersuchungsbeamte ermittelt über Interpol: Jener Mitschüler verstarb in Südspanien am 15. September. Das ist der Todestag des Senners. Rezeption von Gersdorffvon Gersdorff, S. 309, 11. Z.v.u.: Erzählt werde die Geschichte eines unerklärlichen Mordes. Weblinks Erstveröffentlichung 1952
Wer kennt seinen Vater Der Ich-Erzähler, ein junger Student der Kunstgeschichte, will nicht länger das Schöne studieren. Zu grässlich waren die Kriegserlebnisse seines Vaters. Da hatte einer der Kameraden den Stahlhelm aufgesetzt und sich, das Gewehr zwischen die Knie geklemmt, in den Mund geschossen. Oder auch – da kamen 1944 zwei Soldaten von der Front heim. Eine im Abteil mitreisende Dame hatte den Anblick des einen, des im Gesicht Verunstalteten, nicht länger ertragen können und das artikuliert. Da hatte der andere Soldat die Frau erschossen. Weblinks Hinweis zu Sendung von orf.at
Ferngespräche München: Die 20-jährige Angelika Baumann ruft Paul an und freut sich wortreich auf die Verlobung mit ihm. In Düsseldorf, nach der Vorstellung bei Pauls Vater, soll das Ereignis stattfinden.
Düsseldorf: Der Vater Pauls, ein 61-jähriger Witwer, ruft seine Tochter Elly in Hamburg an. Einer Heirat seines Sohnes, immerhin ist Paul promoviert, mit einem Kind kleiner Leute kann er keinesfalls zustimmen. Elly soll Tante Julie in München anrufen. Die Tante soll das junge Paar auseinanderbringen.
Hamburg: Elly erledigt den Auftrag des Vaters.
Hamburg: Elly übermittelt dem Bruder Paul Stimmungen des Vaters; jagt dem Bruder telefonisch Angst ein – spricht von eventueller Enterbung und deutet väterliche Versprechungen an, falls Paul gehorcht.
München: Paul sagt Angelika ab. Er kann sie dem Vater in Düsseldorf leider nicht vorstellen.
Hamburg: Elly schickt Angelika telefonisch von München zum Vater nach Düsseldorf. Er wolle ihr ein lukratives Angebot machen.
Hamburg: Elly bringt gegenüber Tante Julie am Telefon ihr Entsetzen über den Verlauf der Dinge zum Ausdruck. Ihr Vater hat Angelika in München bereits zwei Gegenbesuche gemacht und will die Kleine heiraten.
Düsseldorf: Die mit Pauls Vater verheiratete und im dritten Monat von dem älteren Herrn schwangere Angelika setzt ihre Freundin Renate telefonisch von ihrem neuen Reichtum und vor allem ihrer rosigen Zukunft ins Bild: Ihr Kind werde einmal alles erben.
Zu irgendeiner Zeit Das Postulat des jungen Ich-Erzählers: Jeder bekommt im Leben zu irgendeiner Zeit sein Schlüsselerlebnis. Danach fängt das eigentliche Leben an. Beim Ich-Erzähler war das mit dem Erlebnis so: Als Gehilfe eines älteren Notars musste der künftige Assessor den Nachlass einer Malerin inventarisieren, die bereits vierzigjährig verstorben war. Der Nachlass, das sind 21 Bilder – meistens Selbstporträts. Der künftige Assessor staunt nun beim chronologischen Ordnen jener Werke: Weil Kunstwerke vorliegen, erkennt er sich und seinen künftigen Lebenslauf in den doch fremden Porträts. Rezeption Christoph Schneider: Das Totenhaus, S. 8 Weblinks Erstveröffentlichung 1952
Eisbären Des Nachts wacht die Frau von einem Geräusch auf. Das muss ihr Mann Walther sein, der heimkommt. Sie halluziniert ihre vermeintliche Schuld: Während eines Zoobesuchs war ihr Walther neben dem Eisbärengehege zum ersten Mal begegnet. Walther hatte mitbekommen, dass sie auf einen anderen gewartet hatte. Sie hatte das immer geleugnet. So auch in ihrer Vision während des Aufwachens nach jenem Geräusch vor der Tür. Aber nun gibt sie ihre Lüge auf.
Die Erklärung jenes Geräusches: Walther kommt nicht heim, sondern zwei Polizisten holen die Frau ab ins Krankenhaus. Ihr Mann ist auf der Autobahn verunglückt. Rezeption von Gersdorffvon Gersdorff, S. 309, 12. Z.v.u.: Erzählt werde die Geschichte eines Lebensbetruges. Weblinks Erstveröffentlichung 1952
Die Pflanzmaschine Häftling Nr. 304 darf in einer Gärtnerei arbeiten. Als er von der vermeintlichen Untreue seiner Frau daheim Kenntnis bekommt, nutzt er die gewonnene neue relative Bewegungsfreiheit aus, flieht und sieht daheim nach dem Rechten. Ein Beamter, den der Ausreißer anruft, erfährt durch geschickte Gesprächsführung den Standort des Anrufers.
Gewisse Gärten Herbst 1938: Der Ich-Erzähler, ein 32-Jähriger, der sich auf das Staatsexamen vorbereitet, ordnet im Städtchen M. im Odenwald den bescheidenen Nachlass seiner Großtante und kommt vorübergehend im Hause von drei ledigen Schwestern unter. Die beiden älteren, zwei alte Jungfern, zeigen sich als Anhängerinnen des Führers. Als der Ich-Erzähler zweimal mit Sofia, der jüngsten Schwester, spazieren gegangen ist und seine Abreise ankündigt, macht ihm eine der älteren Schwestern ein unmoralisches Angebot. Ein Kind muss ins Haus. Dann wird das Leben anders werden. Der Ich-Erzähler möge doch Sofia vor seiner Abreise schwängern. Aufkommen müsse er für das Kind nicht. Der Mann reist unverrichteter Dinge ab. Als er von Sofias Tode erfährt – sie starb an einer grassierenden Infektionskrankheit –, gibt er sich die Schuld. Rezeption ØstbøØstbø, S. 97–101 geht am Ende seiner Betrachtung auf die Mitschuld des Erzählers am Tode Sofias ein.
April Das „unschöne“ Fräulein Brutta arbeitet als Stenotypistin in einer Bank. Als sie am 1. April vom Diktat kommt, steht ein Blumenstrauß auf ihrem Platz. Absender: der Herr Zinn. In der folgenden Mittagspause ordnet das Fräulein aus diesem Anlass die einstürmenden Gedanken auf einen Spaziergang in den benachbarten Park. In dieser phantastischen Geschichte wird aus der Mittagspause auf der Parkbank eine Zeitreise durch Bruttas fast ganzes zukünftiges Leben. Brutta bekommt von dem ihr eigentlich unsympathischen Herrn Kinder und so fort. Nach der Mittagspause von der Parkbank zu ihrer Arbeitsstelle zurückgekehrt, ist Bankdirektor Zinn verstorben. Aus dem Spiegel schaut dem Fräulein, das am Vormittag des 1. April doch noch so jung gewesen war, „eine altmodisch angezogene Dame“Verwendete Ausgabe, S. 117, 5. Z.v.u. entgegen. Rezeption ØstbøØstbø, S. 101–106: Brutta fliehe in eine Phantasiewelt. 2003, Dieter Wunderlich: April Das Inventar Joseph, dort in der Fremde Pino geheißen, hat von den drei Schwestern Rita, Livia und Mimi die erstere geheiratet. Seine Ehefrau ist ihm ins Auto gelaufen. Die Liebe zwischen den Eheleuten war zuvor längst erloschen gewesen. Livia hatte durch ihre Präsenz im Hause ihr Scherflein dazu beigetragen. Nun listet der Witwer zwecks Verkauf die Habe auf. Aus seiner geplanten Abreise wird nichts. Livia kommt – wie immer. Die Frau wird bei Pino die Nachfolgerin ihren verunglückten Schwester Rita. Eine Sorge hat Pino: Wird es seiner neuen Frau Livia nicht langweilig werden in dem einsamen Haus? Livia verneint – Mimi werde des Öfteren kommen. Rezeption ØstbøØstbø, S. 106–111: Der den drei Frauen auf den ersten Blick überlegene Pino werde von der mit fraulichem Instinkt agierenden Livia eingefangen.
Silberne Mandeln In der Campagna: Concettas Ehemann Franco verdient in der Druckerei nicht viel. Trotzdem will die Silberbraut vor den Gästen auf der Feier zur Silbernen Hochzeit repräsentieren. Das gelingt – wenn auch teilweise auf Pump. Nur die Krönung der Feier platzt. Dabei hatte Concetta den geplanten Segen des Silberpaares durch den Heiligen Vater in Castelgandolfo persönlich mit ihrem Beichtvater abgesprochen. Die Hochzeitsgesellschaft speist aber beinahe drei Stunden in Albano. Auf der anschließenden Fahrt nach Castelgandolfo braust der Gesellschaft die Papst-Limousine – mit einem die Bevölkerung segnenden Heiligen Vater – entgegen. Der Papst reist in sein Rom zurück.
Der Schriftsteller Der mehrfach preisgekrönte Autor will den Beruf wechseln. Er hat sich in der psychiatrischen Klinik als Pfleger beworben. Der Personalchef dort bevorzugt Männer. Zur Einstellung kommt es nicht. Der Schriftsteller sagt dem IrrenhausVerwendete Ausgabe, S. 153, 3. Z.v.o. vorläufig ab. Begründung: Er will doch wieder zur Feder greifen; will über einen schreiben, „der nicht mehr schreiben will“.
Die Füße im Feuer