mini|Ersterwähnung Mistislaws als Mistizlavus in der Chronik Thietmars von Merseburg von ca. 1018 (Faksimile). SLUB Dresden, Msc. R 147, Blatt 178 b

Mistislaw, auch Mstislav († nach 1018), aus dem Geschlecht der Nakoniden, war ein elbslawischer Fürst, der von 990/995 bis 1018 im heutigen Mecklenburg und dem östlichen Holstein über den Stammesverband der Abodriten herrschte.

Die Nakoniden zählten in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts zu den mächtigsten christlichen Slawenfürsten. Im Gefolge des sächsischen Herzogs Bernhard I. nahm Mistislaw im Jahr 982 am Feldzug Ottos II. gegen die Sarazenen in Süditalien teil, von dem er mit nur wenigen Überlebenden zurückkehrte. Im anschließenden Slawenaufstand von 983 verloren die Nakoniden die Oberhoheit über mehrere abodritische Teilstämme an die siegreichen Liutizen. Als Mistislaw nach dem Tod seines Vaters Mistiwoj 990/995 dessen Nachfolge antrat, versuchte er eine königsgleiche Herrschaft über die verbliebenen Teilstämme zu erlangen. Während er sich dazu der Unterstützung von Kirche und Reich versicherte, verband sich die innerabodritische Opposition mit den Liutizen. Ab dem Jahr 1003 verlor Mistislaw durch das Bündnis Heinrichs II. mit den Liutizen gegen den polnischen Fürsten Boleslaw I. zunehmend an sächsischer Unterstützung, bis er sich schließlich nicht mehr zu behaupten vermochte. Im Februar 1018 fielen die Liutizen im Abodritenreich ein, wiegelten die Bevölkerung auf und zwangen Mistislaw zur Flucht in den sächsischen Bardengau.

Die neuere Forschung beurteilt Mistislaw überwiegend als reichsnahen christlichen Slawenfürsten, dessen Versuch zur Umgestaltung des Abodritenreiches vom Personenverbandsstaat zum Territorialstaat trotz Unterstützung durch die Kirche und das sächsische Herzogtum scheiterte.

Leben Herkunft und Familie Mistislaw, in den Quellen als MistizlavusThietmar. und MissizlaAdam II, 26; Zur Identität der von Adam als Missizla bezeichneten Person mit dem bei Thietmar erwähnten Mistizlavus grundlegend bereits Bernhard Schmeidler: Hamburg-Bremen und Nordost-Europa vom 9. bis 11. Jahrhundert. Kritische Untersuchungen zur Hamburgischen Kirchengeschichte des Adam von Bremen, zu Hamburger Urkunden und zur nordischen und wendischen Geschichte. Dietrich, Leipzig 1918, S. 324 f. bezeichnet, war der Sohn des abodritischen Samtherrschers Mistiwoj.Eingehend zur Abstammung Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219, hier S. 161. Aus der neueren Literatur ohne vertiefende Begründung Jürgen Petersohn: König Otto III. und die Slawen an Ostsee, Oder und Elbe um das Jahr 995. Mecklenburgzug – Slavnikidenmassaker – Meißenprivileg. In: Frühmittelalterliche Studien. Bd. 37, 2003, S. 99–139, hier S. 112; Christian Lübke: Zwischen Polen und dem Reich. Elbslawen und Gentilreligion. In: Michael Borgolte (Hrsg.): Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (= Europa im Mittelalter. Bd. 5). Akademie-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-003749-0, S. 91–110, hier S. 97; Erich Hoffmann: Beiträge zur Geschichte der Obotriten zur Zeit der Nakoniden. In: Eckhard Hübner, Ekkehard Klug, Jan Kusber (Hrsg.): Zwischen Christianisierung und Europäisierung. Beiträge Zur Geschichte Osteuropas in Mittelalter und Früher Neuzeit. Festschrift für Peter Nitsche zum 65. Geburtstag (= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa. Bd. 51). Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07266-7, S. 23–51, hier S. 31; Peter Donat: Mecklenburg und Oldenburg im 8. bis 10. Jahrhundert. In: Mecklenburgische Jahrbücher. Bd. 110, 1995, , S. 5–20, hier S. 19; Nils Rühberg: Obodritische Samtherrscher und sächsische Reichsgewalt von der Mitte des 10. Jahrhunderts bis zur Erhebung des Fürstentums Mecklenburg 1167. In: Mecklenburgische Jahrbücher. Bd. 110, 1995, S. 21–50, hier S. 25. Zurückhaltend Helge Bei der Wieden: Die Anfänge des Hauses Mecklenburg – Wunsch und Wirklichkeit. In: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. Bd. 53, 2007, S. 1–20, hier S. 7, demzufolge eine Abstammung aufgrund der unklaren Quellenlage nur vermutet werden könne. Er hatte zwei Schwestern, ToveZu ihr Marie Stoklund: Sønder Vissing. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 29: Skírnismál – Stiklestad. 2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin u. a. 2005, ISBN 3-11-018360-9, S. 203–205. und Hodica.Helmold I, 15. Eine Eheschließung mit der Nichte des sächsischen Herzogs Bernhard I. scheiterte 983 am Widerstand Dietrichs von Haldensleben.Adam II, 42 und Scholion 27; Helmold I, 15; zu beiden ausführlich Bernhard Friedmann: Untersuchungen zur Geschichte des abodritischen Fürstentums bis zum Ende des 10. Jahrhunderts. (= Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen. Reihe 1: Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens. Bd. 197). Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05886-0, S. 248–259. Mit einer unbekannten Frau hatte Mistislaw einen Sohn, Pribignew,Adam II, 66. der um 1020 mit dänischer und sächsischer Unterstützung die Herrschaft über den Stammesverband erlangte.Christian Lübke: Mstislav (Mistizlavus), Fürst der Abodriten (ca. 990/995-1018). In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6, Artemis, München 1993, Sp. 882–883.

Feldzug gegen die Sarazenen in Süditalien Schon vor seinem Herrschaftsantritt nahm Mistislaw 982 als Vertreter des nakonidischen Fürstenhauses am Italienfeldzug Kaiser Ottos II. teil. An der Spitze einer Abordnung abodritischer Panzerreiter überquerte er im Gefolge des sächsischen Herzogs Bernhard I. 981/982 die Alpen, um das kaiserliche Heer im südlichen Reichsteil zu verstärken. Der Kaiser bereitete dort einen Feldzug gegen die Sarazenen vor, die unter Führung ihres Emirs Abu al-Qasim von Sizilien aus auf das süditalienische Festland vorgedrungen waren. Das von Mistislaw geführte Kontingent soll aus 1000 Panzerreitern bestanden haben.Adam, II,43, Scholion 21. Dies ist eine für mittelalterliche Verhältnisse kaum glaubhafte Stärke,Zu dieser Einschätzung gelangt Erich Hoffmann: Beiträge zur Geschichte der Obotriten zur Zeit der Nakoniden. In: Eckhard Hübner, Ekkehard Klug, Jan Kusber (Hrsg.): Zwischen Christianisierung und Europäisierung. Beiträge Zur Geschichte Osteuropas in Mittelalter und Früher Neuzeit. Festschrift für Peter Nitsche zum 65. Geburtstag (= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa. Bd. 51). Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07266-7, S. 23–51, hier S. 26. zumal der Kaiser in seinem Einberufungsbefehl insgesamt nur 2090 Panzerreiter aus dem nördlichen Reichsteil angefordert hatte.Karl Uhlirz: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Otto II. und Otto III. Bd. 1: Otto II. 973–983 (= Jahrbücher der deutschen Geschichte. Bd. 10, 1, ). Duncker & Humblot, Leipzig 1902, S. 252. Dennoch muss die Zahl der abodritischen Krieger außergewöhnlich hoch gewesen sein, denn Bernhard I. versprach als Gegenleistung für die Teilnahme am Feldzug die Vermählung seiner Nichte mit Mistislaw und damit eine dynastische Verbindung der beiden Fürstenhäuser. Während Bernhard I. aufgrund eines Einfalls der Dänen schon frühzeitig in den Norden zurückkehren musste, fanden fast alle Abodriten in Italien den Tod. Auch wenn über ihr Schicksal nichts Genaues bekannt ist, liegt eine Teilnahme an der Schlacht am Kap Colonna nahe,Das vermutet Peter Donat: Mecklenburg und Oldenburg im 8. bis 10. Jahrhundert. In: Mecklenburgische Jahrbücher. Bd. 110, 1995, S. 5–20, hier S. 18. in der das kaiserliche Heer am 15. Juli 982 vernichtend geschlagen wurde.

Mistislaw kehrte mit den wenigen Überlebenden nach Mecklenburg zurück. Als er die Erfüllung des Eheversprechens einforderte, verweigerte ihm Graf Dietrich von Haldensleben die Braut mit den Worten, man dürfe die Blutsverwandte eines Herzogs nicht einem Hunde geben.Adam II, 42; Helmold I, 15 Dietrichs Beweggründe für seinen Widerstand gegen eine dynastische Verbindung von Billungern und Nakoniden waren wohl machtpolitischer Natur. Als Markgraf der Nordmark konkurrierte er mit Billungern und Nakoniden um Einfluss in dem traditionell dem abodritischen Herrschaftsanspruch unterliegenden Gebiet der Zirzipanen.Bernhard Friedmann: Untersuchungen zur Geschichte des abodritischen Fürstentums bis zum Ende des 10. Jahrhunderts. (= Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen. Reihe 1: Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens. Bd. 197). Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05886-0, S. 248–259, insbesondere S. 248. Demgegenüber sind ethnische Vorbehalte Dietrichs gegen eine Ehe zwischen dem slawischen Fürstensohn und der sächsischen Prinzessin wohl auszuschließen, denn derartige Verbindungen waren nicht ungewöhnlich.Eingehend Bernhard Friedmann: Untersuchungen zur Geschichte des abodritischen Fürstentums bis zum Ende des 10. Jahrhunderts. (= Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen. Reihe 1: Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens. Bd. 197). Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05886-0, S. 248–259. Dietrich selbst hatte 978 eine Vermählung seiner ältesten Tochter Oda mit dem polnischen Fürsten Mieszko I. gefördert, und seine weitere Tochter Mathilde hatte den hevellischen Fürsten Pribislaw geehelicht. Mistislaws Vater Mistiwoj war mit der Schwester des Oldenburger Bischofs Wago verheiratet,Helmold I, 14. und eine Verwandte des sächsischen Herzogs Bernhard I., Weldrud, war dem wagrischen Fürsten Sederich zur Frau gegeben worden.Bernhard Friedmann: Untersuchungen zur Geschichte des abodritischen Fürstentums bis zum Ende des 10. Jahrhunderts. (= Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen. Reihe 1: Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens. Bd. 197). Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05886-0, S. 256 mit Hinweis auf einen bei Anton Christian Wedekind: Noten zu einigen Geschichtschreibern des deutschen Mittelalters. Bd. 3: Note LXXI – XCIV und Beilagen aus theils ungedruckten Handschriften, Nr. V – LIV. Perthes und Besser, Hamburg 1836, S. 4 wiedergegebenen Eintrag im Nekrolog des Lüneburger Michaelisklosters; vgl. dazu auch Gerd Althoff: Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen (= Münstersche Mittelalter-Schriften. Band 47). Fink, München 1984, ISBN 3-7705-2267-2, S. 387, der Wedekinds Anmerkung übernimmt.

Samtherrschaft Als Samtherrscher des abodritischen Stammesverbandes gebot Mistislaw über den namengebenden Teilstamm der Abodriten beiderseits des Schweriner Sees und die Fürsten der Teilstämme. Diese schuldeten ihm Heeresfolge und Tribut.

Herrschaftsantritt