mini|hochkant|Gustav Adolf Schöner: Franziska Romana von Hallwil (1804). Franziska Romana von Hallwil, auch Hallwyl oder Hallweil aus einer österreichischen Linie des alten Aargauer Adelsgeschlechts von HallwylHallweil nannten sich die österreichischen Grafen und Franziska selber. Weil sich deren Nachfahren Hallwyl schreiben, verlangten sie bei der Schenkung des Stammsitzes an den Kanton Aargau, dass für Familie, Schloss und Herrschaft – im Gegensatz zur Gemeinde und zum See – diese altertümelnde Schreibung zu verwenden sei. Dies trotz Abschaffung der Schreibungen -wyl und -weil durch Bundesratsbeschluss vom 3. Juli 1899. (getauft 25. August 1758 in Wien; † 6. März 1836 auf Schloss Hallwil, Seengen), geborene Gräfin von Hallwil, verheiratete Freifrau von HallwilDen Freiherrentitel legten sich die schweizerischen Hallwil laut Carl Brun: Geschichte der Herren von Hallwyl, hg. v. Inès Keller-Frick, Bern 2006, S. 214, selber bei., war eine Schweizer Adelige österreichischer Herkunft. Bekannt wurde sie durch ihre abenteuerliche Heirat, ihre Freundschaft mit Johann Heinrich Pestalozzi und ihre Beteiligung an der Helvetischen Revolution.

Leben Jugend in Österreich mini|Palais Neupauer-Breuner in Wien. Aufnahme Diana Ringo. mini|Schloss und Stadt Ebenfurth bei Wiener Neustadt (Karte, 19. Jahrhundert). Franziska war das jüngste Kind von Franz Anton Graf von Hallwil (1702–1779) und von dessen Gattin Maria Anna geborener von Garelli verwitweter von Suttner (1717–1784). Der Vater war der Letzte seines Geschlechts in Österreich.Von den drei Zweigen der Familie starb mit Maréchal de camp Franz Joseph Graf von Hallwil (1719–1785) auch jener in Frankreich aus. Er hatte es zum k. k. (kaiserlich-königlichen) Feldmarschallleutnant und zum wirklichen Geheimrat gebracht. Die Mutter, deren aus Bologna stammender Vater Pius Nikolaus von Garelli erster Leibarzt Kaiser Karls VI. und Präfekt der Hofbibliothek gewesen war, hatte in ihren zwei Ehen bereits dreizehn andere Kinder geboren, von denen die meisten gestorben waren. Franziska wuchs im heutigen Palais Neupauer-Breuner in Wien und auf dem Wasserschloss Ebenfurth bei Wiener Neustadt auf. In Wiener Neustadt, dem Sitz der Theresianischen Militärakademie, war ihr Onkel Ferdinand Graf von Hallwil (1706–1773) seit 1741 katholischer Bischof.

Flucht und Heirat mini|hochkant|Johann Abraham von Hallwil mit 14 Jahren, Porträt von Jakob Emanuel Handmann (1760) 1773/74 war Johann Abraham von Hallwil (1746–1779) zu Besuch in der Kaiserstadt. Der Stammhalter des verarmten Zweiges der Familie, welcher das gleichnamige Schloss im damaligen Berner Aargau besass, war kein unbeschriebenes Blatt: Nachdem er Leutnant in Frankreich gewesen war, hatte er mit der Frau seines ehemaligen Hauptmanns Margarethe Zehender geborener Schmid zwei uneheliche Töchter gezeugt. Die erste wurde 1772 in Solothurn geboren, die zweite nach Margarethes Scheidung 1773 in England, wo sich damals auch Abraham aufhielt. Dann liess er die Geliebte sitzen. Sie tauchte später als Gouvernante in St. Petersburg auf und nannte sich Madame de Hallwil. Die Töchter wurden 1794 legitimiert.Alois Koch: Franziska Romana von Hallwil (…) Seengen 1968, S. 13, 54/Anm. 89 f.

Graf Hallwil führte den entfernten Verwandten in die Wiener Gesellschaft ein. Zum Dank schwängerte der 27-Jährige vor seiner Abreise die erst 15-jährige Franziska.Die Altersangaben beruhen auf der Annahme, Franziska sei bei ihrer Flucht in die Schweiz schon mindestens sechs Monate schwanger gewesen. Ob dies unter so romantischen Umständen geschah, wie Steinfels (siehe Quellen und Darstellungen) es darstellt, darf bezweifelt werden.Laut Alois Koch: Franziska Romana von Hallwil (…) Seengen 1968, S. 46, bezeichnete es Franziska ihrem Sohn Johann gegenüber als nicht wieder gutzumachenden Fehler, dass sie sich hatte schwängern lassen. Als Franziska ihre Lage erkannte, bat sie die Eltern, Abrahams Frau werden zu dürfen. Dieser seinerseits hielt von der Schweiz aus um ihre Hand an, obwohl er lieber durch Heirat mit einer Berner Patrizierstochter Ratsherr und Landvogt geworden wäre. Eine katholische Österreicherin – und erst recht die Nichte eines Bischofs – konnte aber keinen Protestanten heiraten, und ein Berner verlor bei einer Mischehe Recht und Besitz. Franziskas Vater erkrankte; die Mutter drohte, sie nach dessen Tod ins Kloster zu stecken.

Das verzweifelte Mädchen unternahm einen Selbstmordversuch. Verständnis fand es bei seiner doppelt so alten unverheirateten Halbschwester Leopoldine von Suttner (ca. 1743–1789). Am 1. Februar 1775 gaben die beiden vor, in eine nächtliche Lichtmess-Andacht zu gehen. Stattdessen bestiegen sie eine von Leopoldine erworbene vierspännige Kutsche und fuhren in Begleitung eines angeblichen Schweizer Grafen WalterAbrahams Freund Gottlieb May (1744–1781). (Anekdoten: Liebe und verschmähte Liebe). und eines Bedienten über Strassburg nach Bern. Nachdem zwei Monate zuvor schon eine verheiratete Gräfin Esterházy mit ihrem Liebhaber Graf Schulenburg nach Zürich geflohen war, erregte der Fall im Wien der sittenstrengen Kaiserin Maria Theresia grosses Aufsehen. Die Justizbehörden schickten den Flüchtenden zwei Beamte nach, doch erreichten diese die Schweizer Grenze zu spät. Der k. k. Resident in Basel forderte Bern auf, die angeblich Entführten auszuliefern. Er erhielt zur Antwort, sie hätten Wien aus freien Stücken verlassen. Abraham und Franziska heirateten, wozu sie in die Grafschaft MontbéliardExklave des Heiligen Römischen Reichs in Frankreich. fahren mussten. Graf und Gräfin Hallwil enterbten ihre Töchter. Ein Kriminalverfahren gegen diese wurde aber auf Bitte des Vaters eingestellt.

Verlust des Gatten Laut Steinfels brachte Franziska kurz nach der Trauung tote Zwillinge zur Welt. Abraham lehnte einen Vorschlag ihres Vaters ab, nach Wien zu ziehen und zu konvertieren. So musste Franziska, um nicht mittellos dazustehen, nach einer Schnellbleiche durch Pfarrer Heinrich Roll in Seon zum reformierten Glauben übertreten. Sie kleidete sich fortan nach Berner Art und lernte den Dialekt. 1777 erhielt Abraham von seiner Mutter die Herrschaft Hallwil. Franziskas Eheglück – wenn es denn eines war – dauerte aber nur kurz: 1779 starb ihr Mann, fast zeitgleich mit der Schwiegermutter. Neben der Sorge um die Söhne Johann (1776–1802), Franz (1777–1852) und Karl (1778–1827) sowie um seinen geisteskranken Bruder Albrecht Gabriel hinterliess er der 21-Jährigen Schulden. Nach damaligem Recht erhielt sie als Witwe einen Vormund. Dieser war jeweils Berner Patrizier. Franziska blieb vorderhand auf dem einsamen Wasserschloss Hallwil und heiratete nicht wieder. Nachdem ihr Kaiser Joseph II. Straffreiheit zugesichert hatte, fuhr sie 1781 nach Wien, doch die angestrebte Versöhnung mit der inzwischen verwitweten Mutter scheiterte. Der Zinsertrag des künftigen Erbes der Söhne ermöglichte ihr immerhin, diese standesgemäss zu erziehen.

Freundschaft mit Pestalozzi Bei Pfarrer Wilhelm Schinz in Seengen lernte Franziska Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) kennen, dessen Armenerziehungsanstalt auf dem Neuhof bei Birr 1780 liquidiert werden musste. In der Folge wurde sie seine Vertraute. 1808 widmete ihr Pestalozzi die reimlose Ode An die Einzige, welche eine Art Autobiografie darstellt. Darin heisst es: An die Einzige (1808). In: Sämtliche Werke, Band 21, Zürich 1964, S. 101–203, Zitat: S. 103. Auch mit Pestalozzis Frau Anna geborener Schulthess (1738–1815) schloss Franziska Freundschaft. Zum Hauslehrer berief sie 1785 den Bündner Pfarrer Jeremias L’Orsa (1757–1837). Dieser Freund Pestalozzis scheint wie sie selber ihren Söhnen gegenüber zu nachgiebig gewesen zu sein. 1804 schlug Franziskas Bekannter Johann Heinrich Heidegger vor, Pestalozzis Institut von Münchenbuchsee nach Hallwil zu verlegen. 1805 versuchte Franziska erfolglos, zwischen Pestalozzi und dessen Rivalen Philipp Emanuel von Fellenberg zu vermitteln. Während ihre Freundschaft mit Anna bis zu deren Tod fortbestand, endete jene mit Pestalozzi 1819, als sie vermittelnd in Streitigkeiten an seinem Institut in Yverdon einzugreifen versuchte.

Beteiligung an der Revolution mini|Vorbild für die Feier in Aarau: Tanz um den Freiheitsbaum in Basel, 22. Januar 1798. Der Musiker Samuel Gottlob Auberlen, den Franziska um 1784 nach Hallwil einlud, rühmte ihr .Samuel Gottlob Auberlens, Musicdirectors und Organisten am Münster in Ulm Leben, Meinungen und Schiksale. Ulm 1824, S. 30 f. In Zürich, wohin Franziska im Jahr des Stäfnerhandels (1795) zu ihren Freundinnen Dorothea (1765–1804) und Regula Usteri († 1840)Schwestern des durch das Lied bekannten malenden und dichtenden Unternehmers Johann Martin Usteri (1763–1827). zog – die Söhne waren in der Zwischenzeit ausgeflogen –, dürfte die Aristokratin vollends zur Demokratin geworden sein.Franziskas politische Einstellung wurde bisher nicht untersucht. Alois Koch: Franziska Romana von Hallwil (…) Seengen 1968, S. 62, vermittelt den Eindruck, sie sei durch Paul Usteri, dessen Cousinen Dorothea und Regula waren, und durch Frédéric-César Laharpe beeinflusst worden. Er liefert dafür aber keine Belege.

Als 1798 die Helvetische Revolution ausbrach, fuhr Franziska mit Dorothea und Regula nach Aarau. Sie muss die gewesen sein, welche dort am 1. Februar – dem Jahrestag ihrer Flucht aus Wien – um den Freiheitsbaum tanzte.Johann Georg Heinzmann: Kleine Schweizer-Chronik. 2. Theil, Bern 1801, S. 382 f. Heinzmann war mit der Aarauerin Marianne Hagnauer verheiratet. Vergleiche die Schilderung des in Pfarrer Johann Georg Fischs Denkschrift über die letzten Begebenheiten in der Bernerischen Munizipalstadt Arau im Argau (anonym erschienen), Basel 1798, S. 45. Franziskas Name findet sich auch dort nicht. Laut Ernst Jörin: Der Aargau 1798–1803 (Argovia 42), Aarau 1929, S. 30/Anm. 43, schrieb der französische Gesandte Joseph Mengaud – von Fisch als erster unter den Tanzenden erwähnt – dem Direktorium in Paris nur: Sie tat dies wohl unter dem Einfluss ihres Gastgebers, des Seidenbandfabrikanten und späteren Senators der Helvetischen Republik Johann Rudolf Meyer (1739–1813). Dass ihr Verwalter Johann Kaspar Fischer dem Berner Landvogt auf Kasteln schrieb, sie habe an der teilnehmen müssen, sagt wohl mehr über die Einstellung von Absender und Empfänger des Briefes zur Revolution aus als über jene Franziskas.Sarah Caspers: Auswirkungen der Helvetischen Revolution auf Franziska Romanas persönliche Situation, in: Ein Jahr im Leben Franziska Romanas von Hallwyl (…), Argovia, 129/2017, S. 124–168, hier: S. 133 f. Nur schon die Tatsache, dass in der Alten Eidgenossenschaft die Post überwacht wurde, spricht dagegen, dass Franziska von Zürich aus mit ihrem Angestellten auf dem Land über Politisches korrespondierte.

Vor den heranrückenden Berner Truppen floh sie dann nach Zürich. Einige Monate später ernannte die provisorische Nationalversammlung des neu gegründeten Kantons Aargau die bisherige Oberherrin von Hallwil zur Ehrenbürgerin. Sie wurde Bürgerin von Brugg und verzichtete auf Rat des blaublütigen Revolutionärs Karl Albrecht Frisching auf das Burgerrecht von Bern.Meyer gegenüber erklärte Franziska am 25. Dezember 1799, sie habe dies im Interesse der Söhne getan: . Auf Adel und Titel brauchte sie nicht erst zu verzichten – die wurden durch die Verfassung der Helvetischen Republik abgeschafft. Zu Vormündern wählte sie nun Aarauer Patrioten, zuerst den erwähnten Meyer, dann den Baumwollindustriellen und Regierungsrat Johannes Herzog (1773–1840).

Nachkommen mini|Joseph Victor Scheffel: Schloss Hallwil (1860). Aufnahme Jenny Bergensten. Johann (1776–1802), Franziskas kränkelnder Ältester, starb 1802 in Paris, als dort gerade die Helvetische Consulta stattfand.