Im Rahmen der Siedlungspolitik des Zarenreiches im Kaukasus wurden unterschiedliche Völker an-, umgesiedelt und deportiert. Das Ziel der Siedlungspolitik war die Festigung der Macht des russischen Reiches im Kaukasus im 19. und 20. Jahrhundert.
Die Siedlungspolitik wurde bereits zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert zur Verteidigung der russischen Grenzen zum Kaukasus eingeleitet. Anfang des 19. Jahrhunderts begann die systematische Eroberung des Kaukasus durch Russland. Nach den Verträgen von Georgijewsk und Turkmantschai brachte das Zarenreich das gesamte Gebiet zwischen dem Schwarzen- und Kaspischen Meer bis zum Fluss Aras unter eigene Kontrolle. Jedoch dauerten die Kämpfe mit der lokalen Bevölkerung bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an. Viele muslimische Völker mussten infolge des Krieges im Kaukasus ihre Heimat verlassen. Dies erfolgte auf zwei Wegen. Erstens, im Rahmen eines Bevölkerungsaustausches mit dem Osmanischen Reich und dem Iran.W. Muchanow: Fürst Alexander Iwanowitsch Barjatinskij. In: Woprosy Istorii. 5/2003, , S. 78 So wurden einige der kaukasischen Muslime in diese beiden Länder umgesiedelt, während die christliche Bevölkerung aus dem Iran und dem Osmanischen Reich in den Kaukasus kam. Zweitens, wurden die Bergvölker weggedrängt und statt ihnen Bauern aus Russland und der Ukraine angesiedelt.J. Gordin: Russland in Kaukasus: Auf der Suche nach einer Lösung. In: J. Gordin, W. Lapin, G. Lisizina, B. Milowidow: Kaukasus und das Russische Reich: Projekte, Ideen, Illusionen und Realität. Anfang XIX. – Anfang XX. Jahrhunderts. Petersburg, 2005, ISBN 5-94214-077-4, S. 574–575.
Ziele Die Siedlungspolitik sollte zur Beruhigung der Situation in der Region beitragen. Die als „feindlich“ eingestuften Gruppen sollten dabei komplett umgesiedelt bzw. deportiert und stattdessen die loyalen Völker angesiedelt werden. Sie sollten die russischen Truppen im Kampf gegen die noch Widerstand leistenden Völker unterstützen. Außerdem hoffte das russische Kommando langfristig, aus den Reihen der neuen Siedler die Soldaten für die Kaukasus-Armee zu rekrutieren.W. Lapin: Die wilde Stämme sollen von unserer Überlegenheit überzeugt werden... Die militärische Pläne zur Eroberung von Kaukasus. In: J. Gordin, W. Lapin, G. Lisizina, B. Milowidow (Hrsg.): Kaukasus und das Russische Reich: Projekte, Ideen, Illusionen und Realität. Anfang XIX. – Anfang XX. Jahrhunderts. Petersburg, 2005, ISBN 5-94214-077-4, S. 12 Die Siedlungspolitik hatte mehrere Phasen, und unterschiedlich Völker wurden zu den Objekten dieser Politik.
Chronologischer Rahmen Chronologisch kann die Siedlungspolitik des Zarenreiches im Kaukasus in zwei Epochen geteilt werden. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war ihr Hauptziel die Grenzsicherung, vor allem durch die Errichtung der Kaukasischen Linie.J. Gordin: Russland in Kaukasus: Auf der Suche nach einer Lösung. In: J. Gordin, W. Lapin, G. Lisizina, B. Milowidow (Hrsg.): Kaukasus und das Russische Reich: Projekte, Ideen, Illusionen und Realität. Anfang XIX. – Anfang XX. Jahrhunderts. Petersburg, 2005, ISBN 5-94214-077-4, S. 576 Mit den Kaukasuskriegen im 19. Jahrhundert begann die systematische Eroberung des Kaukasus, wobei die Änderung der Bevölkerungsstruktur zugunsten der imperialen Macht zum Ziel der Siedlungspolitik wurde. Zunächst war das Ziel der russischen Administration die Sicherung der neueroberten Gebiete, demgemäß wurde auch die An- und Umsiedlungspolitik gestaltet. Nach den Siegen in den Kriegen gegen Persien begann die wirtschaftliche Erschließung der Region. Dementsprechend wurde die Siedlungspolitik umgesteuert.T. Tschernowa-Döke: Die deutschen Siedlungen an der Peripherie des Russischen Reiches. Kaukasus: Ein Blick durch Jahrhundert (1819-1917). Moskau 2008, ISBN 978-5-98355-058-2, S. 7.
Geographischer Rahmen Die Schwerpunkte bei der Ansiedlung der Bevölkerungsgruppen waren unterschiedlich. Im Nordkaukasus wurden vor allem Kosaken, Deutsche und Bauern aus zentralen Regionen Russlands angesiedelt. Im Süden waren die wichtigsten Gruppen die orientalischen Christen, vor allem Armenier, und Sektierer.H. Werdijewa: Die Umsiedlungspolitik des Zarenreiches im Kaukasus. In: Kawkaz & Globalizacija. Vol. 1 (5), 2007, , S. 159.
Angesiedelte ethnische und religiöse Gruppen Kosaken Die Kosaken waren ein traditionelles "Mittel" der russischen Expansionspolitik. Bereits bei der Kolonisierung anderer eroberten Gebiete erwiesen sie sich als sehr effektiv. Deswegen wurden die Kosaken als erste Gruppe in den Kaukasus umgesiedelt. Die meisten wurden dazu gezwungen. Dabei wurde die lokale Bevölkerung aus den Gegenden mit hohem Getreideertrag vertrieben, was den Hass gegen die neuen Einwohner verstärkte und zur zusätzlichen Eskalation führte.Jörg Stadelbauer: Die kaukasische Peripherie des späten Zarenreiches. Grundlagen der Kontinuität ethnischer Konflikte. in: H. Haumann, S. Plaggenborg: Aufbruch der Gesellschaft im verordneten Staat. Russland in der Spätphase des Zarenreiches. Frankfurt am Main u. a. 1994, ISBN 978-3-631-46867-8, S. 21–22.
Der russische Sieg im Krieg gegen das Osmanische Reich führte zur territorialen Expansion Russlands nach Süden. Das bedingte seinerseits die Intensivierung der Siedlungspolitik. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurden im Nordkaukasus drei neue Festungen gebaut und daneben die Kosaken-Siedlungen eingerichtet.H. Werdijewa: Die Umsiedlungspolitik des Zarenreiches im Kaukasus. In: Kawkaz & Globalizacija. Vol. 1 (5), 2007, , S. 157 Im XVIII. Jahrhundert setzte Russland bei der Kolonisierung von Kaukasus auf die russischen Kosaken und Bauer. Im XIX. Jahrhundert wurden vor allem die ukrainischen Bauer und Kosaken nach Nordkaukasus umgesiedelt.H. Werdijewa: Die Umsiedlungspolitik des Zarenreiches im Kaukasus. In: Kawkaz & Globalizacija. Vol. 1 (5), 2007, , S. 157
Altorthodoxe und „Sektierer“ Die russische Administration sah in den Altorthodoxen und „Sektierern“ die am meisten geeigneten Kategorien der Siedler. Mit ihnen sollten möglichst viele Einwanderer aus den zentralen Gebieten Russlands im Kaukasus angesiedelt werden. Die anteilsmäßig größte Gruppe der Altorthodoxen, die umgesiedelt wurde, waren die Molokanen. Aus Sicht der russischen Regierung und der Orthodoxen Kirche galt ihre Umsiedlung als Strafversetzung. Im Vergleich zu Kosaken hatten die Sektierer weniger Probleme mit der lokalen Bevölkerung und lebten mit ihr friedlich zusammen. Im Vergleich zu den Angehörigen der russisch-orthodoxen Kirche waren die Molokanen viel toleranter.A. Remnew, N. Suworowa: „Russische Mission“ auf der asiatischen Peripherien: „Russentum“ in Gefahr oder „fragwürdige Kulturträger“. In: I. Gerasimow, M. Mogilner, A. Semenow (Hrsg.): Die Erfindung des Imperiums: Sprachen und Praktiken. Moskau 2011, ISBN 978-5-98379-152-7, S. 194. Aus diesem Grund galten sie als eine der wichtigsten Gruppen, die die Interessen Russlands in der Peripherie, insbesondere im Kaukasus schützen sollten.
Armenier Die Politik des Russischen Reiches sah die Anwerbung von Armeniern und ihre Ansiedlung in den südlichen Regionen des Reiches vor.G. Matischow: Vorwort. In: G. Matischow (Hrsg.): Armenier von Süden Russlands: Geschichte, Kultur, gemeinsame Zukunft. Materialien der allrussischen Konferenz in Rostow-am-Don 30. Mai – 2. Juni 2012, Rostow 2012, ISBN 978-5-4358-0030-2, S. 6. Die russische Regierung lockte die armenische Bevölkerung durch steuerliche und wirtschaftliche Anreize in den Kaukasus.N. Garunova: Der Einfluss der Siedlungspolitik Russlands im nord-östlichen Kaukasus auf die Dynamik der armenischen Bevölkerung von Kisljar im XVIII-XIX. Jahrhundert. In: G. Matischow (Hrsg.): Armenier von Süden Russlands: Geschichte, Kultur, gemeinsame Zukunft. Materialien der allrussischen Konferenz in Rostow-am-Don 30. Mai – 2. Juni 2012, Rostow 2012, ISBN 978-5-4358-0030-2, S. 48 Den ersten Versuch, den Kaukasus zu erobern, unternahm Peter der Große, der von 1723 bis 1735 das Territorium entlang des Kaspischen Meeres eroberte, worauf dort Armenier angesiedelt wurden. Die diplomatischen Vertretungen Russlands im Osmanischen Reich und Persien wurden von Peter dem Großen angewiesen, Armenier für die Ansiedlung im östlichen Kaukasus anzuwerben.Zur Frage der Siedlungspolitik Peter I. im Kaukasus. https://alpan365.ru/pereselen-politik-petra-kavkaz/ (angesehen am 20. August 2015) Mehrere hundert armenische Familien aus Persien und dem Osmanischen Reich wanderten in den östlichen Kaukasus ein. Um das Territorium für sie zu befreien, ließ die russische Administration die lokale Bevölkerung teilweise vertreiben, vor allem sunnitische Muslime, sowie diejenigen, die an russlandfeindlichen Aktionen beteiligt waren. Darüber hinaus sollten die besten und fruchtbarsten Grundstücke an Armenier übergeben werden.Zur Frage der Siedlungspolitik Peter I. im Kaukasus. https://alpan365.ru/pereselen-politik-petra-kavkaz/ (angesehen am 20. August 2015) Nach dem Rückzug Russlands aus dem Gebiet im Jahre 1735 blieben manche Armenier im Kaukasus. Viele wurden in den Nordkaukasus umgesiedelt, zur Sicherung der neuen Grenze Russlands.N. Garunova: Der Einfluss der Siedlungspolitik Russlands im nord-östlichen Kaukasus auf die Dynamik der armenischen Bevölkerung von Kisljar im XVIII-XIX. Jahrhundert. In: G. Matischow (Hrsg.): Armenier von Süden Russlands: Geschichte, Kultur, gemeinsame Zukunft. Materialien der allrussischen Konferenz in Rostow-am-Don 30. Mai – 2. Juni 2012, Rostow 2012, ISBN 978-5-4358-0030-2, S. 44.
In der Zeit Katharinas wurden die Armenier zur Stärkung der wirtschaftlichen und politischen Stellung Russlands im Süden eingesetzt.J. Ananjan: Zur Frage der Ansiedlung der Armenier im Süden Russlands in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts. In: Mitteilungen der Akademie der Wissenschaften der Armenischen SSR. Sozialwissenschaften. Nr. 5, 1963, S. 54 Während der Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich und Persien wurde die armenische Bevölkerung ab dem 18. Jahrhundert verstärkt für russische Interessen eingesetzt. Nach Meinung der russischen Beamten waren die Armenier als „orientalische Christen“ besser für die Ansiedlung in muslimisch bewohnten Gebieten geeignet.H. Werdijewa: Die Umsiedlungspolitik des Zarenreiches im Kaukasus. In: Kawkaz & Globalizacija. Vol. 1 (5), 2007, , S. 158 Sie wurden im Nordkaukasus sowie auf dem Territorium der heutigen Ukraine angesiedelt, um die Grenzen des Zarenreiches zu schützen.G. Arutjunan: Die Rolle von Armenier bei der Schutz der Interessen Russlands im Nordkaukasus. in: G. Matischow (Hrsg.): Armenier von Süden Russlands: Geschichte, Kultur, gemeinsame Zukunft. Materialien der allrussischen Konferenz in Rostow-am-Don 30. Mai – 2. Juni 2012, Rostow 2012, ISBN 978-5-4358-0030-2, S. 18.