mini|Xerxes I., von 486 bis 465 v. Chr. achämenidischer Großkönig und ägyptischer Pharao; Porträt aus dem Promptuarium Iconum Insigniorum
Serse (deutsch und englisch: Xerxes) (HWV 40) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 15. April 1738 im King’s Theatre in London erlebte.
Nach Giulio Cesare in Egitto belegt Serse den zweiten Platz der meistgespielten Händel-Opern (Stand 2009).2009 kam Giulio Cesare in Egitto auf 310 und Serse auf 203 Inszenierungen, vor Rodelinda und Alcina mit jeweils 111. Manfred Rätzer: Händels Opern auf internationalen Bühnen, in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband I. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 429 ff. Das Eröffnungs-Arioso „Ombra mai fu“, mit dem der Titelheld eine Platane besingt, ist eine der berühmtesten Melodien des Komponisten und auch als „das Largo von Händel“ bekannt, obwohl es original eigentlich ein „Larghetto“ ist.
Die Handlung um König Xerxes I. spielt um 470–480 v. Chr. im antiken Persien (dem heutigen Iran).
Entstehung Serse ist Händels drittletzte Oper. Der 52-jährige Komponist hatte harte Zeiten hinter sich: Sein eigenes Opernunternehmen war, ebenso wie die konkurrierende „Adelsoper“ (Opera of the Nobility), im Frühling 1737 finanziell gescheitert,Anthony Hicks: Serse. Handel, Booklettext zur CD-Einspielung: RCA 75605513122, London 1998, S. 27 und er hatte schon im April zuvor einen gesundheitlichen Zusammenbruch erlitten. Nach einer Erholungskur in AachenChristopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 166 ff. konnte er jedoch für die Spielzeit 1737/38 wieder in das King’s Theatre am Haymarket zurückkehren.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 174–175. Dabei teilte er sich die Saison mit Giovanni Pescetti, einem Vertreter des neuen, leichteren und gefälligeren galanten Stils, der zuvor für die Adelsoper gearbeitet hatte.Anthony Hicks: Serse. Handel, Booklettext zur CD-Einspielung: RCA 75605513122, London 1998, S. 27–28.
Händel komponierte für die Spielzeit zwei neue Opern – Faramondo und Serse – und ein Pasticcio aus eigenen Werken. Kurz zuvor war außerdem das „Funeral Anthem“ The ways of Zion do mourn (HWV 264) für die Beisetzung der überraschend am 20. November 1737 verstorbenen Königin Caroline entstanden.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 175 f.Anthony Hicks: Serse. Handel, Booklettext zur CD-Einspielung: RCA 75605513122, London 1998, S. 28.
Mit der Komposition des Serse begann Händel direkt im Anschluss an Faramondo, den er am Heiligen Abend vollendete. In der Partitur des Serse notierte er: „angefangen den 25 Decembr 1737 | Sontag oder 26 Montag, den 2 Xtag.“ (= 2. Weihnachtstag, Anm. d.Verf.) – die Zahl 25 ist jedoch durchgestrichen und man kann davon ausgehen, dass er sich wegen des Weihnachtsfestes einen Tag frei nahm und erst am 26. begann.Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 448Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 177. Händels weitere Notizen bezüglich der Entstehung des Serse lauten: „Fine dell Atto primo | Jan 9. | 1738.“ – „Fine dell’ Atto 2do. Jan. 25. 1738.“ – „Fine dell’ Opera G. F. Handel. | London Februar. 6. 1738 | geendiget auszufüllen den 14 dieses Febr 17.“
Nachdem im Januar 1738 zuerst Faramondo und ab dem 25. Februar Händels Pasticcio Alessandro Severo gespielt wurden, kam Serse am 15. April 1738 zur Uraufführung, mit der folgenden Besetzung: Serse – Gaetano Majorano, genannt „Caffarelli“ (Mezzosoprankastrat) Arsamene – Maria Antonia Marchesini, genannt „La Lucchesina“ (Mezzosopran) Amastre – Antonia Margherita Merighi (Alt) Romilda – Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“ (Sopran) Atalanta – Margherita Chimenti, genannt „La Droghierina“ (Sopran) Ariodate – Antonio Montagnana (Bass) Elviro – Antonio Lottini (Bass) Orchester und Chor sollen nur schwach besetzt gewesen sein.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 443. Die Oper wurde bis zum 2. Mai nur fünfmal gegebenWalter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 293. und gilt als Misserfolg. Über die Reaktionen des Publikums ist nur wenig bekannt, abgesehen von einem kurzen Bericht von Lord Shaftesbury:
Daraus lässt sich allerdings schließen, dass die für die Entstehungszeit ungewöhnliche Form und Charakter der Oper – mit relativ wenigen Dacapo-Arien und einer Mischung von ernsten und komischen Elementen – auf das zeitgenössische Publikum offenbar irritierend wirkten. Auch die Mitwirkung eines Stars wie Caffarelli konnte daran nichts ändern.
Der mangelnde Erfolg seiner letzten Opern tat jedoch der allgemeinen Verehrung Händels durch das englische Publikum keinen Abbruch: Zur gleichen Zeit stellte man ihm im Londoner Lustgarten Vauxhall Gardens eine von Louis-François Roubiliac geschaffene Porträt-Statue auf, die sich heute im Victoria and Albert Museum in London befindet. Für einen noch lebenden Künstler war dies eine sehr bemerkenswerte Auszeichnung.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655). Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, ISBN 3-458-34355-5, S. 261 f.
Aufführungsgeschichte mini|Frondi tenere e belle … Ombra mai fu gesungen von Enrico Caruso 1920
Die Eingangsarie des Xerxes Ombra mai fu erfreute sich als „Händels Largo“ seit dem 19. Jahrhundert großer Beliebtheit und wurde bereits in der Frühzeit der Schallplatte von einigen berühmten Sängern und Sängerinnen eingesungen, jedoch nicht nur in der Originallage von Altistinnen wie Clara Butt, sondern auch nach unten transponiert von Tenören wie Enrico CarusoChristopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 347. oder Fritz Wunderlich.
Die Oper Serse als Ganzes wurde erst in einer „grotesken“Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 444. Bearbeitung durch Oskar Hagen am 5. Juli 1924 im Göttingen wieder aufgeführt. Hagen hatte eine deutsche Textfassung gemacht, bei der „Sinn und Form … nicht unangetastet blieben“Rudolf Steglich: Xerxes, Hallische Händel-Ausgabe, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1958, S. VII, auch wurden die beiden hohen Partien von Serse und Arsamene von tiefen Männerstimmen gesungen. Trotzdem hatte Hagens Version des „Xerxes“ großen Erfolg und wurde schon bis Ende 1926 mindestens 90-mal auch in anderen Städten aufgeführt.
Gemessen an den Aufführungszahlen ist Serse heute nach Giulio Cesare in Egitto die zweitbeliebteste Oper Händels, mit mittlerweile über 260 Neuinszenierungen (bis 2024) seit 1924.
Die erste Wiederaufführung des Stückes in Originalsprache, mit den originalen Stimmlagen und in historischer Aufführungspraxis fand am 1. Oktober 1982 im Atelier Lyrique in Tourcoing (nahe Lille) durch die Opéra du Nord statt. Es spielte La Grande Écurie et la Chambre du Roy unter der Leitung von Jean-Claude Malgoire.
Libretto mini|hochkant|Titelseite des Librettos zu Minatos und Cavallis Xerse. Venedig 1654 Das Libretto geht in letzter Instanz zurück auf Nicolò Minatos Textbuch zu Francesco Cavallis Oper Xerse, die zuerst im Karneval 1654 am Teatro Santi Giovanni e Paolo in Venedig aufgeführt worden war.Rudolf Steglich: Xerxes, Hallische Händel-Ausgabe, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1958, S. VI f.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 420.. Die eigentliche und direkte Vorlage für Händel war jedoch Silvio Stampiglias stark überarbeitete und modernisierte Version von Minatos Libretto, die 1694 in einer Vertonung von Giovanni Bononcini am Teatro Tordinona in Rom uraufgeführt wurde. Stampiglia hatte Kürzungen vorgenommen, strich vier Personen und schrieb die meisten Arientexte neu.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 421–422.Anthony Hicks: Serse. Handel, Booklettext zur CD-Einspielung: RCA 75605513122, London 1998, S. 29.
Wie bei den meisten Opern Händels aus dieser Phase ist nicht bekannt, wer das Libretto für ihn einrichtete, und manche Autoren halten es für möglich, dass er es selber war. Von Stampiglias Vorlage wurden drei weitere Personen gestrichen, so dass bei Händel von ursprünglich 14 nur noch sieben Personen und nur noch eine einzige komische Figur – Elviro – übrig bleibt. Weitere Kürzungen betreffen vor allem die Rezitative und den dritten Akt. Die Texte zu 46 Musiknummern (Arien, Duette und Accompagnati) wurden jedoch übernommen, gelegentlich leicht verändert; nur ein Arientext für Elviro („Del mio caro Bacco“, Nr. 39) und drei Texte für Chöre wurden neu geschrieben (Bononcinis Oper hatte keine Chöre).Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 422.
Trotz der vielen Änderungen, die zwischen Minato/Cavalli und Händel vorgenommen wurden, ist die Herkunft des Textbuchs aus der älteren venezianischen Tradition deutlich zu erkennen, unter anderem an der Einbeziehung komischer Elemente, die für die italienische Oper der 1730er Jahre völlig untypisch sind.Anthony Hicks: Serse. Handel, Booklettext zur CD-Einspielung: RCA 75605513122, London 1998, S. 27 und 28. Altmodisch ist auch die relativ hohe Zahl von Arien und die Tatsache, dass diese oft nicht am Ende einer Szene als Abgangsarie platziert sind, sondern am Anfang oder mitten in einer Szene; darüber hinaus sind viele Arien kurz und haben nicht die seinerzeit übliche Dacapo-Form.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume viii, Garland, New York 1989, S. xviiWinton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 422–423.
Historischer und literarischer Hintergrund