mini|hochkant|Jerzy Stempowski Jerzy Stempowski (* 10. Dezember 1893 in Krakau, Österreich-Ungarn; † 4. Oktober 1969 in Bern) war ein polnischer Literaturkritiker, Übersetzer und Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten polnischen Essayisten des 20. Jahrhunderts. Er veröffentlichte auch unter dem Pseudonym Paweł Hostowiec.
Leben Jerzy Stempowski stammt aus einer landadeligen Familie und ist der älteste Sohn des Publizisten, Übersetzers und sozialistischen Politikers Stanisław Stempowski (1870–1952), der für die Unabhängigkeit der Ukraine eintrat und 1920/21 Minister in der Regierung Symon Petljuras während der kurzlebigen Ukrainischen Volksrepublik war.Siehe zu diesem weiterführend Andrzej Chojnowski: Stanisław Stempowski on his Participation in the Government of the Ukrainian People’s Republic. In: Harvard Ukrainian Studies. Bd. 14, 1990, S. 144–159. Der Vater übersetzte Tolstoi, Tschechow und Saint-Exupéry ins Polnische.Timothy Snyder: Sketches from a Secret War: A Polish Artist’s Mission to Liberate Soviet Ukraine. New Haven CT 2007, S. xix. Über seine Mutter ist nichts bekannt. Jerzy Stempowski wuchs auf einem Landgut in Podolien am rechten Ufer des Dnjestr auf, dem ehemals polnischen Teil der Ukraine, wo die Stempowskis schon seit dem 17. Jahrhundert ansässig waren. Verschiedene Nationalitätengruppen lebten hier zusammen, es wurde Polnisch, Russisch, Ukrainisch und Jiddisch gesprochen. Im Bildungsbürgertum und beim Landadel war die französische Sprache und Kultur verbreitet.Jerzy Stempowski beschreibt die Selbstverständlichkeit der französischen Bildungstradition in Osteuropa in seinem Essay Im Tal des Dnjestr. (1941) In: Bibliothek der Schmuggler (1998), S. 22–24; siehe dazu Hans-Christian Trepte: Exilländer und Exilzentren. Präferenzerwägungen und kulturgeschichtliche Hintergründe. In: Eva Behring u. a. (Hrsg.): Grundbegriffe und Autoren ostmitteleuropäischer Exilliteraturen 1945–1989. Franz Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-515-08389-8, S. 67–136, hier S. 76 f. Stempowski selbst verfügte neben dem Polnischen über Kenntnisse des Griechischen, Lateinischen, Englischen, Französischen, Deutschen, Russischen und Ukrainischen.
Von 1911 bis 1913 studierte er Philosophie und Geschichte an der Jagiellonen-Universität in Krakau, anschließend Medizin in München, Philosophie und Literaturgeschichte in Genf und Zürich sowie zwischen 1916 und 1919 in Bern. 1915 arbeitete er in Zürich an einer Dissertation über antike und christliche Philosophiegeschichte und promovierte nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Die Schrift ist jedoch verlorengegangen. Er war ab 1917 Mitarbeiter der türkischen, ab 1919 der polnischen Gesandtschaft in Bern und arbeitete als Korrespondent für die polnische Nachrichtenagentur in Paris, Genf und Berlin., 13. November 2012. Laut Timothy Snyder wurde er in dieser Zeit mit den zeitgenössischen Kunstströmungen des italienischen Futurismus und des Dadaismus vertraut.Timothy Snyder: Sketches from a Secret War: A Polish Artist’s Mission to Liberate Soviet Ukraine. New Haven CT 2007, S. 17. Im Polnisch-Sowjetischen Krieg 1919–1921 sammelte er als reisender Journalist (unter dem Tarnnamen „Rajmond Nyhölm“) im Nahen Osten und im Kaukasus erstmals Informationen für den polnischen Geheimdienst.Timothy Snyder: Sketches from a Secret War: A Polish Artist’s Mission to Liberate Soviet Ukraine. New Haven CT 2007, S. 27. In den 1920er Jahren wurde er, wie sein Vater, aktiver Freimaurer.
1926 kam er nach Polen zurück, schloss sich dem eher kleinen Kreis Warschauer Intellektueller an, die – meist aus altem, kosmopolitisch denkendem Adel und klassisch gebildet – für eine liberaldemokratische und sozialistische Politik eintraten,Łukasz Mikołajewski: From Centre to Province. Changing Images of Europe in the Writings of Jerzy Stempowski. In: Mark Hewitson, Matthew D’Auria (Hrsg.): Europe in Crisis: Intellectuals and the European Idea, 1917–1957. Berghahn, New York 2012, ISBN 978-0-85745-727-1, S. 183–197, hier S. 184. und war unter anderem im diplomatischen Dienst tätig. Er unterhielt Beziehungen zu Intellektuellen und Politikern unter anderem aus der Ukraine und der Türkei und bemühte sich um eine Verständigung zwischen Polen, Ukrainern und Juden, u. a. durch die Unterstützung des sogenannten Wolhynien-ExperimentsDas Wolhynien-Experiment war ein grenzüberschreitendes Projekt in den Jahren 1928–1938, das den Versuch unternahm „die ukrainische Nationalbewegung in Einklang mit dem polnischen Nationalstaat zu bringen“. In: Martin Aust: Polen und Russland im Streit um die Ukraine. Konkurrierende Erinnerungen an die Kriege des 17. Jahrhunderts in den Jahren 1934 bis 2006, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-05927-5, S. 167f. (Buchrezension für H-Soz-Kult von Elena Temper) der polnischen Regierung.Timothy Snyder: Sketches from a Secret War: A Polish Artist’s Mission to Liberate Soviet Ukraine. New Haven CT 2007, S. 41, 44 und 136. Nach kurzer Zeit verließ er den Staatsdienst, da er das zunehmend autoritäre Regime unter Józef Piłsudski ablehnte; er schrieb fortan vor allem Theaterkritiken und Texte für das Feuilleton. Einflussreich wurde sein Essay Pan Jowialski i jego spakobiercy (1931; „Herr Jowialski und seine Erben“), der an der Oberfläche die Theaterstücke Aleksander Fredros besprach, tatsächlich aber Piłsudskis Politik kritisierte. Darin führte er aus, dass Handeln allein Ordnungsvorstellungen nicht ersetzen könne und Irrationalismus sich auf lange Sicht selbst besiege; er nannte den „großen Theaterdirektor“ (kaum verborgen, wer gemeint war) so „ungeduldig und eifersüchtig“ wie einen „Tyrannen“, da dessen irrationales Handeln für Fragilität und Unbeständigkeit sorge.Timothy Snyder: Sketches from a Secret War: A Polish Artist’s Mission to Liberate Soviet Ukraine. New Haven CT 2007, S. 25–27.
Zwischen 1935 und 1939 unterrichtete Stempowski am Staatlichen Institut für Theater in Krakau.Jan Zieliński: Jerzy Stempowski. In: Culture.pl, Oktober 2010.
mini|hochkant|Grabstein auf dem Powązki-Friedhof Nach dem deutschen Überfall auf Polen im Zweiten Weltkrieg floh er im September 1939 gemeinsam mit Stanisław VincenzKurzbiografie Jerzy Stempowski, in: Marek Klecel: Polen zwischen Ost und West. Polnische Essays des 20. Jahrhunderts. Eine Anthologie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1995, S. 354 f. über die Grenze nach Ungarn in die Karpaten, wo er sich verbarg. Er schrieb darüber ein Essay, das in deutscher Übersetzung in dem Band Die Bibliothek der Schmuggler veröffentlicht ist. Im Frühjahr 1940 gelangte er über Jugoslawien und Italien in die Schweiz und ließ sich dort auf Einladung von Hans Zbinden nieder. Er lebte in Muri bei Bern, ab 1952 in Bern, und engagierte sich bis 1946 für polnische Flüchtlinge. Für die polnische Exilregierung in London verfasste er Berichte über die Situation im besetzten Polen.Notes of a Casual Bystander. Jerzy Stempowski. In: Polish Book Institute. Nach Ende des Krieges kehrte er nicht mehr nach Polen zurück.
Ab 1947 arbeitete er dank der Unterstützung Jerzy GiedroycsTimothy Snyder: Sketches from a Secret War: A Polish Artist’s Mission to Liberate Soviet Ukraine. New Haven CT 2007, S. 250. fest für die polnische Exilzeitschrift Kultura; als einer der wichtigsten Autoren dortHans-Christian Trepte: Exilländer und Exilzentren. Präferenzerwägungen und kulturgeschichtliche Hintergründe. In: Eva Behring u. a. (Hrsg.): Grundbegriffe und Autoren ostmitteleuropäischer Exilliteraturen 1945–1989. S. 67–136, hier S. 98. schrieb er Literatur- und Kulturkritiken sowie von 1954 bis 1969 unter dem Pseudonym Paweł Hostowiec die Kolumne Notatnik niespiesznego przechodnia (Notizen eines nicht beteiligten Passanten).Eva Behring u. a. (Hrsg.): Grundbegriffe und Autoren ostmitteleuropäischer Exilliteraturen 1945–1989. Bibliografische Notizen: Jerzy Stempowski, S. 693. Dabei war er insbesondere an der politischen Ausrichtung der Zeitschrift beteiligt und vertrat, wie schon in der Vorkriegszeit, mittels einer „östlichen Politik“ eine enge Verbindung mit den demokratischen Bewegungen der Nachbarregionen, insbesondere in Litauen, Weißrussland und der Ukraine, aufzubauen und die frühere polnische Ostpolitik zu hinterfragen.Łukasz Mikołajewski: From Centre to Province. Changing Images of Europe in the Writings of Jerzy Stempowski. In: Mark Hewitson, Matthew D’Auria (Hrsg.): Europe in Crisis: Intellectuals and the European Idea, 1917–1957. Berghahn, New York 2012, ISBN 978-0-85745-727-1, S. 183–197, hier S. 183. Seine Texte für das Feuilleton des Senders Radio Free Europe wurden gesammelt 1995 in Polen herausgegeben.Felietony dla Radia Wolna Europa. Stempowski, Jerzy., Opracował Jerzy Timoszewicz. In: Warszawa, Twój Styl, 1995, 171 p. Europäische Bibliographie zur Osteuropaforschung (EBSEES)
Jerzy Stempowski lebte bis zu seinem Tod allein und zurückgezogen in Bern. Ein Grabstein befindet sich auf dem Powązki-Friedhof in Warschau. Sein Nachlass gehört heute der Burgerbibliothek Bern (Unterdepot im Polenmuseum Rapperswil)..
Werk Jerzy Stempowskis Werk umfasst Essays, biografische Erzählungen, Reisetagebücher und Briefe. Von Marcel Proust und Simone Weil beeinflusst, war er einer der ersten Schriftsteller, die die Form des Essays in die polnische Literatur einführten; auf ihn beziehen sich fast alle späteren polnischen Essayisten.Krzysztof Kozłowski: Stempowski, Jerzy. In: Tracy Chevalier (Hrsg.): Encyclopedia of the Essay. Fitzroy Dearborn, Chicago 1997, ISBN 1-884964-30-3, S. 815. Er schrieb auf Polnisch und Französisch.
Ein Hauptthema seiner Texte ist die Krise der europäischen Zivilisation, so in dem Essayband Eseje dla Kassandry (1960; in englischer Übersetzung: Essays for Cassandra, 1990), in dem er auch Schicksale jüdischer und nicht-jüdischer Intellektueller und Schriftsteller, die er zwischen den beiden Weltkriegen kennengelernt hatte, schilderte.Zvi Y. Gitelman (Hrsg.): The Emergence of Modern Jewish Politics: Bundism and Zionism in Eastern Europe. University of Pittsburgh Press, Pittsburgh 2003, ISBN 978-0-8229-4188-0, S. 120. Zusammen mit dem posthum veröffentlichten Band Od Berdycowa do Rzymu (1971; „Von Berdyczów nach Rom“) macht diese Sammlung etwa ein Viertel seiner an den unterschiedlichsten Stellen veröffentlichten Kurztexte zugänglich. Auf Deutsch erschien 1998 in der Übersetzung von Agnieszka Grzybkowska die Bibliothek der Schmuggler, das Tagebuch seiner Reise durch Deutschland und Österreich im Herbst 1945, und 2006 der Band Von Land zu Land. Essays eines Kosmopolen. Er enthält drei essayistische Erzählungen, die zwischen 1942 und 1964 entstanden, in denen sich Stempowski mit der kulturellen Vielfalt sowie dem ethnischen und konfessionellen Nebeneinander im östlichen Mitteleuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte.Philip Eppelsheim: Kosmopole. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Oktober 2007, Nr. 239, S. 36. Die weiteren beiden Hauptthemen Stempowskis waren die Werte und Literatur der Antike und der Umgang des Menschen mit der Natur, die er melancholisch als – in Europa – weitgehend vom Menschen überformt beschrieb.
Stempowski hat den Ausdruck nähere oder kleine Heimat geprägt, ein Konzept, das mehr mit dem geografischen Raum als mit dem Verlauf politischer Grenzen und Nationalitäten zu tun hat. Stanisław Vinzenz, ebenfalls ein polnischer Exilschriftsteller, bezeichnete ihn daher als Kosmopole, da nach seiner Meinung „der echte Universalismus […] seine Nahrung aus dem Regionalen“ beziehe, und Jerzy Stempowski sich mit seinem Schreiben diesen Namen verdient habe.Renata Makarska: Der Raum und seine Texte. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2010, ISBN 978-3-631-59302-8, S. 23.