mini|Karl Kaufmann Karl Otto Kaufmann (* 10. Oktober 1900 in Krefeld; † 4. Dezember 1969 in Hamburg) war ein deutscher Politiker der NSDAP, der von 1925 bis 1945 NS-Gauleiter, von 1933 bis 1945 Reichsstatthalter, ab dem 30. Juli 1936 bis zum 3. Mai 1945 „Führer“ der hamburgischen Landesregierung, ab 1937/38 Chef der hamburgischen Staatsverwaltung, Reichsverteidigungskommissar im Wehrkreis 10 sowie ab 1942 Reichskommissar für die Seeschifffahrt war.

Jugend und Karriere im Nationalsozialismus Kaufmann war Sohn eines mittelständischen Wäschereibesitzers und katholischer Konfession.

Lange Zeit blieb sein Leben auffällig unstetig. Nach verschiedenen Schulwechseln verließ er die Oberrealschule Elberfeld ohne Abitur und arbeitete als landwirtschaftliche Hilfskraft. Kurz vor Kriegsende 1918 wurde er noch eingezogen, kam aber nicht mehr an die Front. 1919 gehörte Kaufmann der 2. Marinebrigade unter dem Freikorpsführer Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt an. Eine Lehre im elterlichen Betrieb brach er nach Auseinandersetzungen mit seinem Vater ab. Er lebte dann mehrere Jahre von Hilfsarbeitertätigkeiten und heimlichen Zahlungen seiner Mutter.

So ziellos seine berufliche Laufbahn verlief, so konsequent suchte er Bestätigung in der politischen Arbeit. So war er im Freikorps Oberschlesien und kämpfte 1923 in der illegalen Organisation „Heinz“ gegen die Ruhrbesetzung durch die Franzosen. Seit 1920 war er Mitglied im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund und übernahm 1921 in Nachfolge von Alfred Günther die Leitung der Jugendgruppe in Elberfeld.Uwe Lohalm: Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes. 1919–1923. Leibniz-Verlag, Hamburg 1970, S. 321, 375, ISBN 3-87473-000-X. 1922 schloss er sich der NSDAP an. In seiner Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler vom 28. Oktober 1923 heißt es:

Diese Zeilen schrieb Kaufmann, bevor er sich am 9. November 1923 aktiv am Hitlerputsch beteiligte.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 301. Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-13086-7, S. 258.

Kaufmann wurde 1925, mit nur 25 Jahren, Gauleiter des im Jahr zuvor zusammen mit Joseph Goebbels und Franz Pfeffer von Salomon geschaffenen Parteigaus „Rheinland-Nord“ mit Sitz in Düsseldorf.Jürgen John, Horst Möller, Thomas Schaarschmidt (Hrsg.): Die NS-Gaue. Regionale Mittelinstanzen im zentralistischen „Führerstaat“. Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-58086-0, S. 460 (Anhang der Herausgeber). Gaugeschäftsführer blieb Goebbels, der damals einzige Freund Kaufmanns. Kaufmann trat formal erst 1926 wieder der neu gegründeten NSDAP bei (Mitgliedsnummer 32.667), 1935 wurde sein Eintritt in die Partei auf den 1. Oktober 1925 rückdatiert (Mitgliedsnummer 95).Bundesarchiv R 9361-II/499981 Im März 1926 ging der Parteigau in dem von Joseph Goebbels und Gregor Strasser geschaffenen „Groß-Gau Ruhr“ (Elberfeld) auf, der aus 10 Bezirken bestand,Horst Wallraff: Friedrich Karl Florian. NSDAP-Gauleiter (1894–1974). In: Internetportal „Rheinische Geschichte“, LVR; abgerufen im Oktober 2019. das gesamte rheinisch-westfälische Industriegebiet einschließlich Westfalens umfasste und dessen Leitung Kaufmann zunächst zusammen mit Goebbels und Salomon, dann noch im gleichen Jahr bis zur Aufspaltung des „Groß-Gaus“ im Sommer 1928 allein übernahm. Die Tagebuchaufzeichnungen von Goebbels schildern Kaufmann als innerlich zerrissenen Mann. Goebbels erwähnt sogar einige Nervenzusammenbrüche und einen Suizidversuch Anfang 1926. Kaufmann selbst gab sich als nationaler Sozialist mit erheblichen Vorbehalten gegenüber dem wilhelminischen Honoratiorentyp, der damals noch die völkische Bewegung dominierte.

1928 gelang Kaufmann der Einzug in den Preußischen Landtag. Die Diätenzahlung war sein erstes regelmäßiges Einkommen. Am 27. Dezember desselben Jahres heiratete Kaufmann Else Speth, die Tochter eines Uhrmachermeisters und Juweliers aus Elberfeld und Schwägerin seines Vertrauten Hellmuth Elbrechter.Karl Höffkes: Hitlers politische Generale. Die Gauleiter des Dritten Reiches. 1986, S. 172.

Am 1. Mai 1929 wurde er Gauleiter in Hamburg, wo die NSDAP bei den letzten Bürgerschaftswahlen 1928 nur 2,2 % erhalten hatte. Es war eine Bewährungsaufgabe, da er in seiner vorherigen Funktion im Ruhrgebiet nach heftigen Auseinandersetzungen mit Erich Koch nicht mehr als tragbar galt. Inzwischen anscheinend gefestigt, gelang es ihm, in den innerparteilichen Intrigen die Oberhand zu gewinnen und sich eine starke Hausmacht aufzubauen.

1930 zog er in den Reichstag ein, dem er auch im Nationalsozialismus bis 1945 angehörte.

Noch am Abend des 5. März 1933 (der letzten Reichstagswahl in der Weimarer Republik) beauftragte er den nationalsozialistischen Polizeibeamten Peter Kraus mit der Leitung eines Fahndungskommandos der Hamburger Gestapo, das kommunistische und sozialistische Gruppen, die mit der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 als illegal erklärt worden waren, zerschlagen sollte.Herbert Diercks: Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus. Texte, Fotos, Dokumente. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg 2012, S. 32.

Kaufmann wurde am 16. Mai 1933Zweites Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 7. April 1933 (RGBl. 1933 I S. 173). Reichsstatthalter in Hamburg. In dieser Funktion übernahm er 1936 die „politische Leitung“ der Hamburger Gestapo und übte so auf diese Verfolgungsinstanz erheblichen Einfluss aus.Ludwig Eiber: Unter Führung des NSDAP-Gauleiters. Die Hamburger Staatspolizei (1933–1937). In: Gerhard Paul, Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.): Die Gestapo. Mythos und Realität. Darmstadt 1995, S. 101 f.

Er nutzte seine Machtstellung zur Bereicherung und Schaffung eines beispiellosen braunen Bonzentums, das auch Teil seines Herrschaftssystems wurde. Der „Regierende“ Bürgermeister von Hamburg, Carl Vincent Krogmann, war faktisch bloßer Befehlsempfänger Kaufmanns. Selbst die SS von Heinrich Himmler unterließ es, in das „System Kaufmann“ einzugreifen, als Kaufmann den Hamburger Chef des SD Carl Oberg entmachtete, um gegen ihn gerichtete Bespitzelungen zu unterbinden. Als Kaufmann 1934 ein Verfahren wegen eines Tötungsdelikts im von ihm errichteten KZ Fuhlsbüttel rechtswidrig niederschlagen ließ, sammelten innerparteiliche Gegner Material gegen ihn, um sein auf „Unerfahrenheit und Verantwortungslosigkeit“ basierendes System zu beseitigen.Henning Timpke: Das KL Fuhlsbüttel. In: Martin Broszat (Hrsg.): Studien zur Geschichte der Konzentrationslager. Stuttgart 1970, S. 19 f., Anm. 32. Himmler wollte sich nicht damit befassen und entschied im Februar 1935, den Fall an das Oberste Parteigericht abzugeben. Kaufmann kam unbeschadet davon, denn auch Walter Buch verfolgte den Vorgang nicht weiter.

mini|Das Budge-Palais am Harvestehuder Weg 12, ab 1938 die Residenz des Reichsstatthalters Karl Kaufmann Am 30. Juli 1936 setzte er Carl Vincent Krogmann als Regierenden Bürgermeister ab und übernahm selbst die Führung der Landesregierung. Damit vereinigte er die fünf wichtigsten politischen Ämter Hamburgs in seiner Person: NSDAP-Gauleiter, Reichsstatthalter, Führer der Landesregierung, Chef der Hamburger Staats- und Gemeindeverwaltung und Reichsverteidigungskommissar im Wehrkreis X. Ab dem 30. Mai 1942 kam noch das Amt des Reichskommissars für die Seeschifffahrt dazu. Kaufmann besaß damit eine außergewöhnliche Machtfülle.Frank Bajohr: Gauleiter in Hamburg. Zur Person und Tätigkeit Karl Kaufmanns (1900–1969). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1995, 43, Heft 2, S. 267; ifz-muenchen.de (PDF; 1,3 MB). Beispielsweise erhielt er vom preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring (gleichzeitig Beauftragter für den Vierjahresplan) gewisse Weisungsbefugnisse gegenüber preußischen Dienststellen, um an Hamburg angrenzende preußische Gebiete für ein künftiges Groß-Hamburg zu beanspruchen. Am 26. Januar 1937 wurde das Groß-Hamburg-Gesetz erlassen. Während der Novemberpogrome 1938, am Abend des 9. November, gab Kaufmann aus München die Befehle zur Zerstörung der Synagogen und der Geschäfte und Wohnungen der Hamburger Juden an die Parteiorganisation der Hamburger NSDAP.Jürgen Sielemann: Fragen und Antworten zur Reichskristallnacht. In: Hans Wilhelm Eckardt (Hrsg.): Bewahren und Berichten. Festschrift für Hans-Dieter Loose zum 60. Geburtstag. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, 1997, Band 83/1, S. 481 f.; .

Nach der deutschen Besetzung Dänemarks 1940 initiierte der Architekt Heinrich Bartmann in Kaufmanns Auftrag baureife Pläne für eine „Vogelfluglinie“ (Fehmarnsund-Brücke und Fährverbindung nach Dänemark), die Groß-Hamburg mit Skandinavien verbinden sollte. Gegenüber einem alten Plan von 1912 sollte über die Fehmarnsund-Brücke nun neben der Eisenbahnlinie auch eine vierstreifige Reichsautobahn führen. In Dänemark war 1937 bereits die Storstrømsbroen zwischen den Inseln Falster und Sjælland eingeweiht worden.

mini|Karl Kaufmann (links) mit Ferdinand Schörner während einer Dienstreise mit dem Reichskommissar Josef Terboven durch Norwegen und Finnland, Juli 1942. Kaufmann gefiel sich gegenüber den Bürgern in der Rolle einer unabhängigen Beschwerdeinstanz. Er hielt wöchentlich eine Bürgersprechstunde ab. In seiner Allmacht hebelte er, wenn es ihm gefiel, Verwaltungsentscheidungen wieder aus, was innerhalb der Hamburger Verwaltung die Rechtssicherheit erheblich verschlechterte. Seine Form des Sozialpopulismus machte Kaufmann bei den Hamburgern in gewissem Maße beliebt. Die Absicht seines „Sozialismus der Tat“ enthüllte er in einer Rede vor der Hamburger Handelskammer im Oktober 1940:

Nach britischen Bombenangriffen ersuchte Kaufmann schon im September 1941 – also noch vor dem Beginn der reichsweiten Deportationen – zur Linderung der Wohnungsnot der arischen Mitbürger, die Juden der Stadt ins Generalgouvernement deportieren zu dürfen.Hilde Michael: Das Leben der Hamburger und Altonaer Juden unter dem Hakenkreuz. LIT-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-643-10417-5, S. 146. Am 30. Januar 1942 wurde Karl Kaufmann zum SS-Obergruppenführer befördert (SS-Nummer 119.495).Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. S. 173

Seit der Bombardierung Hamburgs im Juli/August 1943 („Operation Gomorrha“) schien sich Kaufmann auf persönliche Schadensbegrenzung für die Zeit nach dem Krieg einzustellen. Sein bisher bedingungsloser Glaube an Hitler war dahin. Seine Berichte als Reichskommissar für die Seeschifffahrt ließen an der verzweifelten militärischen Lage keinen Zweifel mehr, und er hortete riesige Mengen an Lebensmitteln und ausländischen Devisen auf seinem Sitz im Duvenstedter Brook.Hartmut Rübner: Konzentration und Krise der deutschen Schifffahrt. Maritime Wirtschaft und Politik im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Bremen 2005, S. 397–402. Vorsorglich wurde Kaufmanns Frau im Pachtvertrag namentlich aufgenommen.

Kriegsende