Jacques Duhamel (* 24. September 1924 in Paris; † 8. Juli 1977 ebenda) war ein französischer Politiker, der zwischen 1962 und 1969 sowie erneut von 1973 bis zu seinem Tod 1977 Mitglied der Nationalversammlung sowie zwischen 1969 und 1971 Landwirtschaftsminister sowie anschließend von 1971 bis 1973 Kulturminister war.
Familiäre Herkunft, Zweiter Weltkrieg Duhamel stammte aus einer gutbürgerlichen Pariser Familie und war der Sohn von Jean Duhamel, dem Generaldirektor des Kohlebergbauverbandes CCHF (Comité central des houillères de France), der nach Beginn des Zweiten Weltkrieges und nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich im Mai 1940 ums Leben kam. Daraufhin brach er als Halbwaise seine schulische Ausbildung am Lycée Janson de Sailly ab und lebte bei seiner Familie in La Baule-Escoublac. Hier baute eine provisorische Organisationszentrale für Flüchtlinge auf und wurde vom Roten Kreuz zum örtlichen Flüchtlingskommissar ernannt.
Er trat 1942 der Widerstandsbewegung Résistance bei und wurde im selben Jahr wegen seiner Aktivitäten verhaftet und im Gefängnis von Fresnes inhaftiert. Nach der Befreiung von Paris im August 1944 kehrte er dorthin zurück und nahm ein Studium der Rechts- und Literaturwissenschaften an der Universität von Paris sowie an der privaten Hochschule École libre des sciences politiques auf. Für seine Verdienste in der Widerstandsbewegung wurde ihm das Croix de guerre und die Médaille de la Résistance verliehen, Edmond Michelet ehrte ihn mit dem Ritterkreuz der Ehrenlegion.
Berufliche Tätigkeiten in der Nachkriegszeit mini|hochkant|Edgar Faure wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges zu Duhamels politischem Mentor Nach Kriegsende setzte Duhamel sein Studium am Institut d’études politiques de Paris (SciencesPo) in der Rue Saint-Guillaume fort und erwarb dort ein Lizenziat der Rechtswissenschaften sowie ein Diplom der Soziologie. Er trat anschließend 1947 seine Ausbildung an der Verwaltungshochschule ENA (École nationale d’administration) an und gehörte dort neben François-Xavier Ortoli und Alain Peyrefitte zum ersten Jahrgang, der Promotion France combattante. Nach einer darauf folgenden kurzzeitigen Tätigkeit in der Finanzverwaltung (Inspection des finances) wurde er im Palais Royal Mitarbeiter des Staatsrates (Conseil d’État), der sowohl Verwaltungsgericht als auch Beratungsorgan der Regierung ist.
Als Auditor Erster Klasse (Auditeur de 1ère classe) beim Staatsrat machte Duhamel 1948 die Bekanntschaft von Edgar Faure, der zu seinem politischen Mentor werden sollte. Als Faure im Februar 1949 von Premierminister Henri Queuille zum Staatssekretär im Finanzministerium ernannt wurde, folgte ihm Duhamel als offizieller und technischer Berater in das Ministerium in der Rue de Rivoli. Dort war er bis Juli 1950 tätig und wurde dann Faures Berater während dessen Amtszeit als Haushaltsminister von Juli 1950 bis August 1951 sowie als Justizminister zwischen August 1951 und Januar 1952.
Nachdem Faure am 20. Februar 1952 erstmals selbst Premierminister wurde, wurde Duhamel Stellvertretender Kabinettschef (Directeur adjoint de cabinet) des Premierministers in dessen Amtssitz im Hôtel Matignon an der Rue de Varenne bis zum Ende von Faures Amtszeit am 8. März 1952. Das Amt des Stellvertretenden Kabinettschefs bekleidete er auch während der Amtszeit von Faure als Finanz- und Wirtschaftsminister zwischen Juni und November 1953. Danach kehrte er 1954 als Verwaltungsbeamter mit dem Titel eines Maître des requêtes zum Conseil d’État zurück, ehe er am 19. Juni 1954 wiederum Vize-Kabinettschef von Faure wurde, der nunmehr Minister für Finanzen, Wirtschaft und Planung war. Im Anschluss war er vom 29. Januar bis 23. Februar 1955 in dieser Position Mitarbeiter Faures während dessen Amtszeit als Außenminister.
Am 4. März 1955 folgte Duhamel Faure, nachdem dieser zum zweiten Mal Premierminister wurde, abermals ins Hôtel Matignon und übernahm dieses Mal die Funktion als dessen Kabinettschef (Directeur de cabinet) bis zum Ende von Faures Amtszeit am 1. Februar 1956. Danach war er von 1956 bis 1959 erst Stellvertretender Generaldirektor in der Produktionskommission beziehungsweise in der Produktivitätskommission. Im Anschluss wurde er im Januar 1960 erst Generaldelegierter und danach von Mai 1960 bis 1962 Generaldirektor des Nationalen Zentrums für Außenhandel (Centre national du commerce extérieur). Zugleich wurde er am 7. Oktober 1961 Mitglied des Verwaltungsrates der Tabakmonopolverwaltung SEITA (Service d’exploitation industrielle des tabacs et allumettes). Zu dieser Zeit wurde er auch Mitglied der Parti républicain, radical et radical-socialiste (PR).
Abgeordneter und Minister der Fünften Republik Legislaturperiode 1962 bis 1967 Am 25. November 1962 wurde Duhamel als Kandidat der PR im zweiten Wahlkreis des Département Jura erstmals zum Mitglied der Nationalversammlung gewählt. In diesem aus den Arrondissements Dole, Lons-le-Saunier und Saint-Claude bestehenden Département errang er zusammen mit seinem Huckepack-Kandidaten (Suppleant) Henri Jouffroy, der auch Bürgermeister von Chissey-sur-Loue war, im ersten Wahlgang 11.858 der 46.345 Wählerstimmen (25,6 Prozent). Die sozialistische SFIO hatte keinen eigenen Kandidaten aufgestellt. Im zweiten Wahlgang eine Woche später errang er mit 25.920 Stimmen (52,5 Prozent) einen Sieg über seinen wichtigsten Gegner, den Bürgermeister von Syam und gaullistischen Abgeordneten Max Montagne. Durch die Mobilisierung von Wählern gewann er mit einem Vorsprung von rund 2.500 Stimmen, wobei das christdemokratische Mouvement républicain populaire (MRP) sowie die Parti communiste français (PCF) ihre Kandidaten zurückzogen. In seinem Wahlkampf befasste er sich anders als der damalige Premierminister Michel Debré, der im ersten Wahlkreis des Departements kandidierte, ausschließlich mit lokalen Themen wie der Ausrüstung von Schulen, Städten, Dörfern und dem Handel. Dabei bezog er sich auf seine Tätigkeit als Präsident der Gesellschaft für den Anbau und Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Lebensmittel SOPEXA (Société pour l’expansion des ventes des produits agricoles et alimentaires).Jacques Duhamel – Biographie de la Ve République, Assemblée Nationale.
In der Nationalversammlung im Palais Bourbon schloss er sich der Fraktion Rassemblement démocratique (bestehend aus Abgeordneten der PR und kleinerer Parteien der politischen Mitte) an und wurde zugleich Mitglied des wichtigen Ausschusses für Finanzen, allgemeine Wirtschaft und Planung (Commission des finances, de l’économie générale et du plan) und wurde zugleich am 7. Februar 1963 Mitglied des Beratenden Ausschusses für Kinofilme (Commission consultative du cinéma). Daneben wurde er zwischenzeitlich 1964 auch Mitglied des Generalrates des Kanton Dole sowie 1964 Erster Vize-Bürgermeister von Dole.
Wiederwahl 1967 Duhamel schloss sich 1966 der neuen Mitte-Partei Centre démocrate (CD) unter Führung Jean Lecanuets anBruno Béthouart: Le Mouvement Républicain Populaire. L’entrée des catholiques dans la République française. In: Michael Gehler u. a. (Hrsg.): Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert. Böhlau Verlag, Wien 2001, S. 313–331, hier S. 328. und wurde in deren Vorstand gewählt. Bei der Parlamentswahl vom 12. März 1967 kandidierte er für das aus CD, Centre national des indépendants et paysans (CNIP) und Centre républicain (CR) bestehende Wahlbündnis der Mitte Progrès et démocratie moderne (PDM) erneut im zweiten Wahlkreis des Département Jura. Im ersten Wahlgang erreichte er 23.665 der 56.440 Wählerstimmen (41,9 Prozent) und er wurde im anschließenden zweiten Wahlgang mit 29.509 Stimmen (51,6 Prozent) gewählt. Zwei der drei anderen Kandidaten des ersten Wahlgangs traten auch im zweiten Wahlgang an: der Kandidat der PCF, Maurice Faivre-Picon, sowie der gaullistische Kandidat Pierre Grosperrin, die allerdings mit 10.776 beziehungsweise 16.915 Stimmen erfolglos blieben.
In dieser Legislaturperiode wurde er Vorsitzender der neu gegründeten Fraktion Progrès et démocratie moderne. Trotz seiner Freundschaft zu dem damaligen Landwirtschaftsminister Edgar Faure und Premierminister Georges Pompidou verfolgte er jedoch eine oppositionelle Politik gegenüber der Regierung. Zunächst war er ein Jahr lang Mitglied des Auswärtigen Ausschusses (Commission des affaires étrangères), ehe er im April 1968 wieder Mitglied des Ausschusses für Finanzen, allgemeine Wirtschaft und Planung wurde. Im Zuge der Studentenunruhen im Mai 1968 beantragte er die Einrichtung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission über die Niederschlagung der Unruhen sowie die Bildung einer Kontrollkommission zur Untersuchung der Verwaltung und Technik der nationalen Bildung.
Wiederwahl 1968 Nach der Auflösung der Nationalversammlung im Zuge der Mai-Unruhen 1968 kandidierte Duhamel bei den darauf folgenden Wahlen erneut für einen Sitz im Parlament und schlug im zweiten Wahlgang am 30. Juni 1968 seinen kommunistischen Gegenkandidaten deutlich mit einem Vorsprung von rund 27.000 Stimmen und wurde mit 37.531 der 48.177 abgegebenen Stimmen (77,9 Prozent) zum dritten Mal gewählt. Dabei kam ihm zugute, dass der Kandidat der Gaullisten, Robert Grossmann, im zweiten Wahlgang nicht erneut antrat und 8.000 Wähler im zweiten Wahlgang nicht zur Wahl gingen. Beeindruckt von den Mai-Unruhen forderte er in seinem Wahlkampf eine Änderung der Gesellschaft, allerdings eine geordnete Veränderung (changement dans l’ordre), die eine „neue Mehrheit, neue Kräfte, eine neue Politik und eine neue Demokratie“ (‚une majorité nouvelle, de forces nouvelles, d’une politique nouvelle et d’une démocratie nouvelle‘) erfordere.
Zu Beginn der vierten Legislaturperiode wurde er wieder Vorsitzender der PDM-Fraktion und am 13. Juli 1968 Mitglied des Ausschusses für Nationale Verteidigung und die Streitkräfte (Commission de la défense nationale et des forces armées). In einer Gesetzesinitiative vom 29. Oktober 1968 forderte er die Modifizierung und Erweiterung der Geschäftsordnung der Nationalversammlung. Ferner befasste er sich intensiv mit Fragen der öffentlichen Bildung, der Hochschul- sowie zur Jugendpolitik, wodurch es auch zu Konflikten mit seinem alten Mentor Edgar Faure kam, der nach den Mai-Unruhen am 12. Juli 1968 Minister für nationale Bildung in der Regierung von Premierminister Maurice Couve de Murville geworden war. 1968 wurde er auch Mitglied des Französisch-Nordvietnamesischen Freundschaftskomitees.
Landwirtschaftsminister 1969 bis 1971 Nach dem Referendum zur Reform des Senats und zur Regionalisierung (Référendum sur la réforme du Sénat et la régionalisation) vom 27. April 1969 und der Wahl seines Freundes Georges Pompidou am 15. Juni 1969 zum Staatspräsidenten bildete er innerhalb der PDM zusammen mit anderen jüngeren Politikern wie Bernard Stasi, Joseph Fontanet und Jacques Barrot das Centre démocratie et progrès (CDP) entstand, dessen Präsident er wurde. Das CDP bezog seine politische Inspiration laut Duhamel aus drei verschiedenen Strömungen der französischen Politik: aus dem Liberalismus des Geistes, der christlichen Moral sowie der reformistischen Linken.