mini|Jürgen L. Müller, vor 2016 Jürgen Leo Müller (* 5. Mai 1963 in Würzburg) ist ein deutscher Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Er ist Universitätsprofessor für forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Georg-August-Universität in Göttingen sowie Chefarzt für forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Asklepios Klinik in Göttingen. Sein wissenschaftliches Interesse gilt vorrangig der empirischen Forschung zu forensisch relevanten Störungen, insbesondere bei Persönlichkeitsstörungen, bei Psychopathie sowie bei Sexual- und Gewaltstraftaten. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Nutzbarkeit empirischer Techniken zur Beantwortung rechtlicher Fragen.Jürgen Leo Müller, Norbert Nedopil: Neurowissenschaften in Foro: Hilfreiche Technik oder neue Quelle von Missverständnissen Zeitschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform.

Leben Jürgen Müller wurde als zweites von drei Kindern des Metzgermeisters Walter Müller und dessen Frau Rosa, geb. Lutz, in Würzburg geboren, besuchte ab 1969 die Grundschule in Rottendorf; vier Jahre später in Würzburg das Schönborn-Gymnasium und ab 1975 das Deutschhaus-Gymnasium (neusprachlicher Zweig), wo er 1982 sein Abitur machte. Nach dem Grundwehrdienst als Sanitäter in Veitshöchheim und Wildflecken studierte er vom Sommersemester 1984 bis November 1990 Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seine Dissertation über Oskar Panizza begann er 1987 bei Gundolf Keil und Gerhardt Nissen. Damit wurde er im Juni 1991 promoviert. Sein Praktisches Jahr hatte er an der Universität Würzburg (mit dem Wahlfach Neurologie) absolviert und den dritten Abschnitt der ärztlichen Prüfung im November 1990.Jürgen Müller: Lebenslauf. In: Jürgen Müller: Oskar Panizza – Versuch einer immanenten Interpretation. Medizinische Dissertation Würzburg (Dezember 1990) 1991, S. 297 f. Nach seiner Ausbildung zum Facharzt für Neurologie sowie Psychiatrie und Psychotherapie war er in der Forensischen Psychiatrie in Homburg/Saar, Bern und Regensburg sowohl klinisch verantwortlich als auch wissenschaftlich und gutachterlich tätig. 2003 habilitierte sich Müller an der Universität Regensburg über den Beitrag der funktionellen Magnetresonanztomographie zum Konnektivitätsmodell neuropsychiatrischer Erkrankungen. Seit 2006 ist er Universitätsprofessor für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Ludwig-Meyer-Institut der Georg-August-Universität in Göttingen. Zugleich ist er Chefarzt der Asklepios Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie Göttingen.Jürgen Müller als Chefarzt an der Asklepios für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie.

Müller ist psychiatrischer Gutachter in zahlreichen Straf- und Zivilverfahren. Er war als psychiatrischer Sachverständiger unter anderem mit dem Fall des Doppelmörders von BodenfeldeGutachter haben keine Zweifel an Geständnis. In: Göttinger Tageblatt Eichsfelder Tageblatt. 9. Juni 2011. und des Amokfahrers von GrazGrazer Amokfahrer: Anstalt statt Gefängnis Die Presse.com (1. Juni 2016) betraut.

Wissenschaftlicher Beitrag Seit seiner 1990 fertiggestellten psychiatrie-historischen Dissertation über den Münchener Psychiater und Schriftsteller Oskar Panizza, mit welcher er im Juni 1991 am Würzburger Institut für Geschichte der Medizin mit summa cum laude promoviert wurdeJ. L. Müller: Der „Pazjent“ als Psychiater – Oskar Panizzas Weg vom Irrenarzt zum Insassen. Mit einem Vorwort von Christian Müller. Edition „Das Narrenschiff“ [Hrsg.v. Asmus Finzen]. Psychiatrie-Verlag, 1999.J. L. Müller: Oskar Panizza – Versuch einer immanenten Interpretation. [Medizinische Dissertation in Würzburg 1990] Tectum-Verlag Marburg 1999 [= Edition Wissenschaft, Unterreihe „Humanmedizin“, Band 264]J. L. Müller: Imperjalja. Manuskript germ. qu. 1838 der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin, in Textübertragung herausgegeben und mit Anmerkungen versehen. Guido Pressler Verlag, Hürtgenwald 1993. gilt Müllers wissenschaftliches Interesse vorrangig der empirischen Forschung zu forensisch relevanten Störungen.J. L. Müller (Hrsg.): Neurobiologe forensisch relevanter Störungen. Kohlhammer Verlag, 2009. In Regensburg setzte er als Leiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Emotionsverarbeitung und Emotionsregulation“ zahlreiche Forschungsprojekte zu forensisch relevanten Störungen der Persönlichkeit („Psychopathy“),J. L. Müller, S. Gänßbauer, M. Sommer, T. Weber, K. Döhnel, G. Hajak: Volumenminderung und reduzierte emotionale Aktivierbarkeit des rechten superioren temporalen Gyrus bei krimineller „Psychopathy“. Untersuchungen mit Voxel-basierter Morphometrie und funktioneller Magnetresonanztomographie. In: Psychiatrische Praxis. (S1), 2007, S. 165–167.J. L. Müller: Neurobiologie der Aggressionsgenese. I. Neurochemische Befunde. In: Nervenheilkunde. Band 25, Nr. 11, 2006, S. 953–961.J. L. Müller, M. Sommer, H. Taschler, K. Lange, V. Wagner, G. Hajak: Abnormalities in Emotion Processing within Cortical and Subcortical Regions in Criminal Psychopaths. Evidence from an fMRI Study using Pictures with Emotional Contents. In: Biological Psychiatry. Band 54, 2003, S. 152–162. der ImpulskontrolleJ. L. Müller, A. Putzhammer, G. Hajak: fMRT – Studien zur funktionellen Neuroanatomie motorischer Regelkreise. Einfluss von Krankheit und Antipsychotika auf die motorische Hirnaktivierbarkeit schizophrener Patienten. In: Psychiatrische Praxis. Band 35, 2005, S. 47–52.J. L. Müller, M. Sommer, T. Weber, G. Hajak: Neurobiologie der Gewalt: Empirische und experimentelle Befunde zu reaktiven Formen der Gewalt. In: Psychiatrische Praxis. Band 31, 2004, S. 50–51. der EmotionsregulationJ. L. Müller, M. Sommer, H. Taschler, K. Lange, V. Wagner, G. Hajak: Abnormalities in Emotion Processing within Cortical and Subcortical Regions in Criminal Psychopaths. Evidence from an fMRI Study using Pictures with Emotional Contents. In: Biological Psychiatry. Band 54, Nr. 2, 2003, S. 152–162. sowie zu reaktiven und proaktiven Formen der Aggression um.J. L. Müller: Neurobiologie der Aggressionsgenese. I. Neurochemische Befunde. In: Nervenheilkunde. Band 25, Nr. 11, 2006, S. 953–961.J. L. Müller: Neurobiologie der Aggressionsgenese. II. Bildgebende Befunde. In: Nervenheilkunde . Band 25, Nr. 11, 2006, S. 962–968.J. L. Müller, M. Sommer, T. Weber, G. Hajak: Neurobiologie der Gewalt: Empirische und experimentelle Befunde zu reaktiven Formen der Gewalt. In: Psychiatrische Praxis. Band 31, 2004, S. 50–51. Die in Göttingen neben den klassischen forensischen Fragestellungen durchgeführten Studien zur Blickregistrierung (Eye-TrackingK. Jordan, P. Fromberger, H. Laubinger, P. Dechent, J. L. Müller: Changed processing of visual sexual stimuli under GnRH-therapy - a single case study in pedophilia using eye tracking and fMRI. In: BMC Psychiatry. Band 14, 2014, S. 142. doi:10.1186/1471-244X-14-142P. Fromberger, K. Jordan, J. L. Muller: Use of virtual reality in forensic psychiatry: A new paradigm? [Anwendung virtueller Realitäten in der forensischen Psychiatrie: Ein neues Paradigma?]. In: Der Nervenarzt. Band 85, Nr. 3, 2014, S. 298–303. doi:10.1007/s00115-013-3904-7P. Fromberger, K. Jordan, H. Steinkrauss, J. von Herder, G. Stolpmann, B. Kroner-Herwig, J. L. Muller: Eye movements in pedophiles: Automatic and controlled attentional processes while viewing prepubescent stimuli. In: Journal of Abnormal Psychology. Band 122, Nr. 2, 2013, S. 587–599. doi:10.1037/a0030659 auch in Kombination mit fMRT) zielen darauf, das Potential empirischer Untersucher unabhängiger Parameter für Diagnose, Prognose und Therapieevaluation zu evaluieren.Jürgen Leo Müller, Norbert Nedopil: Neurowissenschaften in Foro: Hilfreiche Technik oder neue Quelle von Missverständnissen Zeitschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform. In: Zeitschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform. Band 97, Nr. 5, 2014, S. 345–355.J. L. Müller: Forensische Psychiatrie im Zeitalter der „Neuroscience“: Stand und Perspektive neurobiologischer Forschung bei der Beantwortung forensisch-psychiatrischer Fragestellungen. In: Nervenarzt. 2008, S. 1–8.

Müller war zur Frage der Privatisierbarkeit hoheitlicher Aufgaben 2006 vor den niedersächsischen Staatsgerichtshof Bückeburg sowie 2011 als Sachverständiger vor das Bundesverfassungsgericht geladen. 2012 erstellte er ein Sachverständigengutachten für das Bundesverfassungsgericht zur Frage der „Psychischen Störung“ im Rahmen des Therapieunterbringungsgesetzes.J. L. Müller: Die Regelungen der Sicherungsverwahrung im Lichte des Bundesverfassungsgerichtsurteils vom 4. Mai 2011 in ihren Auswirkungen auf Psychiatrie und Psychotherapie. In: NK Neue Kriminalpolitik – Forum für Praxis, Recht und Kriminalwissenschaften. Nomosverlag 02, 2012, S. 54–61.J. L. Müller, N. Saimeh, E. Habermeyer, N. Nedopil, P. Falkai (Hrsg.): Die Neuregelung der Sicherungsverwahrung. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin Verlag, 2012. Dieses greift die Argumentation im Fall K.J. L. Müller: Vom BayUBG zum BayStrUBG: Rückfallprävention zwischen staatlichem Sicherheitsanspruch, Selbstverständnis psychiatrischer Kliniken und individuellen Freiheitsrechten. In: J. L. Müller, G. Hajak (Hrsg.): Über die Zerbrechlichkeit der Willensbestimmung. (= MedizinRecht). Springer Verlag, 2005, S. 21–35.J. L. Müller: Vom BayUBG zum BayStrUBG: Rückfallprävention zwischen staatlichem Sicherheitsanspruch, Selbstverständnis psychiatrischer Kliniken und individuellen Freiheitsrechten. In: J. L. Müller, G. Hajak (Hrsg.): Über die Zerbrechlichkeit der Willensbestimmung. Selbstverlag, Regensburg 2004, S. 55–77. aus dem Jahr 2003 zur Frage auf, ob die Gesellschaft mit Hilfe des Bayerischen Unterbringungsgesetzes vor hochgefährlichen, doch psychisch gesunden Straftätern geschützt werden kann. Die auf dieses Gutachten gestützte Ablehnung durch das Bayerische Oberste Landgericht zog dann die Einführung des Bayerischen Straftäterunterbringungsgesetzes nach sich.J. L. Müller: Vom BayUBG zum BayStrUBG: Rückfallprävention zwischen staatlichem Sicherheitsanspruch, Selbstverständnis psychiatrischer Kliniken und individuellen Freiheitsrechten. In: J. L. Müller, G. Hajak (Hrsg.): Über die Zerbrechlichkeit der Willensbestimmung. (= MedizinRecht). Springer Verlag, 2005, S. 21–35.J. L. Müller, H. E. Klein, C. Cording: Missbrauch der Psychiatrie? Konflikte zwischen staatlichem Sicherheitsanspruch und dem Selbstverständnis psychiatrischer Kliniken. In: Psychiatrische Praxis. 8, Band 28, 2002, S. 446–420.

Müller forschte zum Problem der Falsch Positiven (das sind die in Haft gehaltenen, obwohl nicht wieder straffälligen Probanden) bei Gefährlichkeitsprognosen: Die von Müller vorgelegte und fortgeführte Studie zur Legalbewährung nach nicht angeordneter nachträglicher Sicherungsverwahrung umfasst nach Einholung aktueller Auszüge aus dem Bundeszentralregister nun einen Katamnese-Zeitraum von 6,5 Jahren und eine größere Fallzahl.J. L. Müller, K.-A. Haase, G. Stolpmann: Recidivism and characteristics of highly dangerous offenders being released from retrospectively imposed preventive detention. In: Behav. Sci. Law. 2013. doi:10.1002/bsl.2069J. L. Müller, G. Stolpmann, P. Fromberger, K.-A. Haase, K. Jordan: Legalbewährung nach nicht angeordneter nachträglicher Sicherungsverwahrung – Implikationen für die Neuregelung der Sicherungsverwahrung. In: Nervenarzt. Band 84, Nr. 3, März 2013, S. 340–349.