Hara (jap. ) wird in der traditionellen japanischen Medizin und in der Tradition der japanischen Kampfkünste als technischer Begriff für einen spezifischen Bereich (körperlich/anatomisch) oder für das Energiefeld (physiologisch/energetisch) des Körpers gebraucht.
Hara in der traditionellen japanischen Medizin In der traditionellen Medizin Japans wird das Hara der Bauchgegend zugeordnet, und zwar vertikal in dem Bereich zwischen Brustbein und Schambein und horizontal zwischen dem äußeren unteren Rippenbogen und dem Beckenkamm.Beresford-Cooke, Carola; Shiatsu Theory and Practice. A comprehensive text for the student and professional. Churchill Livingstone, London, New York, Tokyo 1996, ISBN 0-443-04941-6, S. 235. Es entspricht dem Bereich des Abdomens, der nicht durch den Brustkorb verdeckt wird, und stimmt so mehr oder weniger mit den Eingeweiden überein, die vom Darm überlagert werden.
Hara-Diagnose Ähnlich wie in der westlichen Medizin nutzen die japanischen Mediziner und medizinischen Therapeuten den Unterleib (das Hara), um den gesundheitlichen Zustand des Patienten zu bestimmen, besonders den Zustand der Bauchorgane oder Gewebe und die damit verbundenen Energiefelder.Yoshiaki Omura: Acupuncture Medicine - Its Historical and Clinical Background. Japan Publications, Tokyo 1982. ISBN 0-486-42850-8, S. 232f. Während sich in der westlichen Medizin der Tastbefund des Unterleibs auf die physischen Organe bezieht, um ihre Größe, Form, Konsistenz, Reaktion auf Druck und Ähnliches zu bestimmen, wird in der östlichen Medizin das Hara als ein Bereich gesehen, der den Zustand aller Organe widerspiegelt, ob sie nun physisch zu ertasten sind oder nicht. Dabei werden auch ihr energetischer und physikalischer Zustand sowie ihre komplexen Beziehungen zueinander berücksichtigt.Matsumoto, Kiiko / Birch, Stephen: Hara Diagnosis: Reflections on the Sea. Paradigm Publications 1988, ISBN 978-0-912111-13-1, S. 315 f. In der Diagnose und Behandlung wird das Hara in Bereiche unterteilt, welche den (zehn, elf oder zwölf) lebenswichtigen Organen und ihren funktionalen Energiefeldern zugeordnet sind. Die Einzelheiten dieses Grundmodells der Hara-Diagnose unterscheiden sich von Schule zu Schule, je nachdem, welche philosophischen, physiologischen, pathologischen oder therapeutischen Modelle der japanischen oder chinesischen Medizin zugrunde gelegt werden (beispielsweise fünf Elemente, fünf Phasen, Yin und Yang, Zang FuMaciocia, Giovanni; The Foundation of Chinese Medicine. A Comprehensive Text for Acupuncturists and Herbalists. 2nd edition, Elsevier, Philadelphia 2nd editione, 2005. ISBN 0-443-07489-5. oder die Meridian-TheorieDenmei, Shudo; Japanese Classical Acupuncture: Introduction to Meridian Therapy, translated from the Japanese by Stephan Brown, Eastland Press Seattle, 1990. ISBN 0-939616-11-4. Originally published as Keiraku Chiryo no Susume, Ido No Nippon Company, Tokyo 1983.), aber die wesentlichen zugrunde liegenden Prinzipien bleiben die gleichen.Denmei, Shudo; Japanese Classical Acupuncture: Introduction to Meridian Therapy, translation Stephan Brown, Eastland Press Seattle, 1990. ISBN 0-939616-11-4, p.88ff. gives a historical overview with examples for different models of abdominal diagnosis for acupuncture according to different schools
Hara-Diagnose in der fernöstlichen medizinischen Tradition In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), besonders in der modernen Kräuterheilkunde und Akupunktur, ist die Pulsdiagnose (drei Punkte an jedem Handgelenk)Maciocia, Giovanni: The Foundation of Chinese Medicine. A Comprehensive Text for Acupuncturists and Herbalists. 2nd edition, Elsevier, Philadelphia 2nd editione, 2005. ISBN 0-443-07489-5, p.372f. eine der wichtigsten Methoden zur medizinischen Diagnose. In China, oder einigen Teilen der chinesischen Gesellschaft, ist diese Pulsdiagnose kulturell bedingt eher akzeptiert, als die intim empfundene, invasive Hara-Diagnose oder Ganzkörper-Tast-Diagnose. Dies hängt auch mit der Bedeutung bestimmter Traditionen oder Schulen der TCM zusammen, sowohl in der Vergangenheit als auch in der jüngeren Geschichte des Landes.Seem, Mark; Acupuncture Imaging. Perceiving the Energy Pathways of the Body. A guide for practitioners and their patients. Healing Art Press Vermont, 1990. ISBN 0-89281-375-X.
In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass im Westen nicht nur die (mehr oder weniger genauen) Übertragungen und Übersetzungen der ursprünglichen Texte bekannt werden, sondern auch die Auswahl der zur Verfügung stehenden Quellen eine Bedeutung hat, sei es durch Lehre und Ausbildung, Öffnung der Archive oder in jüngerer Zeit auch die modernen Ausgaben. So bezieht sich die französische Praxis und Forschung auf dem Gebiet der fernöstlichen oder orientalischen (wie es manche lieber nennen) Medizin mehr auf die vietnamesischen Lehren, Quellen und LiteraturSeem, Mark; Acupuncture Imaging. Perceiving the Energy Pathways of the Body. A guide for practitioners and their patients. Healing Art Press, Vermont 1990. ISBN 0-89281-375-X, p.5-8, p.17ff. (Vietnam war während der Kolonialzeit Teil von Französisch-Indochina), während sich die frühen deutschen und englischen Praktiker mehr auf vormoderne chinesische Quellen berufen (in der Qing-Dynastie von 1644 bis 1911 waren die europäischen Mächte sehr einflussreich in China). Amerikanische Praktiker und Lernende haben auf der anderen Seite davon profitiert, dass das japanische Material in den Nachkriegsjahren verfügbar wurde, als das Land 1945 unter die amerikanische Verwaltung fiel. Erst als sich China in den 70er Jahren öffnete, standen auch die Quellen von dort zur Verfügung. Inzwischen ist es so, dass die meiste Quellenliteratur und Kommentare, welche von den Forschern und infolgedessen auch von den Lehrern, Studenten und Praktikern genutzt wird, von den Forschungsinstituten der Volksrepublik China entstammt.Seem, Mark; Acupuncture Imaging. Perceiving the Energy Pathways of the Body. A guide for practitioners and their patients. Healing Art Press, Vermont 1990. ISBN 0-89281-375-X, p.5-8, Introduction.
In der traditionellen japanischen Medizin stand auf der anderen Seite schon immer die Massage im FokusOn Hara Massage Therapy for example see: Ota, Shinsai; Ampuku Zukai. Yamashiroya 1827 (Japanese, full citation needed) und sie bevorzugt seit jeher den diagnostischen Tastbefund sehr viel stärker, als es von der bekannteren Traditionellen Chinesischen Medizin bekannt ist. Seit Jahrhunderten hat sich die Diagnose mittels Tastbefund des gesamten Körpers und besonders der Akupunkturpunkte,Denmai, Shudo: Finding effective acupuncture points, translated by Stephen Brown, Eastland Press Seattle 2003. ISBN 0-939616-40-8. der Meridiane und des Hara in Japan zu einem hohen Standard entwickelt. Wie bereits oben erwähnt, finden sich in dieser Tradition verschiedene Ausprägungen, die sich auf die unterschiedlichen Schulen stützen, die in der Entwicklung ihrer klinischen Arbeit und theoretischen Modellen auf verschiedenen Aspekten der philosophischen und medizinischen Grundlagen basieren. In der zeitgenössischen Meridian-Therapie-Schule, in der unter anderem Shudo Denmei (1932 - ) eine führende Persönlichkeit ist,https://www.tcm-kongress.de/en/speakers/index.htm wird großer Wert auf eine breite Palette von palpatorischen Fähigkeiten Wert gelegt. Ihr medizinischer Ansatz basiert auf dem Modell der Fünf Wandlungsphasen mit einem Schwerpunkt auf dem Abtasten des Unterleibes, das heißt, der Hara-Diagnose. Es wird von Akupunkteuren, Masseuren und Shiatsu-Praktikern eingesetzt.Denmei, Shudo: Japanese Classical Acupuncture: Introduction to Meridian Therapy, translated by Stephen Brown. Eastland Press Seattle, 2011. ISBN 0-939616-73-4.
Hara in östlichen und westlichen Körper-Geist-Therapien Neben der Akupunktur, die auch im Westen schon sehr bekannt ist, gibt es in den östlichen Therapien weitere, die sich in ihrer Arbeit explizit auf das Hara konzentrieren, wie z. B. Anma, AmpukuOta, Shinsai: Ampuku Zukai. Yamashiroya 1827 (Japanese, full citation needed), ShiatsuBeresford-Cooke, Carola; Shiatsu Theory and Practice. A comprehensive text for the student and professional. Churchill Livingstone, London, New York, Tokyo 1996, ISBN 0-443-04941-6. und Qigong.Yang, Jwing-Ming; QiGong Meditation. Embryonic Breathing. YMAA Publication Centre Boston, US, 2003. ISBN 1-886969-73-6, p.120-168. Eine immer größer werdende Zahl von Körper-Geist-Therapien werden vom Westen übernommen und/oder dort weiterentwickelt, welche die östliche Hara-Diagnose zur Grundlage haben. Einige beziehen Atemtechniken mit ein, wie die Buteyko-Methode und Yoga oder Körperhaltung und Bewegungstherapie, wie Bewegungsintegration, Feldenkrais, Alexander-Technik, Qigong und Yoga oder manuelle Therapie wie Osteopathie, Shiatsu und Massagetechniken. Ziel ist es, sich über und unterhalb der Bauchhöhle zu entspannen, zu stärken und Unterstützung zu erhalten, damit die inneren Organe und Gewebe gut funktionieren – mit anderen Worten: den Bauch oder das Hara mit Blick auf eine ganzheitliche Heilung zu betrachten. In der Osteopathie liegt der Fokus in der Unterleibstherapie z. B. auf der Stimulation des Venen-Kreislaufs und der LymphdrainageStone, Caroline; Science in the Art of Osteopathy. Osteopathic Principles and Practice. Stanley Thornes, Cheltenham 1999. ISBN 0-7487-3328-0, p.236-252, sowie der Neuausrichtung der Organe.Helsmoortel, Jérôme, Hirth, Thomas, Wührl Peter: Visceral Osteopathy: The Peritoneal Organs, Eastland Press Seattle, 2003. For details: .
Hara in den Kampfkünsten In den Martial Arts wird das Hara oft mit dem unteren der drei Dantian (Tanden im Japanischen) gleichgesetzt. Verschiedene Kampfkunststile beschreiben es als knapp unter oder direkt hinter dem Bauchnabel.Yang, Jwing-Ming; QiGong Meditation. Embryonic Breathing. YMAA Publication Centre Boston, US, 2003. ISBN 1-886969-73-6, p.120-168 In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) wird der Beiname Dantian auch für die drei Akupunkturpunkte verwendet: „Tor des Ursprungs“ (Ren 4), „Meer des Qi“ (Ren 6),Deadman, Peter& Al-Khafaji, Mazin, with Baker, Kevin: A Manual of Acupuncture. Journal of Chinese Medicine Publications, Hove (East Sussex) 1998, ISBN 0-9510546-7-8, p.501-506 und bei einigen auch für das „Steintor“ (Ren 5).Matsumoto, Kiiko& Birch, Stephen: Extraordinary Vessels. Paradigm Publications, Brookline (Mass)1986, p.119. Alle drei Punkte liegen auf der Mittellinie (Zentrum der Linea alba) des Unterbauchs (1 bis 3 Daumenbreit unterhalb des Bauchnabels). Sie sind Teil des „Ren Mai“, in der Regel als Konzeptionsgefäß (KG) übersetzt, eine der Qi Jing Ba Mai, der acht außerordentlichen Meridiane oder Energiebahnen des Körpers.