mini|hochkant=0.6|Anton Tschechow Krankenzimmer Nr. 6, auch Eine gottgefällige Anstalt und Ein Krankenhaus (), ist eine Erzählung (ein „Miniaturroman“ wie Ulrich Weinzierl anmerkt) des russischen Schriftstellers Anton Tschechow, die im Novemberheft 1892 der gemäßigt liberalen Moskauer Monatszeitschrift Russkaja Mysl („Der russische Gedanke“)russ. Русская мысль erschien.Peter Urban in der verwendeten Ausgabe, S. 184 oben
Inhalt In einem Nebengebäude des Provinzkrankenhauses befindet sich das Krankenzimmer Nr. 6, die psychiatrische Abteilung der Anstalt. Dort leben fünf Patienten, darunter der Jude Moissejka, der als einziger die Station zeitweise verlassen darf, sowie der ehemalige Gerichtsvollzieher und Gouvernementssekretär Iwan Dmitritsch Gromow. Die Station wird von dem ehemaligen Soldaten Nikita bewacht, der die Patienten regelmäßig schlägt und misshandelt.
Der Arzt Dr. Andrei Jefimitsch Ragin leitet das Krankenhaus. Eigentlich hatte er Geistlicher werden wollen, wurde jedoch auf Wunsch seines Vaters Mediziner. Als er seine Stelle antritt, befindet sich das Krankenhaus in einem desolaten Zustand. In den Krankensälen herrschen Schmutz, Gestank und Unordnung.
Ragin versucht zunächst einige Verbesserungen durchzusetzen, findet sich aber im Laufe der nächsten Jahre mit den Verhältnissen ab. Er verbringt seine Zeit zunehmend mit Büchern zur Geschichte und Philosophie und widmet seiner ärztlichen Tätigkeit immer weniger Aufmerksamkeit. Seine Haushälterin Darjuschka kümmert sich um seinen Haushalt.
Zu seinen wenigen Bekannten gehört der Postmeister Michail Awerjanytsch, mit dem er regelmäßig Gespräche über philosophische Fragen führt.
Eines Tages besucht Ragin das Krankenzimmer Nr. 6 und macht die Bekanntschaft des Patienten Iwan Dmitritsch Gromow. Dieser leidet an Verfolgungswahn und vertritt in langen Gesprächen entschieden seine Ansichten über Leid, Unrecht und die Zustände in der Gesellschaft. Die Begegnungen werden zu einem festen Bestandteil von Ragins Alltag. Er besucht die Station immer häufiger und führt stundenlange Gespräche mit Gromow.
Die häufigen Besuche bleiben im Krankenhaus und in der Stadt nicht unbemerkt. Mitarbeiter und Beamte beginnen, an Ragins geistiger Gesundheit zu zweifeln. Schließlich wird er vor ein Gremium geladen, das seine Zurechnungsfähigkeit überprüft. Kurz darauf wird er aufgefordert, sein Amt niederzulegen.
Gemeinsam mit Michail Awerjanytsch reist Ragin nach Moskau, Petersburg und Warschau um sich abzulenken. Die Reise mit dem Postmeister ist für Ragin anstrengend. Nach seiner Rückkehr meidet er den Kontakt mit ihm und lebt zurückgezogen. Durch den Verlust seiner Stellung im Krankenhaus verfügt Ragin nur noch über geringe Einkünfte.
Die Gerüchte über seinen Geisteszustand reißen nicht ab. Als Ragin eines Tages die Beherrschung verliert und mehrere Besucher aus seiner Wohnung weist, verschlechtert sich seine Lage weiter.
Wenig später lockt ihn der Arzt Chobotow unter einem Vorwand ins Krankenhaus. Dort wird Ragin gegen seinen Willen als Patient in das Krankenzimmer Nr. 6 eingewiesen.
Als Ragin die Station verlassen möchte, wird er von Nikita daran gehindert. Der Wärter schlägt ihn und sperrt ihn gemeinsam mit den anderen Patienten ein. Ragin verbringt die Nacht auf der Station. Am folgenden Tag erleidet er einen Gehirnschlag und stirbt.
Zu seiner Beerdigung erscheinen lediglich Michail Awerjanytsch und Darjuschka.
Rezeption Lenin schreibt nach der Lektüre: „Als ich dies zu Ende gelesen hatte, wurde mir direkt unheimlich; ich konnte nicht mehr in meinem Zimmer bleiben, ich stand auf und ging hinaus. Mir war, als wäre ich selbst im Krankensaal Nr. 6 eingesperrt.“Lenin, zitiert auf dem hinteren Buchdeckel der verwendeten Ausgabe April 1955, Hermann HesseHesse bei Urban anno 1988, S. 224, 6. Z.v.o.: „Meisterwerke wie die vom Krankenzimmer Nr. 6 ...lese ich alle paar Jahre wieder.“ In Anspielung auf Tschechows Erzählung nannte Valerij Tarsis den autobiographischen Roman über seine zwangsweise Unterbringung in einer sowjetischen Psychiatrie Палата № 7 (1965). Der Slawist Wolf Düwel sieht in Krankenzimmer Nr. 6 die stärkste Gestaltung der Eindrücke, die Tschechow von seiner Reise nach Sachalin 1890 mitgebracht hatte, und eine „charakteristische Darstellung damaliger russischer Zustände“. Tschechow prangere darin die verlogene moralische Selbstvervollkommnung bei untätiger Duldung der schreienden Missstände an.Anton Tschechow: Meistererzählungen, Rütten & Loening, Berlin 1984. S. 641 (Nachwort).
Übersetzungen C. Bergers Übertragung ins Deutsche kam 1902 bei J. Gnadenfeld & Co. in Leipzig heraus. Andere Übersetzungen: 1894 ins Serbokroatische (Палата бр. 6), ins Dänische (Sjette Afdeling) und ins Norwegische (Sygestue no. 6), 1895 ins Schwedische (Sjuksalen no. 6), 1896 ins Bulgarische (Палата № 6), 1898 ins Französische (La salle nr. 6), 1900 ins Polnische (Oddział nr. 6) und ins Finnische (Lääkärin kohtalo eli sairaalan no. 6) sowie 1903 ins Englische (Ward no. 6) und ins Tschechische (Na šestce).russ. Hinweise auf Übersetzungen
Adaptionen Film 3. Dezember 1974, BRD, Krankensaal 6, TV-Film von Karl Fruchtmann mit Helmut Qualtinger als Dr. Ragin.Krankensaal 6 in der IMDb 1. Juni 1978, Jugoslawien, Paviljon VIserb. Павиљон 6, TV-Film von Lucian Pintilie mit Slobodan Perovicserb. Слободан Перовић als Dr. Ragin.Paviljon VI in der IMDb 28. Oktober 1987, Polen, Sala nr 6poln. Sala nr 6, TV-Film von Krzysztof Gruberpoln. Krzysztof Gruber mit Jerzy Bińczyckipoln. Jerzy Bińczycki in der Hauptrolle.Sala nr 6 in der IMDb 23. Dezember 2004, Russland und Österreich, Ragin, von Kirill Semjonowitsch Serebrennikow mit Aleksei Guskov in der Titelrolle. 3. September 2009, Russland, Mosfilm, Krankenzimmer Nr. 6russ. Палата № 6 (фильм), Spielfilm von Karen Georgijewitsch Schachnasarow mit Wladimir Adolfowitsch Iljinruss. Ильин, Владимир Адольфович als Dr. Ragin.Krankenzimmer Nr. 6 in der IMDb Im Herbst 2025 wurde eine englischsprachige Adaption des Stücks mit Peter Seaton-Clark in der Hauptrolle in der Schweiz gedreht.Burdock Lodge Productions Brand als ProduktionsfirmaWard Six in der IMDB
Theater 25. Februar 2010, Irene Bazinger in der Berliner Zeitung: Wer nicht verrückt ist, der ist nicht normal 27. Februar 2010, Michael Laages bei deutschlandfunk.de: Dimiter Gotscheff bringt Krankenzimmer Nr. 6 auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin. 1. März 2010, Ulrich Weinzierl in der Welt: Tschechows Figuren, gefangen in der Irrenanstalt.
Deutschsprachige Ausgaben Krankenstation Nr. 6, S. 75–145 in Anton Tschechow: Meistererzählungen. Aus dem Russischen übersetzt von Hertha von Schulz. Nachwort: Gudrun Düwel. 431 Seiten. Aufbau-Verlag Berlin 1962 (enthält: Pferdediebe. Weiber. Der Anfall. Krankenstation Nr. 6. Springinsfeld. Der schwarze Mönch. Das Haus mit dem Zwischenstock. Bauern. Der Mensch im Futteral. In der Schlucht. Die Braut). Verwendete Ausgabe Krankenzimmer Nr. 6. Erzählung eines Unbekannten. Kleine Romane II. Aus dem Russischen von Ada Knipper und Gerhard Dick. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Peter Urban. 196 Seiten. Diogenes, Zürich 1976 (Lizenzgeber: Winkler, München 1968), ISBN 3-257-20268-7
Sekundärliteratur Peter Urban (Hrsg.): Über Čechov. 487 Seiten. Diogenes, Zürich 1988 (Diogenes-Taschenbuch 21244). ISBN 3-257-21244-5
Weblinks Der Text online bei author-chehov.ru (russisch) online in der FEB (russisch) online bei litmir.co (russisch) online in der Bibliothek Komarow (russisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Werk von Anton Pawlowitsch Tschechow Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Russisch) Kategorie:Erzählung