mini|300px|Luftbild von Wutöschingen vom 31. Januar 2015. Oben/rechts die Randenausläufer Wutöschingen im Landkreis Waldshut in Baden-Württemberg (Deutschland) ist eine Gesamtgemeinde, die 1975 im Zuge der Gemeindereform aus fünf Ortschaften gebildet wurde. Die Infrastruktur des Kleinzentrums Wutöschingen wurde ab 1900 während der Industrialisierung der Hochrhein-Region von einem Aluminiumwalzwerk geprägt.Georg Eble: Wutöschingen, aufstrebendes Kleinzentrum im Wutachtal. In: Heimat am Hochrhein. Jahrbuch des Landkreises Waldshut, Verlag des Südkurier, Konstanz 1990, ISBN 3-87799-094-0, S. 30 f.
Wutöschingen liegt im mittleren Wutachtal an der Bundesstraße 314 und einer 2018 reaktivierten Teilstrecke der Wutachtalbahn.
Geographie Lage Die Gemeinde mit ihren fünf Ortsteilen liegt am südöstlichen Rand des Schwarzwalds am Flusslauf der Wutach, die am Feldberg entspringt und in der Nähe der Kreisstadt Waldshut-Tiengen in den Hochrhein mündet. Die Tallage grenzt die Schwarzwaldausläufer und die nördliche Bergkette des Südranden voneinander ab. Die Wutach ist zum Osten und Süden hin auch die Grenze zur Landschaft Klettgau. Im von Wald und landwirtschaftlicher Nutzung geprägten Umfeld liegen von den Wohnbereichen abgeschirmt zwei Gewerbebezirke, vorwiegend mit Unternehmen der Aluminiumbranche.
Das Gemeindegebiet umfasst 26,47 km²; 7,58 km² sind bewaldet, davon 5,5 km² in Gemeindebesitz.
Gemeindegliederung Zur Gemeinde Wutöschingen gehören neben dem gleichnamigen, heutigen Hauptort Wutöschingen die Ortschaften Degernau, Horheim, Ofteringen und Schwerzen.
Nachbargemeinden Nachbargemeinden sind im Nordwesten Ühlingen-Birkendorf, im Norden Eggingen, im Osten Klettgau, im Süden Lauchringen. Im Westen grenzt Wutöschingen an das Gebiet der Stadt Waldshut-Tiengen. Die Grenze zur Schweiz befindet sich in der Nähe.
Topografie Wutöschingen liegt mit der Wutach in einem aufgeschotterten Erosionstal mit Grundwasserrinne der Eiszeiten der Urdonau und ist Teil der Wutachschlucht.
Geologie Die oberflächlich ältesten zu Tage tretende Gesteine am Fuß des Bohlhof stammen aus dem Schwarzen Jura, der Arietenkalk-Formation und der Gryphaeensandstein-Formation, wobei die tieferen Schichten zahlreiche Belemniten aufweisen. Diese werden von eisenhaltigen (rötliche Bodenfärbung) der Humphriesioolith-Formation überlagert, die auf der Hochfläche des Bohlhof erschlossen sind. Auf der gegenüberliegenden Talseite entlang der B34 steht als Abbruchkante das Gestein des Muschelkalk an.
Ortsname Die Ortschaft wird im lokalen Dialekt „Öschinge“ genannt. Öschingen war auch schon der Name des Dorfes in der Neuzeit von 1600 bis 1825.Hans Ruppaner: Die Herrschaft Wutental in: Autorenredaktion: Wutöschingen – Das Lesebuch. Hrsg.: Ortsverwaltung Wutöschingen, 2006, S. 37.
Durch die Expansion des Klosters St. Blasien entstand aus der Einteilung seiner Herrschaftsgebiete das Officium Wuotental also das Wuotenamt: die in der Neuzeit sogenannte Herrschaft Wutental, ausgehend vom einstigen Meierhof des Klosters in Horheim, Lüttisloh, abgebrochen in den 90er Jahren.
Geschichte Alte Geschichte Aus der Urgeschichte ragt das Ensemble des Menhir von Degernau mit dem zugehörigen Steingrab (Dolmen) auch als regionale Besonderheit heraus.
mini|Semberg aus Richtung Schloßbückle Fast ebenso bedeutsam in der Region ist die keltische Höhenburg auf dem Semberg bei Schwerzen, da hier noch Wallstrukturen festgestellt werden können. In der Nähe liegt auch das Schloßbückle, dessen Zugehörigkeit schwer feststellbar ist – eine ungewöhnliche Annahme ist, dass es sich um eine römische befestigte Anlage gehandelt haben könnte, die der Beobachtung des keltischen Sembergs galt.
Römer mini|Karte mit der Römischen Heerstraße in der Region 15 v. Chr. hatten zwei Armeen während den Alpenfeldzügen unter Augustus die Territorien auch der Nordschweiz besetzt und dabei überquerte die XIX. (19.) römische Legion bei Bad Zurzach/Rheinheim noch den Hochrhein. Eingerichtet wurde ein festes Lager bei Dangstetten und die in der Region siedelnden Kelten wurden unterworfen – die Zerstörung des Oppidum bei Altenburg/Rheinau in der Rheinschleife zeugt davon. Die Römer besetzten vermutlich den heutigen Klettgau bis zur Wutach als Grenzlinie nach Norden. Politische Ereignisse im Imperium und auch die Niederlage im Teutoburger Wald 9. n. Chr. verzögerten danach eine weitere Expansion und erst im Schwarzwaldfeldzug 72/73 n. Chr. schob Rom die Grenze weiter bis letztlich zur Limes-Linie. In der Nähe bei Stühlingen/Schleitheim entstand die Römerstadt Juliomagus (Thermenmuseum). Wenig erforscht ist bisher das römische Lager Untereggingen.
Im mittleren Wutachtal gibt es kaum datierbare Funde bis auf eine Bronzetafel in der Wutach, die eine eigenständige, auch kuriose Geschichte aufweist:
Nach dem Bericht einer regionalen NS-Parteizeitung 1937Der Maurer-Willi fand eine römische Bronzetafel. In: Hakenkreuzbanner. 26. September 1937. waren im Jahr zuvor von zwei Knaben bei der Autowerkstatt in der Ortschaft Metallblättchen gefunden worden, die sie ihrem Lehrer dem Heimatforscher Josef Schneider brachten. Weitere Teile davon waren schon an einen Autokühler verlötet worden, doch nach einer kuriosen Such- und Wiederentdeckungsgeschichte ließ sich das Bruchstück einer Bronzetafel weitgehend rekonstruieren:
„Es könnte sich um eine Weihinschrift für Angehörige der 7., 11. und 14. Legion handeln. Die 7. Legion war in Vindonissa (Windisch) bei Brugg/CH stationiert, ihr unterstanden auch Truppen in der Gegend von Arae Flaviae (Rottweil). […] Die Entstehung der Tafel kann dadurch in die Zeit von 70–100 n. Chr. datiert werden.“H. Merkel: Ur- und Frühgeschichte. In: Wutöschingen. S. 32.
Der offizielle Fundbericht in den Badischen Fundberichten ergab jedoch den Befund einer Grabinschrift eines Veteranen der genannten Legionen.Georg Kraft und Ernst Fabricius in: Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Baden Band 3.1937 Webseite Digitalisat Universität Heidelberg
Der Archäologe Jürgen Trumm wertet „den Fundort mitten im Wutachtal nicht als Zufall […], da dieses Nordost-Südwest verlaufende Tal den natürlichen Verbindungsweg an die obere Donau darstellt. Der strategischen Bedeutung des Wutachtals wurde bereits in augusteischer Zeit mit dem Bau des Legionslagers in Dangstetten Rechnung getragen.“Jürgen Trumm: Die römerzeitliche Besiedlung am östlichen Hochrhein. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1643-6, S. 392.
Der Heimatforscher Horst Merkel vermerkt auch römische Münzfunde im Umfeld und auch von Keramikteilen im Gewann Storchengarten in Wutöschingen.
Mittelalter und Neuzeit Nach der Auflösung des Römischen Reiches, mehrfachen germanischen Angriffswellen und dem Rückzug von der Hochrhein-Linie im 5. Jahrhundert n. Chr., besiedelten nunmehr die Alamannen das Land. Damals entstanden die Dörfer mit der Endung ‚-ingen‘, unter den Franken später auch die -heim-Orte; andere Namen und Endungen können auch auf keltische Siedlungen zurückgehen (Schwerzen und Degernau).
Es folgten die Reiche der Merowinger und Karolinger und um 800 wurde durch Karl dem Großen die Gau-Einteilung eingeführt.
Ab dem 15. Jahrhundert Im 15. Jahrhundert formierten sich größere Machtbereiche, in der Region spielte die sich im Gebiet der heutigen Schweiz bildende Eidgenossenschaft eine einflussreiche Rolle.
mini|Die Wutach auf der Höhe des Gewerbegebiets bei Horheim in Richtung Lauchringen. Gradliniger Verlauf durch die Tulla-Regulierung, 1830. Langsam war das Mittelalter, die Zeit der noch vorwiegend lokalen Beziehungen und Auseinandersetzungen vorbei, schon die Karolinger beherrschten zeitweise bereits den mitteleuropäischen Raum und den politischen (Herrschafts-)Strukturen gemäß hatten sich weite wirtschaftliche Zusammenhänge gebildet und vor allem die Waffentechnik entwickelte sich, sodass zentrale Landschaften (und das Hochrhein-Gebiet zählte dazu) jahrhundertelang mit Kriegen überzogen waren.
Besonders verheerend wirkte die Niederlage der Bauern 1524/25 und der Dreißigjährige Krieg, ganze Landschaften teilten oft ein gemeinsames grausames Schicksal.
Erst mit Bildung der großen Nationalstaaten – nach der Neuordnung durch Napoleon mit der Gründung des Großherzogtums Baden, – waren nun die ‚Heereszüge‘ mit ihren Plünderungen, Brandschatzungen und Schändungen vorbei, d. h., die modernen Formen der Kriege mit ihren Frontbildungen verschonten nun zumindest im südbadischen Raum die Dörfer vor völliger Zerstörung, Massakern und oft jahrelangem Terror durch überwinternde Heere oder Besatzungstruppen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg Beim Einmarsch der französischen Armee entlang der Deutsch-Schweizer Grenze wurde Wutöschingen am 25. April 1945 kampflos übergeben. Die Aluminium-Werke Wutöschingen wurden von der französischen Besatzungsverwaltung 1946/47 fast völlig demontiert.
Wutöschingen generiert über die in der Raumschaft starke Industrieansiedlung hohe Einnahmen, die umgehend in den Ausbau investiert wurden – in den letzten Jahren vor allem in das „weiterführende Schulangebot“ und aktuell – unter Einbezug der Rücklagen – in die Erweiterung des Gewerbegebiets bei Horheim.
Der Haushalt 2018 mit einem Gesamtvolumen von 34,3 Millionen Euro erreichte eine Rekordhöhe, die auf die Investitionshöhe von 16,23 Millionen Euro (von 5,4 im Jahr 2017) zurückzuführen war; in erster Linie durch die Erweiterung des Gewerbegebiets Horheim. Die Rücklagen schrumpften von über 11 Millionen Euro auf einen Rest von 4115 Euro. Hoch war auch die Neuschuldenaufnahme von 3,5 Millionen Euro. „Dennoch ist das Ratsgremium positiv gestimmt und hat den Haushaltsplan einstimmig verabschiedet.“Heidrun Glaser: Rekordinvestitionen für Wutöschingen, Südkurier, 25. Januar 2018.
Mit Feststellung im Juni 2017 wurde im Ortsteil Schwerzen bis Mai 2018 das Baugebiet ‚Grünweg‘ mit 16 Bauplätzen und vorgesehener Erweiterung erschlossen. Der Bereich besitzt ein Trennsystem für Abwasser (Mischwasserleitung). Im April 2019 stimmte der Gemeinderat der Erschließung eines Neubaugebiets ‚Mausäckern-Unter den Langwiesen 2‘ in Wutöschingen Richtung Schwerzen mit „27 Bauplätzen für Einfamilienhäuser, sieben Bauplätzen für Doppel- oder Einfamilienhäuser, zwei Bauplätzen für jeweils sechs Reihenhäuser und drei Bauplätzen für Mehrfamilienhäusern“ zu.Sandra Holzwarth: Häuslebauer zahlen mehr, Südkurier, 5. April 2019.
Eingemeindungen Die Gemeinde wurde mit der Gemeindereform 1975 neu gebildet, begleitet von der Flurbereinigung. Seit der Gemeindereform besteht eine Vereinbarte Verwaltungsgemeinschaft mit Eggingen.
Einwohnerentwicklung
Durch die Aluminiumwerke mit der zugezogenen Arbeiterschaft und ihren Familien war das Bauerndorf Wutöschingen schon früh mit sozialen Fragen befasst, sodass Verwaltung und Bevölkerung durch Problemlösungen eng verflochten wurden. Dies verschaffte dem Ort eine höhere Bedeutung im Umfeld, eine Entwicklung, die 1975 die Gemeindevereinigung nicht einfach machte, sich aber heute wieder egalisiert hat.
Religion mini|hochkant|Katholische Kirche St. Maria Magdalena Da Wutöschingen über alle Jahrhunderte zur Pfarrei Schwerzen gehörte und erst 1937 von ihr getrennt wurde, besaß der Ort keine eigene Kirche, sondern nur eine 1591 gebaute und der Maria Magdalena sowie dem Jakob d.ä. geweihte Kapelle, die bis 1945 den Versammlungen diente. Sie wurde 1991 abgerissen. Die Glocke der Kapelle steht heute vor der neuen Kirche.
1954 bis 1959 wurde die neue katholische Kirche gebaut. Seit 2015 bildet die katholische Gemeinde mit der katholischen Gemeinde Klettgau eine gemeinsame Seelsorgeeinheit. Pfarrer ist Frank Malzacher.Gerald Edinger: Wutöschingen: Zwei neue Pfarrer und ein heimlicher „Star“. In: Südkurier, 17. September 2020. Auf Suedkurier.de, abgerufen am 23. Juli 2021. Am 13. August 2015 wurde in Degernau das 300-jährige Jubiläum der Kirchweihe der Kirche Maria Himmelfahrt gefeiert.