mini|Jadunath Sarkar (1926) mini|Jadunath Sarkar (ganz links) 1937 im Kollegenkreis Sir Jadunath Sarkar ( ; 10. Dezember 1870 in Karachmaria bei Rajshahi in Bengalen – 15. MaiBanglapedia (2012) gibt den 19. Mai als Todesdatum an; laut Encyclopædia Britannica Ultimate Reference Suite. Chicago 2010, Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 48 (2004), S. 984 und Dictionary of National Biography 1951–1960 (1971), S. 864 („He died at his home, 10 Lake Terrace, Calcutta, on 15 May 1958, and was cremated at the Keoratala burning Ghat, Calcutta, the same day“) ist es jedoch der 15. Mai. – Das indische Referenzwerk (Dictionary of National Biography Bd. 4 , 1974, S. 63) erwähnt nur das Todesjahr 1958. 1958 in Calcutta, dem heutigen Kolkata) war ein indischer Historiker aus Bengalen.
Leben Herkunft und Ausbildung Sarkar wurde als einer von sieben Söhnen eines Zamindars (Großgrundbesitzers) aus der Schreiber-Kaste der Kayastha (Lal), die zum Kshatriya-Adel zählten,Karim, Rajshahi zamindars, S. 354; dass die Familie Betelanbau betrieben habe (ODNB 2004, S. 983), sagt nichts über ihren sozialen Status (Risley, Tribes of Bengal, Vol. 1, s. v. Barui, S. 71). Die Sarkars waren Vaishnava-Hindus; Sarkar 1974, S. 63 in Ost-Bengalen, damals Britisch-Indien, heute Bangladesch, geboren. Bereits der Vater, Rajkumar Sarkar (1840–1914), hatte sich als Erster Sekretär der Rajshahi Organisation, einer Wohlfahrtsorganisation des Distrikts, und als Angehöriger der Reformbewegung des Brahmo Samaj sozial und kulturell stark engagiert.https://en.banglapedia.org/index.php?title=Rajshahi_Association Nach einer Schul- und Ausbildungszeit an Colleges in Rajshahi und Calcutta, der damaligen Hauptstadt Britisch-Indiens, sowie am dortigen Presidency College legte er 1892 die Magisterprüfung (M.A.) im Fach Englisch an der University of Calcutta mit Auszeichnung ab.
Lehrtätigkeit, Ämter und Publikationen Anschließend lehrte er zunächst von 1893 bis 1896 am dortigen Ripon College, 1896 bis 1898 am Metropolitan College Englisch, erlangte 1894 die Premchand Roychand Studentship, die höchste akademische Auszeichnung der Universität, und trat 1898 den Dienst als Englischprofessor am Presidency College an. Nach seinem Wechsel ans College in Patna (1899) wechselte er 1902Encyclopædia Britannica Ultimate Reference Suite. Chicago 2010, s. v. Sarkar ins Fach Geschichte, das er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1926 lehrte. Bereits 1901 war sein Buch über den Mogulkaiser Aurangzeb erschienen (India of Aurangzib), das er in den folgenden Jahren bis 1924 zur fünfbändigen History of Aurangzib vervollständigte. Auch für die vierbändige Darstellung der darauf folgenden Periode (Fall of the Mughal Empire, 1932–1950) benötigte er mehr als zwei Jahrzehnte.
1917 bis 1919 war Sarkar Dekan der historischen Fakultät der 1916 neu gegründeten Banaras Hindu University in Varanasi und von 1919 bis 1923 Englischprofessor am Ravenshaw College in Cuttack/Odisha. 1918 wurde er in den Indian Education Service (IES, 1896–1924) berufen, der die Ausbildung indischer Nachwuchskräfte bündelte und wo er sich für höhere akademische Standards und eine Reform des Prüfungssystems einsetzte.Hardy/Raychaudhuri in ODNB 2004, S. 984
Aufgrund seiner Verdienste wurde Sarkar 1926 zum Companion of the Order of the Indian Empire (C.I.E.) ernannt. 1926 bis 1928 war er Vizekanzler der Universität Calcutta. 1929 als Knight Bachelor („Sir“) geadelt, war er von 1929 bis 1932 ernanntes Mitglied des Bengal Legislative Council, einer Einrichtung mit vorwiegend beratender Funktion in Fragen von Erziehung, Gesundheit und öffentliche Arbeiten. Sarkar war unter anderem Gründungsmitglied, Präsident und bis 1941 „Herz und Seele“Sarkar 1974, S. 65 der Indian Historical Records Commission (gegründet 1919), der Royal Asiatic Society of Bengal sowie von deren Bombay Branch und eines der ganz wenigen Ehrenmitglieder der Royal Asiatic Society of Great Britain (1923).Sarkar, in DNB 4 (1974), S. 65
Historische Konzeption Unzufrieden mit der Abhängigkeit der Geschichte der Mogulzeit von wenigen, meist europäischsprachigen Quellen, bemühte sich Sarkar von Anfang an, die Quellenbasis um zeitgenössische Dokumente und Quellen, vor allem in den heimischen Sprachen, zu erweitern. Auf zahlreichen Archivreisen und als Präsident der Historical Records Commission förderte er die Materialien zutage, die er seinen Geschichtswerken und zahlreichen Beiträgen und Aufsätzen in Englisch als auch in Bengali – auch für eine breite Öffentlichkeit –, zugrunde legte. Gemäß seiner Überzeugung, wonach aus der Geschichte Lehren gezogen werden könnten und historisches Wissen daher weite Verbreitung finden sollte, sorgte er stets für eine maßvolle Preisgestaltung seiner Bücher.Sarkar 1974, S. 64
Seine Werke über Aurangzeb, über den Niedergang des Mogulreichs sowie seine Fortsetzung von William Irvines Later Mughals (2 Bände, 1922) zeugen von ausgedehnten Sprachen- und Quellenkenntnissen – außer Bengali beherrschte er Englisch, Hindi, Hindustani/Urdu, Sanskrit, Persisch, Marathi, Französisch und Portugiesisch – und verschafften den Arbeiten rasch den Rang von Standard- und Referenzwerken, den sie bis heute innehaben. Durch die Besichtigung zahlreicher Schlachtfelder vor Ort gelang es ihm zudem, seinen Schilderungen entscheidender militärischer Auseinandersetzungen Lokalkolorit und Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Sarkars Stellung in der europäischen und indischen Geschichtsschreibung Sarkar war der Überzeugung, dass die indische Geschichtsschreibung am Anfang des 20. Jahrhunderts dort stehe, wo sich die europäische zu Beginn des 19. befunden habe.P. Hardy, Sarkar, in DNB 1951–1960, S. 863 Er konzentrierte seine Darstellung daher auf die Chronologie, die Schilderung der Abläufe und die Charakteristik der handelnden Personen; für eingehendere Studien und Strukturanalysen sah er die Zeit noch nicht gekommen. Seine Vorbilder, was Methode, Stil und Zweck der Geschichtsschreibung anging, waren dabei neben anderen die Deutschen Ranke, Niebuhr und Mommsen sowie die Briten Macaulay und Gibbon. Als historische Person schätzte er besonders Napoleon wegen dessen Effektivität und Zeitmanagements.„Napoleon besaß seinen besonderen Respekt, und in seinem eigenen Leben verwirklichte er den Wert, den Napoleon der Zeit zumaß.“; Sarkar 1974, S. 63, aus dem Englischen übersetzt.
Die Mogulzeit (1526–1858), die Sarkars Arbeitsschwerpunkt bildete, bewertete er, obwohl er der indischen Unabhängigkeitsbewegung reserviert gegenüberstand, vor allem nach ihrer Bedeutung für die Staats- und Nationenbildung:
Erst in den Briten sah er – bei aller Kritik an vielen ihrer wirtschaftlichen MaßnahmenVgl. sein Buch über Economics of British India, 1909 – die Überwinder des geistigen, wirtschaftlichen und sozialen Stillstands sowie regionaler Zersplitterung, die die Muslimherrscher hinterlassen hätten; erst sie seien die Erneuerer der bengalischen (Bengalische Renaissance) und indischen Nation als Ganzes. Auch das Aufbrechen von verkrusteten sozialen, religiösen und Kastenschranken sei unter muslimischer Herrschaft nicht gelungen. Für die kastengeplagte indische Gesellschaft und ihre abergläubischen Vorstellungen hatte er nur Spott übrig, so dass ihn konservative Hindus misstrauisch als Abtrünnigen, reformorientierte Brahmos dagegen als in der Wolle gefärbten Hindu betrachteten. Seiner Überzeugung nach mussten, „wenn Indien je eine Nation werden sollte…, Hinduismus und Islam sterben und wiedergeboren werden“ und zwar „gereinigt und verjüngt nach den Gesetzen von Vernunft und Wissenschaft“.A Short History of Aurangzib, 2. Aufl. 1954, Kap. xix, § 20, S. 449
Den Marathen – als der regionalen und Hindu-Opposition gegen die muslimischen Moguln – widmete Sarkar zusammen mit dem Doyen der Maratha-Geschichte und lebenslangen Freund Govind Sakharam Sardesai (1865–1959) mehrere Monographien (Shivaji and his Times 1919; House of Shivaji 1940), in denen er, der Nichtbrahmane und Bengale, freilich mit Kritik an der kühl berechnenden, seiner Ansicht nach aber politisch kurzsichtigen Politik der Marathen nicht sparte.
Neben der Mogulgeschichte verfasste Sarkar auch Monographien zur indischen Allgemein- (India through the Ages, 1928), Regional- (History of Bengal, 1950), Wirtschafts- (Economics of British India, 1909/1919) und Militärgeschichte (Military History of India, 1960) und übersetzte ein hagiographisches Werk über den bengalischen Mystiker und Heiligen Chaitanya (1486–1533), der sich für die Aufhebung der Kastenschranken und die Akzeptanz von Muslimen und Unberührbaren eingesetzt hatte.
Charakteristik Sarkar galt als „streng viktorianischer Moralist“, der der Generation, die Indien in die Unabhängigkeit führte, kritisch gegenüberstand;Hardy: Sarkar, in ODNB 1951–1960, S. 864 persönlich anspruchslos, selbstdiszipliniert und in seinem Urteil geradeheraus, schätzte er die Engländer aufgrund ihrer „methodischen, gründlichen Art, mit der sie alles unternehmen, und … wegen ihrer überirdischen (divine) Unzufriedenheit mit den Dingen, wie sie sind“.Hardy: Sarkar, in ODNB 1951–1960, S. 864 Die Dynamik und der Fortschrittsglaube Europas beeinflussten ihn zutiefst, und in moderner Erziehung auf breiter Grundlage sah er die Voraussetzung für den Aufstieg Indiens. Auch die englische Form der repräsentativen Regierung sagte ihm zu.
Sein Credo als Historiker kam in seinem Beharren auf dem Gebrauch der Primärquellen und dem Erlernen der Quellensprachen zum Ausdruck; auch hier bestand er – nicht immer zur Freude seiner Schüler und Kollegen – auf hohen wissenschaftlichen Standards; für Historiker, die mit „Schere und Klebstoffflasche“„'scissors and gumbottle' type of research“; Sarkar 1974, S. 65 arbeiteten und nur die gedruckte Literatur auswerteten, hatte er wenig übrig. Er wird daher als der „Vater der modernen wissenschaftlichen Forschung in der Geschichtswissenschaft“ bezeichnet.Sarkar 1974, S. 65
Nachwirkung Wegen seiner politischen Zurückhaltung, seiner Wertschätzung der Briten und seiner zurückhaltenden Art, aber auch aufgrund seines konservativen methodischen Ansatzes ließ Sarkars Einfluss auf die Geschichtsschreibung noch zu Lebzeiten und bald nach der indischen Unabhängigkeit (1947) nach. Sein Biograph musste ihn noch 1974 in der indischen Nationalbiographie gegen den Vorwurf mangelnden Nationalgefühls in Schutz nehmen;Sarkar 1974, passim strukturgeschichtliche Ansätze, Studien mit dem Schwerpunkt auf wirtschaftlichen und sozialen Themen sowie Detailstudien ließen seine Arbeiten antiquiert erscheinen.Kaushik Roy: India's Historic Battles. From Alexander the Great to Kargil. Orient Blackswan, 2004, S. 10. Vgl. auch Chakrabarty, Challenge, passim Bereits früh zeichnete sich jedoch eine positivere Beurteilung ab.Ajay Kumar Jha: Profile of a Historian. Sir Jadunath Sarkar (1870–1958). In: Proceedings of the Indian History Congress. Band 65 (2004), S. 880–890. Durch ihre breite Quellengrundlage und wegen der sprachlichen Kompetenz des Verfassers gelten seine Arbeiten bis heute als unverzichtbar.Hermann Kulke, Horst-Joachim Leue, Jürgen Lütt und Dietmar Rothermund: Indische Geschichte vom Altertum bis zur Gegenwart. Literaturbericht über neuere Veröffentlichungen. Oldenbourg, München 1982 (Historische Zeitschrift, Sonderheft 10), S. 224
Ehe, Privatleben, letzte Jahre, Wohnhaus Sarkar war seit 1893 verheiratet mit Kadambini Chaudhuri aus dem Nachbarort Natore (gest. 1964); aus der Ehe gingen zwei Söhne und drei Töchter hervor.
Sarkar galt als wortkarg, streng – ja schroff – erwies sich aber Freunden und Studenten gegenüber in Rat und Tat als herzlich und großzügig. So lebte der Historiker A. L. Shrivastava (1899–1973) während seiner Forschungsarbeiten lange Zeit „wie ein Familienmitglied“A. L. Shrivastava: The First Two Nawabs of Oudh. Band 1, Vorwort, S. xi im Hause der Sarkars in Darjeeling und konnte auf die reichhaltige Bibliothek zugreifen.