Burschenschaften, Corps, Landsmannschaften und Verbindungen in Prag (1905)|mini

Der Prager (Allgemeine) Senioren-Convent war der Zusammenschluss von zwei Senioren-Conventen in Prag. Der ältere technische SC wurde von Corps mit Hörern des Prager Polytechnikums gegründet. Den jüngeren akademischen SC riefen Corps mit Studenten der Karls-Universität ins Leben. Wie die anderen Studentenverbindungen standen die Corps in der Zeit von 1870 bis 1914 im Brennpunkt des Nationalitätenkonflikts zwischen Tschechen und Deutschen.

Geschichte

Als Historiker schon 1851/52 von Leo von Thun und Hohenstein an die Karls-Universität Prag berufen, betrieb Constantin von Höfler die Reform von Prags akademischen Einrichtungen. Nach der deutschen Reichsgründung erstarkte in Österreich die deutschnationale Bewegung. Im Königreich Böhmen trat der Gegensatz zwischen Deutschliberalen und Deutschnationalen einerseits und dem katholischen, unbedingt Habsburg-treuen Klerus andererseits immer mehr zutage. Die Geistlichkeit verbündete sich mit den slawischen Föderalisten und dem böhmischen Adel.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 100. Von den österreichischen Universitäten hatte Innsbruck nach dem Verständnis der Zeitgenossen den rückständigsten Lehrbetrieb, während Prag als aufgeschlossenste Hochschulstadt galt.Fritz Ranzi: Die SC-Verbände der vorkösener Zeit in Österreich. Einst und Jetzt, Bd. 1 (1956), S. 61–76, hier S. 62.

Technischer SC Die tschechisch-deutschen Gegensätzlichkeiten hatten ihre Rückwirkung auf die innere Entwicklung der Studentenverbindungen. Das Corpsprinzip wurde gestärkt, als die technische Verbindung Suevia Prag sich am 11. Mai 1871 zum Corps erklärte und sich wenig später, am 27. Juni 1871, mit Frankonia Prag zu einem technischen Senioren-Convent zusammenschloss. Anders als in den 1860er Jahren und anders als von jeher in Österreich neigte man in Prag nun zur Bildung getrennter SC.Als erste Korporation in Prag nahm die Burschenschaft Teutonia (gestiftet am 16. Dezember 1876) Hörer sowohl der Universität als auch der DTH auf. Die Corps paukten mit den akademischen Verbindungen Albia und Austria.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 101.

Progress

Zu Pfingsten 1873 feierte die Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag ihr 25. Stiftungsfest. Beim Festakt waren alle farbentragenden Verbindungen Prags und zahlreiche auswärtige Korporationen vertreten. Dabei legte die Burschenschaft Germania – nicht schwarz-gelb, sondern großdeutsch eingestellt – mit anderen progressistischen Vereinigungen den Grundstein zum progressistischen Salmannsdorfer Delegierten-Convent. Von den damaligen Verbindungen war die Burschenschaft der schärfste Gegner der Corps.Carolina gehörte seit 1866 zum Norddeutschen Kartell. Wegen dessen Neigung zum Progress schied sie 1869 aus. Im Januar 1874 konstituierte sich mit Concordia eine weitere progressistische Burschenschaft. Ihre Mitglieder waren Hörer der Deutschen Technischen Hochschule.

Akademischer SC Corpserklärung Austria 1873|mini Blaues Kartell: Athesia Innsbruck, Saxonia Wien, Teutonia Graz, Austria Prag|mini

Am 10. Dezember 1873 erklärte sich die Verbindung Austria zum Corps.J. Neuwirth: Das Acad. Corps Austria zu Prag. Prag 1881. Im Juni 1874 schloss Austria ein Kartell mit Athesia Innsbruck, dem sich bald das Corps Saxonia Wien anschloss. Frankonia Prag, Alemannia Wien und Joannea Graz schlossen ihrerseits ein Kartell am 8. Mai 1874. Der damit einhergehende Versuch einen österreichischen SC-Verband zu gründen misslang.Kurt Bräunlich: Die Verbände der österreichischen Corps in den Jahren 1874–1887. Einst und Jetzt, Bd. 10 (1965), S. 83–101.

Teilungsdilemma Zu Beginn der 1870er Jahre hatte der Corpsstudent Philipp Knoll vor dem Verfassungsverein der Deutschen in Böhmen eingehend über die Verhältnisse an der Prager Universität berichtet.Knoll war Stifter des Corps Moldavia I. Aufgrund seiner Ausführungen richtete der Verfassungsverein ein Memorandum an den Club der liberalen deutschen Abgeordneten im Reichsrat (Österreich). Er wies darauf hin, „daß der unaufhaltsam an der Universität sich vollziehende (sprachliche) Dualismus, bei Beibehaltung eines gemeinsamen Senates und gemeinsamer Professorenkollegien, nur die Bedeutung und den Zweck einer vollständigen Lähmung des deutschen Elements, den natürlichen Konsequenzen nach den einer vollständigen Tschechisierung der Universität haben könne“. Auf Veranlassung der deutsch-böhmischen Reichsratsabgeordneten schilderte Knoll in einer Denkschrift das an der Prager Universität eingeführte sprachliche System. Zugleich legte er den Modellentwurf zur Errichtung einer eigenen tschechischen Universität vor. Unter Bezugnahme auf diese Unterlagen schlug das Abgeordnetenhaus (Österreich) im März 1872 die Errichtung einer selbständigen tschechischen Universität vor.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 102. Die Verhandlungen brachten keine Entscheidung. Einerseits glaubten die deutschen Abgeordneten an ein künftiges, einheitlich deutsches Österreich; andererseits wollten sie die Teilung und die zwangsläufige Verkleinerung der Universität vermeiden. Der überwiegende Teil der Professorenschaft erstrebte die Teilung.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 103.

Konsolidierung Schlägermensur zwischen den Corps Austria und Suevia|mini Allgemeiner Prager SC Am 29. Juni 1876 hatte sich die Landsmannschaft Moldavia zum Corps erklärt. Die am 1. Dezember desselben Jahres gegründete Cheruskia wurde 1878 auf Antrag von Austria in den akademischen SC aufgenommen. Am 9. Dezember 1876 ratifizierten Austria und Moldavia die SC-Statuten. Dieser akademische SC schloss sich mit dem bis dahin vorherrschenden SC der technischen Corps zum Prager Allgemeinen SC zusammen. Die bedingungslos konservative Albia nahm das Corpsprinzip an und trat im März 1878 zum akademischen SC.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 104. Der Prager Allgemeine SC bestand aus vier akademischen und drei technischen Corps. Er umfasste die Mehrzahl der farbentragenden Studenten an beiden Hochschulen und beanspruchte die Führung der Studentenschaft.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 105.

Burschenschaften Für die konservativen Burschenschaften wirkte sich die Existenz zweier Progressburschenschaften nachteilig aus. Germania und Concordia wurden als Grundstein der „Halle“ bezeichnet. Die technische Burschenschaft Constantia erklärte sich am 21. Februar 1877 zum technischen Corps. Am 20. November 1877 wurde sie in den technischen SC aufgenommen. Im Juni desselben Jahres hatte die Burschenschaft Teutonia beschlossen konservativ zu werden und mit der Carolina und der Thessalia zu pauken. Das bedeutete den endgültigen Abbruch der Paukbeziehungen zwischen Corps und Burschenschaften.

Politik 1882 entstand die deutsche Karl-Ferdinands-Universität. Für den Prager SC und seine (in Österreich national reinsten) Corps wirkte sich diese politische Entwicklung verheerend aus. Sie hatten die Gleichberechtigung aller akademischen Bürger im Vielvölkerstaat Österreich vertreten. Ihr Patriotismus und ihre Regierungstreue wurden ihnen von der Regierung in Wien nicht gedankt. Die völkische Bewegung nutzte anderen Korporationen. Den Corps wurden Mensuren verweigert, so dass sie in anderen Hochschulstädten fechten mussten. Ende Mai 1878 musste das Corps Frankonia wegen des Bosnien-Feldzugs für anderthalb Jahre suspendieren und konnte sich davon nicht mehr erholen, so dass sie nach einer kurzfristigen Wiedereröffnung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs vertagt blieb. Die neuerdings slawophile Politik politisierte die Studentenschaft. Im Sommersemester 1878 bildete sich in der Prager Studentenschaft eine deutschnationale Partei. Es begann der Kampf um die Lese- und Redehalle der deutschen Studenten. Im bald darauf gegründeten Komité saßen die drei burschenschaftlich orientierten DC-Korporationen (Carolina, Teutonia, Thessalia), die beiden Progressburschenschaften (Germania, Concordia) und Vertreter der deutschnationalen Nichtkorporierten. Zur Silberhochzeit des Kaiserpaares am 24. April 1879 überbrachten die Corps dem Statthalter die Glückwünsche.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 106. Nach der Burschenschaft feierten die Corps am 3. Dezember 1880 einen Kaiser-Josef-Kommers im Hôtel de Saxe. Es war eine der letzten großen Veranstaltungen, die die Corps des Allgemeinen Prager SC in voller Eintracht vereinte.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 108.

Die Wahlen zur Prager Handelskammer am 27. Juni 1881 brachten einen Sieg des deutschen Kandidaten. Am nächsten Tag kam es zur Kuchelbader Schlacht. Zwar hatte sie an österreichischen und reichsdeutschen Hochschulen viele Sympathiekundgebungen zur Folge; Vorteile brachten sie aber nur den Widersachern der Corps. Ihrem unaufhaltsamen Rückgang versuchten sie mit einem Prinzipienwechsel zu entgehen. Nur Suevia stand zur alten Idee. Hingegen wuchsen Zahl und Einfluss der Burschenschaften, auch begünstigt durch die Erziehung an den Gymnasien.Corps und Burschenschaft in Österreich, Academische Monatshefte, Sommer-Semester 1888, 49, 16. Zur Carolina und Teutonia kam die am 30. Oktober 1880 gegründete Ghibellinia.H. Lönnecker: „… Das einzige, was von mir bleiben wird“. Die Burschenschaft Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken 1880–2000. Burschenschaft Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken, Saarbrücken 2009, ISBN 978-3-00-028568-4. Die ein Jahr ältere Arminia erklärte sich zur polytechnischen Burschenschaft. Zu Burschenschaften wurden auch Hilaria (1880) und Thessalia (1883). Prag hatte sechs konservative Burschenschaften mit 20 und mehr Aktiven. Die Progressburschenschaft verschwand.A. Siegl: Die Prager deutschen Hochschulen und ihre Studenten in den Jahren von 1870 bis 1914. Einst und Jetzt, Bd. 21 (1976), S. 109.

Juden Villa Amerika, bis 1880 Corpshaus der Albia|mini