Die 38. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften – ausgetragen am 11. und 12. Juli 1936 in Berlin – standen ganz im Zeichen der wenige Wochen später ebenfalls in Berlin stattfindenden Olympischen Spiele.
Sport in Deutschland im Zeichen des Nationalsozialismus Das olympische Jahr 1936 war für die Nationalsozialisten mit Olympischen Winter- und Sommerspielen im eigenen Land eine besondere Gelegenheit für ihre Außendarstellung. Der Welt sollte ein demokratisches freiheitliches Deutsches Reich ohne die nachgesagte Judenfeindlichkeit vorgegaukelt werden. So wurden einige jüdische ‚Vorzeigeathletinnen und -athleten‘ zur Teilnahme zugelassen. Für die Perfidität des Umgangs mit den Sportlerinnen und Sportlern steht in besonderer Weise die Hochspringerin Gretel Bergmann, die zunächst mit Repressalien ihrer Familie gegenüber zur Teilnahme gedrängt wurde, die dann jedoch trotz erbrachten Leistungsnachweises – mit Einstellung des deutschen Rekords von 1,60 m am 27. Juni 1936, leichtathletik.de (PDF; 311 kB), abgerufen am 30. März 2021 – nicht zugelassen wurde. Auch bei den deutschen Meisterschaften durfte sie nicht dabei sein.wissenspool, Spuren der NS-Zeit, Die Angst sprang mit, Bericht über Gretel Bergmann, planet-schule.de, abgerufen am 16. April 2023
Wettbewerbsprogramm Die Reduzierung des Wettkampfprogramms der Frauen aus dem Vorjahr wurde beibehalten. Dahinter stand die völlige Anpassung an die damals aktuellen olympischen Disziplinen der Frauenleichtathletik. Hier gab es nur die drei Laufdisziplinen 100 Meter, 80 Meter Hürden und die 4-mal-100-Meter-Staffel, den Hochsprung als Sprungdisziplin sowie die Wurfwettbewerbe Diskus- und Speerwurf.
Ausgelagerte Disziplinen Einige Disziplinen wurden ausgelagert: Marathon und 50-km-Straßengehen – Berlin, 21. Juni Zehnkampf mit sehr ungewöhnlicher Austragungsform: die ersten fünf Disziplinen im Rahmen der verschiedenen Gaumeisterschaften am 28. Juni/die weiteren fünf Disziplinen in Berlin am 5. Juli alle Staffelwettbewerbe – Nürnberg, 12. September Waldlauf – Freiburg im Breisgau, 8. November
Intersexualität Der Gewinnerin des Hochsprungs, Dora Ratjen, wurden im Nachhinein ihre/seine Meistertitel von 1936 bis 1938 wegen ihrer/seiner Intersexualität aberkannt.
Sportliche Leistungen/Rekorde Die bei diesen Meisterschaften gezeigten Leistungen standen auf einem nach damaligen internationalen Maßstäben hohen Niveau. Die deutschen Leichtathletinnen und Leichtathleten erreichten bei den Olympischen Spielen ca. sechs Wochen später mit unter anderem fünf Goldmedaillen eine Erfolgsbilanz wie nie zuvor.
Es gab drei Rekorde, einen Welt- (WR), einen Europa- (ER) und einen deutschen Rekord (DR): Weltrekord, sport-record.de (englisch), abgerufen am 16. April 2023, Diskuswurf: 48,31 m – Gisela Mauermayer (TV Nymphenburg München) Europarekord, sport-record.de (englisch), abgerufen am 16. April 2023, Weitsprung: 7,82 m – Luz Long (Leipziger SC) deutscher Rekord, Dreisprung: 15,06 m – Heinz Wöllner (ASC Leipzig)
Ergebnisübersichten Die folgenden beiden Übersichten fassen die Medaillengewinner und -gewinnerinnen aller Wettbewerbe von 1936 zusammen.
Medaillengewinner Männer Disziplin Gold Leistung Silber Leistung Bronze Leistung 100 m Gerd Hornberger(Eintracht Frankfurt) 10,7 s Manfred Kersch(Eintracht Frankfurt) 10,8 s Erich Borchmeyer(Stuttgarter Kickers) 10,8 s 200 m Egon Schein(Hamburger SV) 22,0 s Erwin Gillmeister(SV Germania Stolp) 22,0 s Karl Neckermann(Post SV Mannheim) 22,1 s 400 m Helmut Hamann(SV Allianz Berlin) 48,9 s Harry Voigt(DSC Berlin) 49,0 s Friedrich von Stülpnagel(VfL Potsdamer Sportfreunde) 49,1 s 800 m Rudolf Harbig(Dresdner SC) 1:54,1 min Wolfgang Dessecker(Stuttgarter Kickers) 1:54,4 min Ewald Mertens(KTV Wittenberg) 1:54,7 min 1500 m Fritz Schaumburg(Polizei SV Oberhausen) 3:54,6 min Werner Böttcher(KTV Wittenberg) 3:55,6 min Harry Mehlhose(Berliner SC) 3:55,6 min 5000 m Hans Raff(VfL Oberhausen) 15:06,6 min Herbert Kemker(Altonaer FC von 1893) 15:10,4 min Erich Pawlak(VfB Breslau) 15:11,6 min 10.000 m Max Syring(KTV Wittenberg) 31:37,2 min Max Gebhardt(SV Allianz Dresden) 31:38,8 min Josef Siegers(SC Komet Berlin) 31:43,8 min Marathon Franz Barsicke(PSG Stephan Breslau) 2:51:22,2 h Paul de Bruyn(Berliner SC) 2:52:55,6 h Eduard Bräsecke(SV Bewag Berlin) 2:55:37,0 h Marathon, Mannschaftswertung 14 P(Plätze 2/9/?) 17 P(Plätze 4/22/34) 19 P(Plätze 3/20/40) 110 m Hürden Willi Welscher(Eintracht Frankfurt) 15,2 s Erich Schwethelm(SV Wiesbaden) 15,6 s Erwin Wegner(TSV Schöneberg Berlin) 15,7 s 400 m Hürden Hans Scheele (Hamburger SV) 54,0 s Willi Kürten (DSD Düsseldorf) 55,2 s Fritz Nottbrock (ASV Köln) 55,2 s 3000 m Hindernis Willi Heyn (TSV 1860 München) 9:35,0 min Helmut Schwarz (Ulmer FV 1894) 9:38,4 min Rolf Holthuis (Hamburger AC) 9:38,6 min 4 × 100 m Staffel 42,1 s 42,3 s 42,6 s 4 × 400 m Staffel 3:19,4 min 3:20,4 min 3:21,4 min 4 × 1500-m-Staffel 16:19,2 min 16:28,0 min 16:37,6 min 50-km-Straßengehen Fritz Bleiweiß (Berliner AK 07) 4:48:57 h Friedrich Prehn (Dresdner SC) 4:49:13 h Herbert Dill (Reichsbahn SV Berlin) 4:53:22 h 50-km-Straßengehen, Mannschaftswertung Plätze 6/7/11 Plätze 4/12/13 lätze 20/25/28 Hochsprung Gustav Weinkötz (ASV Köln) 1,93 m Kurt Augustin (SV Allianz Berlin) 1,86 m Günther Gehmert (SV Siemens Berlin) 1,86 m Stabhochsprung Julius Müller(TV Kuchen) 4,00 m Siegfried Schulz(Berliner SC) 3,90 m Hans Born(Polizei SV Borussia Düsseldorf) 3,70 m Weitsprung Luz Long (Leipziger SC) 7,82 m ER Wilhelm Leichum (MTV Wünsdorf) 7,47 m Arthur Bäumle (Ulmer FV 1894) 7,42 m Dreisprung Heinz Wöllner (ASC Leipzig) 15,06 m DR Erich Joch (Mars Quedlinburg) 15,00 m Willi Drechsel (ATV Thalheim) 14,82 m Kugelstoßen Hans Woellke(Polizei SV Berlin) 15,86 m Gerhard Stöck(SCC Berlin) 15,19 m Hans-Heinrich Sievert(Eimsbütteler TV) 14,89 m Diskuswurf Willy Schröder (Berliner SC) 49,00 m Gerhard Hilbrecht (VfB Königsberg) 47,61 m Hans Fritsch (MSV Wünsdorf) 45,88 m Hammerwurf Karl Hein (SV St. Georg Hamburg) 54,26 m Erwin Blask (Berliner SC) 53,51 m Johann Becker (DSC Saarbrücken) 50,30 m Speerwurf Gottfried Weimann(KTV Wittenberg) 72,24 m Gerhard Stöck(SCC Berlin) 69,17 m Friedrich Gerdes(SCC Berlin) 65,58 m Zehnkampf, 1934er W.i. Klamm.: 1985er Wert. Helmut Bonnet (Polizei SV Berlin) 6666 P (6240 P) Erwin Huber (MSV Wünsdorf) 6458 P (6182 P) Fritz Eckardt (TV Zeulenroda) 6199 P(? P) Waldlauf – ca. 10.000 m Max Syring(KTV Wittenberg) 32:10,4 min Heinrich Fornoff(TSG Darmstadt 1846) 32:33,0 min Ernst Eberhardt(TSV Neustadt/Weinstraße) 32:40,2 min Waldlauf, Mannschaftswertung 17 P(Plätze 1/9/20) 32 P(Plätze 10/13/31) 32 P(Plätze 12/15/36)
Medaillengewinnerinnen Frauen Disziplin Gold Leistung Silber Leistung Bronze Leistung 100 m Käthe Krauß(Dresdner SC) 11,9 s Marie Dollinger(1. FC Nürnberg) 12,0 s Emmy Albus(Barmer TV 1846 Wuppertal) 12,2 s 80 m Hürden Doris Eckert (Eintracht Frankfurt) 12,1 s Anni Steuer (TuS Duisburg 48/99) 12,3 s Hilde Klusenwerth (SCC Berlin) 12,4 s 4 × 100 m Staffel 49,0 s 49,5 s 50,3 s Hochsprung Elfriede Kaun (Kieler TV) 1,54 m Gunda Friedrich (TC Würzburg) 1,54 m Sophie Scheibe (SC Erfurt) 1,54 m Diskuswurf Gisela Mauermayer(TV Nymphenburg München) 48,31 m WR Paula Mollenhauer(Eimsbütteler TV) 41,92 m Anna Hagemann(Hessen-Preußen Kassel) 39,81 m Speerwurf Tilly Fleischer (Eintracht Frankfurt) 44,56 m Luise Krüger (Dresdner SC) 43,36 m Erika Matthes (SC Brandenburg Berlin) 42,40 m
Literatur Fritz Steinmetz: 75 Jahre Deutsche-Leichtathletik-Meisterschaften. Berlin 1973.
Weblinks Deutsche Leichtathletikmeister (bis 2003) auf sport-komplett.de, abgerufen am 30. März 2021 Deutsche Leichtathletik-Bestenliste Männer 1936 auf leichtathletik-dgld.de, abgerufen am 30. März 2021 Deutsche Leichtathletik-Bestenliste Frauen 1936 auf leichtathletik-dgld.de, abgerufen am 30. März 2021 Gunnar Meinhardt: Gretel Bergmann: „Ich als Jüdin besiegte die Nazis. Wundervoll“. In: Die Welt. Online, 12. April 2014 (welt.de).
Einzelnachweise und Anmerkungen
#1936 Kategorie:Leichtathletikveranstaltung 1936 Kategorie:Leichtathletikwettbewerb in Berlin Kategorie:Leichtathletikwettbewerb in Nürnberg Kategorie:Leichtathletikwettbewerb in Freiburg im Breisgau Kategorie:Olympiastadion Berlin