Mit Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung veröffentlichte Friedrich Schiller 1788 den ersten Band seiner Abhandlung über den Spanisch-Niederländischen Krieg.
Dieser Band endet 1567 mit der Ankunft des neuen Statthalters Herzog von Alba in den Niederlanden und der Abreise der Herzogin von Parma. Der Spanisch-Niederländische Krieg begann im folgenden Jahr. Weitere Bände schrieb Schiller nicht. Die zweite, überarbeitete Ausgabe von 1801 vermehrte er um die zwei Beilagen Prozeß und Hinrichtung der Grafen von Egmont und von Hoorne und Belagerung von Antwerpen durch den Prinzen von Parma in den Jahren 1584 und 1585.
Schiller wandte sich mit diesem Werk historischen und philosophischen Untersuchungen zu. Nach dem Don Carlos 1787 veröffentlichte er erst 1799 mit der Wallenstein-Trilogie wieder ein Drama.
mini|König Philipp II. von Spanien, Porträt von Sofonisba Anguissola, um 1570
Entstehungs- und Editionsgeschichte Während seiner Studien zum Don Carlos las Schiller im Herbst 1785 Robert Watsons History of Philip II of Spain.Friedrich Schiller: Brief an Ferdinand Huber, 5. Oktober 1785 Das Werk begeisterte ihn.Friedrich Schiller: Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung, Erster Theil, 1. Ausgabe. Crusius, Leipzig 1788, Vorrede Bei genauerer Prüfung schrieb Schiller dies nicht dem Buch, sondern seiner eigenen Vorstellungskraft zu, welche dem Stoff eine reizende Gestalt gab. Er suchte, „Diese Wirkung […] bleibend zu machen, zu vervielfältigen, zu verstärken; diese erhebenden Empfindungen wünschte ich weiter zu verbreiten und auch andern Antheil daran nehmen zu lassen. Dis gab den ersten Anlaß zu dieser Geschichte, und dis ist auch mein ganzer Beruf, sie zu schreiben.“Friedrich Schiller: Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung, Erster Theil, 1. Ausgabe. Crusius, Leipzig 1788, Vorrede Schiller beabsichtigte einen Aufsatz über die Rebellion der Vereinigten Niederländer in einem Sammelwerk Geschichte merkwürdiger Verschwörungen und Rebellionen aus mittleren und neueren Zeiten mit Beiträgen verschiedener Verfasser.E.F. Koßmann: Schillers Geschichte der merkwürdigen Rebellionen und Abfall der vereinigten Niederlande. Studien zur Entstehungs- und Druckgeschichte. In: Euphorion, Jg. 6 (1899), S. 511–536, hier S. 514. Wieland las er im Oktober 1787 aus der Niederländischen Rebellion vor; der lobte das Stück sehr und meinte, Schiller sei zum Geschichtsschreiber geboren und würde in diesem Fach den höchsten Rang erreichen.Friedrich Schiller: Brief an Ferdinand Huber, 26. Oktober 1787 Nach Schiller kam diese Wirkung daher, „[…] weil dieser Aufsatz das eigentümliche hat, daß er schönen edeln Stil, Eselsfleiß, klare Auseinandersetzung und philosophische Darstellung verbindet, ohne daß etwas hervorragendes daraus zu erkennen wäre.“Friedrich Schiller: Brief an Ferdinand Huber, 26. Oktober 1787 Das immer weiter ausgedehnte Studium des Spanisch-Niederländischen Krieges,Friedrich Schiller: Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung, Erster Theil, 1. Ausgabe, Leipzig: Crusius, 1788, Vorrede; zu den von Schiller benutzten Quellen, Richard Fester: Anmerkungen zu Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Hg. Eduard von der Hellen, Stuttgart/Berlin 1904/05, Band 14, S. 418 ff die Aufmunterung durch Wieland und einige seiner Freunde in Weimar und Schillers Absicht, sich künftig auf die Geschichte zu konzentrieren, führten zu dem Entschluss, die Niederländischen Rebellion als eigenständige Abhandlung herauszugeben.Friedrich Schiller: Brief an Siegfried Crusius, 5. November 1787 Er plante ein umfassendes Werk in ungefähr sechs Bänden.Hans-W. Jäger, Redaktion Kindlers Literatur Lexikon: GESCHICHTE DES ABFALLS DER VEREINIGTEN NIEDERLANDE VON DER SPANISCHEN REGIERUNG, Hauptwerke der deutschen Literatur, Hrsg. von Manfred Kluge und Rudolf Radler, München, 1974, S. 276 Wieland druckte im Januar- und Februarheft 1788 des Teutschen Merkur die Einleitung mit der Anmerkung, dass das demnächst erscheinende größere Werk den ganzen Niederländischen Krieg unter Philipp II. behandeln und vielleicht bis in die neuesten Zeiten fortgesetzt würde. Schiller wollte sich mit dem Auszug im Teutschen Merkur dem Publikum als Historiker vorstellen, „[…] eine kleine Probe von dem Handwerksmäßigen und schulmäßigen der Geschichte, das Vorurtheil gegen mein Werk wiederlegen muß, daß es poetisch wäre.“Friedrich Schiller: Brief an Siegfried Crusius, Ende Januar 1788 Der erste Teil, erster Band, die Vorrede und drei Bücher enthaltend, wurde im Spätherbst 1788 veröffentlicht.
1792 deutete Schiller eine Fortsetzung der niederländischen Geschichte an.Friedrich Schiller: Brief an Siegfried Crusius, 3. September 1792 Daran gearbeitet hat er nicht.Richard Fester: Anmerkungen zu Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Hg. Eduard von der Hellen, Stuttgart/Berlin 1904/05, Band 14, S. 431
Eine umgearbeitete zweite Ausgabe in zwei Bänden und vier Büchern folgte 1801. Schiller teilte das dritte Buch der ersten Ausgabe in zwei Bücher, korrigierte, kürzte und fügte Kapitelüberschriften ein sowie zwei Beilagen an. Da er seine Änderungen statt in einem gedruckten Exemplar in einer Abschrift vornahm, verursachte der Abschreiber mehrere Auslassungen und Änderungen.Richard Fester: Anmerkungen zu Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Hg. Eduard von der Hellen, Stuttgart/Berlin 1904/05, Band 14, S. 417 Neben der Vorrede strich Schiller den umfangreichen Abschnitt über das Konzil zu Trient.
Im Jahr vor der Französischen Revolution schrieb Schiller 1788 in der Einleitung zur ersten Ausgabe: „Die Kraft also, womit es handelte, ist unter uns nicht verschwunden; der glückliche Erfolg, der sein Wagestück krönte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren, und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Thaten rufen.“ In der zweiten Ausgabe entfernte er 1801 wohl aus Enttäuschung über den Verlauf der Französischen Revolution und die sie ablösende Alleinherrschaft von Napoleon Bonaparte diesen Satz.Hans - W. Jäger, Redaktion Kindlers Literatur Lexikon: GESCHICHTE DES ABFALLS DER VEREINIGTEN NIEDERLANDE VON DER SPANISCHEN REGIERUNG, Hauptwerke der deutschen Literatur, Hrsg. von Manfred Kluge und Rudolf Radler, München, 1974, S. 277
Die erste Fassung der Beilage Prozeß und Hinrichtung der Grafen von Egmont und von Hoorne. veröffentlichte Schiller im achten Heft der Thalia 1789 unter Des Grafen Lamoral von Egmont Leben und Tod. Die Darstellung von Egmonts Leben bis zu seiner Verhaftung, bei welcher er die Geschichte des Abfalls […] nutzte, strich er für die Beilage. Schiller beabsichtigte mit seinem Aufsatz in der Thalia wohl damals, dem Egmont aus Goethes 1788 erschienenem Trauerspiel den geschichtlichen entgegenzustellen, nicht seiner Geschichte des Abfalls […] etwas beizufügen.Richard Fester: Anmerkungen zu Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Hg. Eduard von der Hellen, Stuttgart/Berlin 1904/05, Band 14, S. 448; zu den von Schiller benutzten Quellen, ebenda S. 448 f
Im vierten und fünften Stück der Horen von 1795 veröffentlichte Schiller anonym die Merkwürdige Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585., welche er unter dem Titel Belagerung von Antwerpen durch den Prinzen von Parma in den Jahren 1584 und 1585. als zweite Beilage der Ausgabe von 1801 anfügte. Zu dieser Zeit beschäftigte sich Schiller verstärkt mit Philosophie und eine historische Arbeit erfreute ihn wenig.Friedrich Schiller: Brief an Goethe, 19. März 1795; zu den von Schiller benutzten Quellen, Richard Fester: Anmerkungen zu Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Hg. Eduard von der Hellen, Stuttgart/Berlin 1904/05, Band 14, S. 449 mini|Wilhelm I. von Oranien-Nassau, Adriaen Thomasz Key, (um 1575)
Gliederung des Inhalts der zweiten Ausgabe Einleitung
Erstes Buch. Frühere Geschichte der Niederlande bis zum sechzehnten Jahrhundert. Die Niederlande unter Karl V. Philipp der Zweite, Beherrscher der Niederlande. Das Inquisitionsgericht. Andere Eingriffe in die Konstitution der Niederlande. Wilhelm von Oranien und Graf von Egmont. Margaretha von Parma, Oberstatthalterin der Niederlande.
Zweites Buch. Cardinal Granvella. Der Staatsrath. Graf Egmont in Spanien. Geschärfte Religionsedikte. Allgemeine Widersetzung der Nation.
Drittes Buch. Verschwörung des Adels. Die Geusen. Öffentliche Predigten.
Viertes Buch. Der Bildersturm. Bürgerlicher Krieg. Abdankung Wilhelms von Oranien. Verfall und Zerstreuung des Geusenbundes. Albas Rüstung und Zug nach den Niederlanden. Albas erste Anordnungen und Abzug der Herzogin von Parma.
Beilagen I. Prozeß und Hinrichtung der Grafen von Egmont und von Hoorne. II. Belagerung von Antwerpen durch den Prinzen von Parma in den Jahren 1584 und 1585. mini|Lamoral von Egmond
Themen Ein Schiller in seinen Werken oft bewegendes Thema ist das der Freiheit, in diesem Fall die Freiheit eines Volkes. In der Einleitung stellt er die spanische Herrschaft in den Niederlanden neben die römische in demselben Gebiet fünfzehnhundert Jahre vorher. Gemäß den Gesetzen der Natur führen dieselben Umstände zu denselben Ergebnissen. Mitreißend lässt Schiller Civilis die Bataver zum Aufstand aufrufen. Er vergleicht den Krieg der Bataver und den der Niederländer, wobei er hervorhebt, dass Bataver und Römer menschlich kämpfen, weil sie keinen Religionskrieg führen.
Schiller vertritt die Geschichtsphilosophie aus der Zeit der Aufklärung, welche in geschichtlichen Ereignissen eine Gesetzmäßigkeit sucht, wobei er die Bedeutung des Zufalls nicht verkennt.Hans - W. Jäger, Redaktion Kindlers Literatur Lexikon: GESCHICHTE DES ABFALLS DER VEREINIGTEN NIEDERLANDE VON DER SPANISCHEN REGIERUNG, Hauptwerke der deutschen Literatur, Hrsg. von Manfred Kluge und Rudolf Radler, München, 1974, S. 276 Er berichtet, wie Geographie, Klima und die von Menschen geformten gesetzlichen Freiheiten, Sicherheit von Leben und Eigentum, Religion, Kultur, Wirtschaft und Recht die Entwicklung der Niederlande bestimmen. Klima und Kultur erklären für Schiller den Erfolg des Protestantismus in den Niederlanden, den des Katholizismus in Italien. Mit dem Naturrecht rechtfertigt er den Aufstand der Rebellen gegen die Despotie. Er reflektiert auch allgemein diese Themen.
Meisterhaft gelingt Schiller die Charakterisierung von entscheidenden Personen, z. B. Philipp II., Herzog von Alba, Kardinal Granvella, Margarethe von Parma, Wilhelm I. von Oranien, Lamoral von Egmond, sowie Massenschilderungen, z. B. im vierten Buch Der Bildersturm.Richard Fester: Einleitung in Schillers historische Schriften, Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Hg. Eduard von der Hellen, Stuttgart/Berlin 1904/05, Band 13, S. XXI ff
Schiller bemüht sich als Historiker um Objektivität und will einseitige Werturteile vermeiden. Vertreter von Ideen untersucht er kritisch, ob diese unter dem Deckmantel der Idee nicht ganz andere Zwecke verfolgen. Im ersten Buch schreibt er über die Reformation:
Reden benutzt Schiller, sofern er solche in den Quellen vorfindet. Er erfand Reden nur in Einzelfällen, wie in der Einleitung die Ansprache des Civilis an die Bataver, für welche er die Historien des Tacitus als Grundlage benutzte.Richard Fester: Einleitung in Schillers historische Schriften, Schillers Sämtliche Werke: Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, Hg. Eduard von der Hellen, Stuttgart/Berlin 1904/05, Band 13, S. XXVII f