Galgant-Gewürztraktat ist die Bezeichnung für eine Sammlung von Drogen-Monographien. Ab dem 14. Jahrhundert wurde der Galgant-Gewürztraktat mit Schwerpunkt im mittelniederländisch-mittelniederdeutschen, als auch im oberdeutschen Sprachraum sowohl in landessprachlicher als auch in lateinischer Version in Arzneibücher integriert. Vom Galgant-Gewürztraktat ist der sogenannte Muskat-Gewürztraktat (genannt auch Niederdeutscher GewürztraktatWilliam Crossgrove: Niederdeutscher Gewürztraktat. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 6 (1987), Sp. 988–990.) zu unterscheiden. Die beiden Texte wurden jedoch im Laufe der Zeit kompiliert.
Autor Der Autor des wohl im 14. Jahrhundert als Übersetzung aus dem Lateinischen entstandenen Kräuterbuchs ist bis heute nicht zu bestimmen. Für die lateinische Version wurde (von Poul Hauberg) fälschlich als Autor der dänische Kanoniker Henrik Harpestræng († 1244) oder (von Karl Sudhoff) ein (wohl niemals real existierenderVgl. auch Bernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 242.) deutschen bzw. bayerischen Klerikerarzt des 13. oder frühen 14. Jahrhunderts namens Magister „Alexander Hispanus“ vermutet.Poul Hauberg (Hrsg.): Henrik Harpestræng, Liber herbarum. Kopenhagen 1936.Karl Sudhoff: Alexander Hispanus und das Schriftwerk unter seinem Namen. Ein erstes Wort über ihn und Bekanntgabe seiner medizinischen Schriften. In: Sudhoffs Archiv. Band 29, 1936, S. 289–312, und Band 30, 1937, S. 1–25 (mit Textabdruck der Madrider Handschrift).Gundolf Keil: Henrik Harpestræng. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 3, Sp. 476–479.Ute Mauch: Ein mittelalterliches Kräuterbuch aus dem 14. Jahrhundert, eine neue Version des lateinischen Macer? In: Gesnerus. Band 63, 2006, S. 181–208, hier: S. 190.Gundolf Keil: Hispanus, Alexanser. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 4, Sp. 53–58.Ute Mauch: Beschreibung des Kodex Mss/8769 der Bibliotheca National in Madrid und Notizen zum „Melleus liquor physicae artis magistri Alexandri Yspani“. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 2/3, 2006/2007 (2008), S. 59–80.Bernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche Macer. Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus „De viribus herbarum“. Kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003, S. 16 und 150–153.
Inhalt mini|Abbildungen der Nelkenwurz und der Engelwurz im Kräuterbuch des Vitus Auslasser 1479 Ohne Vor- und Nachwort wurden im überwiegend Gewürze behandelnden und mit Galgant beginnenden Galgant-Gewürztraktat bis zu 50 Drogenmonographien aneinandergereiht. Die einzelnen Monographien wurden meist von einer kurzen Charakterisierung der behandelten Droge nach den Kriterien der Humorallehre (heiß/kalt – feucht/trocken) eingeleitet. Es folgte eine Aufzählung von Indikationen, die sich überwiegend aus den bis zum 14. Jahrhundert bekannten Werken der Kräuterheilkunde speiste. Meist wurde folgende Reihenfolge der Gewürztraktate eingehalten, wobei deren Anzahl von Manuskript zu Manuskript schwankte: Galganum … Cynäber … Muscatum, Muscat … Cariofilus, Nargel … Cynamo, Cymeinum … Zytber … Piper, Pfeffer … Lauribaca, Lorwer … Alleum, Chloblauch … Synapis, Sanif … Cepe, Zwival … Porrum, Lauch … Papaver, Magen … Enula, Alant … Rhaphanus maior, Rettich … Raphanus minor, Chren … Rapula, Ruben … Caseus siccus et durus, Chas … Ova dura, Ayer … Mylium, Hirsch … Pisa, Arbeis … Faba, Pon … Canapum, Hanf … Rosa … Fiola, Vyol … Salvia … Ruta, Ruten … Ysopus, Ysop … Petrosilinum, Petersil … Artemisia, Pesmalten, Puggel … Absinthium, Wermut … Urtica minor, klain Nessel … Marrubium, Andor … Abrotanum, Abrunten … Origanum, Wolgemud … Pulegium, Polay … Verbena, Eisenchraut … Wegwart … Mille folium, Wuntchraut … Plantago, Wegerich … Benedicta ruffa … Benedicta alba … Angelica, des hailgen gaistes Wurtz … Pimpinella, Pipernell … Betonica, Patonig … Serpentina, Nater Wurcz … Malva, Papel … Mentu, Dyemente … Lactuca, Latuch … Agrimonia. Im Galgant-Gewürztraktat erstmals behandelt wurden die Drogen: „Benedicta ruffa“, „Benedicta alba“ und „Angelica, des hailigen gaistes Wurtz“. „Benedicta ruffa“ lässt sich als Echte Nelkenwurz deuten.Promptuarium medicinae. Lübeck 1483, Blatt 7: „Benedicta wortele nicht dat krud to artzedigē [Benedicta-Wurzel nicht das Kraut zur Arznei]. Negelken krud groffeliatē pes leporinus Salua mundi …“ Staatsbibliothek BerlinHermann Fischer. Mittelalterliche Pflanzenkunde. Verlag der Münchner Drucke, München 1929, S. 270: Geum urbanum … benedicta (Hildegard-von-Bingen-Handschriften Physica-Handschrift, Paris Cod. 6952, 15. Jh. (1425–1450); Buch I, Kapitel 163. Charles Victor Daremberg und Friedrich Anton Reuß. S. Hildegardis Abbatissae Subtilitatum Diversarum Naturarum Creaturarum Libri Novem. Migne, Paris 1855. Sp. 1192 Bayerische Staatsbibliothek) … sanamunda, negeleinkraut (… Gart der Gesundheit Cap. 179: Filla benedictenwortz Cap. 205: Gariofillata, negelyn krut oder benedicta) pes leporis, cariofilata gariofilata (Gloss.) … benedicta rubea (Vitus Auslasser Clm 5905, Blatt 153r Bayerische Staatsbibliothek).Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 189 („Garioffilata – negelyn krut oder benedicta […]“). Die Bedeutung von „Benedicta alba“ ist unsicher. „Angelica, des hailigen gaistes Wurtz“ ist Engelwurz. Die Engelwurz wächst nur nördlich der Alpen. In den nordeuropäischen Kräutermanuskripten des Mittelalters, die sich auf Autoritäten aus dem Mittelmeerraum beriefen, fehlte die Droge bis zum Erscheinen des Galgant-Gewürztraktats. Angelica in einem lateinischen Galgant-Gewürztraktat. (Madrid. Biblioteca nacional, Handschrift 8769, 14. Jh.)Nach: Karl Sudhoff. Alexander Hispanus und das Schriftwerk unter seinem Namen. Ein erstes Wort über ihn und Bekanntgabe seiner medizinischen Schriften. In: Sudhoffs Archiv. 30, Band 1937, S. 4. Angelica in einem alemannischen Galgant-Gewürztraktat. (Heidelberg. Cpg 620. Südwestdeutschland, 15. Jh. Blatt 92v-93r.)Heidelberg. Cpg 620, Blatt 92v Angelica est radix optima, que multum valet contra incantationes. Quicumque eam secum portaverit. Item in mane sumpta vino vel cibo, venenum eicit et defendit. Item valet eciam contusa et decocta cum favo contra morsum canis rabidi, si supra vulnus ligata fuerit. Item valet eciam contra lassitudinem et fatigacionem itineris et contra vomitum, si comesta fuerit. Angelica ist ein edle wurtz wann wer sÿ peÿ im trät oder neusset dem mag kain zaubernuß nit geschaden. Sie ist auch güt für alle vergift wenn man si nüsset mit wein. Si rainiget auch die prust von aller stinckenten fäwthikait und hailt der wütenden hunt pis wenn man sy mit hönig stösset und über den pÿß leget. Si macht lustig cze essen und vertreibt die undäung. mini|Abbildung zum Kapitel „Angelica-Wasser“ im Kleinen Destillierbuch unter Verwendung eines Holzschnittes von Meum aus einem Hortus sanitatis Erst im 1500 erschienen Kleinen Destillierbuch des Hieronymus Brunschwig fand die Engelwurz ihren Weg auch in die gedruckten Kräuterbücher. Brunschwig übernahm die im Angelica-Kapitel des Galgant-Gewürztraktats angegebenen Indikationen. Er suchte bei den „Alten“ ein Kraut, das in Aussehen und Wirkung der Engelwurz ähnelte. Er fand es in der „meister würtz von den latinschen genant ostrici“. Die Meisterwurz wuchs, und wächst noch heute, sowohl südlich als auch nördlich der Alpen. In den Werken der „Alten“ (Dioskurides, Plinius …) wurde sie ausführlich behandelt.Johannes Gottfried Mayer: Die ersten gedruckten Kräuterbücher und das Angelika-Wasser der Donaueschinger Taulerhandschrift. In: Würzburger Fachprosa-Studien. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, S. 156–177. Aszetische Sammelhandschrift. Zürich 4. Viertel 15. Jh. Karlsruhe, Landesbibliothek Cod. Donaueschingen 293, Blatt 1r
Textzeugen Latein. München. Clm 13 076 [S.l.] 1356, Blatt 20va-23va Bayerische Staatsbibliothek München. Clm 4374 [S. l.] 1401 (Bayerisches Staatsbibliothek) München. Clm 14 526 [S.l.] Süddeutschland oder Prag / Böhmen (?) 3. Viertel 15. Jh. Blatt 124r-133v Bayerische Staatsbibliothek München. Clm 7755 [S.l.] 15. Jh. Blatt 140v-148r Bayerische Staatsbibliothek Landessprachig. Heidelberg. Cpg 620. Südwestdeutschland (alemannisch), 15. Jh., Blatt 75r-95v Universitätsbibliothek Heidelberg Heidelberg. Cpg 226. Elsaß (niederalemannisch) 1459–1469, Blatt 156r-157r (Fragment) Universitätsbibliothek Heidelberg Heidelberg. Cpg 558. Nordbayern (Oberpfalz?) um 1470- um 1485, Blatt 77r-79v (Fragment) Universitätsbibliothek Heidelberg Freiburg i. Br., Universitäts-Bibliothek, Hs. 188, Freiburg 3. Viertel 15. Jh. (niederalemannisch), Blatt 35v-49r Universitäts-Bibliothek Freiburg Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S. 386, Ravensburg (niederalemannisch) 1463/64, Blatt 050v-51r Zentralbibliothek Solothurn Weitere Textzeugen in: Willem F. Daems, Gundolf Keil: Henrik Harpestraengs „Latinske Urtebog“ in den mittelalterlichen Niederlanden. Mit einem Verzeichnis altdeutscher „Urtebog“-Überlieferungen. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Wissenschaftsgeschichte. Festschrift Gerhard Eis. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1982, S. 396–416. Siehe auch Gundolf Keil: Randnotizen zum „Stockholmer Arzneibuch“. In: Studia neophilologica. Band 44, Nr. 2, 1972, S. 238–262, hier: S. 250 f. Vgl. außerdem Bernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 44, Anm. 132, S. 155 und S. 219–221 (zum Niederdeutschen Gewürztraktat) und dazu William Crossgrove: Niederdeutscher Gewürztraktat. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 6, 1987, Sp. 988–990.
Literatur Bernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 150–153.
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