Manfred Thaller (* 18. März 1950 in Feldbach) ist ein österreichischer Historiker und pensionierter Hochschullehrer für Historisch-Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung an der Universität zu Köln.

Ursprünglich als Historiker entwickelte er seit 1976 Lösungsmöglichkeiten der Informatik für Fragestellungen aus den Geisteswissenschaften, dort häufig – aber nicht ausschließlich – historische Fragestellungen.Georgios Chatzoudis: Geisteswissenschaftler können das Netz verändern. Interview mit Manfred Thaller. In: L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung vom 10. Oktober 2011.

Biografie Manfred Thaller studierte ab 1970 Geschichte und orientalische Altertumskunde an der Universität Graz. 1975 wurde er dort mit der Dissertation „Studien zum Europäischen Amerikabild. Darstellung und Beurteilung der Politik und inneren Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Großbritannien und Österreich zwischen 1840 und 1941 im Vergleich“ in moderner Geschichte promoviert. In einem Interview mit Julianne Nyhan sprach er hierzu über seine Entwicklung und Nutzung von Programmiersprachen.

Anschließend spezialisierte er sich als Postdoktorand in (empirischer) Soziologie am Institut für Höhere Studien in Wien auch auf historische Mobilitäts-Studien. Gleichzeitig wirkte er an Forschungsprojekten über die Geschichte der Familie, das Alltagsleben im Mittelalter sowie Verzahnungen zwischen Aufsichtsräten in deutschen und österreichischen Unternehmen mit.

Ab 1978 arbeitete er in Göttingen als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Forschungsbeauftragter im Max-Planck-Institut für Geschichte. Dort war er verantwortlich für Design und Implementation eines allgemeinen datenbankorientierten Programmiersystems für Historiker, das unter dem Namen „kleio“ in der Fachwelt Verbreitung fand und zur Grundlage einer Reihe von Forschungsprojekten wurde.https://web.archive.org/web/20130603204750/http://www.hki.uni-koeln.de/kleio/old.website/. Gleichzeitig forschte er zu allgemeinen Methoden einer historischen Informatik.

Von 1991 bis 1994 war er Präsident der Association for History and Computing.

1995 hatte er eine Teilzeitprofessur an der Universität Bergen in Norwegen, wo er für die Lehre in „Historischer Computerwissenschaft“ verantwortlich war. Von September 1997 bis Februar 2000 war er Gründungsdirektor, dann dauerhafter Direktor des „Humanities Information Technology Research Programme“ und des angeschlossenen Forschungszentrums der Universität Bergen. Dort war er Professor der geisteswissenschaftlichen Fakultät.

Ab März 2000 war er Professor der «Historisch Kulturwissenschaftlichen Informationsverarbeitung» an der Universität zu Köln. Im Rahmen dieser Professur engagierte er sich lange Zeit in Forschungsprojekten zu Digitalisierung und Langzeitarchivierung von (historischen) Dokumenten. In den letzten Jahren verstärkte er seinen Fokus auf den Bereich der Digital Humanities.Dhd Blog: Perspektiven der Digital Humanities: Ein Interview mit Manfred Thaller In: Digital Humanities im deutschsprachigen Raum e. V. vom 19. Mai 2015. Im Juli 2015 wurde er emeritiert.

Darüber hinaus war er 2002–2008 Mitglied des Library Committee der DFG und 2010–2014 Mitglied des Strategy board of the eHumanities initiative im Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Ausgewählte Forschungsinteressen, Projekte und Publikationen Forschungsinteressen Theorie der Digitalen Geisteswissenschaften Nicht relationale Datenmodelle, Beziehung markup/Datenmodelle Digitale Bibliotheken, Digitale Langzeitarchivierung 3D-Rekonstruktionen „verlorener Räume“ Gamification

Projekte Digitale Handschriftenbibliothek Köln (CEEC)Digitale Handschriftenbibliothek Köln (CEEC) Deutsches digitales Bildarchiv für Kunst- und Kulturwissenschaften (Prometheus)Deutsches digitales Bildarchiv für Kunst- und Kulturwissenschaften (Prometheus), dabei ausschließlich verantwortlich für die verteilte (passwortgeschützte) Datenbank dieses Projekts Digitales Archiv NRW DA-NRWDigitales Archiv NRW DA-NRW bis März 2014

Projektbeteiligungen Europäische Digitale Bibliothek Delos Planets ENRICH e-ARK

Publikationen (Ed.) From History to Applied Computer Science in the Humanities, HSR Supplement 29 (2017). (Ed.) Das Digitale Archiv NRW in der Praxis, Hamburg 2013. Controversies around the Digital Humanities, ed. by Manfred Thaller = Special Issue in Historical Social Research. Vol. 37 (2012), No. 3. mit Simone Görl, Johanna Puhl: Empfehlungen für die weitere Entwicklung der Wissenschaftlichen Informationsversorgung des Landes NRW, epubli: Berlin 2011. (Ed.) The eXtensible Characterisation Languages – XCL, Hamburg 2009.

Varia Gastprofessuren Hebräische Universität Jerusalem (1987) Queen Mary University of London (1993) Europäisches Hochschulinstitut, Florenz (1993)

Projektleitungen «WORM's als Editionsmedium für historische Datenbanken», 1987–1988 (gefördert durch IBM Germany) «Entwicklung fachspezifischer Software für die Historischen Wissenschaften», 1988–1992 (VW Stiftung) «Digitale Archive», 1996–1999 (VW Stiftung) «European Cultural Heritage Technician», 1998–2000 (European Union, DG XXII). «Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis» 2000–2004 (DFG) «Evaluation deutscher Digitalisierungsaktivitäten» 2004–2005 (DFG) «Verteilte Digitale Inkunabelbibliothek» 2004–2006 (DFG)

Projektkoordinationen «Sicherstellung der Archive in Auschwitz», 1991–1997 (Verschiedene Förderer) «Autumn School for New Historical Methods at the Moscow State University», 1992–1996 «Technology, Skills and Ressources for Historians of the Former Soviet Union», 1995/1996

Evaluierende und Beratende Projekte Evaluierung deutscher Förderprogramme zur Digitalisierung, Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) 2004/2005 und wiederholend 2011/2012 Strategieentwicklung für das Forschungsministerium NRW, 2009/2010

Sonstiges 1991–1994 Präsident der internationalen Gesellschaft «Association for History and Computing». 2000–2002 Mitglied des Ausschusses zu Dokumentliefersystemen bei der deutschen Forschungsgesellschaft (DFG). 2002–2008 Mitglied des Bibliotheksausschusses der DFG (Ausschüsse: Informationsmanagement (2002–2004); Informationssysteme für das Mittelalter und die Frühmoderne (2002–2004); Kulturelles Erbe (2002–2008))

Lehrtätigkeiten Neben den oben genannten Gastprofessuren übte Thaller eine regelmäßige Lehrtätigkeit in den 1980er und 90er Jahren in historischer Informationsverarbeitung in Göttingen (seit 1984) und München (seit 1985) aus. Zudem gab er Kurse und Seminare an den Universitäten Graz, Hamburg, Salzburg, Siegen und Wien. Es folgte eine intensive Lehrtätigkeit, hauptsächlich im Umgang mit verschiedenen Software-Paketen, an den Universitäten Budapest (CEU), Freiburg, Köln, Odense, Utrecht und Westfield College, London.

1979–1999 nahm Thaller als Lehrender an der summer school «Neue Methoden in der Geschichtswissenschaft» teil; ursprünglich an der Universität Linz, später an der Universität Salzburg, seit 1994 an den Universitäten von Bergen und Salzburg.

1987–1992 sowie 1994 und 1997 war er Organisator einer summer school über quellenorientierte Datenverarbeitung in Göttingen.

Internationale Lehrtätigkeiten bis 2014: Lokaler Koordinator des europäischen Verbundstudiengangs European MA „EuroMACHS“ für Köln (Partnerhochschulen: Coimbra, Portugal; Köln, Deutschland; Lecce, Italien; Turku, Finnland) Vortragender auf preservation summer schools an den Universitäten in Chapel Hill, North Carolina; Glasgow; London; Rom.

Publikationen «DESCRIPTOR. Probleme der Entwicklung eines Programmsystems zur computerunterstützten Auswertung mittelalterlicher Bildquellen», in: Europäische Sachkultur des Mittelalters, Wien 1980 (= Veröffentlichungen des Instituts für Mittelalterliche Realienkunde Österreichs. 4 = Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Phil. hist. Kl. 374). «Automation on Parnassus. CLIO – A Databank Oriented System for Historians», in: Historical Social Research / Historische Sozialforschung 15 (July 1980). Volltext Zugang zum Reprint in HSR Supplement 29 (2017). «Datenbankorientierte Verfahren bei der maschinenunterstützten Auswertung historischen Quellenmaterials», in: Thomas Kneser (Ed.): Datenverarbeitung in den Geisteswissenschaften, Göttingen 1980 (= GWDG. Bericht 19). «Praktische Probleme bei der interdisziplinären Untersuchung von Gemeinschaften 'Langer Dauer'», in: Gerhard A. Ritter und Rudolf Vierhaus (Edd.): Aspekte der Historischen Forschung in Frankreich und Deutschland, Göttingen 1981 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 69). Numerische Datenverarbeitung für Historiker, Wien/Köln 1982 (= Materialien zur Historischen Sozialwissenschaft. 1). «Zur Formalisierbarkeit hermeneutischen Verstehens in der Historie», in: Mentalitäten und Lebensverhältnisse, Göttingen 1982. «Klassifikatorische Voraussetzungen der Analyse historischer Quellen mittels formaler Verfahren», in: Peter Ihm und Ingetraut Dahlberg (Ed.): Numerische und Nichtnumerische Klassifikation zwischen Theorie und Praxis, Frankfurt 1982 (= Studien zur Klassifikation. 10). «Recycling the Drudgery. On the Integration of Software Supporting Secondary Analysis if Machine-Readable Texts into a DBMS», in: Linguistica Computazionale 3 (1983) Supplement. «Ein neues Eingabegerät: Die Kurzweil Data Entry Machine», in: Nachrichten für Dokumentation 34/6 (1983). «Mittelalterliche Realienkunde und EDV», in: Die Erforschung von Alltag und Sachkultur des Mittelalters, Wien 1984 (= Veröffentlichungen des Instituts für Mittelalterliche Realienkunde Österreichs. 6 = Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Phil. hist. Kl. 433). «Datenbankorientierte Verfahren in der Geschichtswissenschaft», in: Bericht über den 15. Österreichischen Historikertag in Salzburg 1981, Wien 1984 (= Veröffentlichungen des Verbandes Österreichischer Geschichtsvereine. 23). «Ungefähre Exaktheit: Theoretische Grundlagen und praktische Möglichkeiten einer Formulierung historischer Quellen als Produkte 'unscharfer' Systeme», in: Herta Nagl und Franz Wimmer (Ed.): Neue Ansätze in der Geschichtswissenschaft. Eine philosophisch-historische Tagung, Wien 1984 (= Conceptus Studien. 1). Volltext Zugang zum Reprint in HSR Supplement 29 (2017). «Beyond Collecting. On the Design and Implementation of CLIO, a DBMS for the Historical Sciences», in: Robert F. Allen (Ed.): Data Bases in the Humanities and the Social Sciences 2, Osprey, Flo. 1985. mit Konrad Jarausch und Gerhard Arminger: Quantitative Methoden in der Geschichtswissenschaft, Darmstadt 1985. «Possiamo permetterci di usare il computer? Possiamo permetterci di non usarlo?», in: Quaderni Storici 60 (1985). «Can We Afford to Use the Computer; Can We Afford not to Use it?» In: H. Millet (Ed.) Informatique et Prosopographie, Paris 1986. «A Draft Proposal for the Coding of Machine Readable Sources», in: Historical Social Research / Historische Sozialforschung 40 (October 1986). «Methods and Techniques of Historical Computation», in: Peter Denley and Deian Hopkin (Edd.): History and Computing, Manchester 1987. «Auf dem Weg zu einem Standard für maschinenlesbare Quellen», in: Friedrich Hausmann u. a. (Hrsg.): Datennetze für die Historischen Wissenschaften?, Graz 1987. «The Daily Life of the Middle Ages, Editions of Sources and Data Processing», in: Medium Aevum Quotidianum 10 (1987). «Secundum Manus. Zur Datenverarbeitung mehrschichtiger Editionen», in: Günter Cerwinka u. a. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte und Ihren Grundlagen. Festschrift Friedrich Hausmann zum 70. Geburtstag, Graz 1987. «Vom Beleg zum Begriff. Der Beitrag der Datenverarbeitung zur Lösung von Terminologieproblemen», in: G. M. Dienes u. a. (Hrsg.): Ut populus ad historiam trahatur, Graz 1988.