Die Burschenschaft Teutonia Jena, zwischen 1949 und 1992 Burschenschaft Teutonia zu Jena in Berlin, zählt zu der am 12. Juni 1815 in Jena gegründeten Urburschenschaft, die den Grundstein für alle Burschenschaften im deutschsprachigen Raum legte. Sie vereint heute aktive und ehemalige Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena in einem Freundschafts- und Lebensbund.
Die traditionsreiche Studentenverbindung steht zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland und lehnt eine konfessionelle oder parteipolitische Linie sowie Rechts- als auch Linksextremismus ab.
Couleur Die Teutonia Jena trägt die Farben Königsblau-Weiß-Gold mit goldener Perkussion in Band und blauer Mütze.
Gründung Geprägt von dem Leitspruch Ehre, Freiheit, Vaterland gründeten am 12. Juni 1815 Studenten der Universität Jena die erste Burschenschaft im deutschsprachigen Raum. Diese später sogenannten Urburschenschafter hatten an den Befreiungskriegen teilgenommen und forderten nach ihrer Rückkehr liberale Reformen, insbesondere Verfassungen, Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit. Zentrale Ziele der Studenten waren zum einen das Ideal einer übergreifenden studentischen Gemeinschaft (die Burschenschaft sollte alle deutschen Studenten miteinander verbinden) und zum anderen ein freies, einheitliches und modernes Deutschland.
Auf Einladung der Jenaer Burschenschaft manifestierten am 18. Oktober 1817 über 500 Studenten aus ganz Deutschland auf dem Wartburgfest erstmals öffentlichkeitswirksam ihre Forderungen und gingen damit bewusst in Opposition zur Politik der deutschen Kleinstaaterei. Nach dem Hambacher Fest (1832) und insbesondere dem missglückten Frankfurter Wachensturm (1833) kam es zu Verboten, Verfolgungen, Verhaftungen, und Verurteilungen zu langjährigen Haftstrafen.
Dies führte zu Richtungskämpfen innerhalb der Jenaer Burschenschaft, die sich 1840 in die Burschenschaft auf dem Fürstenkeller und die Burschenschaft auf dem Burgkeller spaltete. Aus diesen beiden Studentenverbindungen gingen letztlich 1845 die Teutonia Jena und 1846 die Germania Jena sowie die Arminia Jena hervor. Die Mitglieder der Teutonia setzten sich fast ausschließlich aus Mitgliedern der Burgkeller-Burschenschaft zusammen, deren letzter Vorsitzender erster Senior der Teutonia wurde.Hans-Georg Balder: Die deutschen Burschenschaften. Ihre Darstellung in Einzelchroniken. WJK-Verlag, 2005, S. 229–236.
Nichtsdestotrotz spielten die Jenenser Burschenschaften während der Revolution 1848/49 eine gemeinsame und zentrale Rolle, indem sie als Vorreiter für nationale Einheit, Freiheit und eine demokratische Verfassung kämpften. Insgesamt saßen 163 Burschenschafter in der Frankfurter Nationalversammlung. Auch später arbeiteten die Jenaer Burschenschaften zusammen. Unter anderem gründeten am 22. Juni 1870 die Jenenser Armenia, Germania und Teutonia den Jenenser Deputierten-Convent (kurz Jenenser DC), der eine gemeinsame Studentenvertretung an der Salana darstellte. (Salana, Akronym von Saale, lateinisch Sala, und Jena, ist eine früher oft verwendete synonyme Bezeichnung der Universität Jena.J. Vollmann: Burschicoses Wörterbuch. Zweiter Theil. Druck und Verlag Rudolf Unteregger, 1846, S. 404.)
Jüdische Mitglieder In der Verfassung der Jenaischen Urburschenschaft von 1815 waren Juden nicht ausgeschlossen. Auf den folgenden Burschentagen, an denen verschiedene Verbindungen aus ganz Deutschland teilnahmen, stimmte die Mehrheit hingegen dafür, nur „Deutsche von Geburt und nur Bekenner der christlichen Religion“ als Mitglied einer Burschenschaft aufzunehmen. Wiederum fassten die Abgeordneten im Jahr 1818 auf dem Burschentag in Jena den Mehrheitsbeschluss, jeder Burschenschaft es selbst zu überlassen, Juden aufzunehmen. Jedoch führten die maßgeblich gegen Studentenverbindungen gerichteten Karlsbader Beschlüsse auf dem Burschentag 1820 in Dresden zu der einstimmig gefassten Resolution, künftig keine Ausländer und Juden mehr in Verbindungen zu integrieren.Andreas Bohne: Studenten und Alte Herren im kolonialen Rausch. Burschenschaften und Kolonialismus vom Vormärz bis zur Gegenwart. Transcript Verlag, 2024, S. 88–90, 186.
Hinwieder bewirkte die sogenannte Demagogenverfolgung spätestens Anfang der 1830er Jahre eine Entpolitisierung der Burschenschaften, verbunden mit einer Rückbesinnung auf die urburschenschaftliche Gleichheit aller Studenten. Auf dem Frankfurter Burschentag 1831 beschlossen die Teilnehmer, in der Satzung die Forderung einer „christlich-deutschen Mitgliedschaft“ in die Forderung einer „deutschen Mitgliedschaft“ umzuwandeln. Damit stand der Aufnahme von Juden nichts mehr im Wege.Verein zur Abwehr des Antisemitismus (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Band 14. F. Sommer Buchdruckerei und Verlag, Berlin, 1904, S. 196–197.
In den folgenden 50 Jahren waren mit Ausnahme der katholischen Verbindungen in sämtlichen Burschenschaften jüdische Bundesbrüder vertreten. Bis zum Anfang der 1880er Jahre wurde beim Keilen (Werben von neuen Mitgliedern für eine Verbindung) überhaupt nicht gefragt, welcher Religion jemand angehört. Erst mit Gründung der Vereine deutscher Studenten, die sich im Zuge des Berliner Antisemitismusstreits auf den deutschen Universitäten ausbreiteten, begannen einzelne Verbindungen Juden kategorisch auszuschließen.
Auch in Jena unterschrieben viele Studenten und Professoren die Antisemitenpetition an den Reichskanzler. Nur zwei Jenenser Verbindungen widersetzten sich geschlossen diesen Forderungen: die Arminen und die Teutonen. Beide Burschenschaften versuchten jede Auseinandersetzung mit der sogenannten Judenfrage zu vermeiden. Innerhalb des Deputierten-Convents konnte sich jedoch sukzessive – von Semester zu Semester – eine wachsende antisemitische Mehrheit in der Aktivitas sowie unter den Alten Herren etablieren.Gustav Heinrich Schneider: Die Burschenschaft Germania zu Jena. Costenoble, 1897, S. 494, 548.
Mehrere Vertreter des Jenenser Deputierten-Convents hatten seit Ende der 1870er Jahre eine antisemitische Richtung eingeschlagen. Als beispielsweise zum Sommersemester 1881 der jüdische Heidelberger Allemanne Otto Lubarsch nach Jena wechselte, soll ihm die Teutonia ihr Band zunächst verweigert haben, weil der Jenenser Deputierten-Convent einen Ausschluss von Juden beschlossen hatte. Erst nachdem sich Proteste aus der eigenen Altherrenschaft und dem verbündeten Süddeutschen Kartell dagegen erhoben, revidierte die Teutonia ihre Zustimmung zum Beschluss des Jenenser DC.Franz Egon Rode: Die Universitätsburschenschaften im Kaiserreich. In: Christian Oppermann (Hrsg.): Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Bd. 23, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-8253-4727-7, S. 343.
Letztlich war es der Allgemeine Deputierten-Convent, der 1886 in Eisenach beschloss, dass fortan in keiner deutschen Burschenschaft Juden aufgenommen werden sollen. Dementsprechend existierten, abgesehen von rein jüdischen Studentenverbindungen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf deutschen Hochschulen keine Burschenschaften mehr, die Juden aufnahmen.
Kaiserzeit Während sich viele Burschenschaften nach der Reichsgründung (1871) von einer revolutionären zu einer eher staatstragenden Kraft wandelten, versuchte die Teutonia Jena im Deutschen Kaiserreich an den ursprünglichen Idealen der Urburschenschaft festzuhalten. Der Studentenhistoriker und Schriftleiter der Deutschen Hochschulzeitung Alfred Otto von Terzi kam in verschiedenen Studien zu dem Ergebnis, dass die Burschenschaften auch in der Kaiserzeit zu keinem Zeitpunkt eine politisch homogene Gruppe bildeten. Über die Teutonia Jena hielt er fest (Fragmente):
Obwohl Bildungsarbeit seit der Kaiserzeit im Vordergrund des Gemeinschaftslebens der pflichtschlagenden Verbindung steht, prägte insbesondere diese Epoche das studentische Leben der Teutonia mit eigenen Insignien wie Wappen und Zirkel, dem öffentlichen Auftreten in Mütze und Band sowie Pauktagen und besonderen Feiern wie den Kneipen und Stiftungsfesten.
Ein bedeutsames Ereignis war das 20. Stiftungsfest, das an vier Tagen vom 9. bis 12. August 1865 mit über 150 Gästen befreundeter Burschenschaften aus Erlangen, Göttingen, Heidelberg, Kiel und Tübingen nebst Kommers, Katerfrühstück und Feuerwerk stattfand. Höhepunkt war ein kostümierter Festumzug mit 30 Wagen, 150 Pferden und zwei Spielmannszügen. Der Zug bewegte sich durch ganz Jena zum Bierstaat Ziegenhain.Allgemeine Illustrirte Zeitung vom 15. Oktober 1865: Ein Studentenauszug nach Ziegenhain. Holzstich, Titelseite und S. 19. Google Books, abgerufen am 1. Dezember 2025. Von der Parade fertigte Andreas Villers einen Holzstich mit dem Titel „Auszug nach Ziegenhain zum zwanzigsten Stiftungsfest der Burschenschaft Teutonia in Jena“ an, wovon Abzüge noch heute in Antiquariaten erhältlich sind.Holzstich von Villers ZVAB, abgerufen am 3. Dezember 2025.
Von den Umzügen zur Bierrepublik Ziegenhain berichtete bereits Die Gartenlaube in einer Ausgabe von 1858, in der sie die Geselligkeit der Teutonen, aber auch ihre Empathie lobte, weil sie für einen anwesenden Vater aus einer Gemeinde in Schleswig, der seinen Sohn während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung verloren hatte, spontan „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ anstimmten.Die Gartenlaube. Nr. 36/1858. Das Jubelfest in Jena. S. 513, 515. Wikisource, abgerufen am 3. Dezember 2025. Völlig anders betrachtete 1895 Das Vaterland den Brauch der Burschenschafter. Diese deutschenfeindliche Tageszeitung titelte „Flegelei oder Religionsverspottung?“ und fuhr fort (Fragmente):
Ein Foto einer Waldkneipe in Ziegenhain mit rund 40 Teutonen nebst Couleurhund ist im Jahrbuch der Deutschen Burschenschaft von 1904 enthalten.Hugo Böttger (Hrsg.): Jahrbuch der Deutschen Burschenschaft 1904. Carl Heymanns Verlag Berlin, 1904, S. 114. Google Books, abgerufen am 3. Dezember 2025. Ein weiteres schon damals praktiziertes Ritual war das Bierduell, das allerdings nicht selten mit Strafen endete. Klassiker in den Akten der Universitätsleitung Jena sind:E Abt. II Universitätsamt Jena – Studentisches Vereinswesen und Studentenverbindungen Archivportal Thüringen, abgerufen am 3. Dezember 2025.
Disziplinaruntersuchung wegen vorgekommener Beleidigungen zwischen Teutonen und Burgkellereranen (Arminia). Disziplinarstrafsache gegen Mitglied der Teutonia wegen Beleidigung eines akademischen Lehrers. Disziplinarstrafsache gegen Mitglied der Teutonia, wegen Unfugs am Karzer (Leuten der Karzerglocke). Untersuchung gegen Mitglieder der Burschenschaft Teutonia wegen ausstehender Zahlungen bei Gastwirten. Disziplinarstrafsache gegen die Burschenschaften Arminia, Germania, Teutonia wegen Unfugs am Johann-Friedrich-Denkmal. Disziplinarstrafsache gegen den hiesigen D. C. (Teutonia) wegen eines Aufzuges mit Musik durch die Stadt ohne Erlaubnis der Behörden. Vorladung des Sprechers der Burschenschaft Teutonia wegen erneuten Unfugs am Johann-Friedrich-Denkmal (Begießen des Denkmal-Sockels mit Bier).
Im Sommersemester 1906 waren 193 studierende Burschenschafter an der Universität Jena eingeschrieben, davon entfielen 88 auf die Teutonia.Wiener Zeitung vom 15. September 1906: Die deutsche Burschenschaft S. 5. ANNO, abgerufen am 3. Dezember 2025.
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