mini|Felsentor Töpfer Sonnendurchgang Sommersonnenwende Sonnenuntergang gegen 20.00 Uhr
Die Sonnenheiligtümer der Oberlausitz sind markante, meist legendenumwobene Felsen und Steinformationen im Oberlausitzer Bergland und angrenzenden Regionen, von denen angenommen wird, dass sie in vorgeschichtlicher Zeit für kalendarische Sonnenbeobachtungen genutzt wurden. Meist besitzen sie auffällige Sichtöffnungen, durch welche die Sonne zu den kalendarischen Terminen der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen hindurchstrahlt. Das Sonnenbeobachtungsphänomen wurde 2007 erstmals von Ralf Herold und Hilmar Hensel gemessen. Im Jahr 2008 gründete die Sternwarte „Bruno-H.-Bürgel“ Sohland/Spree für die Erforschung des Phänomens eine Fachgruppe Archäoastronomie. Das Forschungsprojekt erhielt die Bezeichnung „Projekt Götterhand“, in Anlehnung an eine handförmige Auswitterung an dem ersten vermessenen Felsobjekt, der Teufelskanzel in Sora bei Wilthen.Broschüren „Archäoastronomie“ und "Sonnenpfade - Jäger des Lichts" (tschechisch-deutsch), Sternwarte Sohland/Spree, 2015 und 2018; Ralf Herold, „Sonnenheiligtümer der Oberlausitz – Der Geldkeller auf dem Löbauer Berg und sein wahrer Schatz“, 2012; Ralf Herold, Die Fährte des Lichts - Projekt Götterhand - Sonnenheiligtümer der Oberlausitz, 2020.
Forschungstradition in der Oberlausitz Aus dem Jahr 1614 stammt ein Bericht des Pastors Martin Niger. Er lebte damals im zur Oberlausitz gehörenden Weigsdorf (). Bei seinen Morgenspaziergängen begegnete ihm mitunter eine alte Frau, die aus Richtung des unweit der Kirche gelegenen Heidensteinfelsens () kam. Eines Tages fand er sie bei dem Felsen auf den Knien liegend und betend. Als er sie zur Rede stellte, erzählte sie ihm, dass hier schon ihre Großmutter und andere Bewohner des Umlandes bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang gebetet hätten, weil hier einst ein „Gottestempel“ gewesen wäre.Karl Benjamin Preusker „Blicke in die Vaterländische Vorzeit“ Band 1 von 1841, S. 14.
1690 diktierte Magister Martin Grünwald am Bautzener Gymnasium seinen Schülern eine Beschreibung der Oberlausitz, in der er von Altären auf den umliegenden Bergen sprach und damit allgemeines Interesse an mythologischen Altertümern in der Oberlausitz weckte.Lětopis – Jahresschrift des Instituts für sorbische Volksforschung. Reihe C – Volkskunde, Nr. 6/7, 1963/64, S. 15.
In Königshain bei Görlitz berichtete 1708 der Pfarrerssohn Samuel Friedrich Bucher von Urnen, die er selbst auf dem dortigen Totensteinfelsen ausgegraben hatte. Bucher bezeichnete den Fundort als „Höhlung“, die in den Felsen „eingearbeitet“ war, damit die „Anbeter gegen Sonnenaufgang nach altem Brauch … auf die Knie fallen und so gegen Osten … die Sonne anbeten konnten“.Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Gesellschaft für Anthropologie, Urgeschichte und Volkskunde, Band V, Heft 1und 2 der Jahreshefte, Görlitz 1938, S. 48.
Abraham Frencel, ein sorbischer Pfarrer, übersetzte 1712 die Flurbezeichnung „Prašchwiza“, als „Frage- oder Orakelort“ und richtete damit die Aufmerksamkeit der Forschung auf einen Berg, der später Czorneboh (Schwarzer Gott) genannt wurde und in dem man neben dem Teufel auch einen Sonnengott der dunklen Tages- bzw. Jahreszeit vermutete.Abraham Frencel, „Commentarius philologico-historicus de Diis Soraborum Aliorumque Slavorum“, 1712, Band II. S. 229.
Pfarrer Ehregott Friedrich Pannach aus Malschwitz nannte 1797 den nahe der Kirche des Dorfes Kleinbautzen gelegenen Teufelssteinfelsen einen „Altar der Abgötterei“ und stellte „absichtliche“ Veränderungen an der natürlichen Lage der Felsblöcke fest.Lausitzische Monatsschriften, 1797, Teil II., Pastor Pannach, „Oerter wo wahrscheinlich einst Abgötterei getrieben ward“, S. 413–414 Archäologische Grabungen der Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Oberlausitzer brachten 1903 zahlreiche Funde und die Bestätigung menschlicher Einflussnahme auf den Felsen.Jahreshefte der Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Oberlausitz, Band II., 1903–1913, Karl Richard Needon, „Der Teufelsstein von Pließkowitz“, S. 21–24
Karl Benjamin Preusker bezeichnete in seinen Werken „Oberlausitzische Altertümer“ von 1828 und „Blicke in die Vaterländische Vorzeit“ von 1841 eine ganze Reihe von Felsen der Oberlausitz als „heidnische Opferaltäre“ und „Göttertempel“ für einen „Sonnenkult“, bei dem an bestimmten Tagen die Sonne bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang angebetet wurde. Er vermutete eine ähnliche Bedeutung wie Stonehenge in England.Karl Benjamin Preusker „Blicke in die Vaterländische Vorzeit“, Band 1 von 1841, S. 14/23
Der Arzt Johann Gottfried Bönisch verband die „Felsaltäre“ der Oberlausitz 1830 neben der Sonne auch mit dem Mond.Johann Gottfried Boenisch, „Die alten Götter Deutschlands: vorzüglich Sachsens und der Lausitz“, 1830
Alfred Moschkau schlug 1885, wie schon zuvor Preusker, einen gedanklichen Bogen von den „Felsaltären“ des Oberlausitzer Mittelgebirges über die Megalithen Norddeutschlands und Skandinaviens bis nach Stonehenge in England.A. Moschkau, Die prähistorischen Alterthümer der Oberlausitz und deren Fundstätten, in: Neues Lausitz. Magaz. 61, 1885, S. 81
1937 vermutete der Astronom und Leiter der Leipziger Universitätssternwarte Josef Hopmann in näpfchenartigen Vertiefungen auf dem Totenstein und auf zahlreichen anderen sogenannten Schalensteinen in der Oberlausitz Sternbilddarstellungen.Görlitzer Nachrichten vom 13. Dezember 1937, „Vorgeschichtliche Sternbilddarstellungen in der Oberlausitz“, von Prof. Dr. J. Hopmann, Universitätssternwarte, Leipzig Lutz Pannier von der Scultetus-Sternwarte Görlitz analysierte die 1937 auf dem Totenstein durchgeführten Vermessungen der Näpfchen sowie Prof. Hopmanns Interpretationsskizzen. Er konnte keine Sternbilder erkennen. Ein von Prof. J. Hopmann angekündigter Fachartikel dazu erschien nie. Nach 1945 hatte sich Prof. Hopmann zu dieser Problematik nicht wieder öffentlich geäußert.Lutz Pannier, Die angeblichen Sternbilddarstellungen auf dem Totenstein, in: Görlitzer Magazin 9, 1995, S. 41
Seit 2007 knüpfen Heimatforscher und die Fachgruppe Archäoastronomie der Sternwarte „Bruno-H.-Bürgel“ in Sohland an der Spree an diese alten Forschungstraditionen mit einem neuen Forschungsansatz an. Forschungsgegenstand sind reguliert anmutende Felsöffnungen, die kalendarische Sonnenbeobachtungen gestatten. Die Felsobjekte, welche dieses Phänomen aufweisen, werden als „Sonnenheiligtümer der Oberlausitz“ angesprochen.Sächsische Zeitung, Bautzen/Löbau/Görlitz, 16. September 2009, „Dem Rätsel der Teufelskanzel auf der Spur“; Dresdner Morgenpost, Sachsen, 10. Juni 2010, „In der Lausitz wimmelt es nur so von antiken Sonnenfelsen“; Bild-Zeitung, Dresden, 11. Oktober 2011, „Wir sind die Jäger der Sonnensteine – In der Oberlausitz läuft das „Projekt Götterhand““ Einige der mitunter namenlosen Objekte erhielten im Rahmen des Projekts von der Forschungsgruppe in Anlehnung an Johann Gottfried Bönisch und Karl Haupt Namen als Arbeitstitel, die der nordischen Mythologie, der sorbischen Mythologie bzw. dem Sagenschatz der Oberlausitz entnommen wurden (Thor, Odin, Mara, Bieleboh, Czorneboh u. a.).
Objekte - Index saxum solarum (Katalog der Felsen mit astronomischer Sonnenfunktion)
Index Land Ort Name/„Arbeitstitel“ GPS Sonne Sagen/Überlieferungen/Funde 0001 Deutschland Sachsen Oberlausitz Wilthen Teufelskanzel Sora „Götterhand“ N 51° 07.067' E 14° 23.283' WSW ca. M; SSW/SA, TNG/SA; TNG/SU Teufelssitzplatz, Hexentanzplatz, Revier der „Wilden Jagd“, Fund eines Feuersteinwerkzeugs 0002 Deutschland Sachsen Oberlausitz Sohland an der Spree Hornsberg, „Heidentempel“ N 51° 02.147' E 14° 27.532' WSW ca. M, TNG/SA - SSW/SA Schatzsage, Nachbarorte tragen die Bezeichnung Hain, Teufelskanzel bzw. Götzenstein 0003 Deutschland Sachsen Oberlausitz Beiersdorf Bieleboh, Bieleboh-Altar, „Teufelsobservatorium“ N 51° 04.850' E 14° 31.283' TNG/SA Bieleboh = Weißer Gott, angeblicher Götterberg der Sorben, Teufelsfenster, Schatzsage, angeblicher Opferaltar 0004 Deutschland Sachsen Oberlausitz Beiersdorf Steinklunsen, „Altarhöhlentempel“ N 51° 03.833' E 14° 31.517' WSW ca. M, SSW/SA, ca. TNG/SA Eingemeißeltes, ca. einen Meter hohes, Wappenschild mit Malteserkreuz 0005 Deutschland Sachsen Oberlausitz Sohland an der Spree Kälberstein „Totenkopfaltar“ N 51° 04.357' E 14° 27.289' WSW ca. M+SU; SSW/SA, TNG/SA, ca. TNG/SU Sage vom verirrten Kalb, Teufels-Waschplatz mit Seifennäpfchen und Waschbecken, ein Felsen heißt Teufelskanzel 0006 Deutschland Sachsen Oberlausitz Neusalza-Spremberg Hainberg, Güttlerbüschl, „Thors Amboss – die Steinerne Himmelsscheibe von Neusalza-Spremberg“, N 51° 02.545' E 14° 32.142' WSW/SA, ca. M+SU, SSW/SA+SU, TNG/SA; Beltane SU Teufelsschmiede am 500 m östlichen Nachbarfelsen, Teufelskanzel unweit an der Spree, Sonneberg Richtung WSW/SU, Kirche auf Nord-Süd-Achse 0007a Deutschland Sachsen Oberlausitz Wehrsdorf „Thors Hammer I.“ N 51° 03.717' E 14° 23.400' WSW/SA+SU, SSW/SA, TNG/SA+SU Form, Größe, Ausrichtung und Funktion identisch mit „Thors Hammer II.“ (Index 0058); auf dem Bergkamm befindet sich der „Sonnenspalt“ (Index 0007b) 0007b Deutschland Sachsen Oberlausitz Wehrsdorf Hundskirche, „Sonnenspalt I.“ N 51° 03.850' E 14° 23.367' WSW ca. M historischer Flurname Hundekirche (Meilenblätter 1804, Berliner Ausgabe) 0008 Deutschland Sachsen Oberlausitz Langburkersdorf Hohwald „Himmelsaugen“ N 51° 03.304' E 14° 16.053' WSW/SU + ca. M, SSW/SA, TNG/SA Gold- und Zwergensagen, Revier der „Wilden Jagd“ 0013 Deutschland Sachsen Oberlausitz Sohland an der Spree „Steinzeitkino“ N 51° 02.150' E 14° 23.567' WSW ca. M, TNG/SA Großes „Opferbecken“, in die Höhle ist ein zum Himmel blickender Glatzkopf und Initialen eingemeißelt (scherzhaft „Steinerner Astronom“) 0016 Deutschland Sachsen Oberlausitz Doberschütz Zschemelschka/Křemjelčka ( für Quarz(sand)), Weißer Stein, „Maras Haus“ N 51° 12.917' E 14° 30.183' WSW/SU + ca. M, SSW/SA Im Umland Sage der Mittagsfrau (Mara - eine sorbische Göttin bzw. Geisterwesen mit Sichel als „Todbringerin“), unweit prähistorische Siedlungen und Bestattungsplätze 0017a Deutschland Sachsen Oberlausitz Cunewalde Czorneboh, Teufelstisch N 51° 07.183' E 14° 31.333' WSW ca. M, TNG/SA u. SU Götterberg Czorneboh = Schwarzer Gott, Orakelort, Opferaltar, Teufelssagen, Schatz-, Kobold- und Wunderblumensagen. Vorzeitliche Ringwälle auf Ost- und Westausläufern, bronzezeitlicher Depotfund im südlichen Tal, (siehe auch 0017b, 0017c, und 0018) 0017b Deutschland Sachsen Oberlausitz Cunewalde Czorneboh, Ente (von ) N 51° 07.196' E 14° 31.513' WSW/SA+SU, SSW/SA +SU, TNG/SA/SU „Ente“ ist die älteste bekannte Flurbezeichnung auf dem Czorneboh (siehe auch 0017a, 0017c, und 0018) 0017c Deutschland Sachsen Oberlausitz Döhlen Döhlener Berg, Hromadnik, „Thronstein“ 51° 7′ 19″ N, 14° 30′ 13″ E TNG/SA +SU Der sorbische Name Hromadnik bedeutet Versammlungsort, östlicher Ausläufer des Czorneboh (siehe auch 0017a, 0017b, und 0018) 0018 Deutschland Sachsen Oberlausitz Döhlen Hochstein, Raubschloss () N 51° 06.700' E 14° 34.267' WSW ca. M; SSW/SA Zwei vorgeschichtliche Ringwälle, Raubschloss (mittelalterliches Räuberversteck), mutmaßlicher Opferplatz, westlicher Ausläufer des Czorneboh (siehe auch 0017a, 0017b, und 0017c) 0019a Tschechien Böhmen Ústecký kraj Lipová (Hainspach) Brockstein, Hain, „Himmelsspitze“ N 51° 00.300' E 14° 21.483' WSW ca. M Mutmaßlicher vorchristlicher Kultplatz (heiliger „Hain“), Jungfernstieg, Rosstrappe mit Sage vom Rittersprung (siehe auch 0019b) 0019b Tschechien Böhmen Ústecký kraj Lipová (Hainspach) Brockstein, Hain, „Sonnenspalt II.“ N 51° 02.147' E 14° 27.532' SSW/SA Schmale Höhle mit Auswitterungsschale davor (siehe auch 0019b) 0021 Deutschland Sachsen Oberlausitz Wehrsdorf „Himmelskuppel“ N 51° 02.817' E 14° 22.250' WSW/SA+SU+ca. M, SSW/SA Keine bekannt, ein senkrechter