Der Begriff der Resilienz (von lateinisch resilire: zurückspringen, abprallen, nicht anhaften) bezeichnet in der neueren Soziologie die Fähigkeit von Gesellschaften, externe Störungen zu verkraften, ohne dass sich ihre wesentlichen Systemfunktionen ändern. Zudem wird das Konzept der Resilienz als Heuristik zur Analyse nichtlinearer sozialer und sozio-historischer Prozesse genutzt.

Im Gesellschaftsdiskurs hat sich „Resilienz“ vor allem als Gegen- bzw. Komplementärbegriff zur „Vulnerabilität“ (Verwundbarkeit) etabliert. Im Vordergrund steht dabei die Frage nach der Widerstands- und Regenerationsfähigkeit von Gesellschaften angesichts komplexer und zunehmend unvorhersehbarer, auch von Menschen verursachter RisikenJ. Birkmann: Measuring Vulnerability to Natural Hazards: Towards Disaster Resilient Societies. United Nations Univ Pr, 2006. und nicht funktionierender staatlicher Interventionen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Gesellschaften solche Risiken nicht nur bewältigen, sondern auch aus ihnen lernen, sich an zukünftige Herausforderungen anpassen und sich so transformieren können. Der Resilienzbegriff wird dabei ähnlich verwendet wie in der ÖkosystemforschungB. Walker, D. Salt: Resilience Thinking. Sustaining Ecosystems and People in a Changing World. 2006, ISBN 1-59726-093-2, S. 1. und zunehmend auch in den Ingenieurwissenschaften und der politischen Risikoforschung („Resilienzpolitik“). Er ist damit – wie auch sein Gegenbegriff der Vulnerabilität – ein Beispiel für die Ideenwanderung (travels of ideas) von Leitideen zum Funktionieren komplexer Systeme über disziplinäre Grenzen hinweg.Barbara Czarniawska, Barbara, Bernward Joerges: Travels of ideas. In: Dies./Guje Sevón (Hrsg.): Translating organizational change. Berlin: de Gruyter 1996, S. 13–48.

Definition und Theorien Der Begriff wurde zuerst 1967 von dem Anthropologen Roy A. Rappaport auf Stammesgesellschaften der Papua bezogen,R. A. Rappaport: Pigs for the Ancestors. New Haven 1967. die nicht zuletzt durch ihre Rituale ihr Ökosystem und damit ihre Ernährungsgrundlage erfolgreich regulieren und stabilisieren. Resilienz war für die funktionalistische Ethnologie, Anthropologie und Soziologie lange Zeit eine Kraft, die das gesellschaftliche und ökologische Gleichgewicht wahrte.

Neuere Ansätze gehen von der wiederholten Störung des Gleichgewichts als Normalfall aus. Gunderson und Holling vom Stockholm Resilience Centre definieren die Resilienz eines sozialökologischen oder sozialen Systems (bzw. einer Gesellschaft) als die größtmögliche Störung (die Magnitude der Störung), die das System verkraften kann, ohne dass sich wesentliche Strukturen und Kontrollprozesse verändern.L. H. Gunderson, C. S. Holling (Hrsg.): Panarchy: Understanding Transformations in Human and Natural Systems. Washington DC 2002, S. 4, 28. Diese Definition ist eingebettet in ihre „Theorie adaptiver Zyklen“,S. 32 ff. die davon ausgeht, dass soziale Systeme sich typischerweise in vier Phasen entwickeln: Wachstumsphase („growth“ oder „exploitation“): In dieser frühen Phase fließt alle Energie in den Aufbau von Systemstrukturen und die Akkumulation von Kapital – gemeint sind damit sowohl natürliche Ressourcen als auch soziales (Netzwerke), kulturelles (Wissen) oder finanzielles Kapital. Die Vernetzung des Systems mit seiner Umwelt ist dabei intensiv. Konsolidierungs- und Konservierungsphase („conservation“): Diese Phase ist durch Steigerung der Effizienz des Systems charakterisiert; Redundanzen werden durch verstärkte Arbeitsteilung beseitigt, die interne Engkopplung und das Ausmaß der internen Integration steigen. Die Energien fließen in die Intensivierung der Systemprozesse. Rigide Kontroll- und Herrschaftsformen erhöhen dabei zwar die Leistungsfähigkeit des Systems und ermöglichen teils monumentale Kulturleistungen, ziehen aber Inflexibilität nach sich. Die Vernetzung mit der Umwelt lässt gleichzeitig nach. Störung und nachfolgender Kollaps („collapse“) bei geringer Resilienz: Zu verschiedenen Zeitpunkten der Systementwicklung kann es zu extern verursachten Störungen kommen, die das System bedrohen, das akkumulierte Kapital vernichten und zum Zusammenbruch der internen Netzwerke führen können. Dieser Desintegrationsprozess muss nicht schlagartig eintreten und auch nicht gewaltsam oder katastrophisch enden; er kann sich über längere Zeit hinziehen, wenn die Resilienz des Systems groß genug ist. Reorganisation („reorganisation“): Hierbei kommt es zu einer Erholung und Reorganisation des Systems, oft auf niedriger Stufenleiter der internen Integration und mit geringerer Komplexität und Leistungsfähigkeit, aber höherer Flexibilität und Kreativität. Die Außenkontakte werden wieder intensiviert, es strömen Innovationen von außen zu.

Zur Charakterisierung der dritten Phase nutzen die Autoren den von Schumpeter entlehnten Begriff der „creative destruction“,S. 45. um zu verdeutlichen, dass durch den Zusammenbruch Raum für Neues geschaffen wird. Sie machen aber auch Anleihen bei der Theorie der langen Zyklen (Kondratjew), der Theorie komplexer Systeme sowie den Modellen des inkrementalen bzw. transformativen Lernens. Parallelen gibt es auch zu Charles Perrows Begriff der Entkopplung, also der Lockerung oder Auflösung eng gekoppelter Systemzusammenhänge. Auch für soziale Systeme ist „lose Kopplung“ ein Resilienzfaktor, wie Perrow ihn für technische Systeme definiert.

Insgesamt zeichnen sich diese Phasen durch ein wechselseitiges Zusammenspiel von Bewältigungs-, Anpassungs- und Transformationsprozessen aus. Eingebettet sind die „adaptive Zyklen“ in eine panarchische Perspektive, welche die Mehrebenenverknüpfungen verschiedener Systeme betont.

Das 4-R-Modell von Charlie Edwards soll beschreiben, welche Faktoren die Resilienz einer Gesellschaft gegenüber Naturkatastrophen oder terroristischen Anschlägen steigern. Kernelemente einer resilienten Gesellschaft nach Edwards sind Robustheit („robustness“), d. h. die Fähigkeit eines Systems, Belastungen standzuhalten; Redundanz („redundancy“), also die Existenz alternativer Möglichkeiten zur Erfüllung lebenswichtiger Aufgaben eines Systems; Einfallsreichtum („resourcefulness“) im Sinne der Fähigkeit eines Systems zur kreativen Reaktion auf ein Schadenereignis; Schnelligkeit („rapidity“), d. h. die rasche Reaktions- und Regenerationsfähigkeit eines Systems im Katastrophenfall.

Robustheit und Redundanz gehören zu den Faktoren der Schadensbegrenzung und Vorsorge, während Einfallsreichtum und Schnelligkeit den Phasen der Krisenreaktion und der Erholung zugeordnet werden.Ch. Edwards: Resilient Nation. London 2009, ISBN 978-1-906693-13-8.

Die Evolutionsökonomik sieht vor allem in der gesellschaftlichen und ökonomischen Diversität (Soziologie) einen Faktor, der Redundanz schafft und die Resilienz erhöht, da sie der Selektion unterworfen ist.

Redman und Kinzig heben hervor, dass nicht alle Resilienz begünstigenden Faktoren in allen Phasen des adaptiven Zyklus gleichmäßig wirken. Im Gegenteil können sie sich in verschiedenen Phasen teils stabilisierend, teils krisenverschärfend auswirken. So kann der Resilienzfaktor Redundanz hohe Systemressourcen verschlingen; zu große Robustheit kann zu mangelnder Flexibilität führen. Vertrauen gilt als resilienzfördernder Faktor, zu großes Vertrauen macht anfällig für das Unerwartete. Auch auf unterschiedlichen Aggregrationsniveaus des sozialen Zusammenlebens – z. B. Haushalt, Dorf, Stamm oder Gesellschaft – können Resilienzfaktoren unterschiedlich wirken. Ein Faktor, der die Resilienz von Familien stärkt, kann die eines Stammes schwächen.C. L. Redman, A. P. Kinzig: Resilience of past landscapes: resilience theory, society, and the longue durée. In: Conservation Ecology. 7 (1), 2003.

So erscheint Resilienz ambivalent, nämlich sowohl als ein den Wandel beschleunigender als auch ein die systemische Trägheit begünstigender Faktor, der den gesellschaftlichen Wandel verlangsamt und die Adaption an veränderte Umwelten behindert, bis plötzliche Kipppunkten eintreten.Axel Schaffer, Eva Lang, Susanne Hartard (Hrsg.): Systeme in der Krise im Fokus von Resilienz und Nachhaltigkeit. Metropolis Verlag, München 2014. Darin liegt die prinzipielle Unschärfe des Konzepts begründet.

Aktuelle Forschung zur Resilienz von Gesellschaften Der Diskurs um die resiliente Gesellschaft knüpft an die bis in die 1970er Jahre zurückgehenden Forschungen zur Vulnerabilität und Interdependenz von Gesellschaften an, wie sie von der Ethnologie, SozialgeographieH. Bohle, G. Downing, E. Thomas, M. J. Watts: Climate change and social vulnerability: toward a sociology and geography of food insecurity. In: Global Environmental Change. 4, 1994, S. 37–48. und HumanökologieZusammenfassend: Irasema Alcántara-Ayala, Andrew S. Goudie: Geomorphological Hazards and Disaster Prevention. Cambridge University Press 2010. betrieben wurde.

Die Soziologie hat den Resilienzbegriff aufgenommen und auf ganze Gruppierungen (Samtschaften) und Gesellschaften ausgeweitet. Doch ist im Vergleich zur individuellen und organisationalen Resilienzforschung die Erforschung gesellschaftlicher Resilienz noch vergleichsweise wenig entwickelt, wobei diese Systemebene weitaus komplexer und vielschichtiger ist. Sie betrifft Umweltveränderungen und -katastrophen, aber auch menschenverursachte Sicherheitsrisiken wie z. B. Terrorismus.Jon Coaffee, David Murakami Wood: Security is Coming Home: Rethinking Scale and Constructing Resilience in the Global Urban Response to Terrorist Risk. In: International Relations, Dezember 2006. Aus politik- und sozialwissenschaftlicher Sicht rückt seit einigen Jahren die Resilienz autoritärer Regime gegenüber zivilen Revolutionen in den Mittelpunkt des Interesses,J. A. Goldstone: Understanding the Revolutions of 2011: Weakness and Resilience in Middle Eastern Autocracies. In: Foreign Affairs. Mai/Juni 2011. aber auch die Resilienz von Demokratien gegenüber externen Beeinflussungs- und informationellen Manipulationsversuchen wird zum Thema.Kurt Edler: Demokratische Resilienz. Schwalbach 2017.

Aus politikwissenschaftlicher Sicht rückt seit 2001 die Resilienz von Gesellschaften gegenüber Terrorismus und Kriminalität oder die Resistenz autoritärer Regime gegenüber zivilen Revolutionen in den Mittelpunkt des Interesses. Auch die Resilienz des seit der Finanzkrise 2008 teilweise delegitimierten neoliberalen Wirtschaftssystems gegenüber erstarkten linken und rechten populistischen und protektionistischen Strömungen in Lateinamerika und Osteuropa (z. B. in Chile, Estland, teilweise auch in Polen), wurde zum Untersuchungsgegenstand. Aldo Madariaga fand mehrere Mechanismen, die neoliberale Wirtschaftsprinzipien vor Eingriffen schützen: gezielte Privatisierungen zugunsten von Finanzeliten und internationalen Investoren, die verfassungsmäßige Verankerung einer monetaristischen Politik, die Behinderung der gewerkschaftlichen Opposition sowie Wahlgesetze und Vetomechanismen, die die Repräsentation und Beteiligung von Gruppen einschränken, die eine alternative Politik fordern (z. B. in Estland durch Nutzung der ethnischen Spaltung).Aldo Madariaga: Neoliberal Resilience. Princeton University Press, 2020. Siehe auch Ders.: Die erstaunliche Resilienz des Neoliberalismus

In der Katastrophensoziologie wird Resilienz als robuste Widerstandskraft ganzer Gesellschaften gegen flächendeckende Verheerungen verstanden und vor allem im Bereich der sozialen Voraussetzungen eines wirksamen Selbstschutzes behandelt.Schutzkommission beim Bundesministerium des Innern: Dritter Gefahrenbericht. (= Zivilschutz-Forschung. Neue Folge, Band 59). Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Bonn 2006.