Antidotarium magnum, Liber iste, Antidotarium Nicolai und Grabadin sind die Namen von Rezeptbüchern aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Sie enthalten Arzneimittel der mittelalterlichen Materia medica und beeinflussten die pharmazeutische Theorie und Praxis in Europa bis ins 19. Jahrhundert und können als die ersten „Positivlisten für Arzneimittel“Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 122–125 (Salernitanische Antidotarien) und 220. und Vorläufer späterer Arzneibücher und moderner Pharmakopöen bezeichnet werden.

Antidotarium magnum (Antidotarius magnus) Antidotarium magnum bzw. (Liber) Antidotarius magnusFrancesco J. M. Roberg: Studien zum ‚Antidotarium Nicolai‘ anhand der ältesten Handschriften. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 21, 2002, S. 73–129, hier: S. 78–83. ist der Name einer Sammlung von medizinischen Rezepten. Diese Rezeptsammlung wurde um 1060Gundolf Keil: ‚Liber iste‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 850–851, hier: S. 850. in Süditalien zusammengestellt und enthält bis zu 1300 medizinische Rezepte in alphabetischer Anordnung. Typisch für vorsalernitanische Antidotarien war (im Gegensatz zu den Kurzrezepten der sogenannten Rezeptarien) das Vollrezept.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorischer Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 74–76. Die vom 16. Jahrhundert bis zu ihrer Wiederentdeckung durch Alfons Lutz „verschollene“ Vorschriftensammlung wurde von mehreren Autoren, unter anderem von Johannes Afflacius, verfasst und speist sich aus spätantiken, frühbyzantinischen und (z. B. über Constantinus Africanus vermittelten) arabischen sowie frühmittelalterlichen Quellen (darunter Antidotarien wie sie in der Klostermedizin verwendet wurden).Alfons Lutz: Der verschollene frühsalernitanische Antidotarius magnus in einer Basler Handschrift aus dem 12. Jahrhundert und das Antidotarium Nicolai. Stuttgart 1960 (= Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Neue Folge. Band 16).Christine Becela-Deller: Die Weinraute (Ruta graveolens L.) als Beispiel für eine Heilpflanze zur Zeit der Schule von Salern (10.–14. Jahrhundert.). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 12, 1994, S. 143–152, hier: S. 146.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 237. Mögliche Quellen des Antidotarium magnum sind: Galenos, 2. Jahrhundert, De compositione medicamentorum secundum locos.In: Carl Gottlob Kühn: Claudii Galeni Opera Omnia. Leipzig 1826, Band 12, S. 378–1007. (Digitalisat) Leipzig 1827, Band 13, S. 1–361. (Digitalisat) und De compositione medicamentorum per genera.In: Carl Gottlob Kühn: Claudii Galeni Opera Omnia. Leipzig 1827, Band 13, S. 362–1085. (Digitalisat) Medicina Plinii, 5. JahrhundertAusgabe. Valentin Rose. Plinii secundi quae fertur una cum Gargilii Martialis medicina. Nunc primum edita. Teubner, Leipzig 1875. Marcellus Empiricus. 4.–5. Jahrhundert De medicamentis.Ausgabe. Max Niedermann (Hrsg.): Marcelli De medicamentis liber. Teubner, Leipzig und Berlin 1916 (= Corpus medicorum Latinorum. Band 5). Theodorus Priscianus, 4.–5. Jahrhundert Euporiston.Theodori Prisciani Archiatri ad Timotheum fratrem, Phaenomenon Euporiston. Froben, Basel 1532 (Digitalisat) Alexander von Tralleis, 6. Jahrhundert Therapeutik.Ausgabe. Theodor Puschmann (Hrsg.): Alexander von Tralles. Original-Text und Übersetzung nebst einer einleitenden Abhandlung. Ein Beitrag zur Geschichte der Medizin. 2 Bände, Wien 1878–1879. Band I Band II und die arabischen Quellen des 5. Buchs (Composita – Antidotarium) des Kanon der Medizin des Avicenna.10.–11. JahrhundertDruck (in der Bearbeitung durch Andrea Alpago, 1450–1521). Basel 1556 (Digitalisat)Alfons Lutz: Der verschollene frühsalenitanische Antidotarius magnus in einer Basler Handschrift aus dem 12. Jahrhundert und das Antidotarium Nicolai. Veröff. d. int. Ges. f. Gesch. d. Pharmazie NF, Band 16, 1960, S. 97–133.Andreas Kramer und Korinna Scheidt: Die Handschriften des Antidotarius magnus. In: Sudhoffs Archiv. Band 83, 1999, S. 109–116.Francesco J.M. Roberg: Das ‚Antidotarium Nicolai‘ und der ‚Liber Antidotarius magnus‘. (= Marburger Beiträge zur Kulturgeschichte der Medizin.) Eudora, Leipzig 2007, S. 251–268.

Liber iste (= Pseudo-Platearius-Glossen) Zwischen 1100 und 1200Francesco J. M. Roberg: Studien zum ‚Antidotarium Nicolai‘ anhand der ältesten Handschriften. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 21, 2002, S. 73–129, hier: S. 99 f.Gundolf Keil: ‚Liber iste‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 850–851, hier: S. 850. wurde in der Schule von Salerno ein pharmakologischer KommentarErwin Müller (Hrsg.): Der Traktat „Liber iste“ (die sogenannten Glossae Platearii, „Platearius-Glossen“) aus dem Breslauer Codex Salernitanus. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation, Berlin 1941) Würzburg 1942 (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Naturwissenschaften. Band 7). zu den 70 gebräuchlichsten Rezepten des frühsalernitanischen Antidotarium magnum verfasst und ist handschriftlich spätestens seit 1170Roberg (2002), S. 99 f. belegt. Diese kommentierende Bearbeitung (mit dem Titel Glossulae, genannt auch „Glossae Platearii“) erhielt nach seinen ersten Worten die Bezeichnung Liber isteGundolf Keil. Liber iste. In: Lexikon des Mittelalters. Band 5. Stuttgart 1999, Sp. 1945.Francesco J. M. Roberg: Studien zum ‚Antidotarium Nicolai‘ anhand der ältesten Handschriften. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 21, 2002, S. 99 f. und wurde entgegen früheren Annahmen wohlVgl. dazu auch Gundolf Keil: „dits die beste raet die icker toe can gegeuen genomen vte platearise“. Quellenkundliche Anmerkungen zu Ypermans Medicine. In: Geneeskunde in nederlandstalige teksten tot 1600. Koninklijke Academie voor Geneeskunde van België, Brüssel 2012 2013, ISBN 978-90-75273-29-8, S. 93–137, hier: S. 104, Anm. 73. nicht durch ein Mitglied der Ärztefamilie Platearius verfasst.Gundolf Keil, Willem Frans Daems: ‚Liber iste‘. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 5, Sp. 759–762.Konrad Goehl: Kurzindex zum pseudoplatearischen ‚Liber iste‘. In: „gelêrter der arzeniê, ouch apotêker“. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Willem F. Daems. Hrsg. von Gundolf Keil, Horst Wellm Verlag, Pattensen/Hannover 1982 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 24), ISBN 3-921456-35-5, S. 655–666, hier: S. 657 f. Die älteste Übertragung des sowohl Merkmale eines Arzneibuchs wie eines Kräuterbuchs aufweisendenGundolf Keil: ‚Liber iste‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 850–851; derselbe: Antidotar. ebenda, S. 69–70, hier: S. 69. drogenkundlichen, im Gegensatz zu den zusammengesetzten Arzneimitteln (Composita) von Antidotarium magnum und Antidotarium Nicolai vor allem Einzelstoffarzneimittel (Simplicia) behandelnden, Textes in die deutsche Sprache entstand im 13. Jahrhundert.Gundolf Keil: ‚Deutsches salernitanisches Arzneibuch‘. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 296 f., hier: S. 297.Erwin Müller: Der Traktat Liber iste (die sogenannten Glossae Platearii) aus dem Breslauer Codex Salernitanus. Würzburg 1942 (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Naturwissenschaften. Band 7).Vgl. auch Johannes Gottfried Mayer: Das ›Leipziger Drogenkompendium‹ (Leipzig, Universitätsbibliothek, Cod. 1224) und seine Quellen ›Circa instans‹, ›Aggregator‹ (Pseudo-Serapion), ›Macer floridus‹ (bzw. ›Älterer deutscher Macer‹), ›Liber graduum‹ (Constantin) und ›Liber iste‹. In: Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil zum 65. Geburtstag (= Texte und Wissen. Band 3). Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-1851-6, S. 207–263, hier: S. 216.

Antidotarium Nicolai