Die Frauenvereinigung für Ganz-China oder All-Chinesische Frauenvereinigung, Gesamt-Chinesischer Frauenbund (, englisch All-China Women’s Federation Abk. ACWF), ist eine Frauenrechtsorganisation, die am 24. März 1949 in China gegründet wurde. Anfangs nannte sie sich Demokratische Frauenstiftung für Ganz-China (All-China Democratic Women’s Foundation). 1957 wurde sie umbenannt. Sie agiert als die offizielle Organisation der Frauenbewegung in China und ist verantwortlich für die Verbreitung staatlicher Vorgaben bei Frauen und für den Schutz der Frauenrechte in der Regierung.
Geschichte Vor 1949: Frauenbewegungen und Vorläuferorganisationen mini|Chinesische Frauenbewegung der Kuomintang 1925 in Shanghai
Die frühe chinesische Frauenbewegung geht auf die Bewegung des vierten Mai und die Kuomintang zurück, welche die Einführung westlicher Werte, eine Gleichstellung der Religionen und speziell für Frauen das Recht forderte, an Universitäten studieren und sich frei in der Gesellschaft bewegen zu können.Rana Mitter: Bitter Revolution. China's Struggle with the Modern World. Oxford University Press, 2005, S. 12 f. Auf dem 2. National-Kongress 1922 der Kuomintang, auf welchem Vertreter der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) vertreten waren, veröffentlichten die Delegierten eine Direktive, die ein Ende des Konfuzianismus und die Gleichheit von Frauen und Männern forderte. Dieser Grundsatz wurde von beiden Parteien auf dem 3. National-Kongress verbindlich beschlossen.Howell, Jude. "Organizing around women and labour in China: Uneasy Shadows, Uncomfortable Alliances." Communist and Post-Communist Studies. no. 3 (2000): 355–377.
Unabhängig von der bestehenden Ersten Einheitsfront, die das Ziel der Chinesischen Wiedervereinigung anstrebte, gründeten beide Parteien eigene Frauenorganisationen. Die Einheitsfront endete 1927 im Zuge der erfolgreichen Nordexpedition der Kuomintang. Im Laufe der nächsten Jahre gewannen die Frauenbewegung beider Parteien zunehmend an Einfluss. Im März 1938 wurde der Erste Frauen-Congress von der Frauenvereinigung von Shan-Gan-Ning (einer Vorgängerorganisation der Frauenvereinigung) abgehalten. Das Programm hielt fest, dass alle Frauen vereint sein sollten, um zum Schutz des Landes beizutragen, und bereits sie forderten, dass es Frauen möglich sein sollte, aus gewaltbestimmten Ehen zu fliehen, die Gesundheitsfürsorge von Frauen zu verbessern, die Praxis des Füße-Einbindens abzuschaffen, häuslichen Missbrauch strafbar zu machen und das Erbrecht von Frauen zu schützen. Die Frauenvereinigung übernahm 1949 viele dieser Ziele.
1949–1966: Gründung und frühe Jahre Die "All-Chinesische demokratische Frauenvereinigung" (中华全国民主妇女联合会) wurde am 24. März 1949 als erste landesweite Frauenrechtsorganisation gegründet und noch im selben Jahr in "All-Chinesische Frauenvereinigung" umbenannt. Frauen, die in der Frauenbewegung und der KPCh bestimmend gewesen waren, erhielten Posten in Leitungsgremien der Vereinigung. Cai Chang, eine prominente Führerin der Bewegung, aktives Parteimitglied und Veteranin des Langen Marsches wurde die erste Vorsitzende.Holding Up Half the Sky: Chinese Women Past, Present and Future. Edited by Tao Jie, Zheng Bijun, Shirley L. Mow. New York: First Feminist Press, 2004. Die Organisation wurde als Vereinigung verschiedener lokaler Frauenrechtsgruppen mit den beiden Zielen "Aufbau eines Sozialistischen China" und "Förderung des Status von Frauen" gegründet.Zhang, Naihua. Searching for 'Authentic' NGOs: The NGO Discourse and Women's Organizations in China. Chinese Women Organizing: Cadres, Feminist, Muslims, Queers. Edited by Ping-Chuna Hsiung, Maria Jaschok, and Cecilia Milwertz. Oxford: Berg, 2001. Und entwickelte sich bald über ihre ursprüngliche Mission der Geschlechtergerechtigkeit hinaus und wurde ein Instrument der Partei um Frauen für wirtschaftliche, politische und ideologische Projekte zu mobilisieren.
Anfangs war Marxismus-Leninismus die vorherrschende Ideologie. Die KPCh förderte die Frauenbewegung als Teil einer größeren chinesischen Revolution gegen die Feudalgesellschaft. Einige KPCh-Führer verurteilten allerdings, dass die meisten Frauen weiterhin Hausarbeit leisteten und nicht aktiv an der Revolution teilnähmen, während die All-Chinesische Frauenvereinigung konterte, dass die wirtschaftliche Situation es bisher nicht erlaube, dass alle Frauen Arbeitsplätze erhalten könnten. Daher konnten auch Hausangestellte, Ehefrauen und Mütter aktiv an der Revolution beteiligt sein.
Um die Beiträge der Frauen zu verstärken, wurde 1956 die "Five Good Family Campaign" ins Leben gerufen, die vor allem Erziehung, Haushaltsführung, Mobilisierungsarbeit unter Nachbarn, Haushaltsarbeiten und Selbstverbesserung in den Mittelpunkt stellte.Zheng, Wang. "State Feminism?" Gender and Socialist State Formation in Maoist China." Feminist Studies. no. 3 (519–551). 1953 gab es bereits mehr als 40.000 Funktionärinnen, die auf lokaler Ebene die Kampagnen vorantrieben.
Um 1957 trat die Frauenvereinigung in eine neue Phase ein, was unter anderem dadurch deutlich wurde, dass die Bezeichnung "demokratisch" im Namen fallen gelassen wurde.Judd, Ellen R. The Chinese Women's Movement between State and Market. Stanford: Stanford University Press, 2002. Die Vereinigung wurde formal in die Struktur der Partei eingegliedert. Damit fügte sie sich in die staatliche Hierarchie ein und entwickelte sich zu einer Organisation der Massen. Gleichzeitig erwarb sie dadurch weitere Aufgabenbereiche. Seitdem ist die Frauenvereinigung verantwortlich für die politische Propaganda unter den Frauen, garantiert die Inklusion von Frauen bei politischen Kampagnen, bewirbt politische Kampagnen bei Frauen und organisiert Paraden, Treffen und Demonstrationen um die Teilnahme von Frauen zu fördern. Die KPCh bemühte sich darum, die Frauenvereinigung als offizielle Partnerin für die Verwirklichung ihrer geschlechtsspezifischen Ideen einzusetzen. Darüber hinaus knüpfte die Frauenvereinigung auch Verbindungen zu anderen Massenbewegungen: Zum YWCA (CVJF) of China und zur Women Personnel Section der Gewerkschaften.Bohong, Liu. The All-China Women's Federation and Women’s NGOs. Chinese Women Organizing: Cadres, Feminist, Muslims, Queers. Edited by Ping-Chuna Hsiung, Maria Jaschok, and Cecilia Milwertz. Oxford: Berg, 2001. Auch international spielte die Frauenvereinigung eine wichtige Rolle für die KPCh. Als kommunistisches Land im Kalten Krieg war jeder Anhaltspunkt wichtig für diplomatischem Beziehungen. Die Frauenvereinigung erreichte Frauen-Bewegungen im Ausland und konnte im Dezember 1949 23 Delegationen aus der ganzen Welt zur Asia Women’s Representative Conference einladen. Dadurch konnte die VRC die diplomatische Blockade umgehen und Kontakte zu anderen Ländern schaffen. Bald darauf begann jedoch die Kulturrevolution und viele Initiativen wurden zerschlagen.
1966–1976: Die ACWF in der Kulturrevolution Die Frauenbewegung während der Kulturrevolution (1966–1976) wurde, wie die meisten anderen Organisationen in dieser Zeit, abhängig vom Mao-Kult. Während der Kulturrevolution wurde die Frauenbewegung als bourgeois und reaktionär angesehen, weil sie ihren Ursprung im Westen hatte. 1968 wurde die Frauenvereinigung aufgelöst, weil sie als anti-revolutionär bezeichnet worden war. Die Partei argumentierte, dass die Frauenbewegung komplett in der Revolutionsbewegung aufgehen müsse. Die Büros wurden von den Roten Garden besetzt und viele der Frauen in Führungspositionen wurden zur Umerziehung in Arbeitslager aufs Land verschickt. Die Bewegung blieb ausgeschaltet bis zur Verhaftung der Viererbande 1976.
Das Komitee für den 4. Nationalen Frauen-Kongress trat erstmals wieder 1976 zusammen. Es begann die Kader (Funktionärinnen) zu rehabilitieren, die zum Arbeitsdienst verschickt worden waren, und setzte die Frauenvereinigung wieder ein. 1978 war sie wieder voll arbeitsfähig und gab bekannt, dass sie die Vier Modernisierungen von Deng Xiaoping unterstützen werde. Die neu eingerichtete Frauenvereinigung verstärkte ihre Arbeit in Ortsgruppen,Howell, Jude. "The struggle for survival: Prospects for the Women's Federation in Post-Mao China." World Development . no. 1 (1996): 129–143.
1976–heute: NGO-Status in der Ära der Reformen mini|Chen Zhili, die frühere Präsidentin der ACWF, 2009. Seit den 1980ern setzte die Frauenvereinigung neue Prioritäten, indem sie die Verantwortung gegenüber der Partei dem Schutz der Frauenrechte und der Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit unterordnete. Während sie verantwortlich war für die Propaganda, dass die KPCh die Frauenbewegung unterstützt habe, begann auch eine Kritik, weil viele der Maßnahmen unwirksam gewesen waren und das dominante Patriarchat in China noch immer unangefochten war. Die Frauenvereinigung setzte sich verstärkt mit den Entwicklungen von Frauenbewegungen in anderen Ländern auseinander und begann die Vorgaben der KPCh zu hinterfragen. Die Kampagnen diversifizierten sich zunehmend, weil sie auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der städtischen und der ländlichen Bevölkerungen abgestimmt wurden. Obwohl die Frauenvereinigung noch immer an die Parteilinie gebunden ist, nimmt sie nicht länger an politischen Massenkampagnen teil. Zudem erklärte die Partei die Frauenvereinigung Anfang der 1990er offiziell zu einem "Supervisory Body" (Überwachungsorgan der Partei), so dass sie auch dafür verantwortlich ist, die Parteimassnahmen in Bezug auf ihre Effektivität zu prüfen. 1992 wurde auch genehmigt, dass sie selbst Fundraising betreiben darf, wodurch sie weniger abhängig von staatlichen Mitteln ist und viel selbstständiger eigene Ziele verfolgen kann.
Ein neuer Fokus wurde auf Selbst-Entdeckung von Frauen gelegt und eine Vier-Selbst-Kampagne (四自能力, si zi nengli): Selbst-Respekt, Selbst-Vertrauen, Selbst-Verbesserung, und Selbst-Verlässlichkeit. Beispielhaft kann der Balanceakt der Frauenvereinigung zwischen Regierungsverantwortlichkeit und Verteidigung der Frauenrechte anhand der Ein-Kind-Politik dargestellt werden. Die Frauenvereinigung war verantwortlich dafür, die Maßnahme zu verbreiten, stellte sie aber in Frage in Bezug auf die Rechte der Frauen. Letztendlich schafften die Verantwortlichen einen Ausgleich, indem sie mit gutem Beispiel vorangingen, gleichzeitig jedoch alle Zwangsmassnahmen im Zusammenhang mit der Durchsetzung der Politik ablehnten.
Die Frauenvereinigung baute die juristische Ausbildung ihrer Mitarbeiter aus, stärkte ihre Finanzen, engagierte sich bei Homosexuellenrechten, bekämpfte Frauenhandel und Ungerechtigkeiten bei der Arbeit und implementierte Gesetzgebungen um Frauen zu stärken. 2000 schuf die Frauenvereinigung Arbeitsplätze für eine Million arbeitslose Frauen durch Einrichtung von Kleingewerben, wo Frauen in der Familienfürsorge oder in Servicegruppen arbeiten können. Außerdem unterstützt die Organisation die "übrig gebliebenen" Frauen Chinas – Frauen, die im Alter von 27 Jahren noch nicht verheiratet sind. Die Frauenvereinigung bietet Alternativen zur Ehe, zum Beispiel Bildungsmöglichkeiten.Fincher, Leta Hong. The New York Times 11. Oktober, 2012. "China’s ‘Leftover’ Women"