mini|hochkant|Miniatur: Der Winsbecke (Codex Manesse, 14. Jh., fol. 213r.) Der Winsbeke (auch: Windsbacher oder Winsbecke) ist ein mittelhochdeutsches sangbares Lehrgedicht in Strophenform aus dem frühen 13. Jahrhundert (entstanden um 1210/1220, vermutlich im mittelfränkischen Raum). Seine rund 78 Strophen stellen ein Lehrgespräch zwischen einem Vater und dessen Sohn dar. Als eng mit dem Winsbecke verwandt gelten die Winsbeckin (lehrhafter Dialog zwischen Mutter und Tochter) und die Winsbecke-Parodie.Vgl. Frieder Schanze: ‚Winsbecke‘, ‚Winsbeckin‘ und ‚Winsbecken-Parodie‘. 2003, Sp. 1224 f. Dieser Winsbecke-Stoffkreis wurde von Mäzenen, Publikum und Schreibern wohl als zusammengehöriger Textkomplex empfunden.Vgl. Ann Marie Rasmussen, Olga Trokhimenko: The German Winsbecke, Winsbeckin and Winsbecke Parodies (Selections). 2009, S. 62.
Autor und Text
mini|hochkant|Ausschnitt des Winsbecke-Gedichts mit Schreibervermerk in der linken oberen Ecke (Codex Manesse, 14. Jh., fol. 213v.) Es ist unklar, ob es sich bei der Bezeichnung Winsbecke um einen realen Autorennamen handelt. Im Codex Manesse wird die Bezeichnung Winsbeke als Korpus-Überschrift benutzt, es finden sich jedoch zwei kleine Schreibervermerke (Kolophone) auf Blatt 213r und 213v, die plausible Hinweise liefern, dass es sich um einen realen Autornamen handeln könnte. Diese Schreibervermerke stellen eine Besonderheit im Codex Manesse dar und verweisen zum einen auf den historischen Ort „Winsbach“ (213r) (vielleicht Windsbach/Ansbach in Mittelfranken), zum anderen (213v) auf einen möglichen Autor „von Winsbach“ (213v), der in diesem Fall zum Titelgeber seines eigenen Werkes geworden wäre. Der Bezug auf ein Rittergeschlecht von Windsbach (nahe Wolframs-Eschenbach) ist aber hypothetisch. Abgesehen von der Erwähnung im Codex Manesse erscheint der Name „Der Winsbecke“ auch in Hugos von Trimberg Dichterkatalog Der Renner, in dem die Bezeichnung als Autorzuschreibung aufgefasst wird und somit auch für einen möglichen realen Autornamen spricht.Vgl. Frieder Schanze: ‚Winsbecke‘, ‚Winsbeckin‘ und ‚Winsbecken-Parodie‘. 2003, Sp. 1225. Heute werden die Namen Winsbecke und Winsbeckin üblicherweise auf die Figuren des Vaters bzw. der Mutter in den Texten bezogen.Vgl. Mike Malm: ‚Winsbecke‘, ‚Winsbeckin‘ und ‚Winsbecken-Parodie‘. 2013, Sp. 322 f.
Der Winsbecke umfasst rund 78 Strophen und entspricht in seiner strophischen Anlage und seinem lehrhaften Inhalt den Traditionen der Sangspruchdichtung. Er hebt sich aber durch die Häufung der Strophen bei gleichbleibender Thematik und durch die Verwendung von Sprecher-Rollen davon ab. Die Forschung teilt den Text in einen von eher weltlicher Didaxe geprägten ersten „alten“ Teil (Strophe 1–56) sowie einen asketischer ausgerichteten zweiten Teil (ab Strophe 57) ein. Der zweite Teil gilt als späterer Zusatz und stammt möglicherweise von einem anderen Verfasser. Dafür sprechen die formalen und inhaltlichen Unterschiede der beiden Teile, die Existenz von Textzeugen, die nur Strophen des ersten Teils enthalten, sowie die Korrespondenz zwischen dem Schluss des ersten Winsbecke-Teils und dem der Winsbeckin. Daraus kann geschlossen werden, dass dem Verfasser der Winsbeckin eine Winsbecke-Version vorlag, die nur dessen ersten Teil umfasste (Strophe 1–56).Vgl. Frieder Schanze: ‚Winsbecke‘, ‚Winsbeckin‘ und ‚Winsbecken-Parodie‘. 2003, Sp. 1227. Untersucht man die Strophentabelle,Vgl. Albert Leitzmann (Hrsg.): Winsbeckische Gedichte nebst Tirol und Fridebrant. 1962, S. XXIf. in der die überlieferten Strophen der jeweiligen Handschriften abgebildet sind, gibt es einige Indizien, die für einen einzigen Verfasser der beiden Teile sprechen: Es lässt sich im Strophenbestand der Textzeugen kein eindeutiger Haltepunkt nach Strophe 56 ausmachen. Die Mehrheit (B, C, J, k, l), darunter auch die wichtigsten Haupthandschriften, beinhaltet beide Teile des Winsbecke. Es gibt keine einzige Überlieferung, die ausschließlich den zweiten Teil umfasst, lediglich in drei Handschriften (E, g, K), die den Text ohnehin nur fragmentarisch überliefern, beschränkt sich die Überlieferung auf den ersten Teil. Dieser fließende Strophenübergang in den meisten Handschriften könnte auf eine zeitliche Nähe der Entstehung der beiden Teile zurückzuführen sein. Dadurch ist die Möglichkeit eines einzigen Verfassers der zwei Teile nicht auszuschließen. Wie es zur Entstehung der Fortsetzung – der Antwort des Sohnes – gekommen ist, bleibt spekulativ. Denkbar wäre beispielsweise eine große Nachfrage seitens des Publikums, das sich auch die Reaktion des Sohnes auf die Lehren des Vaters erwartete.
Die große Menge an Textzeugen (siehe Überlieferung) sowie die Verbreitung an überlieferten Fassungen über den alemannischen, schwäbischen und bairischen Raum lassen auf eine damals weitverbreitete Rezeption und Beliebtheit des Textes schließen. Auch die Tatsache, dass der Winsbecke als Grundlage für die beiden Umdichtungen Die Winsbeckin und Winsbecke-Parodie herangezogen wurde, sind Belege für die Popularität des ursprünglichen Texts.Vgl. Jörg Arentzen, Uwe Ruberg: Die Ritteridee in der deutschen Literatur des Mittelalters. Eine kommentierte Anthologie. 1987, S. 297. Im Laufe des 15. Jahrhunderts verlor der Winsbecke-Komplex nach einer 200 Jahre andauernden kontinuierlichen Tradierung die Gunst des Publikums. Die Ursachen für einen plötzlichen Abbruch der Texttradition waren womöglich die mangelnde Attraktivität des Inhaltes und der veraltete Formtyp. Einen erneuten Aufschwung an Wertschätzung erfuhren der Winsbecke und die Winsbeckin nach ihrer Veröffentlichung in Melchior Goldasts Paraeneticorum veterum. Sie galten im 17. und 18. Jahrhundert als repräsentative Muster mittelalterlicher deutscher Poesie.Vgl. Frieder Schanze: ‚Winsbecke‘, ‚Winsbeckin‘ und ‚Winsbecken-Parodie‘. 2003, Sp. 1229.
Strophenform
Die Winsbecke-Strophe ist stollig gebaut und besteht aus zehn vierhebigen Versen mit acht durchwegs männlichen Reimen. Der Aufgesang weist einen Kreuzreim auf, den Abgesang bilden zwei identische Waisen-Terzine, deren erste den b-Reim des Aufgesangs weiterführt. Formal verwandt sind die Tirol- und die Morolf-Strophe (König Tirol und Salman und Morolf). Dieser strophische Aufbau verweist ebenso wie die Tatsache, dass unter anderem in Handschrift k eine Melodie überliefert ist (siehe Überlieferung), auf eine Konzeption als sangbarer Text.
Inhalt
Im ersten Teil (Strophe 1–56) folgen nach einer kurzen Einleitung (Strophe 1) eine Reihe väterlicher Lehren, die jeweils mit der direkten Anrede des Sohnes („sun“) beginnen, der zunächst schweigt und sich erst im zweiten Teil zu Wort meldet. Die Lehren handeln von der richtigen Lebensführung, von ritterlicher Moral und Ethik sowie vom Verhältnis zu Gott, Frauen und Geistlichkeit. Der erste Teil beinhaltet aber auch Warnungen vor einzelnen Lastern. Daneben erteilt der Vater konkrete Ratschläge zum Verhalten bei Hof, zum Umgang mit Besitz, zur Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und zur Beachtung guter Ratschläge. Die Lehren des Vaters fokussieren dabei in ihrer Grundhaltung vor allem die Aspekte der Ehre sowie des Seelenheils und sind sehr diesseitig orientiert: Er erklärt dem Sohn ausführlich, wie er sein irdisches Leben ausrichten muss, um sich Gottes Gnade sichern zu können und so ein glückseliges Dasein im Jenseits führen kann. Im ersten Teil geht es somit um das Finden der richtigen Balance zwischen Gott und der Welt, wodurch eine wichtige Problematik der damaligen Zeit thematisiert wird. Die Lehren versuchen einen solchen Ausgleich im Gegensatz zum zweiten Teil nicht durch Weltflucht und Askese, sondern durch sittliche Reinigung und moralisches Wachstum zu finden.Vgl. Helmut de Boor: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. Zerfall und Neubeginn. 1987, S. 408 f. Gottesliebe, Aufrichtigkeit und Zucht sind die drei Hauptlehren des Vaters. Die im zweiten Teil anschließende Antwort des Sohnes (Strophe 57–80) konzentriert sich in Abgrenzung zu den Lehren des Vaters vorwiegend auf die Thematik der Askese und der Weltflucht. Der Sohn sichert dem Vater zwar zu, dessen Lehren zu beachten, fordert ihn gleichzeitig aber auf, Buße zu tun und aufgrund seiner Sünden ein Spital zu stiften. Mit dem Begriff Spital ist nicht ausschließlich eine Krankenanstalt im heutigen Sinn gemeint, er umfasst im Mittelhochdeutschen eine vielfältigere Bedeutung: Es kann sich dabei auch um ein christliches Pflegeheim, einen Beherbergungsbetrieb mit christlicher Hausordnung und eine Klosterherberge für Reisende, Mönche und Pilger handeln.Vgl. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart. Suchbegriff: Spital. Ergriffen stimmt der Vater seinem Sohn zu und es kommt zu einem Gebet, in dem der Vater seine Sünden bekennt und Gott um Gnade bittet. Schließlich verspricht er die Stiftung seines Vermögens für das vom Sohn geforderte Spital, in das er sich mit ihm zurückziehen will, um dort gemeinsam der weltlichen Lebensausrichtung zu entsagen und um ein vollkommen gottesfürchtiges Leben zu führen.Vgl. Mike Malm: ‚Winsbecke‘, ‚Winsbeckin‘ und ‚Winsbecken-Parodie‘. 2013, Sp. 323.
Gattung und Gebrauchssituation
Der Winsbecke zählt zur Gattung der lehrhaften Dichtung, die sich durch einige Besonderheiten auszeichnet. Die Vermittlung von Wissensinhalten erfolgt in poetischer Sprache und unterscheidet sich deutlich vom heutigen Verständnis von Poesie, wonach poetische Inhalte subjektiv geschaffen sind und nicht die unmittelbare Realität abbilden.Vgl. Bernhard Sowinski: Lehrhafte Dichtung des Mittelalters. 1971, S. 1. Die reichen Überlieferungen an didaktischen Dichtungen aus dem Mittelalter und auch der strophisch verfasste Winsbecke zeigen die Sonderstellung der Lehrdichtung innerhalb der poetischen Formen. Der Winsbecke zählt zu jener Form belehrender Dichtung, in der allgemeingültige Lehrinhalte direkt durch das Gespräch der Protagonisten vermittelt werden. Diese dienten als positive Beispielsfiguren, die Lebens- und Verhaltensideale sichtbar machen sollten sowie eine didaktisch-erzieherische Wirkung zum Ziel hatten,Vgl. Bernhard Sowinski: Lehrhafte Dichtung des Mittelalters. 1971, S. 2 f. wodurch am Hof ein einheitliches, auf ein gemeinsames Standesideal ausgerichtetes Bewusstsein erzeugt werden sollte.Vgl. Bernd Balzer, Volker Mertens: Ständelehren – Thomasin und Winsbeke. 1990, S. 79. (Eine solche Wirkung ist aber auch durch eine sogenannte negative Didaxe erzielbar, indem anstelle von positiven Beispielsfiguren negative eingeführt werden und ein Ideal durch satirische Verkehrung präsentiert wird. Einen solchen Fall negativer Didaxe stellt die Winsbecke-Parodie dar.) Im Winsbecke übernimmt der Vater die Rolle der positiven Beispielsfigur, die Gestaltung der Lehre in Form eines väterlichen Rats im Winsbecke ist zurückzuführen auf die Überzeugung, dass Menschen ihre von der Natur oder von Gott gegebenen Anlagen entwickeln müssen. Diese Erziehung ist demnach Aufgabe von Personen oder Instanzen, die bereits Erfahrung und Autorität mitbringen. Die Thematik des Texts entspricht auch der Erziehungsmaxime der mittelalterlichen Didaktik. Diese besagt, dass man Gott und den Menschen lieben soll wie sich selbst, um jeden anderen Menschen zur Anbetung Gottes zu führen.Vgl. Winfried Frey: die rede ich in dîn herze grabe. Zur Vermittlung von Herrenethik im ‚Winsbecke‘. 1984, S. 176 f.
Textauszüge mit Übersetzung
Teil 1: Die väterlichen Lehren
Strophe 1 Ein wîser man hetẹ einen sun, der was im liep, als maneger ist. den woltẹ er lêren rehte tuon und sprach alsô: 'mîn sun, dû bist mir liep âne allen valschen list. bin ich dir liep sam dû mir, sô volge mir ze dirre vrist, die wîlẹ ich lebe, ez ist dir guot: ob dich ein vremder ziehen sol, dû weist niht, wiẹ er ist gemuot.Zitiert nach Albert Leitzmann (Hrsg.): Winsbeckische Gedichte nebst Tirol und Fridebrant. 1962, S. 1. Ein weiser Mann hatte einen Sohn, den hatte er so gern, wie es üblich ist.