mini|Baron d’Holbach (1723–1789), Radikalaufklärer, Atheist, Enzyklopädist – Porträt von Louis Carmontelle. mini|Julien Offray de La Mettrie, radikalaufklärerischer Materialist, Atheist. Verfasser des „skandalösen“ Buches « L’Homme-Machine », Leyden, 1747; dt.: „Maschine Mensch“.

Der philosophiegeschichtliche Begriff Radikalaufklärung (englisch: radical enlightenment, französisch: lumières radicales) ist in den letzten Jahrzehnten aus einer transatlantischen DebatteJonathan Israel, Martin Mulsow (Hrsg.): Radikalaufklärung. Suhrkamp Berlin 2014, ISBN 978-3-518-29653-0, Google Books über die geistesgeschichtlichen Ursachen der Entstehung des englischen Bürgerkriegs, der amerikanischen und der französischen Revolution hervorgegangen.„Der deutsche Philosophiehistoriker Winfried Schröder erinnert daran, daß schon Leo Strauss der radikalen Aufklärung eines Spinoza oder Bayle eine gemäßigte Aufklärung entgegengestellt habe, die zwischen Orthodoxie und radikaler Aufklärung vermitteln wollte (Radikalaufklärung: S. 188; siehe auch S. 241 in Israels Aufsatz).“ – Rezension des Sammelbandes Radikalaufklärung, hrsg. von Jonathan I. Israel und Martin Mulsow, auf: IFB. Leo Strauss’ Buch, in dem er diese Position darlegte: Leo Strauss: Gesammelte Schriften, Band 2: Philosophie und Gesetz – Frühe Schriften, hrsg. von Heinrich Meier. – 2., durchges. Aufl., Metzler Stuttgart; Weimar 2013, ISBN 978-3-476-02419-0.

Angestoßen wurde diese Debatte durch ein Buch der US-amerikanischen Historikerin Margaret C. Jacob aus dem Jahre 1981: The Radical Enlightenment, Pantheists, Freemasons and Republicans.Margaret C. Jacob: The Radical Enlightenment. Pantheists, Freemasons and Republicans. Michael Poll Pub, 2006, ISBN 1-887560-74-2. Seitdem ist der Begriff Radikalaufklärung in zahlreichen Monographien und Sammelbänden, wie z. B. in der monumentalen Trilogie von Jonathan I. Israel2001: Jonathan I. Israel: Radical Enlightenment: Philosophy and the Making of Modernity. 1650–1750, Oxford University Press; 2006: Jonathan I. Israel: Enlightenment Contested: Philosophy, Modernity, and the Emancipation of Man. 1670–1752, Oxford University Press; 2011: Jonathan I. Israel: Democratic Enlightenment: Philosophy, Revolution, and Human Rights 1750–1790. Oxford University Press, 2011, weiter erhellt und kontrovers diskutiert worden. Aufklärungshistoriker wie Margaret C. Jacob,Margaret C. Jacob: The Radical Enlightenment and Freemasonry: where we are now. In: Philosophica. 88, 2013, S. 13–29. Jonathan I. IsraelJonathan I. Israel: Radical Enlightenment and the Making of the French Revolution (1750–1800). Vortrag und Martin MulsowRezension des bereits zitierten Suhrkamp-Buches Radikalaufklärung betrachten das Zeitalter der Aufklärung nicht mehr als in sich einheitlich.Der Aufklärungshistoriker Peter Gay, Autor des Überblickwerks The Enlightenment. An Interpretation, 2 Bände 1966–1969, lehnt hingegen jede Vorstellung von Pluralität oder Dualität in der Aufklärung ab

Sie unterscheiden zwei ideologische Hauptströmungen, die im späten 17. Jahrhundert aufkamen und das ganze 18. Jahrhundert hindurch fortbestanden:

die moderate, reformerische Aufklärung, welche die Hauptströmung der Aufklärung bildete (prominente Vertreter: z. B. John Locke, Newton, Montesquieu, David Hume, Voltaire). die revolutionäre, säkularistische Radikalaufklärung (herausragende Vertreter: z. B. Diderot, Helvétius, Paul Henri Thiry d’Holbach, Julien Offray de La Mettrie, Thomas Paine, Marquis de Sade).

Die Radikalaufklärer gingen besonders kämpferisch und subversiv gegen den Pakt von Adel und Klerus vor, verbreiteten umstürzlerisches, republikanisches Gedankengut, so dass ihre Werke nur klandestin und anonym verbreitet werden konnten.Martin Mulsow, Dirk Sangmeister (Hrsg.): Subversive Literatur: Erfurter Autoren und Verlage im Zeitalter der Französischen Revolution (1780–1806). Wallstein, 2014, ISBN 978-3-8353-1439-9. Sie wurden zensiert, immer wieder verboten und öffentlich verbrannt. Diese „gottlosen“ materialistischen und spinozistisch-pantheistischen Radikalaufklärer, die von Philipp Blom (2011)Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Hanser, München 2011, ISBN 978-3-446-23648-6. so genannten „bösen Philosophen“, z. B. Diderot, Helvétius, Paul Henri Thiry d’Holbach, Julien Offray de La Mettrie, Thomas Paine, Marquis de Sade, riskierten Gefängnisstrafen, Verbannung oder gar den Scheiterhaufen.Philipp Blom: Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Carl Hanser Verlag, München 2011, ISBN 978-3-446-23648-6.

Insbesondere aus dieser radikalaufklärerischen Strömung stammen die geistesgeschichtlichen Grundlagen der Revolutionen des 18. Jahrhunderts.

Vordenker mini|links|„Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister. Dialoge zur Erziehung junger Damen“, 1795.Dialogischer Text des Marquis de Sade. In sieben obszön-erotischen Dialogen versucht der nihilistische Radikal-Aufklärer de Sade, „Nietzsche um hundert Jahre vorwegnehmend, der Moral den Todesstoß zu versetzen“Winfried Schröder: Moralischer Nihilismus, Reclam 2005, S. 137ff, ISBN 978-3-15-018382-3. und legt seine radikal-libertinistische Doktrin dar. Wegen seines Immoralismus und Anti-nomismus wurde der Verfasser wiederholt eingesperrt. Seine „sado“(!)-pornographischen Werke wurden wiederholt von der königlichen Zensurbehörde beschlagnahmt. Der Marquis verbrachte gut 30 Jahre in Kerkern (auch in der Bastille) und in Irrenanstalten.Henri Lemaître: Dictionnaire Bordas de littérature française, Paris 1985, S. 697, ISBN 2-04-016169-4. mini|Denis Diderot, atheistischer Radikalaufklärer, Romancier und Enzyklopädist.Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767.

Vordenker der Radikalaufklärung lieferten diese Grundlagen atheistischer Religionskritik. Montaigne relativiert in seinen Essais den Wahrheitsanspruch der Religionen mit dem Argument der zufälligen ethnischen Zugehörigkeit zu einer Religion kraft Geburt und Erziehung:Jonathan I. Israel und Martin Mulsow (Hrsg.): Radikalaufklärung. Suhrkamp Berlin 2014, ISBN 978-3-518-29653-0, S. 157

In seinem Hauptwerk, Ethica, ordine geometrico demonstrata, erklärt Spinoza: Deus sive Natura – die Natur selbst ist Gott.Meiner Verlag, S. 374, (22) Deus, seu Natura Diese Alternative kann entweder als atheistisch oder als pantheistisch interpretiert werden. Der englische Philosoph und Freidenker John Toland bezeichnet dieses Weltbild Spinozas in seinem Pantheistikon, 1720, als Pantheismus.„[…] eine absolute Welt ohne Gott, ist daher nur ein Euphemismus für Atheismus.“ In: Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena. Band 1, S. 109.

Das Dictionnaire historique et critique (DHC), 1697, des französischen Frühaufklärers Pierre Bayle, welches skeptizistisch zu jedem Thema Thesen und Gegenthesen wiedergibt, unternimmt erstmals eine quellenkritische Sichtung des theologischen, philosophischen und historischen Wissens. Das Buch wurde unmittelbar nach Erscheinen von der Zensur verboten. Dennoch fand das Dictionaire seine Leser und wurde wie später auch Diderots Enzyklopädie zu einer „Bibel der Aufklärung“:Jonathan I. Israel und Martin Mulsow (Hrsg.): Radikalaufklärung. Suhrkamp Berlin 2014, ISBN 978-3-518-29653-0, S. 163

Kritik an dieser Position wird u. a. durch die (christliche) Apologetik, die Neuscholastik und durch den Neuthomismus geübt. Danach ist der Glaube im wahren Sinne gerade den Denkenden möglich. Vernunft und Glaube widersprächen sich nicht, sondern würden sich ergänzen.

Klandestines und anonymes Schrifttum mini|links|L’abbé Jean Meslier (1664–1729),der Friedrich Hagen: Jean Meslier oder: Ein Atheist im Priesterrock. Literaturverlag Braun, Leverkusen/Köln 1977, ISBN 3-88097-046-7. Französischer Radikalaufklärer.Atheist im Priesterrock – Jean Meslier, Vordenker der Aufklärung von Rolf Cantzen SWR2 Wissen, 2015 mini|Marquis de Sade: „Hundertzwanzig Tage von Sodom“, die Original-Handschriften-Rolle. Der « Divin Marquis » hat während seiner Gefangenschaft in der Bastille (1784–1789) eine Kopie dieses skandalösen Episodenromans auf 33 Papierblätter in mikroskopisch engster Schrift angefertigt und sie auf eine Rolle gewickelt. . Nach seiner überstürzten Verlagerung, nur wenige Tage vor der Erstürmung der Bastille, glaubte er die Rolle verloren.Manuscrit « Le rouleau de la Bastille du Marquis de Sade » Die Manuskriptrolle wurde aber wiedergefunden und wechselte auf einer abenteuerlichen 200-jährigen Reise oftmals den Besitzer.L’original des «Cent Vingt Journées de Sodome» révélé à l’Institut des lettres et manuscrits, à Paris. Im März 2014 erklärte sie der Französische Staat zum nationalen Kulturgut.Marquis de Sade wird Kulturgut : Die Rolle bleibt! Artikel von Helmut Mayer in: FAZ 27. Dezember 2017

Die religiös-politischen Systeme des 17. und 18. Jahrhunderts erlaubten keine Meinungsfreiheit. Kritische Werke wurden zensiert und verbrannt. Deshalb konnten sie nur anonym als Untergrundliteratur zirkulieren.

Unter der Hand kursierten Manuskripte, welche die These des Religionsbetrugs propagierten. Der lateinische Traktat über die drei Betrüger, De tribus impostoribus, 17. Jhd., stellt so die drei Religionsstifter Moses, Jesus und Mohammed als Betrüger dar. Die von ihnen reklamierten Offenbarungen seien nur vorgegeben und die von ihnen berichteten Wunder durch Taschenspielertricks erzeugter Schein gewesen. Im anonymen französischsprachigen Traktat Traité des trois imposteurs werden darüber hinausgehend – im Sinne eines spinozistischen Pantheismus – viele Teile der tradierten Weltanschauung abgelehnt: die Behauptung eines persönlichen, d. h. freien und intelligenten Welturhebers; die der Unsterblichkeit der Seele; dass die Menschen frei und verantwortlich seien und im Jenseits Strafen und Belohnungen für ihr Handeln erführen; die Annahme einer Vorsehung, die im Weltgeschehen obwalte; die Ansicht, dass die Welt zweckmäßig für den Menschen erschaffen worden sei.

Der Theophrastus redivivus, von einem unbekannten französischen Autor um das Jahr 1659 in lateinischer Sprache verfasst, wurde ebenfalls nur unter der Hand verbreitet. Der Theophrastus redivivus gilt als das früheste dezidiert atheistische Dokument der Neuzeit. Der Autor, der sich als Redivivus des Theophrastos von Eresos sieht, kritisiert die gängigen Gottesbeweise, wobei er unter anderem auf das Theodizee-Argument zurückgreift. Er gelangt zu dem Schluss, dass es Gott nicht gebe. Dennoch sei Religion aber nützlich.

Die Gegenposition hierzu nimmt seit der Antike und bis in die Gegenwart die Natürliche Theologie ein. Deren Vertreter argumentieren mit natürlichen Mitteln (Gründe, nicht Wunder und Offenbarungen) für die Existenz und Erkennbarkeit Gottes.

Der Romanist Antony McKenna betont die Bedeutung des klandestinen Manuskriptes Mémoire des pensées et sentiments de Jean Meslier, welches der atheistische Dorfpfarrer, der Curé Jean Meslier, im Geheimen geschrieben und postum hinterlassen hat:

Divergente Meinungen in der Aufklärungsforschung Margaret C. JacobMargaret C. Jacob: The Radical Enlightenment and Freemasonry: where we are now. In: Philosophica. 88, 2013, S. 13–29. sieht die revolutionären Unruhen Mitte des 17. Jahrhunderts in England als den eigentlichen Ursprung der Radikalaufklärung. Für M. C. Jacob waren vor allem die deistischen und republikanischen Strömungen, wie sie sich in den Schriften John Tolands widerspiegeln, der zentrale Motor für die Entstehung der Radikalaufklärung. Sie misst insbesondere dem Einfluss der Freimaurerlogen viel mehr Gewicht zu als andere Forscher.