mini|Maria Herz 1914 Maria Herz, geb. Bing (geb. 19. August 1878 in Köln; gest. 22. Oktober 1950 in New York City), auch Albert Maria Herz oder A. Maria Herz, war eine deutsche Komponistin und Pianistin.

Biographie Geboren als jüngstes von drei Geschwistern wuchs Maria (Mariechen) Bing mit ihren älteren Brüdern Moritz und Hugo in der bekannten jüdischen Kölner Textilhändlerfamilie auf. Ihre Eltern waren Samuel Bing und Henriette, geb. Mainzer. Ihre musikalische Ausbildung erhielt sie beim Pianisten Max von Pauer (1866–1945) und Josef Schwartz (1848–1933), Violinlehrer am Conservatorium für Musik in Köln, Komponist und Dirigent des Kölner Männergesangvereins. Am 21. März 1901 heiratete sie in Köln Albert Herz (1872–1920). Das Ehepaar ließ sich in England nieder, wohin Herz wegen des starken Antisemitismus in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts ausgewandert war. Die Eheleute bekamen vier Kinder: Herbert (1902–1979), Robert (1903–1996), Nora (1906–1999) und Marga (1910–1976).

In den folgenden Jahren veranstaltete Maria Herz in der Grafschaft Yorkshire zahlreiche Konzerte und hatte in Bradford Unterricht in Harmonie- und Kompositionslehre bei Arthur E. Grimshaw (1864–1913), welcher 1910 ein Streichquartett mit dem Titel Variations on a theme by Mrs Herz komponierte. Sie wirkte als Konzert-Organisatorin, trat in zahlreichen Konzerten als Pianistin auf, stellte Komponisten und deren Werke vor und brachte erste eigene Kompositionen zur Aufführung.

1914 nahm die ganze sechsköpfige Familie in Deutschland an der Hochzeit eines jüngeren Bruders von Albert Herz, Julius Herz (1875–1960)Familienfoto der Familie Herz, vermutlich August 1914, teil, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Dies zwang die Familie, in Köln zu bleiben. Albert Herz wurde in die deutsche Armee einberufen und musste während der gesamten Kriegsdauer als Chemiker Dienst leisten. Dadurch wurden die musikalischen Aktivitäten von Maria massiv reduziert oder gar verunmöglicht. Durch den frühen Tod von Albert während der Grippeepidemie im Jahre 1920 war Maria mit ihren halbwüchsigen Kindern sehr gefordert. Trotzdem folgte die Wiederaufnahme des Musikstudiums bei August von Othegraven (1864–1946), Hermann Hans Wetzler (1870–1943) und hauptsächlich Philipp Jarnach (1892–1982). Zu Ehren ihres verstorbenen Gatten, aber wohl auch aus praktischen Gründen (Komponistinnen wurden in dieser Zeit noch kaum ernst genommen), signierte sie ihre Kompositionen fortan mit dem Künstlernamen Albert Maria Herz.Aus einem Brief von Peter Raabe an Maria Herz vom 20. September 1926 geht hervor, dass die Komponistin "bei der Veröffentlichung ihrer Werke verschweigen [wollte...], dass diese Werke von einer Frau geschaffen sind." Aufgrund der Anwesenheit der Komponistin bei dem Aachener Konzert am 25. September 1926 blieb dies aber vor der Öffentlichkeit nicht verborgen (Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich, Mus NL 165: Kb69).

Die Zeit von 1920 bis 1935 war ihre fruchtbarste Schaffensperiode, in der ein beachtliches kompositorisches Œuvre entstand. Maria Herz pflegte regen Austausch mit vielen führenden Musikern jener Epoche. Zu ihrem Bekanntenkreis zählten das Budapest String Quartett, das Quartetto di Roma, die Sängerin Ilona Durigo, der Bariton Hermann Schey, die Cellisten Gregor Piatigorsky, Emanuel Feuermann und Gaspar Cassadó sowie die Dirigenten Hermann Abendroth, Otto Klemperer, Peter Raabe, Hans Rosbaud u. v. a. m. Raabe schrieb in seinem Brief an Frau Herz, er sei „von ihrer starken Begabung aufrichtig überzeugt“. So führte der spätere Präsident der Reichsmusikkammer Raabe die drei Orchesterlieder der jüdischen Komponistin am 25. September 1926 in Aachen als Uraufführung auf.Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich, Mus NL 165: Kb63-69. In einer 1942 veröffentlichten Liste von Uraufführungen unter der Leitung Raabes, fehlt dieser Hinweis ebenso wie seine Aufführung der Fünf Orchesterstücke, op.16 des in den USA im Exil lebenden Komponisten Arnold Schönberg (vgl. Von deutscher Tonkunst. Festschrift zu Peter Raabes 70. Geburtstag. Raabe – Morgenroth, Alfred (Hrsg.). Verlag: Peters, Leipzig 1942. online).

Ihre WerklisteWerkliste enthält zahlreiche Lieder für Singstimme und Klavier (einige Zyklen wurden orchestriert), Kammermusik, Solokonzerte für Klavier und Violoncello sowie Chor- und Orchesterwerke. Diese sprechen eine eigene, authentische Sprache, bewegen sich stilistisch zwischen Spätromantik und früher Moderne und stellen an die Interpreten teilweise hohe Anforderungen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erhielten jüdische Komponisten Aufführungsverbot. Die Nazis zwangen die Familie, Deutschland zu verlassen, und so lebte sie zusammen mit ihrem jüngeren Sohn Robert rund zehn Jahre lang in England. Hier verfasste sie Vorträge über Komponisten verschiedener Länder und Perioden. Nach dem Krieg wanderte sie mit ihrem Sohn Robert zu ihren Töchtern in die USA aus, wo sie im Jahre 1950 nach kurzer schwerer Krankheit in New York verstarb und in Springfield (New Jersey) bestattet wurde.

Lediglich sechs Lieder (1904, Tonger und 1910, Stainer & Bell) und ihre Bearbeitung für Streichquartett der Bach’schen Chaconne (1927, Simrock Nr. 774a, b) wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht; ihre übrigen Kompositionen sind als Manuskripte erhalten.

Der Nachlass von Maria Herz befindet sich seit Oktober 2015 in den Nachlasssammlungen der Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich.

Kompositionen (Auswahl) op. 1 Variations on Chopin’s Prélude op. 28 No 20 – 11 Variationen für Klavier op. 2 12 (Valses) Ländler für Klavier op. 4 Konzert für Klavier und Orchester op. 5 Fünf kleine Stücke für Streichquartett op. 6 Streichquartett h-Moll op. 7 Fünf (Orchester)lieder nach Texten von Stefan George op. 8 Vier kurze Orchesterstücke für großes Orchester (1929) op. 9 Rundfunkmusik für 8 InstrumenteTheodor W. Adorno: Zum Rundfunkkonzert vom 7. November 1930. In: Gesammelte Schriften. Band 18: Musikalische Schriften V; IV Konzert-Einleitungen und Rundfunkvorträge mit Musikbeispielen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-57696-8, S. 557–564. op. 10 Konzert für Violoncello und Orchester op. 11 Chor-Phantasie für gemischten Chor, Sopransolo und Orchester op. 13 Suite for Orchestra op. 14 Sieben Erzählungen mit obligater Musik aus „Bilderbuch ohne Bilder“ von Hans Christian Andersen op. 15 Concerto for Harpsichord (or Piano) and String Orchestra (Feb. 1935) Streichquartett-Bearbeitung der Chaconne für Violine solo von J. S. Bach Klaviersonate f-Moll Two Songs. 1. Pippa passes (Pippa's Lied. Words by R. Browning) 2. Spring is coming (Der Lenz ist gekommen); London: Stainer& Bell, (1910) Two Songs. 1. The Fair Maid. (Die schöne Maid.) 2. Shadow March. (Schatten-Marsch. Words by R. L. Stevenson.); London: Stainer& Bell, (1910) La Fileuse. Words by J. Fane; London: Stainer& Bell, (1910) Drei Lieder für Bariton und Orchester

Nachlass Personennachlässe-ZBcollections-Zentralbibliothek Zürich-Herz, Maria (1878–1950)

Diskographie Konzert für Klavier und Orchester op. 4 • Vier kurze Orchesterstücke op. 8 • Konzert für Violoncello und Orchester op. 10 • Orchestersuite op. 13; mit Oliver Triendl (Klavier), Konstanze von Gutzeit (Violoncello), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Christiane Silber – Capriccio 2024 Rediscovering Maria Herz; Aude St-Pierre (Klavier) – GENUIN 2024 [Weltersteinspielungen aller nummerierten Klavierwerke]Rediscovering Maria Herz. Weltersteinspielungen aller nummerierten Klavierwerke der wiederentdeckten Komponistin Maria Herz. Aude St-Pierre - Klavier.

Literatur

Sabine Meine, Rainer Nonnenmann (Hrsg.): Doppelporträt Eduard Erdmann und Maria Herz. Kontinuitäten, Auf- und Abbrüche im Kölner Musikleben zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus (1925–1935). edition text + kritik, München 2024, ISBN 978-3-96707-838-1. Yuval Dvoran: Maria Herz und ihre Kolleginnen. Drei Konzertprogramme mit Werken von Komponistinnen: Kurzportraits und Hintergründe, in: It's a man's world? Künstlerinnen in Europas Musik-Metropolen des frühen 20. Jahrhunderts, hg. von Sabine Meine und Kai Hinrich Müller, Würzburg 2023, S. 77–90. Yuval Dvoran: "jede Voreingenommenheit schleunigst aus dem Wege räumen". (Albert) Maria Herz im Konzertleben der Weimarer Republik, in: Doppelporträt Eduard Erdmann und Maria Herz. Kontinuitäten, Auf- und Abbrüche im Kölner Musikleben zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus (1925–1935), hg. von Sabine Meine und Rainer Nonnenmann, München 2024, S. 21–43. Yuval Dvoran: "Eine grosse Stille und Spannung". (Albert) Maria Herz und ihre Werke. In: VAN. Online-Magazin für klassische Musik, 19. August 2025. Georg Beck: Im Exil des Vergessens – Die Komponistin und Pianistin Maria Herz. Musikfeuilleton. In: Deutschlandfunk Kultur, 11. Dezember 2020 Hanka Meves: Die Komponistin von Köln, Roman nach den Aufzeichnungen und Briefen von Maria Herz im Musikarchiv der Zentralbibliothek Zürich, Emons Verlag, Köln 2024, ISBN 978-3-98707-136-2

Hörbeispiele

Concerto for Harpsichord (Piano) and String Orchestra with Flute op. 15 (1935), Uraufführung 18. Oktober 2020, Konservatorium Zürich

Weblinks

Maria Herz beim Musikverlag Boosey & Hawkes , noch ohne Todesdatum Werkverzeichnis, erstellt von Harry Joelson-Strohbach

SRF 2 Kultur: Die wundervolle Wiederentdeckung der Maria Herz. 28. August 2020 SRF 2 Kultur: Maria Herz – eine Komponistin wird wiederentdeckt (Podcast). 9. Oktober 2020 Die Komponistin und Pianistin Maria Herz – Im Exil des Vergessens. In: Deutschlandfunk Kultur, 11. Dezember 2020 . In: Die Welt, 26. Juni 2024 . In: WDR, 26. Mai 2024 Maria Herz beim Kölner Frauen*Stadtplan, Kooperationsprojekt der Stiftung Frauen*leben in Köln, Kölner Frauengeschichtsverein und Amt für Gleichstellung von Frauen und Männern der Stadt Köln.

Quellen

Kategorie:Komponist klassischer Musik (20. Jahrhundert) Kategorie:Komponist (Deutschland) Kategorie:Musiker (Köln) Kategorie:Klassischer Pianist Kategorie:NS-Opfer Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Deutscher Emigrant im Vereinigten Königreich Kategorie:Deutscher Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1878 Kategorie:Gestorben 1950 Kategorie:Frau