mini|Karte des Hafens Tianjin
Infolge zweier innerhalb kurzer Zeit aufeinanderfolgender Explosionen in der chinesischen Hafenstadt Tianjin am 12. August 2015 starben 173 Menschen, darunter 8 vermisste Personen, die offiziell für tot erklärt wurden. 797 Personen wurden verletzt.
Nachdem am späten Abend des 12. August die Feuerwehr zu einem Brand in einem Lagerhaus gerufen worden war, ereigneten sich um ungefähr 23:36 Uhr Ortszeit (17:36 MESZ) im Abstand von etwa 30 Sekunden zwei Detonationen in einem Container-Lager des Stadtteils Binhai im Hafen Tianjin, China. Die Explosionen wurden mit 2,3 und 2,9 auf der Momenten-Magnituden-Skala als Erdbeben wahrgenommen, die entstandene Rauchwolke war mehrere hundert Meter hoch. Der abschließende Untersuchungsbericht zur Katastrophe bezifferte die Sprengkraft, die in beiden Explosionen zusammen freigesetzt wurde, mit 450 t TNT.
Der Grund für die Explosionen war nicht sofort bekannt, einige Berichte gingen von einem Arbeitsunfall aus. Die staatlichen Medien in China gaben an, die erste Explosion sei durch ein unbekanntes, gefährliches Material in Transportcontainern ausgelöst worden. Diese hätten sich in einem Lagerhaus von Ruihai Logistics Co Ltd. befunden, einem auf den Transport von gefährlichen Gütern spezialisierten Unternehmen.
Verlauf Augenzeugen berichteten, dass etwa 40 Minuten vor der Katastrophe, gegen 22:50 Uhr Ortszeit, Feuerwehrleute zum Lagerhaus gerufen worden seien. Ein Feuerwehrmann berichtete, dass mehrere Container und eine Fläche von etwa 70 Quadratmetern in Flammen gestanden hätten, als er eintraf. Die Flammen seien etwa 10 m hoch gewesen. Es wurde sofort begonnen, das Feuer mit Wasser zu bekämpfen. Feuerwehrleute näherten sich dem Feuer bis auf 30 m. Gegen 23:36 Uhr ereignete sich dann die erste der beiden Explosionen; die zweite, deutlich stärkere, folgte etwa 30 Sekunden später. Frühe Berichte legen nahe, dass die Druckwelle noch mehrere Kilometer weit gespürt worden wäre.
Bis zu 1.000 Feuerwehrleute waren im Einsatz, um das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Soldaten wurden nach Tianjin beordert, um dort Zelte aufzubauen und Straßen zu räumen. Etwa 200 Soldaten, die im Umgang mit nuklearen, biologischen und chemischen Unfällen geschult sind, wurden für Untersuchungen des Unglücksortes und Aufräumarbeiten eingesetzt. Am 13. August fanden immer noch kleinere Explosionen statt, auch waren noch nicht alle Brände gelöscht.
Nach Angaben der Behörden lag zunächst nicht die Aufklärung des Unfalls im Fokus, sondern Löschversuche an den Bränden und die Rettung und Behandlung der Verletzten. Am 14. August wurde um 18 Uhr Ortszeit von den Behörden erklärt, das Feuer sei „im Wesentlichen aus“, aber am 15. August um 11:40 Uhr Ortszeit waren weitere Explosionen zu hören und es flammten erneut Brände auf.
Ort der Katastrophe mini|Karte des Tianjin Port Container Logistics Center von 2012 aus unbekannter Quelle
Die Explosionen fanden im „“ im Beijiang-Hafen von Tianjin im Bereich zwischen Qiyun First Street, Qiyun Second Street und Yuejin Road statt (im Plan ist der Bereich mit „Zhongchu Holdings“ betitelt), ungefähre Koordinaten (Satellit-Modus): .
Personen- und Sachschäden Personenschäden Die staatlichen Medien in China berichteten kurz nach den Explosionen, dass zwischen 300 und 700 Personen ins Krankenhaus eingeliefert wurden,, Fox News Channel. Abgerufen am 12. August 2015. viele von ihnen waren durch Verbrennungen und Folgen der Druckwelle verletzt. Am 13. August wurde die Zahl der Personen, die in Krankenhäuser eingeliefert werden mussten, auf 701 geschätzt; 71 davon schwebten in Lebensgefahr.
Frühe Berichte hatten von mindestens 17 Toten und 32 Verletzten gesprochen. Die Zahl der Toten stieg im Laufe des 13. August zuerst auf 44, später auf 50. Auf einer Pressekonferenz am 13. August bestätigten lokale Behörden, dass 66 Soldaten, die zur Brandbekämpfung eingesetzt waren, ärztlich versorgt werden mussten. Im Verlauf des 13. August wurden Zeugenaussagen bekannt, die besagten, dass von 200 Rettungskräften, die am Ursprung der Explosion eingesetzt wurden, nur vier überlebt hätten.
mini|Helm eines Feuerwehrmanns und die in der Explosion beschädigte Tür eines Feuerwehrfahrzeugs
Ein Feuerwehrmann, der bei der ersten Explosion das Bewusstsein verloren hatte, konnte nach über 30 Stunden lebend gerettet werden. Ein weiterer Mann konnte am Nachmittag des 15. August lebend gerettet werden. Insgesamt konnten bis zum Nachmittag des 15. August 46 Personen lebend von der Unglücksstelle gerettet werden.
Die Zahl der Toten wurde am 12. September 2015 auf 173 festgesetzt. Unter den Toten sind 99 Feuerwehrleute, 11 Polizisten und 55 Zivilisten. Die Behörden erklärten, dass sie die Suche nach acht zu diesem Zeitpunkt noch vermissten Personen, darunter fünf Feuerwehrleute, eingestellt hätten; es gäbe keine Hoffnung mehr, sie zu finden. Es würden dementsprechend amtliche Todeserklärungen auf Antrag der Familien ausgestellt. Es gab 797 Verletzte. Von den getöteten Feuerwehrleuten arbeiteten mindestens 24 für die staatliche Feuerwehr von Tianjin und 75 als Feuerwehrleute für den Hafen von Tianjin.
Sachschäden 200px|mini|Zerstörtes Auto in der Umgebung
In Notunterkünften in Schulen und Zeltstädten wurden am 13. August 3000 Personen untergebracht, da ihre Wohnungen nicht betretbar waren. Die lokale Regierung rechnete damit, dass sich diese Zahl in der Nacht zum 14. August verdoppeln werde. Am 15. August hieß es dazu, dass 6300 Einwohner des betroffenen Gebiets in 12 Notunterkunftslagern, die in umliegenden Schulen eingerichtet worden sind, untergebracht worden seien. Die Zahl der Evakuierten in den Notunterkünften fiel bis zum 17. August auf 496 Personen. Am 25. August waren noch 95 Personen in einer Notunterkunft in einer Schule, die anderen Evakuierten haben eine Unterkunft an anderen Stellen gefunden.
Die Behörden gaben an, dass 17.000 Wohnungen, 1700 Betriebe und 675 Geschäfte von der Explosionskatastrophe betroffen seien. Die Gebäude von sieben Logistikunternehmen wurden zerstört. Bis zum 25. August hatten 223 Firmen den Betrieb nach einer Unterbrechung durch die Schäden der Katastrophe wieder aufgenommen. 140 weitere Firmen bereiten sich noch auf den Betrieb vor.
Zwölf Wohnblocks, die von der Explosion betroffen waren, wurden von Statikern untersucht. Elf der Blocks wiesen keine Probleme in der Bausicherheit auf. Lediglich in einem Block, in dem ein Feuer in einer Wohnung ausgebrochen war, waren größere Arbeiten notwendig, die das Gebäude insgesamt aber nicht gefährdeten.
Der Tianhe-1A-Supercomputer wurde für eine halbe Stunde heruntergefahren, nachdem das Gebäude, in dem er stand, beschädigt worden war.
In der Binhai New Area, ungefähr einen Kilometer vom Ort der Explosionen entfernt, wurden eine S-Bahn-Station und ein S-Bahn-Zug beschädigt. Der S-Bahn-Verkehr wurde teilweise eingestellt und ein Busersatzverkehr eingerichtet. Der Bahnverkehr wurde am 16. Dezember 2015 wieder eingeschränkt aufgenommen. Der Bahnhof Donghailu, der nur ungefähr 100 m von der Unglücksstelle entfernt liegt und bei der Explosion zerstört worden war, sollte bis zum Februar 2017 an gleicher Stelle wieder aufgebaut werden.
Rund 8000 PKW im Wert von 630 Millionen US-Dollar wurden bei der Explosion zerstört. Jaguar Land Rover gab an, dass etwa 5800 Fahrzeuge seiner Marken betroffen seien. Da der Unglücksort gesperrt ist, konnte man jedoch zunächst keine genauen Angaben machen. Die PKW waren erst kurz vor dem Unglück aus Großbritannien gekommen. in: China Radio International, 22. August 2015, abgerufen am 22. August 2015. Die Automobilfirma Jeep gab an, dass 2000 Fahrzeuge infolge der Explosion zerstört worden seien und dass weitere 1300 Fahrzeuge nach Zahlung der Versicherungssumme an die Versicherung übergeben wurden. Weitere Fahrzeuge waren nicht direkt von der Explosion betroffen, jedoch im Freien gelagert und entsprechend vom Niederschlag der Explosion betroffen. Im April 2016 wurde öffentlich darüber diskutiert, was mit den direkt von der Explosion betroffenen Fahrzeugen geschehen solle. Alle nicht von der Versicherung bezahlten Fahrzeuge sollten nach sorgfältiger Reinigung mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass sie aus dem Umkreis der Explosion stammten, verkauft werden. Es sind jedoch auch Fahrzeuge, die offensichtlich aus dem Versicherungsbestand stammten, von denen Jeep sagt, dass sie deren Verkauf ausdrücklich untersagt habe, auf den Markt gelangt. Ein Handel mit Einzelteilen dieser Fahrzeuge wurde dabei ebenfalls nicht ausgeschlossen und es wurde von Verkäufern zugegeben, dass sie durch Beziehungen zu den Zulassungsbehörden die Zulassung dieser Fahrzeuge und damit deren Verkauf gesichert hätten.
Erste Schätzungen gingen von einem versicherten Schaden von bis zu 1,5 Milliarden US-Dollar aus. Der abschließende Untersuchungsbericht zum Verlauf der Katastrophe beziffert die Zahl der beschädigten Gebäude auf 304 und die der zerstörten Autos auf 12428. Es wurden weiterhin 7533 Container beschädigt. Die Schadenssumme beläuft sich demnach auf 6,87 Milliarden RMB (circa 1,1 Milliarden US-Dollar).
Chemische Belastung am Unglücksort Im Hafengebiet lagerten rund 3.000 Tonnen hochgefährlicher Chemikalien, darunter: 700 Tonnen Natriumcyanid; in China Radio International, 15. August 2015, abgerufen am 15. August 2015. die hochtoxische Verbindung reagiert leicht zu ebenfalls hochgiftiger Blausäure, beide führen zu Cyanidvergiftungen. Calciumcarbid; im Kontakt mit Wasser entsteht das hochentzündliche Gas Ethin (Acetylen). 800 Tonnen Ammoniumnitrat und 500 Tonnen Kaliumnitrat und Natriumnitrat; diese zersetzen sich explosionsartig bei hohen Temperaturen.
Verschiedene Medien berichteten über erhöhte Schadstoffkonzentrationen von Kohlenstoffmonoxid, Schwefeldioxid, Stickoxiden, Ethylenoxid, Trichlormethan und Toluol in der Umgebung.
Die chinesische Regierung gab an, nur bei einigen Schadstoffen seien die zulässigen Grenzwerte in der Luft überschritten worden – doch auch diese nähmen ständig ab, hieß es dazu am 14. August. auf: Tagesschau online, 14. August 2015, abgerufen am 15. August 2015.
Als mögliche Explosionsursache wurde die Bildung des hochentzündlichen Gases Ethin (Acetylen) durch den Kontakt von gelagertem Calciumcarbid mit Löschwasser genannt. Da die Firmenunterlagen bei der Katastrophe zerstört wurden, sollen die Aussagen von Firmenverantwortlichen und Papieren der Zollbehörden Aufklärung über den Lagerbestand geben, was aber zu erheblichen Unterschieden in den Angaben führt. Gao Huaiyou, der stellvertretende Leiter der Arbeitssicherheitsbehörde von Tianjin, sagte in einer Pressekonferenz am 15. August, dass sich möglicherweise Natriumcyanid unter den Chemikalien befand, dass aber einige Container noch geschlossen seien und andere nicht registriert wären. Zu Berichten der örtlichen Medien über eine Menge von 700 Tonnen Natriumcyanid und ob diese von der Explosion betroffen war, machte er keine Angaben, sondern verwies auf laufende Untersuchungen.
Im Verlauf des 15. August ließen die zuständigen Behörden das Areal in einem Umkreis von drei Kilometern evakuieren, nachdem Natriumcyanid am Explosionsort gefunden wurde und bei einem sich ändernden Wind die Verbreitung giftiger Dämpfe in bewohnte Gebiete befürchtet wurde. In zwei Abwasserkanälen nahe der Unglücksstelle wurden stark erhöhte Cyanidwerte festgestellt. Die Behörden blockierten den weiteren Wasserabfluss und behandelten das belastete Wasser, um Umweltschäden entgegenzuwirken.