mini|hochkant|Arundhati Roy (2013)
Suzanna Arundhati Roy (* 24. November 1961 in Shillong, Meghalaya) ist eine indische Schriftstellerin, Drehbuchautorin, politische Aktivistin und Globalisierungskritikerin. Neben dem Roman Der Gott der kleinen Dinge verfasste sie mehrere politische Sachbücher und zahlreiche Essays.Eintrag: Arundhati Roy: Indian author, actress, and activist. In: Encyclopædia Britannica. Abgerufen am 17. Dezember 2021 (englisch; „Alternate titles: Suzanna Arundhati Roy“). 2017 erschien ihr zweiter Roman Das Ministerium des äußersten Glücks.Besprechung: Natasha Walter: Book of the week, Fiction: The Ministry of Utmost Happiness by Arundhati Roy review – a bright mosaic. In: The Guardian. 2. Juni 2017, abgerufen am 17. Dezember 2021 (englisch).
Leben Kindheit Arundhati Roys Mutter Mary Roy stammt aus dem südindischen Kerala; sie gehörte der Malankara Syrisch-Orthodoxen Kirche an und war eine Frauenrechtlerin. Ihr Vater Rajib Roy war ein säkular nach den Regeln des Brahmo Samaj lebender Hindu aus Bengalen und Besitzer einer Teeplantage. Die Eltern lebten getrennt, Arundhati und ihr Bruder wurden von der Mutter großgezogen, die als Lehrerin arbeitete und eine moderne Schule aufbaute.Interview mit Jonas Breng, in: Stern Nr. 9, 20. Februar 2020, S. 88. Die Auseinandersetzung mit der hart arbeitenden, eigenwilligen Mutter prägte die Autorin bis heute und hinterließ Spuren auch in ihrem schriftstellerischen Werk; Interview mit Lars Reichardt in: SZ-Magazin 41/2025 vom 9. Oktober 2025. Ihren Vater lernte sie erst kennen, als sie 28 Jahre alt war.Interview mit Jonas Breng, in: Stern Nr. 9, 20. Februar 2020, S. 90. Die Kindheit verbrachte sie in Aymanam im südindischen Bundesstaat Kerala, bis sie im Alter von 16 Jahren nach Delhi umzog, wo sie heute noch lebt. Anfangs wohnte sie dort in einer kleinen Hütte mit Blechdach im Stadtteil Feroz shah Kotla und verdiente ihren Unterhalt, indem sie leere Flaschen einsammelte und verkaufte. Schließlich begann sie an der Delhi School of Architecture zu studieren, wo sie auch ihren ersten Ehemann, Gerard da Cunha, traf.
Zweite Ehe und Film 1984 lernte sie den Filmemacher Pradip Krishen kennen, der ihr zweiter Ehemann wurde. Durch ihn erwachte auch ihr Interesse am Film. Sie spielte selbst kleinere Rollen – unter anderem in Krishens preisgekröntem Film Massey Sahib – und begann, Drehbücher zu schreiben (In Which Annie Gives it Those Ones, Electric Moon und die Fernsehserie Banyan Tree).
Schriftstellerisches Werk und Booker-Prize 1992 begann sie mit der Arbeit an ihrem ersten Roman, der 1997 unter dem Titel Der Gott der kleinen Dinge erschien. Der halb-biografische Roman erzählt über weite Teile ihre eigene Kindheit in einer christlichen Familie der Oberschicht im südindischen Bundesstaat Kerala. Der Roman berührt wesentliche Themen Indiens wie das Kastensystem, die Rolle der Frau, das Leben syrischer Christen in Kerala und die Rolle der kommunistischen Partei speziell in Kerala. Das Manuskript wurde von Pankaj Mishra, einem Redakteur von Harper & Collins, an drei Verlage in Großbritannien gesandt und erregte großes Interesse. Bevor sie sich endgültig entscheiden konnte, bestieg David Godwin, der dritte Empfänger ihres Manuskripts, ein Flugzeug nach Indien, um Arundhati Roys erster Agent zu werden: “obviously, the book had touched him enough to get on a plane and come to a strange country”.
Godwin machte sich an die Arbeit und binnen Kurzem boten acht Verlagshäuser hohe Summen für die Rechte zur Veröffentlichung im Vereinigten Königreich und in Kontinental-Europa.
Anlässlich eines Besuchs in Wien beorderte Godwin seine Autorin nach New York zur Vertragsunterzeichnung mit dem renommierten Verlagshaus Random House. Sie erhielt 500.000 Pfund Sterling für die internationalen Publikationsrechte in 21 Ländern.
Noch im Jahr der Veröffentlichung wurde sie für diesen Roman mit dem britischen Booker-Literaturpreis ausgezeichnet und rasch international bekannt.
Einer Verfilmung des Buchs hat sie bis heute nicht zugestimmt."Hollywood versucht seit 28 Jahren vergeblich, Ihnen die Filmrechte für den Gott der kleinen Dinge abzukaufen." Reichardt in SZ 41/2025
mini|Arundhati Roy (2010)
Politische Aktivität In der Folge nutzte sie ihre Bekanntheit, um auf ihre politischen Anliegen aufmerksam zu machen. In einer Reihe von Essays und Reden griff sie zu Beginn vor allem die atomare Aufrüstung in Indien und dem Nachbarland Pakistan sowie den Hindu-Nationalismus (Hindutva) in ihrer Heimat an. Bald erweiterte sie ihre Aktivitäten auch um die Teilnahme an Protestveranstaltungen gegen ein Staudammprojekt an der Narmada, da derartige Bauten oft auf Kosten des Lebensraums der praktisch rechtlosen und ärmsten Bevölkerungsgruppen (insbesondere der Dalit und Adivasi) durchgeführt werden, wie sie in „Die Politik der Macht“ schreibt. Dank ihrer Popularität lenkte Roy mit ihrer Teilnahme die Aufmerksamkeit nationaler und internationaler Medien auf die Missstände.
Ihre schriftstellerische Tätigkeit konzentrierte sich nun ganz auf die Darstellung und Kritik politischer und sozialer Themen. In ihren Texten bezog sie Stellung gegen den von der US-Regierung geführten „Krieg gegen den Terror“, den Irak-Krieg sowie die Politik der Weltbank und der Welthandelsorganisation. Damit wurde sie zunehmend auch weit über Indien hinaus zu einer der bekanntesten Sprecherinnen für Umweltschutz-, Friedens- und globalisierungskritische Bewegungen.
2014 schrieb sie unter dem Titel The Doctor and the Saint eine Einführung zur kritischen Ausgabe von Bhimrao Ramji Ambedkars Annihilation of Caste. Darin arbeitet sie den Gegensatz zwischen Ambedkar und Gandhi heraus. Ambedkar stammt aus der Schicht der Unberührbaren (Dalits) und fordert in seiner bekanntesten und einflussreichsten Schrift die Abschaffung des Kastenwesens und des damit untrennbar verschränkten Hinduismus, während Gandhi selbst Vaishya war und entgegen seinen Aussagen über die unteren Kasten die Unterdrückungsstruktur des Kastenwesens nie in Frage gestellt habe und in seinem persönlichen Leben von Verachtung gegenüber sozial Schwachen geprägt gewesen sei.
Im Jahr 2002 wurde sie wegen Missachtung des Gerichts vom indischen Supreme Court in Neu-Delhi zu einem Tag Haft verurteilt, weil sie den Richtern vorgeworfen hatte, sie hätten Proteste gegen das Narmada-Staudammprojekt unterdrücken wollen.
Arundhati Roy hat 2005 den Sahitya Akademi Award, den höchsten Literaturpreis Indiens, abgelehnt. Laut Medienberichten soll Roy in einem Schreiben der vom Staat finanzierten Sahitya-Akademie mitgeteilt haben, sie fühle sich sehr geehrt, könne die Auszeichnung aber nicht annehmen, weil sie gegen verschiedene Aspekte der indischen Regierungspolitik Abscheu hege.Ana Lehmann: Geliebt, gehasst, gefürchtet: Arundhati Roy. In: Deutsche Welle. 8. März 2010. Als Kritikpunkte nannte sie beispielsweise den Besitz von Atomwaffen und den Bau großer Staudämme.
Am 5. November 2015 erklärte Arundhati Roy zusammen mit 23 anderen Künstlern, dass sie ihre nationalen Ehrungen aus Protest zurückgeben würden. Roy nahm in einem Zeitungsartikel dazu ausdrücklich Bezug auf den Lynchmord an einem muslimischen Mann in Uttar Pradesh durch fanatische Hindus, nachdem das Gerücht verbreitet worden war, dass er Rindfleisch gegessen habe. Sie bezeichnete den Vorgang als Ausdruck einer generellen Stimmung im Land, unter der Muslime, Christen und Dalits in ständiger Angst leben müssten. Sie beklagte, es sei für Intellektuelle in Indien nicht mehr möglich, darauf hinzuweisen, dass Hindus für diese Angst verantwortlich seien, nur ihre religiös geprägte Sicht der Umstände gelten ließen und die Leiden der Opfer verdrängten. In: eNewspaper of India. 5. November 2015, abgerufen am 6. November 2015 (englisch).
Im November 2023 wurde ihr die Ausreise aus Indien zu einem Auftritt auf dem Literaturfest München wegen Ermittlungen und einer drohenden Haftstrafe untersagt. Auf einer Konferenz zu Menschenrechten im Jahr 2010 hatte sie die Kaschmir-Politik der Regierung kritisiert und die damaligen Vorwürfe wurden 2023 wieder aufgegriffen.
Im Oktober 2024 gehörte Roy zu den Unterzeichnern eines Aufrufs zum Boykott israelischer Kulturinstitutionen, „die an der überwältigenden Unterdrückung der Palästinenser mitschuldig sind oder diese stillschweigend beobachtet haben“.
Wim Wenders nannte im Februar 2026 das Kino ein »Gegengewicht zur Politik« und wollte sich als Jurypräsident der Berlinale nicht zum Gazakrieg äußern. Deshalb hatte Arundhati Roy ihre Reise zum Festival abgesagt.https://www.spiegel.de/kultur/kino/arundhati-roy-kommt-nicht-zur-berlinale-wegen-aussagen-von-wim-wenders-a-53297f6d-d51a-4fdc-a635-00211c1528dd
Auszeichnungen (Auswahl) 1989: Indischer National Film Award für die beste Darstellung in dem Film In Which Annie Gives It Those Ones. 2015 gab sie diesen Preis aus Protest gegen religiöse Intoleranz und die wachsende Gewalt rechter Gruppen in Indien zurück. 1997: Booker Prize für The God of Small Things 2004: Sydney-Friedenspreis der australischen Sydney Peace Foundation für Roys soziales Engagement und ihr Eintreten für Gewaltfreiheit 2004: Orwell Award des US-amerikanischen National Council of Teachers of English (NCTE), zusammen mit Seymour Hersh 2005: Sahitya Akademi Award, den sie jedoch ablehnte 2011: Norman Mailer Lifetime Achievement Prize für Ausgezeichnetes Schreiben 2014: Auflistung in Time 100 des Nachrichtenmagazins Time, als eine der 100 einflussreichsten Menschen der Erde 2017: Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch, Hauptpreis für Das Ministerium des äußersten GlücksMeldung: Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2017 geht an Arundhati Roy. In: OTS. 9. Januar 2018, abgerufen am 17. Januar 2018. 2018: Eingeladen als Rednerin zur jährlichen W. G. Sebald Lecture des British Centre for Literary Translation im British Library Conference Centre, London 2023: Prix européen de l’essai Charles Veillon – Dankesrede: 2024: PEN Pinter PrizeCherylann Mollan: Arundhati Roy wins PEN Pinter Prize for 'powerful voice', bbc.com, veröffentlicht und abgerufen am 27. Juni 2024.
Werke Romane
The Ministry of Utmost Happiness. Penguin India, 2017, ISBN 978-0-670-08963-5 (englisch). deutsch: Das Ministerium des äußersten Glücks. Fischer, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-10-002534-0.
Sachbücher
The Doctor and the Saint. Einführung und Essay zu B. R. Ambedkar: Annihilation of Caste: The Annotated Critical Edition. Navayana 2014, ISBN 978-81-89059-63-7. Capitalism: A Ghost Story. Haymarket Books, Chicago 2014, ISBN 978-1-60846-385-5 (über Auswüchse des globalisierten Kapitalismus in Indien). Azadi: Freedom, Fascism, Fiction. Penguin, London 2020, ISBN 978-0-241-47002-2 (englisch). deutsch: Azadi heißt Freiheit. Fischer, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3-10-397113-2. Mother Mary Comes to Me. Simon & Schuster, New York 2025 deutsch: Meine Zuflucht und mein Sturm. S. Fischer, Frankfurt am Main 2025, ISBN 978-3-10-397709-7
Essays Essay: Krieg ist Frieden. In: Der Spiegel. 31. Oktober 2001. Rede: „Das schwindende Licht der Demokratie“: Rede zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2009. 9. September 2009 (übersetzt aus dem Englischen; PDF: 320 kB, 14 Seiten auf literaturfestival.com). Essay The greater common good – Motivation und Auswirkungen großer Staudammprojekte der Regierung Indiens (englisch). Essays, Reden und Interviews in deutscher Übersetzung.
Arundhati Roy on Shekhar Kapur's Bandit Queen und über Phoolan Devi auf sawnet.org übersetzt bei ZNet Deutschland Rede auf dem 4. Weltsozialforum (Mumbai 2004).