Das Kitāb Sulaim ibn Qais () ist eine Sammlung von Berichten über die islamische Frühzeit, die als das älteste Buch der Schia gilt und von den Zwölfer-Schiiten stark verehrt wird. Das Buch, das auch unter den Titeln Aṣl Sulaim ibn Qais oder auch Kitāb as-Saqīfa bekannt ist,Amir-Moezzi: Le Coran silencieux et le Coran parlant. 2011, S. 32. liegt in mehreren Druckausgaben und Handschriften vor und wird Sulaim ibn Qais, einem angeblichen Gefolgsmann des vierten Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib (gest. 660), zugeschrieben. Zentrales Thema des Buches ist der Anspruch der Familie Mohammeds auf die Führung der Muslime sowie ihre Verdrängung von der Macht durch ein Komplott verschiedener Prophetengefährten, das schon vor Mohammeds Tod geschmiedet wurde.

Über die Authentizität des Buches und die Existenz Sulaims wurden in der Schia lebhafte Debatten geführt. In der modernen Forschung wird das Kitāb Sulaim ibn Qais seit Ignaz Goldziher als ein pseudepigraphisches Werk betrachtet. Sein Kernbestand wird auf die Zeit kurz vor der abbasidischen Machtergreifung um die Mitte des 8. Jahrhunderts datiert.

Sulaim und sein Buch nach der schiitischen Überlieferung Nach der schiitischen Überlieferung war Abū Sādiq Sulaim ibn Qais al-Hilālī, nach dem das Buch benannt ist, ein Angehöriger des Stammes der Banū Hilāl,az-Zanǧānī: Kitāb Sulaim ibn Qais al-Hilālī. 1999, S. 69. der sich in seiner Jugend ʿAlī ibn Abī Tālib anschloss und 657 an der Schlacht von Siffin teilnahm. Zu dieser Zeit war er vierzig Jahre alt.az-Zanǧānī: Kitāb Sulaim ibn Qais al-Hilālī. 1999, S. 334. Noch zu Lebzeiten ʿAlīs begann Sulaim damit, dessen Berichte über die Ereignisse und dramatischen Konflikte, die auf den Tod des Propheten folgten und die Geschichte der ersten Kalifen beherrschten, zu sammeln und schriftlich zu fixieren.Amir-Moezzi: Exégèse et théologie de l’Islam shi’ite. 2009, S. 127. Nach der Ermordung ʿAlīs und dem Beginn der repressiven anti-alidischen Politik der ersten Umayyaden wurde Sulaim durch den grausamen Gouverneur al-Haddschādsch ibn Yūsuf gesucht, der ihn töten wollte. Er floh daraufhin mit seinem Buch aus dem Irak und fand in Südiran in dem Dorf Naubandadschān in der Provinz Fars Zuflucht. In hohem Alter vertraute er seine Aufzeichnungen dem noch jungen Fīrūz Abān ibn Abī ʿAiyāsch an. Kurze Zeit später starb er und wurde in Naubandadschān begraben.Amir-Moezzi: Exégèse et théologie de l’Islam shi’ite. 2009, S. 128. Al-Māmaqānī vermutete, dass er im Jahre 76 der Hidschra (= 695/696 n. Chr.) starb.Akdoğan: Kitâbu Süleym b. Kays. 2014, S. 2, 4.

Nach der schiitischen Überlieferung war Abān ibn Abī ʿAiyāsch über den Inhalt des Buches, das ihm Sulaim anvertraut hatte, erstaunt und reiste deswegen damit nach Basra, Mekka und Medina, um sich seinen Inhalt von den dortigen Gelehrten und Zeitzeugen bestätigen zu lassen. In Medina gab er es dem vierten Imam ʿAlī ibn Husain Zain al-ʿĀbidīn zu lesen, der daraufhin ausgerufen haben soll: „Alles, was Sulaim gesagt hat, ist wahr, Gott möge mit ihm Erbarmen haben. All dies ist Teil unserer Lehre und wir wissen davon.“Amir-Moezzi: Le Coran silencieux et le Coran parlant. 2011, S. 29. Auch al-Hasan al-Basrī bestätigte ihm die Richtigkeit des Inhalts.Dakake: Writing and Resistance. 2014, S. 189. Kurz vor seinem Tod im Jahre 138 (= 755-56 n. Chr.) soll Abān einen Traum gehabt haben, in dem ihm Sulaim erschien und seinen Tod voraussagte und ihn dazu aufforderte, sein Testament zu machen.aṭ-Ṭihrānī: aḏ-Ḏarīʿa. 1983, Band II, S. 155. Abān übergab daraufhin das Buch dem schiitischen Traditionarier ʿUmar ibn Udhaina (gest. ca. 785), der ein Schüler von Dschaʿfar as-Sādiq und Mūsā al-Kāzim war. Nach der schiitischen Überlieferung war es dieser ʿUmar ibn Udhaina, der dem Buch eine große Verbreitung verschaffte, indem er es an sieben Hadith-Gelehrte aus Basra und Kufa weiterleitete, die davon jeweils eigene Kopien anfertigten. Alle heutigen Handschriften des Werkes sollen auf diese sieben ersten Kopien zurückgehen.Amir-Moezzi: Exégèse et théologie de l’Islam shi’ite. 2009, S. 128 und 130.

Textgeschichte Das Kitāb Sulaim ibn Qais gilt allgemein als das älteste literarische Werk der Schia.Ibn an-Nadīm: Kitāb al-Fihrist. Mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Flügel. Vogel, Leipzig 1871. S. 219. Digitalisat Allerdings wird es in gesicherten arabischen Quellen nicht vor dem frühen 10. Jahrhundert erwähnt.Bayhom-Daou: Kitāb Sulaym ibn Qays revisited. 2015, S. 105. Der erste Autor, der auf Sulaim als Verfasser eines Buches verweist, war al-Masʿūdī (gestorben 957). Er vermerkt, dass sich die Zwölfer-Schia bei der Lehre von den zwölf Imamen auf dieses Buch stützte.sein Kitāb at-Tanbīh wa-l-išrāf. Frz. Übersetzung von B. Carra de Vaux. Imprimerie Nationale, Paris 1896, S. 307. Die im Kitāb Sulaim ibn Qais zitierten Überlieferungen finden sich allerdings auch in vielen anderen schiitischen Hadith-Werken, wie al-Kāfī von al-Kulainī (gest. 941) und dem Kitāb al-Ḫiṣāl von Ibn Bābawaih (gest. 992), und sie werden dort ebenfalls über Abān auf Sulaim zurückgeführt.Gleave: Early Shiite hermeneutics. 2015, S. 86f. Inhaltliche Überschneidungen ergeben sich auch mit verschiedenen Berichten in der Sammlung Nahdsch al-Balāgha.Gleave: Early Shiite hermeneutics. 2015, S. 88.

Die große Popularität des Kitāb Sulaim ibn Qais in der Vormoderne lässt sich an der großen Anzahl von Handschriften erkennen. Az-Zandschānī, der eine Druckedition erstellte, zählte insgesamt 69 Handschriften, die über Bibliotheken in Nadschaf, Mekka, Medina, Isfahan, Teheran und Lucknow verstreut sind.az-Zanǧānī: Kitāb Sulaim ibn Qais al-Hilālī. 1999, S. 92–97. Die einzelnen Handschriften unterscheiden sich allerdings erheblich in der Länge und der Anzahl der Traditionen, die sie einschließen.Bayhom-Daou: Kitāb Sulaym ibn Qays revisited. 2015, S. 106. Die erste Druckausgabe erschien 1942 in Nadschaf, danach wurde das Werk mehrfach in Nadschaf, Beirut, Ghom und Teheran gedruckt. Diese erste Ausgabe sowie die von al-ʿAlawī al-Hasanī al-Nadschafī vorgenommene Beiruter Edition von 1994 basieren auf einer Handschrift, die ursprünglich dem schiitischen Gelehrten al-Hurr al-ʿĀmilī (gest. 1693) gehörte.Bayhom-Daou: Kitāb Sulaym ibn Qays revisited. 2015, S. 106.

Für die Forschung wird heute üblicherweise die dreibändige Edition von Muhammad Bāqir al-Ansārī az-Zandschānī al-Chū'īnī (Ghom 1995) verwendet. Sie enthält im ersten Band eine Einführung zu angeblichem Autor, Werk und Textüberlieferung, im zweiten Band die Edition des Textes und im dritten Band eine Reihe von Indizes sowie die Belegung (taḫrīǧ) der vorkommenden Hadithe.Gleave: Early Shiite hermeneutics. 2015, S. 84. Der Text dieser Edition ist in 98 Berichte eingeteilt, die jeweils als Hadith bezeichnet werden. Die ersten 48 Berichte Traditionen finden sich in der Mehrzahl der Handschriften, die Traditionen 49 bis 70 nur in einigen Handschriften, und die Traditionen 71 bis 98 sind Exzerpte aus anderen Werken, in denen Sulaim zitiert wird.Amir-Moezzi: Le Coran silencieux et le Coran parlant. 2011, S. 36. 1999 erschien in Ghom eine vereinfachte einbändige Ausgabe für die breite Öffentlichkeit.Kitāb Sulaim ibn Qais (arabisch); . Daneben wurde das Werk auch ins Persische, Türkische, Urdu und Englische übersetzt.Akdoğan: Kitâbu Süleym b. Kays. 2014, S. 7.

Inhalt Die im Kitāb Sulaim ibn Qais enthaltenen Berichte befassen sich zum größten Teil mit den Geschehnissen vor und nach dem Tode des Propheten,Eine vollständige Übersicht über den Inhalt der einzelnen Berichte bietet Amir-Moezzi in Le Coran silencieux et le Coran parlant. 2011, S. 54–59. wobei über einzelne Ereignisse auch mehrere Berichte vorliegen.Dakake: Writing and Resistance. 2014, S. 189. Als Hauptgewährsleute für diese Berichte erscheinen ʿAlī ibn Abī Tālib und seine drei Gefährten Abū Dharr al-Ghifārī, Salmān al-Fārisī und al-Miqdād ibn ʿAmr. Bei Berichten, die Sulaim von einem der drei Gefährten gehört hat, lässt er sich deren Richtigkeit nachträglich von ʿAlī bestätigen.Bayhom-Daou: Kitāb Sulaym ibn Qays revisited. 2015, S. 110.

Wie bereits einer der Titel verrät, unter dem das Buch bekannt ist, ist eines der zentralen Themen die Versammlung der Prophetengefährten in der Saqīfa ("Hof, Pergola") der Banū Sāʿida nach dem Tode Mohammeds, bei der Abū Bakr zum neuen Führer der Muslime ausgerufen wurde, während ʿAlī ibn Abī Tālib und die anderen Mitglieder der Prophetenfamilie gerade mit der Leichenwaschung beschäftigt waren.Amir-Moezzi: Le Coran silencieux et le Coran parlant. 2011, S. 39. Die Ausrufung Abū Bakrs zum neuen Herrscher wird hierbei als Ergebnis eines Komplotts beschrieben, das schon vor dem Tod Mohammeds von ʿUmar ibn al-Chattāb, Abū Bakr und Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh geschmiedet wurde. Dieses zielte darauf ab, Mohammed und seine Familie zu beseitigen, um selbst die Macht ergreifen und den Charakter der neuen Religion entstellen zu können.Amir-Moezzi: Exégèse et théologie de l’Islam shi’ite. 2009, S. 127, 130. Anlass für diesen Komplott soll die Designation ʿAlīs zum Nachfolger des Propheten am Ghadīr Chumm gewesen sein. Um zu verhindern, dass ʿAlī die Herrschaft erlangt, schlossen die genannten Prophetengefährten einen Pakt, den sie schriftlich auf einem Blatt (ṣaḥīfa) fixierten, das sie in der Kaaba deponierten. Die Verschwörung soll zum ersten Mal wirksam geworden sein, als ʿUmar den Propheten kurz vor seinem Tode davon abhielt, sein Testament schriftlich zu fixieren, mit dem Argument, dass sein gesundheitlicher Zustand dies nicht erlaube.Dakake: Writing and Resistance. 2014, S. 191f. Infolgedessen konnte Abū Bakr der Prophetentochter Fātima nach dem Tode Mohammeds das Landgut Fadak entziehen, das ihr eigentlich als Erbe ihres Vaters zustand.Dakake: Writing and Resistance. 2014, S. 189. Aber auch der plötzliche Tod Mohammeds selbst wird auf diese Verschwörung zurückgeführt, denn in Bericht 42 wird er als Ergebnis einer absichtlich herbeigeführten Vergiftung beschrieben. Mohammed selbst soll schon vor seinem Tod das tragische Schicksal seiner Familie und seiner Nachkommen vorausgesehen und diesbezügliche Prophezeiungen gemacht haben.Amir-Moezzi: Le Coran silencieux et le Coran parlant. 2011, S. 38f.

Neben den Ereignissen nach dem Tode des Propheten werden in dem Kitāb Sulaim auch verschiedene Ereignisse aus dem ersten Bürgerkrieg (656–661) behandelt wie die Kamelschlacht, die Schlacht von Siffin und die umaiyadische Machtergreifung nach dem Tode ʿAlīs.Dakake: Writing and Resistance. 2014, S. 192. Wichtigste Intention des Buches ist, die Überlegenheit von ʿAlī ibn Abī Tālib sowie die ungerechte Behandlung, die er erfahren hatte, aufzuzeigen. Unter den Gegnern ʿAlī werden neben ʿUmar, Abū Bakr und Abū ʿUbaida auch az-Zubair ibn al-ʿAuwām, ʿĀ'ischa bint Abī Bakr, ʿAmr ibn al-ʿĀs und Muʿawiya ibn Abī Sufyān erwähnt, also genau diejenigen Personen, von denen man sich nach der rāfiditisch-schiitischen Lehre des 8. Jahrhunderts lossagen sollte.Dakake: Writing and Resistance. 2014, S. 188. Das Buch enthält auch einen Brief, der angeblich von Muʿāwiya an seinen Statthalter Ziyād ibn Abīhi gesandt und heimlich von Sulaim kopiert wurde. In diesem Brief erscheint Muʿāwiya als ein Herrscher, der eine dezidiert diskriminierende Politik gegenüber den Nicht-Arabern betreibt.Bayhom-Daou: Kitāb Sulaym ibn Qays revisited. 2015, S. 105.