Johann Aloys Becker (* 22. Mai 1769 in Mainz; † 21. September 1850 ebendort) war ab 1792 als aktiver Jakobiner im französisch besetzten Mayence in verschiedenen administrativen Funktionen tätig. Nach dem Ende der Mainzer Republik wurde er inhaftiert, emigrierte später nach Straßburg und Paris.

Als mit dem Frieden von Campo Formio das linke Rheinufer zum 30. Dezember 1797 an Frankreich abgetreten wurde, kehrte er nach Mayence zurück. Aufgrund seiner politischen Haltung und später auch vermehrt aufgrund seiner zunehmenden administrativen Erfahrungen hatte Becker in der Administration des Département du Mont-Tonnerre immer höhere Funktionen in den Bereichen Finanzen und Verwaltung inne und gehörte zu dem Kreis der „Citoyens notables“, der Notabelngesellschaft. Nach dem Ende der französischen Herrschaft in Mainz blieb der mittlerweile politisch gemäßigte Becker hoher Verwaltungsbeamter erst der provisorischen preußischen und später der großherzoglich-hessischen Administration.

Jugend Johann Aloys Becker kam am 22. Mai 1769 als Kind des Wachsziehers Heinrich Becker und seiner Frau Elisabeth im elterlichen Haus Franziskanerstraße, Ecke Emmeranstraße zur Welt. Nach dem Tod seines Vaters 1782 musste Becker die Schule verlassen, begann eine Kaufmannslehre im Handelshaus der Familie Dumont und half im elterlichen Geschäft mit. Seit seiner Gymnasialzeit verband ihn eine enge Freundschaft zum späteren Jakobiner Franz Falciola, während seiner Ausbildung schlossen sich die Brüder Johann und Friedrich Dumont dem Freundeskreis an. Mit dem angesehenen großbürgerlichen Haus der Dumonts, in dem Becker bald ein- und ausging, lernte er ein ihm bislang unbekanntes liberal-aufgeklärtes Umfeld kennen. Durch den Hauslehrer der Dumonts, Adam Lux, kam er zusätzlich in Kontakt mit den Ideen eines Rousseaus oder Montesquieus.

Politisches Wirken 1792/1793 Als 1789 die Revolution in Frankreich ausbrach und erste Nachrichten auch Mainz erreichten, war Becker bereits ein Anhänger der Aufklärungsphilosophie geworden. Er begrüßte die Ereignisse in Frankreich, sah er in ihnen doch die Möglichkeit, Ideen der Aufklärung praktisch zu realisieren. Mit dem Vorstoß der französischen Revolutionsarmee unter General Custine nach Mainz im Oktober 1792, sah sich Becker auf einmal aktiv in das revolutionäre Geschehen verwickelt. Nach der Kapitulation der Stadt Mainz am 21. Oktober 1792 waren er und seine Freunde Falciola und Reichard die ersten Mainzer, die das französische Lager vor der Stadt besuchtenDiese Szene wird ausführlich dargestellt in dem ersten Teil der ARD-Dokumentation Napoleon und die Deutschen:

Becker identifizierte sich nun vollends mit den Idealen der Französischen Revolution und wurde deren begeisterter Anhänger. Auch die später beginnenden Probleme und Misserfolge bei der Revolutionierung seiner Heimat sah er in einem eher größeren Rahmen wie er Ende November 1792 in einem seiner Briefe schrieb: „Was mich und noch viele trotz allen möglichen Hindernissen immer guten Mutes erhält, um die Sache nie aufzugeben, ist die Betrachtung, daß es eine Weltrevolution ist. Es ist nicht die Frage, ob bloß Frankreich sich seine Freiheit sichert...,sondern ob der Despotismus und alle willkürliche Macht in dem ganzen polizierten Europa gestürzt werden und die Freiheit und Gleichheit überall triumphieren sollen. Und da behaupte ich: Ja! Also, eine Weltrevolution werden die armen Tröpfe von Mainz nicht aufhalten.“ Folgerichtig hatte er für seine eher zögerlichen und politisch abwartenden Mainzer Mitbürger kein großes Verständnis: „Diese wackeren Leute haben auf der weiten Welt Gottes für nichts Empfindung als für den niederträchtigsten Eigennutz, nichts reizt sie, als was darauf Bezug hat, für alles Große sind sie ebenso stumpf als gefühllos für das Gute. Feigheit und die allergrößte Unwissenheit sind Hauptzüge ihres Charakters.“

Trotz seiner Begeisterung für die Sache trat er erst relativ spät, nämlich am 2. Dezember 1792, in den Mainzer Jakobinerklub ein. Diesen späten, dem politischen Verlauf der Dinge in Mainz quasi konträren Entschluss (die preußischen Truppen eroberten an diesem Tag Frankfurt von den Franzosen zurück, diese zogen sich daraufhin bis an die Mainz gegenüberliegende Mainmündung zurück), fasste er aber erst nach reiflicher Überlegung. Seine, ob seines Beitritts entsetzte, Mutter ließ er wissen, dass: „...weder Eigennutz noch kindischer Leichtsinn sondern und Gründe (ihn) dazu bestimmt hätten“.zitiert nach Franz Dumont: Wandlungen eines Revolutionärs. S. 80 Erst einmal Mitglied des Jakobinerklubs, wurde er sofort aktiv. Er unterschrieb Petitionen, nahm aktiv an den Sitzungen des Klubs teil und war auch bei der Errichtung des zweiten Freiheitsbaumes am 13. Januar 1793 auf dem Mainzer Mark zugegen. Seine Zuverlässigkeit als Mainzer Jakobiner und als Klubmitglied war auch der Grund für seine Berufung in zwei Komitees des Mainzer Jakobinerklubs. Er wurde in den Wachsamkeitsausschuss berufen, der gegenrevolutionäre Tendenzen bekämpfen sollte und er wurde Mitglied im Ökonomiekomitee, welches sich mit der Verwaltung der Klubfinanzen beschäftigte.

Mit weiteren und noch wichtigeren Aufgaben wurde Becker im Februar 1793 betraut. Jean-Frédéric Simon, einer der beiden in Mainz anwesenden Nationalkommissare aus Paris, ernannte ihn und andere deutsche Jakobiner am 18. Februar 1793 zum Subkommissar. Die insgesamt 67 Subkommissare waren alles Personen, deren Ansehen und Fähigkeiten bei der französischen Administration in hohem Ansehen stand.Franz Dumont: Die Mainzer Republik von 1792/92., S. 323 Als einer der ernannten Subkommissare befand sich Becker nun in direkter Gesellschaft führender Mainzer Jakobiner wie Mathias Metternich, Felix Anton Blau, Anton Joseph Dorsch, Andreas Joseph Hofmann oder Georg von Wedekind. Ihre Aufgabe war die Umsetzung eines Dekrets aus Paris vom 15. Dezember 1792. In allen eroberten Ländern waren Wahlen abzuhalten und vorab ein Eid auf die Demokratie zu schwören, kurz, diese zu „munizipalisieren“. Verweigerern drohte eine Behandlung nach dem Kriegsrecht. Als neu ernannter Subkommissar reiste Becker im Rahmen einer Delegation unter Leitung des Administrationspräsidenten Anton Joseph Dorsch und mit seinen Kollegen Lux, Caprano, Cyrer und Schlemmer nach Speyer, um in der Stadt und in der ländlichen Umgebung für die Versammlungen zu den Urwahlen und der Eidleistung zu werben. Ähnliche Missionen der Werbung und Aufklärung fanden nun zeitgleich im gesamten französisch besetzten Gebiet statt. Ihre Mission war wenig erfolgreich. Zweimal wurden die so genannten Urversammlungen aufgrund der wenig unterstützenden Haltung der Speyerer Bürger verschoben. Die endlich am 8. März 1793 stattfindende Urversammlung stand unter der Leitung von Becker. Obwohl die Wahlbeteiligung mit 30 % sehr hoch lag (zum Vergleich: in Mainz betrug die Beteiligung nur 8 %), war dies eine Niederlage der Jakobiner. Die Speyerer Bürger hatten sich im Vorfeld abgesprochen und nur ehemalige Ratsherren gewählt, die wenigen aufgestellten Jakobiner erhielten so gut wie keine Stimmen. Auch auf dem Land waren die Subkommissare nur in einigen Dörfern erfolgreich; meist dann, wenn die Bevölkerung mit massiver Truppenpräsenz der Franzosen eingeschüchtert wurde.

Becker kehrte Mitte März nach Mainz zurück und erlebte am 17. März 1793 die feierliche Eröffnung des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents ebenso mit wie die Ausrufung der Mainzer Republik am 18. März und die erfolgreiche Abstimmung über den Anschluss der Mainzer Republik an Frankreich. Am 24. März wurde ein Parlamentsarchiv für die Arbeit des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents geschaffen. Als Kanzlisten wurden dort auch Becker und sein Jugendfreund Franz Falciola beschäftigt. Da sich der Konvent bereits am 31. März auf unbestimmte Zeit vertagte (und nie wieder tagen sollte), trat Becker eine neue Tätigkeit bei der neu gewählten Allgemeinen Administration unter der Leitung von Andreas Joseph Hofmann an. Hier arbeitete er wieder in einem Finanzkomitee und legte letztendlich den Grundstein für seine spätere, über 40-jährige Verwaltungstätigkeit in den Bereichen Administration und Finanzen.

Da die Lage im belagerten Mainz im Juli 1793 für die franzosenfreundlichen Jakobiner, die so genannten „Klubisten“, zunehmend kritisch wurde, wollte Becker mit der französischen Armee nach deren Kapitulation aus Mainz nach Frankreich abziehen. Dies misslang, nicht zuletzt auch wegen fehlender Unterstützung durch die Franzosen, und Becker wurde in seinem Haus von einer „Bande Klubistenfänger“Franz Dumont: Wandlungen eines Revolutionärs. S. 82 misshandelt und ausgeraubt. Zu seiner eigenen Sicherheit stellte er sich mit etwa 40 anderen Jakobinern den preußischen Truppen, die sie daraufhin auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein inhaftierten.

Gefangenschaft, Exil und Rückkehr nach Mainz Becker verbrachte insgesamt 18 Monate in Haft, erst auf der Festung Ehrenbreitstein, später auch auf der Festung Petersberg in Erfurt. Hier war er in Gesellschaft vieler „Erzklubisten“ wie beispielsweise Mathias Metternich. Sie alle waren weniger Gefangene als eher Geiseln, die für den Austausch gegen Ende März 1793 nach Frankreich verschleppte Mainzer Geiseln vorgesehen waren.

Becker blieb auch in dieser Zeit seinen revolutionären und jakobinischen Idealen treu. So schrieb er in dieser Zeit seiner Mutter, die seine Handlungen nicht billigte, sie dürfe ihn nicht jenen:

Trotzdem gestand er ihr ein, dass nun viele seiner ehemaligen politischen Weggefährten dieser Kategorie zugeordnet werden mussten. Er bat auch um die Zusendung seiner Lieblingsbücher, die ihn bereits in früherer Zeit bei seiner politischen Meinungsbildung stark beeinflusst hatten: Blaise Pascals Pensées, Rousseaus Émile und Werke des französischen Philosoph Claude Adrien Helvétius. Seine Korrespondenz wurde allerdings überwacht und dieser Brief, wie auch Schreiben an die Pariser Abgeordneten und ehemaligen Konventsabgeordneten in Mainz, Merlin de Thionville und Jean François Reubell, wurde nicht weitergeleitet. Als Ende 1794 die von den Revolutionstruppen nach Frankreich verschleppte Mainzer Geiseln zurückkehren konnten, wurden dafür die mittlerweile auf der Festung Petersberg in Erfurt inhaftierten Mainzer Jakobiner freigelassen. Am 26. Februar 1795 wurde Becker, zusammen mit 27 anderen Jakobinern, in Basel einem französischen Diplomaten übergeben. Becker war nun für die Französische Republik einer der „refugiés Mayençais“ und erhielt als politischer Flüchtling im Exil nur eine geringe Unterstützung durch den Staat.

Becker ging, wie viele andere der „Mainzer Patrioten“, zuerst nach Straßburg, um dort Arbeit zu finden. Ende März 1795 war er aber schon auf dem Weg nach Paris. Im Gegensatz zu anderen, bekannteren Mainzer Jakobinern wie beispielsweise Andreas Joseph Hofmann oder Johann Georg Wilhelm Böhmer wurde Becker nicht als Diplomat der jungen Republik oder als deren politischer Agitator und Publizist für die Rheinlande angestellt. Im Herbst 1795 fand er Arbeit bei dem emigrierten Kieler Professor Carl Friedrich Cramer. Dieser betrieb in Paris einen kleinen Verlag samt Druckerei für die Übersetzung deutscher und französischer Autoren wie Schiller, Diderot oder Rousseau, in die jeweilige andere Sprache. Bereits zwei Monate nach seiner Ankunft in Paris wandelte sich langsam Beckers, spätestens in der Gefangenschaft, stark idealisiertes Bild von der Revolution, der aus ihr entstandenen Republik und ihren Anhängern: