mini|Im Mount Washington Hotel fand im Juli 1944 die Bretton-Woods-Konferenz statt, in der unter anderem die Gründung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds beschlossen wurde.
Das globale Finanzsystem ist das Zusammenspiel von Finanzmärkten, regulierten Finanzintermediären (z. B. Banken, Versicherungen), wenig bis nicht regulierten Schattenbanken (zum Beispiel Investmentfonds), der nationalen und supranationalen Finanzmarktaufsicht, der Zentralbanken und internationaler Organisationen wie beispielsweise dem Internationalen Währungsfonds.
Die Bedeutung des globalen Finanzsystems erhöhte sich durch zunehmende Globalisierung, die durch technische Innovationen wie Telekommunikation und Internet, Finanzinnovationen und den Sieg des Modells der Freien Marktwirtschaft befördert wurde. Die Bedeutsamkeit des globalen Finanzsystems zeigt sich auch dadurch, dass seit den 1970er Jahren das Volumen des internationalen Kapitalverkehrs hundertmal so hoch ist wie das Volumen des internationalen Güterverkehrs.Buckley, Arner: From Crisis to Crisis. 2011, S. 19–20
Einführung Finanzsysteme können auf regionaler, nationaler oder globaler Ebene betrachtet werden. Finanzsysteme sind die Gesamtheit von Finanzmärkten, Finanzintermediären, Dienstleistungsunternehmen und sonstigen Finanzinstitutionen. Sie dienen der Umleitung von Ersparnissen in Investitionsvorhaben. Finanzsysteme haben die folgenden Funktionen:Svetlozar R. Nikolov, Die Rolle der Banken im Finanzsystem: eine komparative Analyse der Bankensysteme in Deutschland und den USA, Tectum Verlag DE, 2000, ISBN 978-3-8288-8112-9, S. 18, 19 Das Zustandekommen von Finanztransaktionen zu erleichtern (Finanzierungsfunktion). Die Überwachungs- und Kontrollfunktion Im Falle unsicherer Unternehmensinvestitionen ermöglicht es die Aufteilung des Risikos auf verschiedene Kapitalgeber (Risikoallokationsfunktion). Es stellt Informationen über verschiedene Anlage- bzw. Finanzierungsfunktionen zur Verfügung (Informationserstellungs- und Kommunikationsfunktion).
Beim globalen Finanzsystem wird das Zusammenspiel von Finanzmärkten, regulierten Finanzintermediären (zum Beispiel Banken, Versicherungen), wenig bis nicht regulierten Schattenbanken (z. B. Investmentfonds), der nationalen und supranationalen Finanzmarktaufsicht, der Zentralbanken und internationaler Organisationen wie beispielsweise dem Internationalen Währungsfonds beobachtet.Financial Times Lexicon,
Die Gefahr, dass sich Probleme bei einem oder mehreren Finanzinstituten, oder Märkten, oder Marktsegmenten, oder eines Zahlungsverkehrs- oder Wertpapierabwicklungssystems auf andere Bereiche oder Teilnehmer des Finanzsystems ausweitet bezeichnet man als systemisches Risiko. Als Verbreitungsmechanismus kommt der Dominoeffekt und / oder der Informationseffekt in Frage. Der Dominoeffekt tritt bei der Ansteckung nachfolgender Finanzsystemkomponenten ein. Wenn beispielsweise ein Kreditinstitut in existenzgefährdende Schieflage gerät müssen die Gläubiger ihre Forderungen abschreiben und können dadurch eventuell selbst in große finanzielle Schwierigkeiten geraten. Beim Informationseffekt führt beispielsweise eine existenzgefährdende Schieflage eines Kreditinstituts dazu, dass die Finanzmarktteilnehmer Angst vor einem Dominoeffekt bekommen und auch bei anderen Banken massiv Geldeinlagen abziehen (Bank Run), so dass auch gesunde Kreditinstitute in große finanzielle Schwierigkeiten geraten können.Marcel Lähn, Hedge Fonds, Banken und Finanzkrisen: Die Bedeutung außerbilanzieller Leverage-Effekte durch Finanzderivate für das Risikomanagement von Finanzinstituten und das systemische Risiko des globalen Finanzsystems, Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-322-81765-5, S. 35–38
So leihen zum Beispiel Zentralbanken Geld an Banken, Banken leihen Geld an Hedgefonds, Private-Equity-Institutionen und Regierungen. Die Wechselbeziehungen dieser Kredite erzeugen ein globales systemisches Risiko. Deshalb konnte beispielsweise aus der amerikanischen Subprime-Krise die internationale Finanzkrise ab 2007 werden.Financial Times Lexicon, Definition of global financial system
Geschichte mini|Der Segeldampfer Great Eastern verlegte 1866 das erste funktionsfähige transatlantische Seekabel. mini|Historische Karte der ersten transatlantischen Seekabel zwischen den USA und Europa Für die Entwicklung des globalen Finanzsystems, wie es heute besteht, waren verschiedene historische Entwicklungen maßgeblich. Zum einen wurde die Bedeutung des Grundbesitzvermögens mit der Zeit deutlich von der Bedeutung von Finanzvermögen übertroffen. Wesentlich war hierbei die Entwicklung von Aktiengesellschaften. Diese ermöglichen Geschäftsbeteiligungen mit kleineren Geldbeträgen und ohne dass es einer Erlaubnis zum Beispiel von Mehrheitseignern bedarf. Dies erlaubte es, große Geldbeträge anzusammeln und zu investieren. Volkswirtschaften, die ursprünglich wesentlich auf nationalen Familienunternehmen beruhten, werden heute eher durch internationale Großunternehmen geprägt. Aus einem Recht, in dem Schuldgefängnisse üblich waren, wurde ein Zivilrecht, das Haftungsbeschränkungen kennt. Die Wirtschaftsordnung wandelte sich vom Merkantilismus hin zu liberalen Wirtschaftsordnungen. Primitivgeld entwickelte sich zum Goldstandard und weiter zu Papiergeld, Giralgeld, Buchgeld und elektronischem Geld. Der Erfolg des Papiergeldes war nur möglich durch die Entwicklung weg vom Free Banking hin zu Zentralbanksystemen, deren Glaubwürdigkeit durch die Entwicklung des Wechselkurses bestätigt oder in Frage gestellt werden kann. Handel und Finanzmärkte entwickelten sich vom Isolationismus zur Globalisierung.Larry Allen, Global Financial System 1750-2000, Reaktion Books, 2004, ISBN 978-1-86189-570-7, S. 9
Durch das Anwachsen großer Unternehmen, welche die Erde nach Rohstoffen und Absatzmärkten erkundeten, wuchs das Bedürfnis für ein globales Finanzsystem. Damit sich dieses entwickeln konnte, musste aber zunächst ein international akzeptiertes Geldsystem entstehen. So hatte beispielsweise in der britischen Kolonie Virginia der Tabak Geldfunktion, in der Kolonie Kanada waren es Bärenfelle. Einen Handel zwischen den Kolonien auf Tauschbasis durchzuführen war jedoch zeitaufwendig. Warentransaktionen auf Kreditbasis durchzuführen war nur innerhalb desselben Rechtsgebiets möglich, da es für Außenstehende nicht möglich war Forderungen rechtlich durchzusetzen. Ein international akzeptiertes Geldsystem entstand erstmals mit dem Goldstandard, der rechtssichere und von Währungsabwertungsrisiken freie Finanztransaktionen ermöglichte.Larry Allen, Global Financial System 1750-2000, Reaktion Books, 2004, ISBN 978-1-86189-570-7, S. 10, 11
Bedingt durch den Goldautomatismus und die informelle Koordinierung durch die Bank of England war der Klassische Goldstandard das erste faktische globale Finanzsystem. Das erste als Rechtskonstrukt geschaffene globale Finanzsystem war das Bretton-Woods-System.
Klassischer Goldstandard (1870–1914)
Der Goldstandard markiert für viele Ökonomen den Beginn des globalen Finanzsystems. Der Wechselkurs vieler wichtiger Währungen wurde durch den Goldautomatismus reguliert.Held et al.: Global Transformations. 1999, S. 192. Der Goldautomatismus führte auch (zumindest in der Theorie) zum Zahlungsbilanzausgleich, indem in Ländern mit Zahlungsbilanzüberschüssen eine erhöhte Inflation auftrat und es in Ländern mit Zahlungsbilanzdefiziten zu einer Deflation und Depression kam.Dietmar Dorn, Rainer Fischbach: Volkswirtschaftstheorie und -politik (= Volkswirtschaftslehre. Bd. 2). 4., überarbeitete Auflage. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-25870-2, S. 212. Nach Analyse von Barry Eichengreen funktionierte das Währungssystem des Goldstandard in dieser Phase vor allem deshalb, weil die Zentralbanken unter Führung der Bank of England ihre Geldpolitik koordinierten. Bis zu einem gewissen Grad entzogen sich einige Länder dem Goldautomatismus durch eine protektionistische Außenhandelspolitik.Held et al.: Global Transformations. 1999, S. 196–197. Die internationalen Finanztransaktionen unterlagen wenig bis keinen Regulierungen. Die Telegrafie beschleunigte die weltweite Kommunikation erheblich.Held et al.: Global Transformations. 1999, S. 192.
Zwischenkriegszeit und Ende des Goldstandards mini|Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens verschiedener Volkswirtschaften während der Weltwirtschaftskrise. Der Zeitpunkt der Abkehr vom Goldstandard ist mit einem kleinen Dreieck markiert. Während des Ersten Weltkrieges wurde der Goldstandard in fast allen Ländern ausgesetzt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die USA durch beständige Handelsbilanzüberschüsse und niedrige Zinsraten zu dem wichtigsten Nettoexporteur von Kapital. Gleichzeitig verlor die Bank of England ihre führende Rolle in der Organisation des Goldstandards ohne dass die Federal Reserve System (FED) diese übernahm. Während in der Zeit des klassischen Goldstandards die Kapitalflüsse antizyklisch erfolgten, es also während wirtschaftlicher Schwächephasen eines Landes zu vermehrter Kapitalzufuhr kam, erfolgten die Kapitalflüsse in der Zwischenkriegszeit prozyklisch. Die USA exportierten in den 20er Jahren sehr viel Kapital. Als die FED 1928 die Zinsen erhöhte, stoppte der Kapitalexport.Held et al.: Global Transformations. 1999, S. 199. Wirtschaftshistoriker sind sich einig, dass der Goldstandard ein Transmissionsmechanismus zur Verbreitung der Weltwirtschaftskrise war und zu Entstehung und Länge der Großen Depression maßgeblich beitrug.Peter J. Montiel: International Macroeconomics. Wiley-Blackwell, Malden MA u. a. 2009, ISBN 978-1-4051-8386-4, S. 154. Mit der Zeit wurde der Fehler der Geldpolitik offenbar. Nach und nach suspendierten alle Staaten den Goldstandard und gingen zu einer Reflationspolitik über. Nach fast einhelliger Ansicht besteht ein klarer zeitlicher und inhaltlicher Zusammenhang zwischen der weltweiten Abkehr vom Goldstandard und dem Beginn der wirtschaftlichen Erholung.Randall E. Parker: Reflections on the Great Depression. Elgar Publishing, Cheltenham u. a. 2003, ISBN 1-84376-335-4, S. 22.
Bretton-Woods-System (1944–1973) mini|Zahl der Länder die pro Jahr eine Bankenkrise erlebten. Während des Bretton-Woods-Systems gab es kaum Bankenkrisen (siehe Figure 10.1 in Rogoff und Reinhart)Carmen M. Reinhart, Kenneth S. Rogoff: This Time is Different. Eight Centuries of Financial Folly. Princeton University Press, Princeton NJ u. a. 2009, ISBN 978-0-691-14216-6.
Mit dem Bretton-Woods-System wurde 1944 eine neue globale Finanzordnung beschlossen. Die einzelnen Währungen waren innerhalb von Wechselkursbandbreiten an den US-Dollar als Ankerwährung gebunden. Der Dollar wiederum war mit einem Wechselkurs von 35 $ je Unze an den Goldpreis gebunden. Zum Umtausch von Dollar in Gold waren nur Zentralbanken berechtigt. Die Abwertung einer Währung war nur mit Zustimmung des Internationalen Währungsfonds zulässig, diese Zustimmung wurde allerdings auch nie versagt. Die internationalen Kapitalströme waren durch nationale Kapitalverkehrskontrollen reguliert und beschränkten sich im Wesentlichen auf langfristige Investitionen. Der Internationale Währungsfonds wurde zur Stabilisierung von Ländern mit Zahlungsbilanzschwierigkeiten gegründet. Die Weltbank wurde zur Verfolgung entwicklungspolitischer Ziele gegründet.Held et al.: Global Transformations. 1999, S. 199–201.
Das Bretton-Woods-System stellte einen Kompromiss zwischen Freihandel und nationaler Autonomie vor allem in der Geldpolitik zur Wahrung bzw. Wiederherstellung eines hohen Beschäftigungsstands und eines hohen Nationaleinkommens dar. Die Autonomie nationaler Wirtschaftspolitik wurde bis zu einem gewissen Grad durch Kapitalverkehrskontrollen und Feste Wechselkurse gesichert.Held et al.: Global Transformations. 1999, S. 201.
Zunehmende Finanzglobalisierung und Ende des Bretton-Woods-Systems