mini|Schild einer Anwaltskanzlei in Bozen mit scheinbar zehn promovierten Doktoren der Rechtswissenschaft mini|Schild einer Wirtschaftskanzlei in Bozen mit scheinbar komplett promoviertem Mitarbeiterstab Brennerdoktor ist eine inoffizielle Bezeichnung für Südtiroler Akademiker, die aufgrund eines Studienabschlusses auf Bachelor- oder Masterniveau (bzw. Diplom- oder Magisterniveau) den Doktortitel führen, obwohl keine Promotion erfolgt ist.

Ursprünglich bezog sich die Bezeichnung Brennerdoktor auf Südtiroler, welche in Österreich ein Diplomstudium abgeschlossen hatten und sich – nach der Rückkehr nach Südtirol über den Brenner – „Doktor“ nannten. Zum Brennerdoktor wurde ein Südtiroler also, wenn er in Österreich durch ein Universitätsstudium zum Magister oder Diplom-Ingenieur avancierte, diesen Grad aufgrund der Gleichwertigkeit mit einem italienischen Laurea-Studiengang in Italien als dottore anerkennen ließ und schließlich diesen Titel eigenhändig als Doktor ins Deutsche übersetzte. Heute steht der Brennerdoktor für jeglichen Südtiroler Gebrauch des Doktorgrades ohne Promotion, unabhängig davon, ob es sich um einen österreichischen oder italienischen Abschluss (als dottore) handelt.

Der Begriff ist vor allem in Südtirol und Österreich verbreitet, er wurde 2016 durch Presseberichte aber auch in Deutschland bekannt gemacht.„Rudolf Rizzolli – Der Brennerdoktor bei Sixt Leasing“, Artikel von Sönke Iwersen im Handelsblatt vom 31. Mai 2016.„Sixt Leasing AG: Chef führte Doktortitel falsch“, Spiegel Online, 1. Juni 2016.

Hintergrund

Alle Akademiker in Italien, die ein Studium auf Bachelor- (laurea) oder Masterniveau (laurea magistrale) abgeschlossen haben, haben das Recht, den Titel dottore bzw. dottore magistrale zu führen.Ursprünglich geht das Recht aller Universitätsabsolventen, den dottore zu führen auf das Königliche Dekret 1269 vom 4. Juni 1938 zurück.Dieses wurde von der italienischen Regierung mit den Ministerialdekreten 509 vom 3. November 1999 und 270 vom 22. Oktober 2004 an die Bologna-Reform angepasst. Diese Ministerialdekrete regeln unter anderem die Studientitel dottore, dottore magistrale und dottore di ricerca. Dem promovierten Doktor entspricht der 1980 eingeführte dottore di ricerca.Mit dem Gesetz Nr. 28 vom 21. Februar 1980 wurde in Italien die Promotion in Form des dottorato di ricerca eingeführt. Bevor 1999 in Italien die Bologna-Reform umgesetzt wurde, schlossen Diplomstudiengänge mit der laurea und dem Titel dottore ab.Im Rahmen des Bologna-Prozesses wurden in Italien mit dem Ministerialdekret 509 des MIUR vom 3. November 1999 Bachelor- (laurea) und Master-Studiengänge (laurea specialistica, 2004 in laurea magistrale umbenannt) eingeführt.

In Südtirol ist es üblich – die verschiedenen Stufen der akademischen Ausbildung und internationale Konventionen ignorierend – alle dottore-Grade aufgrund der sprachlichen Ähnlichkeit ins Deutsche als Doktor bzw. Dr. zu übertragen. Dies schließt auch im deutschsprachigen Ausland erworbene akademische Grade mit ein, sofern diese in Italien anerkannt wurden.Lebenslauf Angelika Fleckinger Exemplarischer Lebenslauf von Angelika Fleckinger mit Anführung eines Dr.-Grades anstelle des Magistra-Titels. Die ursprünglich erworbenen deutschsprachigen Grade werden in Südtirol relativ selten geführt. Aus diesem Grund ist es eine verbreitete Gepflogenheit von Bachelors, Masters, Magistern, Diplom-Ingenieuren, dottori und Inhabern anderer Universitätsdiplome in Südtirol den Titel Dr. vor dem Namen zu tragen.

Diese seit Jahrzehnten gängige Übersetzungspraxis erfolgt in einer rechtlichen Grauzone, da die Abkürzungen von dottore und dottore magistrale in Italien nicht gesetzlich geregelt sind. Zwar sind für dottore italienweit die gleichwertigen Abkürzungen dott. und dr.Accademia della Crusca: Le due abbreviazioni dott. e dr. sono usate indifferentemente al posto della parola "dottore" [...]. Die beiden Abkürzungen dott. und dr. werden gleichwertig anstelle des ausgeschriebenen Wortes "dottore" verwendet [...]. (bzw. dott.ssa und dr.ssa für die weibliche Form dottoressa) am gängigsten, aufgrund einer mangelnden Regelung verstößt aber auch die großgeschriebene Abkürzung Dr. (für dottore) nicht gegen Artikel 498 des italienischen Strafgesetzbuchs (codice penale) über das Führen falscher Titel.Art. 498 c.p. Codice Penale Allerdings bestehen Aussagen des italienischen Ministeriums für Unterricht, Universitäten und Forschung (MIUR)“Title: Dottore/Dottoressa, to be shortened to Dott./Dott.ssa. This is a 2nd level academic title not to be misunderstood with the Italian "Dottore di Ricerca" or with such titles as Philosophy Doctor, Docteur, Doctor, Doktor, Doutor, etc. which correspond to 3rd cycle doctorates, and are usually shortened to PhD or Dr.” und der für die Anerkennung österreichischer Studientitel zuständigen Freien Universität Bozen,Nach der Anerkennung kann in Italien entweder der ursprünglich erworbene österreichische Grad (z. B. Mag.) oder der entsprechende italienische Grad geführt werden (z. B. Dott.), während in Österreich weiterhin nur der österreichische Grad geführt werden kann. Zu beachten ist, dass der italienische Grad „dottore“ (Dott.) im Deutschen nicht mit „Doktor“ (Dr.) übersetzt werden darf. Der Grad „Doktor“ steht in Italien nämlich nur den Absolventen eines Doktoratsstudiums (Ph.D.) zu. – Zitiert nach Freie Universität Bozen (www.unibz.it): . wonach klar zwischen dottore (dott.) und Doktor (Dr.) zu unterscheiden ist, da es sich um Abschlüsse auf unterschiedlichen Niveaus handelt. Die Freie Universität Bozen empfiehlt, auch nach erfolgter Studientitelanerkennung den österreichischen Grad (und nur innerhalb Italiens alternativ den Titel dott.) zu führen und stellt klar, dass Dr. den Absolventen von Promotionsverfahren vorbehalten ist. Italienweit sprechen sich Universitäten aufgrund der Missverständlichkeit sogar gegen die kleingeschriebene Abkürzung dr./dr.ssa aus.: "DOTTORE/DOTTORESSA: Generalmente si usa abbreviato con l'iniziale minuscola. Es.: il dott. Nome Cognome, la dott.ssa Nome Cognome... NB: Non va abbreviato con dr., dr.ssa, d.ssa." DOTTORE/DOTTORESSA: Allgemein wir die Abkürzung mit kleingeschriebenem Anfangsbuchstaben verwendet. Bsp.: der [Herr] dott. Vorname Name, die [Frau] dott.ssa Vorname Name... N.B.: Wird nicht mit dr., dr.ssa, d.ssa abgekürzt.

Anders verhält es sich mit den ausgeschriebenen Formen der Titel, da diese mit dottore, dottore magistrale und dottore di ricerca exakt festgelegt sind; Änderungen (wie Übersetzungen) sind hier also ausgeschlossen. Deshalb unterstrichen MIUR, Freie Universität Bozen und Vertreter der Südtiroler LandesregierungAuszug aus der Antwort von Landesrat Otto Saurer auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Südtiroler Landtag 2006:„[…] Was die Übersetzung des italienischen Titels dott. ins deutsche Dr. betrifft, wurde sie in jener Zeit vorgenommen, als im Ausland noch generell nach einem vierjährigen Studium der Titel Dr. verliehen wurde (z. B. Anglistik Dr. Phil. laut St.GB. Nr. 165/1945). Diese Abkürzung des akademischen Titels dottore mit Dr. hat sich inzwischen in Italien allgemein durchgesetzt und wird auch vom italienischen Staat geduldet. Die italienische Rechtsordnung kennt keine anders lautende Regelung, und somit erfolgt diese gängige Übersetzung von dott. in Dr. in einem rechtsfreien Raum, dabei findet der Grundsatz Anwendung, dass alles was nicht verboten ist, durchaus erlaubt ist. […] Auf keinen Fall kann das voll ausgeschriebene Wort „Doktor“ verwendet werden.“Quelle: auf www.asus.sh. Seit einer Umgestaltung der Internetseite im Jahr 2015 dort nicht mehr verfügbar. bereits klar, dass der italienische Grad dottore nicht mit „Doktor“ übersetzt werden darf.

Allgemein werden akademische Grade und Titel nie rein sprachlich übersetzt. Gleichwertige Bezeichnungen für Abschlüsse oder Titel in der jeweils anderen Sprache ergeben sich aus der International Standard Classification of Education (ISCED) der UNESCO. Diese können als Erklärung für den in der Originalsprache angegebenen Titel etwa in Lebensläufen angeführt werden. Gemäß der aktuell gültigen Revision von 1997 zählen dottore, dottore magistrale wie auch Bachelor und Master zu ISCED-97-Level 5. Doktor und dottore di ricerca sind auf Level 6 eingestuft.Über die internationale Klassifizierung italienischer Studienabschlüsse: Carlo Barone, Antonio Schizzerotto: The application of the ISCED-97 to Italy, in Silke L. Schneider (Hrsg.): The International Standard Classification of Education (ISCED-97). MZES, Mannheim 2008. www.mzes.uni-mannheim.de Außerdem sind im ISCED-97-Mapping von Italien die Äquivalenzen von dottore mit Bachelor und von dottore magistrale mit Master aufgeführt.: siehe Italy Demgemäß führt das MIUR in Informationstexten für deutschsprachige Studenten nur die Originaltitel dottore und dottore magistrale (und keine sprachlichen Übersetzungen) an und erklärt die zugrunde liegenden Studiengänge als Bachelor- und Master- bzw. Magisterstudiengang.Auszug aus www.studieren-in-italien.it

Titelführung in Südtirol Aufgrund der beschriebenen Gewohnheit ist es in Südtirol üblich, bei folgenden Studienabschlüssen folgende Titel zu führen.

Studienabschluss Offizieller akademischer Grad In Südtirol geführter Titel(deutschsprachiger Kontext) In Südtirol geführter Titel(italienischer Kontext) laurea dottore Dr. dott. laurea magistrale dottore magistrale Dr. (1) dott. (auch dott. mag.) dottorato di ricerca dottore di ricerca Dr. (2) Dott. Ric. Bachelor B.A., B.Sc., B.Eng. Dr. dott. Master M.A., M.Sc., M.Eng. Dr. (1) dott. Magister Mag. Dr. dott. Diplom z. B. Dipl.-Ing. oder DI Dr. (1) dott. Promotion Dr., Dr. phil., Dr. rer. nat., Ph.D... Dr. (2) Dott. Ric. (1) Wird ein italienisches Ingenieursstudium abgeschlossen oder durch Anerkennung eines ausländischen Grades der dott. ing. erworben (nicht jeder im Ausland mit dem Diplom-Ingenieur oder M.Eng. abschließende Studiengang gilt auch in Italien als Ingenieursstudium), ist es üblich, diesen in deutschsprachigem Kontext in Südtirol als Dr. Ing. zu führen. Gleiches gilt für nicht-promovierte Architekten, welche in Südtirol den Dr. Arch. führen.Die Titel Dr. Ing. und Dr. Arch. sind in Südtirol besonders häufig auf Baustellenschildern anzutreffen (siehe: Beispiel eines typischen Südtiroler Baustellenschildes). Der Dr. Ing. ist hier nicht als Doktorat mit Angabe des Fachbereiches (wie bei dem mit Bindestrich geschriebenen Dr.-Ing. im restlichen deutschen Sprachraum) zu verstehen. Der Dr. ist wie andere Brennerdoktor-Titel eine rein sprachliche Übersetzung des dem Dipl.-Ing. bzw. Master entsprechenden Grades eines dottore magistrale. Die Abkürzungen Ing. und Arch. sind keine Zusätze zum dott.-Grad, sondern stehen für die eigenständigen Titel ingegnere und architetto, die durch Ablegen einer Staatsprüfung und der damit verbundenen Eintragung in das Berufsverzeichnis dieser in Italien reglementierten Berufe erworben wird. Italienweit sind die Abkürzungen dott. ing. bzw. dott. arch. gängig, wobei oft auch nur ing. bzw. arch. geführt werden, da der Studienabschluss zum dott. ohnehin die Voraussetzung für die Eintragung in das jeweilige Berufsverzeichnis (albo professionale) ist.

(2) Der bei der Promotion erworbene Doktorgrad wird üblicherweise nicht geführt bzw. wird dieser nicht zusätzlich zum Brennerdoktor „Dr.“ geführt, der vor der Promotion erworben wurde.