Luwisch war die wahrscheinlich am weitesten verbreitete anatolische Sprache. Sie wurde im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. in Anatolien gesprochen. Luwisch gliedert sich in die beiden Dialekte Keilschrift-Luwisch (auch: Keil-Luwisch) und Hieroglyphen-Luwisch (auch: Bild-Luwisch), die verschiedene Schriftsysteme verwendeten.

Unter dem Begriff luwische Sprachen fasst man neben den beiden luwischen Dialekten auch die innerhalb der anatolischen Sprachen dem Luwischen nahe verwandten Sprachen Lykisch, Karisch, Pisidisch und Sidetisch zusammen. Von diesen Sprachen ist das Luwische am besten belegt und erforscht.

Klassifikation Die luwischen Sprachen bilden zusammen mit dem Hethitischen, dem Palaischen und dem Lydischen die anatolischen Sprachen, einen bereits im 1. Jahrtausend v. Chr. ausgestorbenen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie. Dem Luwischen am nächsten verwandt ist das Lykische; einige Sprachforscher halten es für möglich, dass Lykisch sogar ein direkter NachfolgerTrevor R. Bryce: The Kingdom of the Hittites. Oxford University Press, Oxford 1998, ISBN 0-19-928132-7 oder DialektFrank Starke: Troja im Kontext des historisch-politischen und sprachlichen Umfeldes Kleinasiens im 2. Jahrtausend. in Studia Troica Bd. 7, 1997 S. 457 des Luwischen ist. Andere lehnen diese Hypothese entschieden ab.H. Craig Melchert: Language. In: H. Craig Melchert (Hrsg.): The Luwians. Brill, Boston 2003, ISBN 90-04-13009-8 Die Abgrenzung des Luwischen zum Pisidischen und Sidetischen, zwei kaum bekannten Sprachen, ist schwierig, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich dabei um spätere Formen des Luwischen handelt. Hingegen kann das Karische als einzige luwische Sprache deutlicher vom eigentlichen Luwischen abgegrenzt werden.

Luwisch weist typische Merkmale einer älteren indogermanischen Sprache auf. Es ist eine flektierende Akkusativsprache mit einigen agglutinierenden Elementen. In der Morphologie zeigen sich große Ähnlichkeiten mit dem Hethitischen.

Geschichte und Verbreitung mini|Verbreitung der anatolischen Sprachen während der späten Bronze- und Eisenzeit; in blau die luwischen Sprachen im weiteren Sinne mini|Verbreitungsgebiet der hieroglyphenluwischen Inschriften

Im 2. Jahrtausend v. Chr. wurde Luwisch in weiten Teilen des Hethiterreiches gesprochen, hauptsächlich in Süd- und Südwest-Anatolien; Zeugnisse der Sprache finden sich aber auch in den übrigen Gebieten Anatoliens und in Nord-Syrien. Eine genaue geographische Abgrenzung des Sprachgebietes ist schwierig und eine Rekonstruktion praktisch nur aufgrund der Inschriftenfunde möglich. Dabei ergeben sich Überlappungen mit dem vermuteten hethitischen Sprachgebiet. Die genaue Stellung der luwischen Sprache innerhalb des hethitischen Reiches ist unklar. Schon früh bestand ein sprachlicher Austausch zwischen Luwisch und Hethitisch, der im 13. Jahrhundert v. Chr. seinen Höhepunkt hatte. Dieser Einfluss wird durch zahlreiche luwische Lehnwörter im Hethitischen belegt.

Das Luwische ist auch noch nach dem Zusammenbruch des hethitischen Reiches (um 1200 v. Chr.) bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. bezeugt. Einige Sprachforscher vertreten sogar die These, dass in der Spätzeit des hethischen Reiches im 13. Jahrhundert v. Chr. das Hethitische durch das Luwische als Alltagssprache verdrängt worden sei.

1995 kam bei Grabungen in Troja ein luwisches Siegel zum Vorschein. Dieser Fund führte zu Spekulationen, dass auch in Troja Luwisch gesprochen worden sei;Manfred Korfmann: (PDF; 2,7 MB) Trier 2003, S. 40. in diesem Fall würde Troja aber isoliert außerhalb des bisher angenommenen luwischen Sprachbereiches liegen. Wahrscheinlich ist aber, dass engere Kontakte zwischen den Luwiern und Troja bestanden haben.

Schrift und Dialekte Die luwische Sprache gliedert sich in mehrere Dialekte, die in zwei verschiedenen Schriftsystemen festgehalten wurden: einerseits das Keilschrift-Luwische in der für das Hethitische adaptierten altbabylonischen Keilschrift, andererseits das Hieroglyphen-Luwische in der sogenannten luwischen Hieroglyphenschrift. Die Unterschiede zwischen den Dialekten sind minimal; sie betreffen Wortschatz, Stil und Grammatik. Die unterschiedliche Orthographie der beiden Schriftsysteme verdeckt jedoch gewisse Unterschiede. Weitere Dialekte, die zum Luwischen gerechnet werden, sind das Ištanuwische und – möglicherweise eher eine nahe verwandte Schwestersprache – die Sprache von Arzawa.

Keilschrift-Luwisch Keilschrift-Luwisch wurde von hethitischen Schreibern verwendet, die dabei die für das Hethitische übliche Keilschrift und auch die damit verbundenen Schreibkonventionen benutzten. Im Vergleich zum Hethitischen kommen Logogramme, also Zeichen mit einem bestimmten Symbolwert, seltener vor. Vor allem die Silbenzeichen der Keilschrift finden Anwendung. Sie sind vom Typ V, VK oder KV (V=Vokal, K=Konsonant). Ein auffälliges Merkmal ist die Plene-Schreibung gedehnter Vokale, auch am Wortanfang. Dazu wird der Vokal in der Schrift wiederholt, beispielsweise i-i-ti (statt i-ti) für īdi „er geht“ oder a-an-ta (statt an-ta) für ānda „in/hinein“.

Hieroglyphen-Luwisch mini|Hieroglyphenluwische Inschrift, Karatepe Hieroglyphen-Luwisch wurde in einer Hieroglyphenschrift geschrieben, die – im Gegensatz zur Keilschrift – für die luwische Sprache erfunden worden war. Die Schrift, die insgesamt circa 350 ZeichenJohn Hawkins, A. Morpurgo Davies, Günter Neumann: Hittite hieroglyphs and Luwian, new evidence for the connection. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973,6, S. 146–197. umfasst, besteht sowohl aus Logogrammen als auch aus Silbenzeichen, wobei die Logogramme primär sind und sich erst danach die Silbenzeichen daraus entwickelt haben. Das sieht man zum Beispiel beim Logogramm 30x30px tarri „drei“, woraus sich das Silbenzeichen tara/i entwickelt hat. Neben wenigen Zeichen der Form KVKV treten nur Silbenzeichen für V oder KV auf. Im Gegensatz zum Keilschrift-Luwischen wird keine Plene-Schreibung verwendet, zusätzliche Vokal-Zeichen können aber aus optisch-ästhetischen Gründen gesetzt werden.

Die Verwendung von Logogrammen und Silbenzeichen ergibt verschiedene Schreibmöglichkeiten für ein Wort (wie auch in anderen vergleichbaren Schriftsystemen, zum Beispiel der sumerischen Keilschrift oder den ägyptischen Hieroglyphen), hier am Beispiel des luwischen Wortes für „Kuh“ (im Nominativ Singular) dargestellt. Logogramme werden in der Transliteration üblicherweise mit einem lateinischen Begriff in Großbuchstaben wiedergegeben, in diesem Fall mit „bos“, der geschlechtsneutralen lateinischen Bezeichnung für „Rind“.

30x30px BOS – nur mit Logogramm, 30x30px 30x30px 30x30px wa/i-wa/i-sa – nur in Silbenschrift, 30x30px 30x30px 30x30pxBOS-wa/i-sa – Logogramm mit phonetischem Komplement, welches die Aussprache des Logogramms verdeutlicht, 30x30px 30x30px 30x30px 30x30px(BOS) wa/i-wa/i-sa – Silbenschrift mit vorangestelltem Logogramm, welches als Determinativ fungiert und anzeigt, dass die Bezeichnung einer Kuh folgt.

Zur Kennzeichnung eines Wortanfangs kann ein spezielles Wort-Trennzeichen 20x20px eingesetzt werden, sein Gebrauch ist aber fakultativ und auch innerhalb einzelner Texte nicht konsistent. Logogramme können (wie auch im Ägyptischen) durch einen speziellen Logogramm-Markierer 30x30px von den Silbenzeichen unterschieden werden, aber diese Unterscheidung wird nur sporadisch durchgeführt.

Die Schreibrichtung der Schrift ist nicht eindeutig festgelegt. Links-nach-rechts- und Rechts-nach-links-Schreibung sind ebenso möglich wie das Bustrophedon, also mit jeder Zeile wechselnde Richtung. Die Ausrichtung der Schriftzeichen folgt der Schreibrichtung. Aus ästhetischen Gründen kommt es vor, dass zusätzlich die Reihenfolge von Zeichen vertauscht wird.

In der Hieroglyphen-Schrift wird ein n vor anderen Konsonanten nicht ausgedrückt. Zum Beispiel steht die Schreibung a-mi-za für aminza. Der Konsonant r nimmt eine Sonderstellung ein: nur für die Silbe ru existiert ein eigenes Zeichen; die anderen r-haltigen Zeichen werden durch Modifikation anderer Silbenzeichen gebildet, indem diesen ein Schrägstrich angehängt wird. Aus dem Silbenzeichen tu beispielsweise wird dadurch tura oder turi. Silbenzeichen für Ka und Ki stimmen oft überein: zum Beispiel kann das Zeichen wa auch für wi stehen. Im Laufe der Schriftentwicklung entstanden aber für einige Silben neue Zeichen, welche auch a- und i-Vokalisierung unterscheiden: Durch das doppelte Unterstreichen eines Zeichens wird klar, dass es von der Form Ka ist, wobei die nicht-unterstrichene Zeichenform dann nur noch den Wert Ki behält, beispielsweise 30x30px za gegenüber 30x30px zi.

Die Schrift ist in Unicode im Block Anatolische Hieroglyphen enthalten und ist somit für den Gebrauch auf Computersystemen standardisiert.

Wissenschaftsgeschichte Luwisch in Form des Keilschrift-Luwischen wurde bei der Entzifferung des Hethitischen bereits 1919 von Emil Forrer als eigenständige, aber verwandte Sprache erkannt. Weitere große Fortschritte in der Erforschung der Sprache geschahen nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Publikation und Analyse einer größeren Zahl von Texten; darunter fallen Arbeiten von Bernhard Rosenkranz, Heinrich Otten und Emmanuel Laroche. Ein wichtiger Impuls kam 1985 von Frank Starke durch die Neuordnung des Text-Corpus.

Die Entzifferung und Einordnung des Hieroglyphen-Luwischen bereitete wesentlich größere Schwierigkeiten. In den 1920er Jahren scheiterten verschiedene Versuche, in den 1930er Jahren gelang die korrekte Zuordnung einzelner Logogramme und Silbenzeichen. Über die Einordnung der Sprache war man sich zu jenem Zeitpunkt noch nicht einig, betrachtete es aber als eine Form des Hethitischen und bezeichnete die Sprache demzufolge als Hieroglyphen-Hethitisch. Nach einer Unterbrechung der Forschungstätigkeit durch den Zweiten Weltkrieg glückte 1947 der entscheidende Durchbruch aufgrund der Entdeckung und Publikation einer phönizisch-hieroglyphenluwischen Bilingue durch Helmuth Theodor Bossert. Die Lesung vieler Silbenzeichen blieb aber nach heutigem Verständnis fehlerhaft, und so wurde die nahe Verwandtschaft der beiden luwischen Dialekte noch nicht erkannt.

In den 1970er Jahren wurde nach einer gründlichen Revision der Lesung vieler Hieroglyphen durch John David Hawkins, Anna Morpurgo Davies und Günter Neumann klar, dass es sich beim Hieroglyphen-Luwischen um einen dem Keilschrift-Luwischen nahe verwandten Dialekt handelte. Diese Revision geht kurioserweise auf einen Fund außerhalb des Siedlungsbereiches der Luwier zurück, nämlich auf Maßangaben urartäischer Gefäße, die zwar in hieroglyphen-luwischer Schrift, aber in urartäischer Sprache verfasst waren: Dem bis dahin als ī gelesenen Zeichen 100x33px konnte der Lautwert za zugeordnet werden, was eine Kettenreaktion auslöste und zu einer ganzen Reihe neuer Lesungen führte. Seit diesem Zeitpunkt konzentriert sich die Forschung darauf, die Gemeinsamkeiten der beiden luwischen Dialekte besser herauszuarbeiten, was zu einem wesentlich besseren Verständnis des Luwischen geführt hat.

Phonologie Die Rekonstruktion des luwischen Phonembestandes stützt sich hauptsächlich auf die schriftliche Überlieferung und auf Vergleiche mit bekannten indogermanischen Sprachentwicklungen.

Die folgende Tabelle stellt einen minimalen Konsonantenvorrat dar, der aus der Schrift rekonstruiert werden kann. Die Existenz weiterer Konsonanten, die in der Schrift nicht unterschieden werden, ist möglich. Die uvularen Frikative [χ] und [ʁ] stellen eine Möglichkeit dar, wie -h- und -hh- wiederzugeben sein könnten, ebenso gut wären velare Frikative [x] und [ɣ] oder pharyngale Frikative [ħ] und [ʕ] denkbar. Beim Keilschrift-Luwischen wird in der Transliteration traditionellerweise š von einem s unterschieden, da es sich ursprünglich um verschiedene Zeichen für zwei verschiedene Laute handelte, beim Luwischen stellen die Zeichen wahrscheinlich denselben Laut s dar.