mini|Tibetanische „Lamas“ in London, Dezember 1924 Die Affair of the Dancing Lamas (dt. „Affäre der tanzenden Lamas“) war eine über fast ein Jahrzehnt währende diplomatische Verstimmung zwischen Tibet und Großbritannien, deren Anlass der Besuch einer Gruppe tibetischer Mönche in Großbritannien in der Zeit vom Herbst 1924 bis 1925 war. Die Gruppe war Teil einer Werbekampagne für den von John Noel gedrehten offiziellen Film über die Britische Mount-Everest-Expedition des Jahres 1924.

Sowohl der Dalai Lama Thubten Gyatsho als auch die tibetische Regierung protestierten scharf sowohl gegen den Expeditionsfilm, der unter anderem Tibeter dabei zeigte, wie sie sich gegenseitig lausten, als auch gegen die Auftritte, die die tibetischen Mönche vor den öffentlichen Vorstellungen des Films absolvierten. Infolge des als Affront gegen die religiösen Gepflogenheiten empfundenen Vorfalls unterband die tibetische Regierung für mehrere Jahre weitere ausländische Expeditionen nach Tibet. Erst 1933 wurde wieder einer britischen Expedition erlaubt, in den tibetischen Teil des Himalayas zu reisen.

Schwerwiegender waren die Folgen der Affair of the Dancing Lamas für Tibet. Dort nahm der Einfluss mönchischer Traditionalisten erheblich zu, die damit in der Lage waren, die Reformversuche des 13. Dalai Lamas, das Land und die tibetische Armee nach westlichem Vorbild zu modernisieren, weitgehend zu unterminieren. Diese Entwicklung führte zu einer lang anhaltenden politischen und militärischen Schwächung Tibets. Historiker spekulierten wiederholt, ob ein nach den Wünschen des Dalai Lamas stärker reformiertes Tibet sich erfolgreicher der im Jahr 1950 erfolgten Annexion durch die Volksrepublik China hätte widersetzen können.

Das Verhältnis zwischen Großbritannien und Tibet zu Beginn des 20. Jahrhunderts Die Beziehungen zwischen Großbritannien und Tibet waren bereits Jahrzehnte vor der Affair of the Dancing Lamas von Missverständnissen und Fehleinschätzungen mit zum Teil drastischen Folgen geprägt.

Tibet und „The Great Game“ mini|Major Francis Younghusband mit einigen Soldaten während des Britischen Tibetfeldzugs 1904 Der britisch-indischen Regierung galt Tibet als eines der problematischsten Nachbarländer Indiens. Das nahezu unzugängliche Land, über dessen Gegebenheiten wenig bekannt war, galt als rückständig und seine bewusste Abschottung gegenüber der Außenwelt wurde als Versuch der religiösen Oberschicht gedeutet, die Tibeter gezielt in Unkenntnis über die Welt außerhalb zu belassen.Lawrence James: Raj. The Making of British India. S. 390 Eine Reihe von Briten, die in Britisch-Indien Einfluss hatten, ging jedoch davon aus, dass Tibet gegenüber Annäherungsversuchen des zaristischen Russlands offener sei. Im sogenannten Great Game, dem seit 1813 währenden Konflikt Großbritanniens und Russlands um die Vorherrschaft in Zentralasien, hätte dies die Position Großbritanniens erheblich geschwächt.

In völliger Verkennung der geographischen Gegebenheiten des Landes befürchteten Teile der britischen und britisch-indischen Regierung, dass Tibet zu einem russischen Einfallstor nach Britisch-Indien werden könne. Nachdem der Versuch einer erzwungenen Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit Tibet 1903 gescheitert war, kam es Ende desselben Jahres zum Britischen Tibetfeldzug, weil sich der indische Vizekönig Lord Curzon aus Sorge vor einer russischen Bedrohung zum Handeln gezwungen fühlte. Der Leiter des Feldzugs, Francis Younghusband, fand in Tibet jedoch keinerlei Spuren von russischen Aktivitäten: Es gab weder das vermutete russische Waffenarsenal noch eine von Russen gebaute Eisenbahn. Edmund Chandler, der die Expedition für die Daily Mail begleitet hatte, hielt für seine Leser fest, dass die Vorstellung, die britische Kolonialherrschaft könne durch ein Vordringen des zaristischen Russlands in das geographisch isolierte und schwer erreichbare Tibet gefährdet sein, absurd sei.Wade Davis: Into the Silence. S. 60. Der Feldzug hatte lediglich zur Folge, dass die chinesische Regierung ihren unveränderten Anspruch auf die Oberhoheit über Tibet dokumentieren konnte. Die angebliche Bedrohung der britisch-indischen Grenzen durch das zaristische Russland erwies sich bereits 1907 als nicht mehr existent.Lawrence James: Raj. The Making of British India. S. 392. Im August 1907 begrub Russland auf Druck Frankreichs seine Streitigkeiten mit Großbritannien und sicherte zu, die Grenzen Britisch-Indiens unangetastet zu lassen.

Britisch-Tibetische Annäherung mini|Charles Bell, Sidkeong Tulku Namgyal und Thubten Gyatsho 1910 Der Britische Tibetfeldzug hatte zur Konsequenz, dass China sich genötigt sah, zur Demonstration seines Anspruchs auf Tibet dort einzumarschieren. Der wegen seiner Brutalität gefürchtete chinesische General Zhao Erfeng besetzte 1906 zunächst Osttibet und 1910 dann auch ganz Tibet. Dabei kam es zu zahlreichen Gräueltaten.Wade Davis: Into the Silence. S. 119. Auch der Britische Tibetfeldzug hatte auf tibetischer Seite zu hohen Verlusten geführt und im sogenannten Massaker von Guru waren mehr als 600 tibetische Soldaten gefallen, die keinerlei Widerstand gegen die militärisch deutlich überlegenen Briten geleistet hatten.Wade Davis: Into the Silence. S. 58. Anders als die Chinesen hatten die Briten sich jedoch nicht an der tibetischen Zivilbevölkerung vergriffen, keines der Klöster gebrandschatzt oder Mönche niedergemetzelt und für requirierte Lebensmittel, Futter und Holz bezahlt. Der Dalai Lama, der während des Britischen Tibetfeldzugs in der Mongolei Exil gefunden hatte und erst 1909 nach Lhasa zurückgekehrt war, suchte diesmal britischen Schutz und floh 1910 erst nach Sikkim und dann nach Darjeeling, wo ihm der britische Diplomat Charles Bell ein Haus zur Verfügung stellte. Dies leitete eine Phase der politischen Annäherung zwischen den beiden Ländern ein, die nur kurzzeitig vom Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Nachdem die chinesische Xinhai-Revolution 1912 dazu führte, dass die chinesischen Truppen aus Tibet abgezogen wurden, lieferte Großbritannien kurzzeitig Waffen an das mittlerweile von den Briten als eigenständig eingestufte Tibet.Wade Davis: Into the Silence. S. 121. Nach Ende des Ersten Weltkriegs gab es aus Sorge um ein wiedererstarkendes Russland auf beiden Seiten den Wunsch, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu verstärken.

Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die Charles Bell gegenüber dem Dalai Lama 1912 zeigte, zahlte sich 1920 aus. Bell wurde als erster Europäer von der tibetischen Regierung nach Lhasa eingeladen.Wade Davis: Into the Silence. S. 122. Bell blieb bis Oktober 1921 in Lhasa und beriet den Dalai Lama bei seinen Reformbemühungen, die unter anderem auf eine Modernisierung und Vergrößerung der tibetischen Armee abzielten. Der Widerstand der konservativeren Kräfte innerhalb Tibets gegen diese Pläne war so groß, dass Bell zeitweise befürchten musste, dass Anschläge auf ihn verübt würden.Wade Davis: Into the Silence. S. 124.

Die Britischen Mount-Everest-Expeditionen Der dritte Pol Der Mount Everest stellte für eine Reihe von Briten den „dritten Pol“ dar. So schrieb beispielsweise der zutiefst patriotische Bergsteiger Alexander Mitchell Kellas an seinen späteren Expeditionskollegen Sandy Wollaston:

Da der Weg über Nepal in das Mount-Everest-Gebiet nicht offen stand, kam nur eine Route über Tibet in Frage. Die tibetische Regierung hatte sich bis 1920 jedoch strikt geweigert, einer britischen Expedition eine Genehmigung zu erteilen. Sowohl Alexander Mitchell Kellas als auch John Noel hatten bereits heimlich Expeditionen in die Region durchgeführt. Noel war beispielsweise verkleidet als Einheimischer, lediglich begleitet von einem nepalesischen Sherpa und einem aus Nordindien stammenden Jugendfreund, in die Region des tibetischen Hochlandes vorgedrungen. Er folgte dabei dem Flusstal der Tista und gelangte in Sichtweite des Mount Everest.Wade Davis: Into the Silence, S. 82. Seine Maskerade als Einheimischer flog kurz danach auf und er wurde von tibetischen Verwaltungsbeamten dazu gezwungen, nach Sikkim zurückzukehren.

Dem Einfluss Charles Bells, der von Francis Younghusband – mittlerweile Vorsitzender der Royal Geographical Society – immer wieder mit dieser Angelegenheit bedrängt wurde, war es zu verdanken, dass 1921 endlich die Genehmigung erteilt wurde, dass britische Expeditionen in das Gebiet des tibetischen Hochlands reisen durften.

Die drei Expeditionen mini|Mitglieder der britischen Expedition von 1921Stehend: Wollaston, Howard-Bury, Heron, RaeburnSitzend: Mallory, Wheeler, Bullock, Morshead Es gab insgesamt drei britische Expeditionen. Die erste im Jahre 1921, bei der Alexander Mitchell Kellas starb, hatte lediglich zum Ziel, das Gebiet rund um den Mount Everest zu kartographieren. Die zweite (1922) und die dritte Expedition (1924) hatten ausdrücklich die Erstbesteigung des Mount Everest zum Ziel. Die Expeditionen erfolgten zu einem Zeitpunkt, als Tibet in der westlichen Vorstellung sich noch nicht den Ruf eines zutiefst spirituellen Landes erworben hatte.Wade Davis: Into the Silence. S. 247. Die Übersetzung des Tibetischen Totenbuchs in eine westliche Sprache erschien erstmals 1927, die Reiseberichte von Nicholas Roerich, der sich intensiv mit der Kultur der Himalaya-Region auseinandersetzte, erst 1930. Auch die Veröffentlichungen von Alexandra David-Néel kamen erst nach der letzten britischen Expedition heraus. Entsprechend unvorbereitet trafen die Expeditionsmitglieder der drei britischen Expeditionen in den 1920er Jahren auf eine gänzlich andere Vorstellungswelt, in der Menschen nur einmal im Jahr badeten, Polyandrie betrieben, Leichen an Geier verfütterten und Mönche auf menschlichen Knochen musizierten.Wade Davis: Into the Silence. S. 248. Auf allen drei Expeditionen kam es entsprechend zu Verstößen gegen die religiösen Gepflogenheiten der Tibeter. Pässe wurden überschritten, ohne die vorgeschriebenen Rituale einzuhalten,Wade Davis: Into the Silence. S. 300. Wild in Regionen gejagt, in denen dies aus religiösen Gründen untersagt war, und Teiche zum Baden zu Zeiten genutzt, in denen dies den Zorn der Götter heraufbeschwören konnte.Wade Davis: Into the Silence. S. 303. Diese Verstöße gemeinsam mit einer Assoziation der Expeditionen mit einem militärischen Vordringen trugen wesentlich dazu bei, dass große Teile der tibetischen Oberschicht diesen ablehnend gegenüberstanden.Peter Hansen: The Dancing Lamas of Everest: Cinema, Orientalism, and Anglo-Tibetan Relations in the 1920s. S. 719.

John Noels Expeditionsdokumentationen mini|George Mallory, 1915 John Noel hatte 1921 nicht an der ersten Expedition teilnehmen können, da das britische Kriegsministerium nicht willens war, ihn von seinem Armeedienst freizustellen.Wade Davis: Into the Silence. S. 127. Bei der zweiten Expedition übernahm Noel jedoch die Rolle des Fotografen und Kameramanns. Der Film, den Noel während der Expedition gedreht hatte, gehörte neben den Vortragsreisen von den beiden an der Expedition beteiligten Bergsteigern George Mallory und George Ingle Finch zu den Maßnahmen, mit denen die RGS unter der britischen Bevölkerung für eine erneute Besteigung warben. Climbing Mount Everest lief zehn Wochen lang in der Philharmonic Hall in London und war nach einer misslungenen Premiere und dem nachträglichen Hinzufügen von Musik einigermaßen erfolgreich.David Breashears, Audrey Salkeld: Mallorys Geheimnis. Was geschah am Mount Everest? Steiger 2000, ISBN 3-89652-220-5. Der Umsatz an den Kinokassen betrug 10.000 Britische Pfund und die Royal Geographic Society, der die Filmrechte gehörte, verdiente mit dem Film 500 Britische Pfund.Wade Davis: Into the Silence, S. 467.