Die Brockes-Passion (Originaltitel Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus) ist ein Libretto zu einem Passionsoratorium des Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes. Es wurde mehr als zehn Mal vertont. Die Uraufführung der ersten Vertonung von Reinhard Keiser fand in der Passionszeit 1712 im großen Wohnhaus des Librettisten in Hamburg vor einem illustren geladenen Publikum statt. Die bekannteste Vertonung stammt von Georg Friedrich Händel (HWV 48).

Handlung

Der Text basiert auf dem Passionsgeschehen in den vier Evangelien der Bibel, insbesondere auf den Kapiteln 26 bis 27 des Matthäus-Evangeliums. Nach dem als Sündenbekenntnis der Gemeinde zu verstehenden Eingangschor („Mich vom Stricke meiner Sünden zu entbinden, wird mein Gott gebunden“) werden die folgenden Ereignisse behandelt: Das Abendmahl, der Gang zum Ölberg, das Gebet in Gethsemane, die Gefangennahme, das Verhör vor dem Hohen Rat, die Verleugnung durch Petrus, die Auslieferung an Pilatus, die Verhandlung vor Pilatus, die Verspottung, die Kreuzigung und der Tod Jesu. Der Schlusschor ist ein trostreiches Bekenntnis zu Christus, der die Welt durch sein Leiden erlöst hat.

Entstehungsgeschichte

Der Typus des bürgerlichen Passionsoratoriums mit vollständig nachgedichteten Texten im Gegensatz zur älteren Form der oratorischen Passion, welche die biblische Passionsgeschichte weitgehend anhand des Bibeltextes verarbeitete, entstand in Hamburg Anfang des 18. Jahrhunderts. Da das dortige Opernhaus während der Passionszeit geschlossen war, hatten die dort fest angestellten Musiker Zeit für andere Aufgaben und konnten so die kirchlichen Aufführungen bereichern. 1704 schrieb Reinhard Keiser dort sein Oratorium Der blutige und sterbende Jesus auf einen Text von Christian Friedrich Hunold (Menantes). Dieses Libretto war der Vorläufer von Brockes’ Dichtung, die erstmals 1712 erschien. Den Zweck seines Textes erläuterte Brockes im Vorbericht zum Textbuch: Zum einen sollte sie den Hamburger Bürgern eine „erlaubte Belustigung“ während der Karwoche bieten, und zum anderen der „Erbauung“ dienen. Die erste Vertonung erfolgte noch im selben Jahr wieder durch Reinhard Keiser.Heinz Becker: Die Brockes-Passion, Beilage zur Schallplatte der Brockes-Passion von Georg Friedrich Händel (Deutsche Grammophon, 1968). Sie wurde Brockes’ eigenen Angaben zufolge in seinem eigenen Haus vor mehr als 500 Zuhörern aufgeführt, darunter „nicht allein die ganze fremde Noblesse, alle Ministros und Residenten nebst ihren Damen, sondern auch de[r] größte Theil der vornehmsten Hamburger“.Barthold Heinrich Brockes: Selbstbiographie, S. 203 (online bei Zeno.org). Brockes’ bereits hohes Ansehen bei den Hamburgern stieg dadurch weiter. 1720 wurde er zum Senator gewählt. Ungewöhnlich ist, dass das Geistliche Ministerium in diesem Fall keine Einwände gegen die private Aufführung eines eigentlich geistlichen Werkes hatte. Auch die rhetorische Ausgestaltung des Librettos wurde im Gegensatz zu Werken anderer Autoren nicht beanstandet.

1713 erschien eine Neufassung des Librettos mit einigen weiteren Arien und Rezitativen sowie sprachlichen Glättungen, Dramatisierungen und Präzisierungen. Anhand dieser Fassung überarbeitete zunächst Keiser sein Oratorium. Sie wurde auch zur Grundlage der späteren Vertonungen anderer Komponisten. Kein anderer deutscher Passionstext wurde so häufig vertont wie der Text Brockes’. Die genaue Anzahl ist jedoch nicht bekannt, da die Forschungen noch nicht abgeschlossen sind. In den folgenden Jahren erschienen Kompositionen von Georg Philipp Telemann (1716), Johann Mattheson (1718), Georg Friedrich Händel (1719), Johann Friedrich Fasch (1723), Gottfried Heinrich Stölzel (1725) und anderen. In den Jahren 1719, 1720, 1721 und 1723 wurden in Hamburg jeweils mehrere der vier Hauptfassungen von Keiser, Telemann, Händel und Mattheson innerhalb weniger Tage aufgeführt. 1730 ließ die Direktorin der Gänsemarktoper Margaretha Susanna Kayser innerhalb von drei Wochen sowohl die vier Vertonungen als auch eine Pasticcio-Fassung, einen „Auszug der besten Arien und Chöre aus allen Vieren“ aufführen. Der Grund für eine derartige Konzentration von Vertonungen desselben Textes ist unbekannt, aber möglicherweise auf den Einfluss des Dichters selbst zurückzuführen, der mit allen vier Komponisten befreundet war.

Das Libretto wurde in den ersten Jahren häufig nachgedruckt. Bis 1727 erschienen mehr als dreißig Auflagen. Zudem wurde es ins Schwedische und Französische übersetzt.

Gestaltung

Das Libretto enthält konkrete Angaben darüber, welche Teile als Rezitativ, Arie oder Chor gedacht sind. Bereits das Titelblatt des Erstdrucks von 1712 weist auf eine musikalische Aufführung hin. Der Text besteht aus insgesamt 117 Sätzen. Wie bei einer Oper gibt es Rezitative, Arien, Ensemble-Sätze und Chöre. Im Gegensatz zu den späteren Werken von Johann Sebastian Bach und anderen wurde der Bibeltext hier nicht wörtlich übernommen, sondern auch in den Rezitativen in Versform nachgedichtet. Die Handlung wird teils vom Evangelisten berichtet, teils in Form von rezitativischen Dialogen der biblischen Gestalten Jesus, Maria, Petrus, Jacobus, Judas, Johannes, Caiphas, Pilatus, dem Kriegsknecht, dem Hauptmann und dreier Mägde vorgetragen und von diesen sowie von den allegorischen Figuren der „Tochter Zion“ und mehrerer „Gläubiger Seelen“ kommentiert. Außerdem gibt es handlungstragende Turba-Chöre sowie fünf „Choräle der christlichen Kirche“. Der Evangelienbericht ist im Vergleich zum Originaltext der Bibel sowohl gekürzt als auch dichterisch ausgeschmückt. Insgesamt neun Abschnitte sind mit dem Begriff „Soliloquium“ gekennzeichnet, was ungefähr einer kurzen Solo-Kantate entspricht. Dabei handelt es sich um empfindsame und moralisierende Reflexionen einer Einzelperson. Jeweils eine davon sind Jesus, Judas, Maria (abgeschlossen durch ein Duett mit Jesus) und einer Gläubigen Seele zugewiesen. Petrus hat zwei Soliloquien und die Tochter Zion drei. Diese Stellen konnten auch separat veröffentlicht werden, wie es Keiser in einer Sonderausgabe von 1714 tat.

Auf äußerliche Beschreibungen verzichtet der Text weitgehend. Die Person des Jesus wird nicht triumphierend, sondern duldend dargestellt. Manche in der Bibel nur kurz erwähnte Ereignisse wie der Dialog mit den Jüngern werden dagegen ausgeschmückt. Der Hörer soll sich in die Passion hineinfühlen, für die Buße empfänglich gemacht und so von seinen Sünden erlöst werden können. Durch dieses pietistische Ziel und vor allem wegen des Fehlens der wörtlichen Evangelienrezitation war das Oratorium nicht wie etwa Bachs Passionen liturgisch verwendbar. Aufführungen fanden daher in der Regel nicht im Rahmen eines Gottesdienstes in der Kirche statt, sondern im privaten Kreis oder im Konzertsaal.

Das Libretto wurde für seinen künstlerischen und erhabenen Stil gerühmt, der mit rhetorischen Mitteln die stärksten Gefühle bei seinen Lesern und Hörern hervorrief. Typisch sind bildhafte („dem Himmel gleicht sein buntgestriemter Rücken, den Regenbögen ohne Zahl als lauter Gnadenzeichen schmücken“) und lautmalerische Darstellungen („Brich, brüllender Abgrund“) sowie gegensätzliche bzw. paradoxe („Mich vom Stricke meiner Sünden zu entbinden, wird mein Heil gebunden“) und drastische Formulierungen („die Glut der dunklen Marterhöhle entzündet schon mein zischendes Geblüt, mein Eingeweide kreischt auf glimmen Kohlen!“). Je größer der durch die Leidensgeschichte hervorgerufene Schrecken ist, desto größer wird schließlich auch das Gefühl der Erleichterung durch die Erlösung sein. Es ist eine Grundidee des Pietismus, dass der Glaube auch in der emotionalen Erfahrung begründet sein kann. Beeinflusst wurde Brockes durch den italienischen Stil des „marinismo“ (Schwulststil) von Giambattista Marino, dessen Bethlehemitischen Kindermord und Gedichte er ins Deutsche übersetzte.

Spätere Generationen fanden weniger Gefallen an diesem Stil. Sie fanden ihn überladen und wurden abgestoßen von den drastischen Gewaltdarstellungen. So äußerte sich 1860 der Musikwissenschaftler und Händel-Biograph Friedrich Chrysander folgendermaßen:

Vertonungen

Folgende Komponisten vertonten dieses Libretto:

Komponist Uraufführung Aufführungsort AnmerkungenReinhard KeiserPassionszeit 1712, Wohnung von BrockesReinhard Keiser – Brockes-Passion (englisch). In: Bach Cantatas Website. Abgerufen am 27. Juli 2015. Hamburg diverse weitere Aufführungen in den folgenden Jahren auch in anderen Städten; 1714 in Auszügen für Stimmen und Basso continuo bearbeitetGeorg Philipp TelemannPassionszeit 1716, BarfüßerkircheGeorg Philipp Telemann – Brockes-Passion, TWV 5:1 (englisch). In: Bach Cantatas Website. Abgerufen am 27. Juli 2015. Frankfurt am Main TWV 5:1; diverse weitere Aufführungen in den folgenden Jahren auch in anderen Städten; überarbeitet 1722Georg Friedrich Händel → Brockes-Passion (Händel)23. März oder 3. April 1719Hans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten: ein Kompendium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 85., Kathedrale bzw. Reventer des Doms London nur 106 Sätze vertont; diverse weitere Aufführungen in den folgenden Jahren vermutlich bereits 1716 in Brockes’ Wohnhaus aufgeführtJohann Mattheson10. April 1718, DomkircheJohann Mattheson – Brockes-Passion (englisch). In: Bach Cantatas Website. Abgerufen am 27. Juli 2015. Hamburg diverse weitere Aufführungen in den folgenden Jahren Pasticcio22. März 1722 Hamburg Omnibus Brockes Passion mit Sätzen der Werke von Händel (15), Keiser (36), Telemann (60) und Mattheson (5)Georg Philipp Telemann1722 Hamburg Matthäus-Passion TWV 5.7 mit acht Sätzen aus Brockes’ Libretto; verschollenGeorg Philipp Telemann1723 Hamburg Markus-Passion TWV 5.8 mit neun Sätzen aus Brockes’ Libretto; verschollenJohann Friedrich Fasch1723 oder 1717–1719 oder um 1730Johann Friedrich Fasch – Brockes-Passion, FWV F:1 (englisch). In: Bach Cantatas Website. Abgerufen am 27. Juli 2015. Greiz bzw. Zerbst Passio Jesu Christi FWV F:1; nur 30 Sätze mit einigen Änderungen und ErgänzungenJohann Sebastian Bach → Johannes-Passion7. April 1724, Nikolaikirche Leipzig BWV 245; sieben Sätze basieren auf Brockes’ TextGottfried Heinrich StölzelKarfreitag 1725, Schlosskapelle Schloss FriedensteinGottfried Heinrich Stölzel – Brockes-Passion (englisch). In: Bach Cantatas Website. Abgerufen am 27. Juli 2015. Gotha weitere Aufführungen 1735 (?) in SondershausenChristoph Gottlieb Fröber15. April 1729, Neukirche Leipzig deutlich gekürzte Fassung mit nur ungefähr der Hälfte der Arien; Fröber hatte die musikalische Leitung; der Komponist ist nicht bekannt; die Partitur ist verschollen.Maximilian Zeidleran sieben Sonntagen und zwei Kartagen 1729 Nürnberg um zusätzliche Choräle erweitert sowie sprachlich und theologisch überarbeitetJohann Jacob Schwarz1730er Jahre Nürnberg Neuvertonung des von Zeidler erweiterten Textes; einige der sprachlichen Änderungen wurden jedoch wieder zurückgenommenJohann Balthasar Christian Freislichum 1750Franz Keßler: Freißlich (Familie). In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Bärenreiter-Verlag 1986 (Digitale Bibliothek Band 60), S. 24538 (vgl. MGG Bd. 16, S. 356). Danzig Passio Christi; möglicherweise bereits in den 1720er Jahren während seiner Anstellung in Schwarzburg-Sondershausen entstandenPaul Steiniger (Steininger)um 1750 NürnbergJacob Schubackum 1750/1755 HamburgJohann Caspar Bachofenunbekannt Zürich 1759 posthum veröffentlicht

Die Vertonung von Reinhard Keiser