Als Iranische Hunnen wird eine Gruppe verschiedener spätantiker zentralasiatischer Stämme bezeichnet, die zwischen dem 4. und 6./7. Jahrhundert im Raum des heutigen Afghanistans und benachbarter Gebiete eigene Herrschaften etablierten und teils bis in den Nordwesten Indiens expandierten. Die Bezeichnung iranische Hunnen, die sich in der Forschung allgemein durchgesetzt hat, geht auf die numismatischen Untersuchungen Robert Göbls in den 1960er Jahren zurück. Die iranischen Hunnen bedrohten durch ihre Vorstöße immer wieder die Nordostgrenze des persischen Sassanidenreichs und zwangen die persischen Könige zur Sicherung der Grenze zu wiederholten Feldzügen, über deren Einzelheiten aber oft wenig bekannt ist. mini|Baktrien

Quellen- und Namensproblematik Die Quellen zur Geschichte dieser Gruppen, die nicht mit den in Europa bekannten Hunnen verwechselt werden dürfen, fließen nur sehr spärlich. Neben vereinzelten schriftlichen Aussagen – selten bei einigen spätantiken Geschichtsschreibern sowie etwa in indischen Quellen (wo sie als Hunas erwähnt werden) und chinesischen BerichtenTexte mit Übersetzung bei Daniel Balogh (Hrsg.): Hunnic Peoples in Central and South Asia. Sources for their Origin and History. Groningen 2020. – ist ihre Geschichte vor allem anhand der recht reichhaltigen Münzfunde nachvollziehbar, die aber keine detaillierte Rekonstruktion zulassen und für die moderne Forschung mehrere Probleme aufwerfen, so unter anderem bezüglich der Chronologie und der historischen Interpretation.Überblick bei Michael Alram u. a. (Hrsg.): Das Antlitz des Fremden. Die Münzprägungen der Hunnen und Westtürken in Zentralasien und Indien. Wien 2016. Des Weiteren können Münzen der iranischen Hunnen nicht immer genau einem namentlich bekannten Herrscher zugeordnet werden.

Im 4. Jahrhundert begannen Angriffe verschiedener zentralasiatischer Stämme gegen das neupersische Sassanidenreich. In den Quellen werden diese Angreifer, die eigene Münzprägungen tätigten, teils als „Hunnen“ bezeichnet, doch ist ihre genaue Herkunft unklar. Diese Gruppen waren aber sehr wahrscheinlich nicht mit den „Hunnen“ verwandt, die um 375 aus der südrussischen Steppe nach Westen vorstießen, und sind von diesen klar zu trennen.Vgl. Martin Schottky: Huns. In: Encyclopædia Iranica; Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 29ff. Bereits der Begriff „Hunne“ in seinen verschiedenen Namensformen wurde von spätantiken Geschichtsschreibern oft eher ungenau benutzt, um damit (wie zuvor mit dem Begriff „Skythen“) schlicht Steppenstämme zu bezeichnen, die in ihrem Gesichtsfeld auftauchten.Vgl. Walter Pohl: Die Awaren. 2. Auflage. München 2002, S. 21ff. So wird in der modernen Forschung oft angenommen, dass der Name „Hunne“ eher als prestigeträchtige Bezeichnung für eine heterogen zusammengesetzte Gruppe und nicht als konkrete ethnische Bezeichnung zu verstehen ist.Vgl. etwa Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24ff.

Grundzüge der Geschichte der iranischen Hunnen Ausgangslage Um das Jahr 350 begannen Angriffe einer als Chioniten bezeichneten Gruppe gegen das Sassanidenreich.Aktueller Überblick zu den folgenden Ereignissen bei Daniel T. Potts: Nomadism in Iran. From Antiquity to the Modern Era. Oxford u. a. 2014, S. 127ff. und nun speziell Khodadad Rezakhani: ReOrienting the Sasanians. East Iran in Late Antiquity. Edinburgh 2017. Die Chioniten eroberten Baktrien, doch konnte der Sassanidenkönig Schapur II. sie schließlich schlagen. Sie stellten anschließend den Persern Hilfstruppen, die 359 im römisch-persischen Krieg dienten und unter Führung ihres Königs Grumbates an der ersten Belagerung von Amida teilnahmen.Vgl. dazu John Matthews: The Roman Empire of Ammianus. London 1989, S. 61ff.

Die Chioniten hat Robert Göbl nicht in seine Kategorisierung einbezogen, da keine Münzprägungen von ihnen überliefert sind und er von diesem Kriterium ausging. Allerdings berichten schriftliche Quellen über die Chioniten, so Ammianus Marcellinus;Siehe Ammianus 18,7–19,2. in der neueren Forschung wird zudem eine Verbindung zwischen Chioniten und der (Göbl zufolge) ersten Welle iranischer Hunnen hergestellt. Im mittelpersischen Wort XyonVgl. dazu Carlo G. Cereti: Xiiaona and Xyon in Zoroastrian Texts. In: M. Alram, D. Klimburg (Hrsg.): Coins Art and Chronology II: The First Millennium CE in the Indo-Iranian Borderlands. Wien 2010, S. 59–72. (wovon sich der Name der Chioniten abzuleiten scheint) steckt wohl die Bezeichnung „Hunne“,Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 27. Vgl. auch Khodadad Rezakhani: ReOrienting the Sasanians. East Iran in Late Antiquity. Edinburgh 2017, S. 88f. ohne dass aber alle als Hunnen bezeichnete Gruppen ethnisch verwandt oder homogen gewesen sind. Bei den hier behandelten Gruppen (von den Kidariten bis zu den Hephthaliten) sind teils unterschiedlich stark ausgeprägte iranische Kulturelemente feststellbar, etwa hinsichtlich der verwendeten Verwaltungssprache (wobei die baktrische Sprache eine wichtige Rolle spielte) und Münzinschriften.

Im Gegensatz zu manch anderen nomadischen Invasoren, etablierten die iranischen Hunnen eigene, mehr oder weniger gefestigte Herrschaftsräume und erwiesen sich als erbitterte Feinde der Perser. Dies schlug sich auch in der späteren Überlieferung bis in islamische Zeit nieder; so erscheinen in Firdausis berühmten Nationalepos Schāhnāme die Bewohner von Tūrān (Transoxanien) als Erbfeinde der Perser.

In der neueren Forschung ist es umstritten, ob die Neuankömmlinge an der Nordostgrenze des Sassanidenreichs in einem einzigen Zug in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts eintrafen oder ob es sich um nachfolgende Wellen verschiedener Gruppen handelte.Vgl. Christoph Baumer: The History of Central Asia. Bd. 2, London 2014, S. 94 mit Anmerkung 75 (S. 336). Dass es sich um einen einzigen Schub gehandelt habe, nehmen nun etwa Michael Alram und Étienne de La Vaissière an. Göbl ging jedenfalls von vier Wellen „iranischer Hunnen“ aus, die zeitlich teils verschoben und teils parallel auftraten:

Kidariten Die erste Gruppe waren Ende des 4. Jahrhunderts die Kidariten, die die Nachfolge im ehemaligen Kuschanareich antraten. In der neueren Forschung ist die These aufgestellt worden, dass Chioniten und Kidariten nicht zwei getrennte Gruppen waren, sondern dass vielmehr die Kidariten ein Clan der bereits erwähnten Chioniten waren bzw. von ihnen abstammten.Daniel T. Potts: Nomadism in Iran. From Antiquity to the Modern Era. Oxford u. a. 2014, S. 129. In diesem Sinne ist keine strikte Trennung zwischen Chioniten und Kidariten möglich. Die Kidariten erwiesen sich wie die Chioniten als ernsthafter Gegner für das Sassanidenreich. Der spätantike Geschichtsschreiber Priskos berichtet von „kidaritischen Hunnen“,Priskos, Fragment 25 und 31 (Edition Pia Carolla). die mit den Sassaniden in Kämpfe verwickelt waren. Dies gilt wahrscheinlich bereits für die Zeit von Bahram V., sicher aber für die Zeit von Yazdegerd II.Daniel T. Potts: Nomadism in Iran. From Antiquity to the Modern Era. Oxford u. a. 2014, S. 136 und S. 138. Vgl. dazu Nikolaus Schindel: The Sasanian Eastern Wars in the 5th Century. The Numismatic Evidence. In: A. Panaino, A. Piras (Hrsg.): Proceedings of the 5th Conference of the Societas Iranologica Europaea. Volume I. Mailand 2006, S. 675–689, hier S. 678–680. Es sind in diesem Zusammenhang sogar Tributzahlungen der Perserkönige an die Kidariten belegt, um diese von Einfällen abzuhalten.

mini|250px|Münze Yazdegerds II. Der Name der Kidariten leitet sich von ihrem ersten bekannten Herrscher Kidara ab. Die Kidariten prägten Münzen in Anlehnung an die Kuschano-Sassaniden,Zur Interpretation siehe Michael Alram: Hunnic Coinage. In: Encyclopædia Iranica die zuvor in diesem Raum geherrscht hatten.Vgl. dazu Étienne de La Vaissière: Kushanshas, History, in: Encyclopædia Iranica Mehrere Hortfunde wurden im Raum des heutigen Kabul gemacht; demnach ist der Beginn der Kidaritenherrschaft auf die Zeit um 380 zu datieren. Kidaritische Münzfunde in Gandhara belegen, dass die Kidariten ihre Herrschaft zumindest zeitweise auch in diesen Raum verlagerten. Für Münzinschriften wurde von den Kidariten die baktrische, sogdische und mittelpersische Sprache sowie die Brahmi-Schrift benutzt.

In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts verfiel die Macht der Kidariten. Sie verloren ihre Hauptstadt (eventuell handelte es sich um Balch) im Jahr 467, nachdem der Sassanide Peroz I. anscheinend einen bedeutenden Sieg über den Kidaritenkönig Kunkhas errungen hatte. Ihre Herrschaft in Gandhara bestand wohl zumindest bis zum Jahr 477 fort, da für dieses Jahr eine letzte kidaritische Gesandtschaft nach Nordchina zu den T’o-pa belegt ist.Vgl. Boris A. Litvinsky: The Hephthalite Empire. In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Paris 1996, hier S. 141; A. K. Narain: Indo-Europeans in Inner Asia. In: Denis Sinor (Hrsg.): Cambridge History of Early Inner Asia. Cambridge 1990, S. 151–176, hier S. 172; Khodadad Rezakhani: ReOrienting the Sasanians. East Iran in Late Antiquity. Edinburgh 2017, S. 98f. Im Kaschmirraum scheinen sie sich noch einige Zeit gehalten zu haben, doch verlieren sich ansonsten ihre Spuren. In dieser Zeit werden die Hephthaliten wohl ihre Herrschaft in Baktrien gesichert und die Alchon die Kidariten aus dem Raum südlich des Hindukusch vertrieben haben (siehe unten).

mini|200px|Alchonmünze mit der Darstellung König Khingilas Alchon Die zweite Welle erfolgte durch die sogenannte Alchon-Gruppe (auch Alkhon genannt), die sich um 400 im Raum von Kabul festsetzte. Ihre Geschichte muss beinahe ausschließlich aufgrund von Münzfunden rekonstruiert werden. Sie prägten Münzen nach dem sassanidischen Vorbild, wobei anscheinend die zentrale persische Prägestätte in Kabul übernommen wurde.Zum Verlust dieser wichtigen Prägestätte vgl. Nikolaus Schindel: The Sasanian Eastern Wars in the 5th Century. The Numismatic Evidence. In: A. Panaino, A. Piras (Hrsg.): Proceedings of the 5th Conference of the Societas Iranologica Europaea. Volume I. Mailand 2006, S. 675–689, hier S. 677. Der baktrische Begriff alxanno wurde auf die Münzen geprägt, darauf basiert auch die Namensgebung dieser Gruppe. Es ist allerdings unklar, ob es sich um eine Herrscherbezeichnung oder einen Stammesnamen handelt.Zur Interpretation der numismatischen Funde siehe Michael Alram: Hunnic Coinage. In: Encyclopædia Iranica