Die Risikoidentifikation (auch Risikoerkennung; ) ist im Rahmen des Risikomanagements die systematische Erfassung und Sammlung aller auf ein Unternehmen einwirkenden Risiken.
Allgemeines Eine Risikoidentifikation kann erst mit der Risikowahrnehmung beginnen; sie ist die Voraussetzung dafür, dass Risiken überhaupt erkannt und entdeckt werden können. Hierbei ergibt sich bereits das Problem, dass verschiedene Risikoträger dasselbe Risiko unterschiedlich oder gar nicht wahrnehmen.Nikolaus Raupp, Das Entscheidungsverhalten japanischer Venture-Capital-Manager unter dem Einfluss der Risikowahrnehmung im Verbund mit anderen Faktoren, 2012, S. 27 Erfolgt die Risikowahrnehmung fehlerhaft als selektive Wahrnehmung, so werden nur bestimmte Risiken wahrgenommen, andere vorhandene jedoch ausgeblendet. Eine mangelhafte Risikowahrnehmung wirkt sich negativ auf die nachfolgenden Phasen des Risikomanagements aus.Frank Romeike (Hrsg.), Erfolgsfaktor Risiko-Management, 2004, S. 165 Die Risikoidentifikation umfasst die „Sammlung aktueller, zukünftiger, potenzieller und theoretisch denkbarer Risiken“Karsten Füser/Werner Gleißner/Günter Meier, Risikomanagement (KonTraG), 1999, S. 754 und gilt meist als erste Stufe des Risikomanagement-Prozesses.Katarzyna Smirska, Optimierung eines Risikomanagementsystems im Mittelstand, 2009, S. 37Marc Diederichs/Stephan Form/Thomas Reichmann, Standard zum Risikomanagement, in: Controlling Heft 4/5, 2004, S. 191 Erfasst werden alle Gefahrenquellen, Störpotenziale und Schadenursachen eines Unternehmens, die sich negativ auf das Erreichen der Unternehmensziele auswirken können.Frank Romeike (Hrsg.), Erfolgsfaktor Risiko-Management, 2004, S. 165
Das Ziel der Risikoidentifikation ist es, die Risikoquellen des gesamten Unternehmens sowie aller Funktionsbereiche möglichst vollständig und kontinuierlich zu erfassen. Die Methoden vermitteln dem Prozess eine Systematik und strukturieren das Vorgehen, helfen bei der Identifikation interner oder externer Risiken, unterstützen die Erstellung eines organisationsspezifischen Risikoprofils sowie die kontinuierliche Nachverfolgung von Risiken.
Prozessablauf Die Risikoidentifikation wird als erste Prozessphase des Risikomanagementprozesses mit Hilfe von Methoden zur Risikoidentifikation ähnlich wie eine Inventur durchgeführt. Das Ziel der Risikoidentifikation ist es, die Risikoquellen des gesamten Unternehmens sowie aller Funktionsbereiche (Beschaffung, Produktion, Finanzierung, Verwaltung, Vertrieb) möglichst vollständig und kontinuierlich zu erfassen. Die Methoden vermitteln dem Prozess eine Systematik und strukturieren das Vorgehen, helfen bei der Identifikation interner oder externer Risiken, unterstützen die Erstellung eines organisationsspezifischen Risikoprofils sowie die kontinuierliche Nachverfolgung von Risiken. Dabei müssen auch Schwachstellen entdeckt werden. Ein wichtiges Instrument der Risikoidentifikation bilden Frühwarnsysteme, welche die Risikoobjekte (Betriebsmittel wie Anlagen, Gebäude oder Maschinen, Personal, Finanzen) auf jede Art von Betriebsstörung überwachen. Der Risikoidentifikation folgt die Risikoanalyse.
Methoden Als Methoden kommen für bestehende Risiken die SWOT-Analyse, Checklisten, Risiko-Identifikations-Matrix und Befragungen in Betracht. Potenzielle Risiken lassen sich unter anderem durch Fehlermöglichkeits- und Einflussanalysen (FMEA) oder Fragenkataloge, Brainstorming, Brainwriting oder die Delphi-Methode ermitteln.Frank Romeike (Hrsg.), Erfolgsfaktor Risiko-Management, 2004, S. 174 Aus der Risikoidentifikation kann lediglich abgeleitet werden, welche Risiken für sich alleine den Bestand eines Unternehmens gefährden könnten. Nicht erkannt werden kann hierdurch die mögliche Interdependenz verschiedener Risikoarten, die erst in der Risikoaggregation auffällt.
SWOT-Analyse
Die SWOT-Analyse dient der Positionsbestimmung und der Strategieentwicklung von Unternehmen und anderen Organisationen.Heribert Meffert/Christoph Burmann/Manfred Kirchgeorg, Marketing, 10. Auflage. Gabler/Wiesbaden, 2008, S. 236
Checklisten und Mitarbeiterbefragungen Die Besichtigung von risikobedrohten Objekten dient zur einfachen und schnellen Erfassung visuell wahrnehmbarer Risiken (vor allem Umweltrisiken sowie technische Risiken). Diese Methode ermöglicht die Bildung eines Gesamtüberblicks über die örtlichen Gegebenheiten. Die Befragung von externen Experten oder von fachkundigen Mitarbeitern kann wichtige Informationen über interne sowie externe Unternehmensrisiken geben. Befragungen können sowohl schriftlich als auch mündlich durchgeführt werden. Die Mitarbeiterbefragung trägt primär zur Erfassung interner Risiken bei, die Expertenbefragung hat die Erfassung externer Risiken zum Ziel.
Checklisten sind standardisierte Fragebögen zur systematischen Risikoerfassung im gesamten Unternehmen oder in Bereichen des Unternehmens. Sie können offene sowie geschlossene Fragen enthalten, wobei geschlossene Fragen i. d. R. vorteilhafter für die Erkennung von Risiken sind. Checklisten erreichen in der Praxis einen breiten Mitarbeiterstamm. Jedoch engen Checklisten den Blick ein, weshalb Risiken, die nicht in der Liste abgefragt werden, vergessen werden können.
Die Tabelle zeigt einen Ausschnitt aus einer Checkliste mit offenen Fragen für den Bereich „Management und Organisation“
Frage Bedeutung Kennt das Management die Chancen/Risiken/Stärken/Schwächen des Unternehmens Eine Chancen-Risiken-Analyse und Stärken-Schwächen-Analyse sollte mindestens einmal im Jahr durchgeführt werden. Während die Chancen die externen Entwicklungen am Markt aufzeigen, bilden die Stärken und Schwächen das (interne) Potential des Unternehmens ab. Ein Abgleich zwischen beiden Sichtweisen ist für die strategische Ausrichtung hinsichtliche Märkte, Kunden, Produkten, Organisation, Mitarbeiter, Informationstechnologie (Stichwort strategische Erfolgsfaktoren) etc. notwendig Wirken sich Entwicklungen des E-Commerce auf die Organisation des Unternehmens aus? Das E-Commerce hat stark an Bedeutung gewonnen. Er wird zukünftig ein zentraler strategischer Erfolgsfaktor sein. Diese Entwicklung zu verpassen, kann existentielle Konsequenzen haben. Liegt eine dokumentierte Strategie vor? Ein fehlender bzw. nicht ausreichender Strategiekonsens des Managements lähmt eine gemeinsame und zutreffende Zielpriorisierung und -verfolgung innerhalb der Führung Wird die Strategie kommuniziert? Mit der Kommunikation der Strategie lässt sich die Diskrepanz zwischen Strategieformulierung und -umsetzung schließen. Der unzureichenden bzw. fehlenden Strategiekommunikation in die operativen Einheiten folgt eine unterschiedliche Umsetzung entsprechend der individuellen Sichtweise der Mitarbeiter (Position/Abteilung/Vergütung etc.). Die Folge kann eine suboptimale Ressourcenallokation sein. Ist das Personal motiviert? Unzureichende Motivation wirkt sich einerseits negativ auf die Arbeitsleistung des Einzelnen aus, andererseits beeinflusst es maßgeblich das Betriebsklima
FMEA (Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse)
Die Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse (FMEA) ist eine systematische, halbquantitative Risikoanalysemethode, welche in den 1960er Jahren für die Untersuchung von Schwachstellen und Risiken an Flugzeugen entwickelt wurde. Anschließend wurde sie in der Raumfahrt, für die Produktionsprozesse in der chemischen Industrie sowie in der Automobilindustrie genutzt.
Die zentrale Idee der FMEA ist das frühe Erkennen und Verhindern von potentiellen Fehlern. Fehler und deren Ursache werden deshalb präventiv untersucht. Im Anschluss daran werden die Risiken bezüglich Auftreten und Bedeutung bewertet. Man unterscheidet vier verschiedene Ansätze: System-FMEA: Hier liegt der Fokus auf den einzelnen Systemkomponenten und ihrem Beitrag zum Gesamtrisiko. Konstruktions-FMEA: Primärer Fokus hier ist das fehlerfreie Funktionieren der Produktionskomponenten. Prozess-FMEA: Diese Untersuchung richtet ihren Fokus auf den Herstellungsprozess. Design-FMEA: Diese FMEA ist Teil der Produktentwicklung und erstreckt sich auch auf Lieferanten. Ablauf: Schritt 1: Unternehmen wird als intaktes, störungsfreies System beschrieben. Schritt 2: Das System „Unternehmen“ wird in unterschiedliche Funktionsbereiche zerlegt. Schritt 3: Potentielle Störungszustände der einzelnen Komponenten sowie des gesamten Systems werden untersucht. Schritt 4: Ableitung von Auswirkungen auf das gesamte System.
Delphi-Methode
Die Delphi-Technik ist eine Methode, mit welcher in mehreren Stufen Experten oder Mitarbeitern befragt werden. Die Ergebnisse einer Befragungsrunde beeinflussen die nächste, dadurch können mögliche Risiken besser eingeschätzt werden. Dies gelingt nur, wenn die Befragten über ein fundiertes Fachwissen verfügen. Denn die Grundannahme der Delphi-Technik ist, dass Experten die Einflussfaktoren auf ihr jeweiliges Fachgebiet kennen. Demzufolge kann man mithilfe der kumulierten sowie verdichteten Expertenmeinung eine relativ konkrete Aussage über bestehende sowie zukünftige Risiken machen.
Ablauf 1. Runde – Offene Befragung (Online, Sammeln von Ideen) 2. Runde – geschlossene Befragung (Online, Verdichten der Ideen) 3. Runde – persönliches Gespräch (Workshop, abschließende Diskussion) Neue Ideen werden gesammelt und verdichtet.
Brainstorming
Das Brainstorming ist eine Methode, die schöpferische Kreativität in einer Gruppe fördern soll. Basierend auf der Grundidee der Gedankenassoziation (eine Idee ruft eine weitere hervor etc.) ist das Ziel von Brainstorming, bekannte Pfade gedanklich zu verlassen.´Optimalerweise wird der Prozess mit 4 bis 10 Teilnehmern durchgeführt. Es ist sinnvoll, einen Moderator und einen Protokollführer zu bestimmen. Wichtig ist, dass beim Brainstorming keine Kritik ausgesprochen werden darf, weil es sich um das wertungsfreie Sammeln von Ideen handelt. Grundvoraussetzung hierfür ist ein gutes Vertrauensverhältnis. In der Risikoidentifikation kann diese Methode genutzt werden, um Risiken unabhängig allgemein bekannter zu identifizieren.
Brainwriting
Im Gegensatz zum Brainstorming werden Ideen nicht ausgesprochen, sondern schriftlich notiert und erst einmal gesammelt. Die Anzahl der Teilnehmer ist bei dieser Methode variabler als beim Brainstorming, da sich einzelne Teilnehmer beispielsweise nicht ins Wort fallen können. Auch wird kein Protokollführer oder Diskussionsmoderator gebraucht. Diese Methode ist besonders wirkungsvoll in Gruppen, in denen kein gutes Vertrauensverhältnis besteht bzw. wenn man die Ideen besonders vieler sammeln möchte.
Dokumentationsanalysen (Risikoidentifikation anhand vorhandener Daten) Die Dokumentationsanalyse ist eine ex-post-Analyse. Das bedeutet, dass die Risikoidentifikation auf bereits erstellten Dokumenten basiert wie beispielsweise aus der Buchhaltung oder aus der Controlling-Abteilung. Risiken, welche aus der Buchhaltung abgeleitet werden können (Speziell der Geschäftsbericht):
Risikoidentifikation anhand der Gewinn- und Verlustrechnung ( HGB)
Position der Gewinn- und Verlustrechnung identifizierbare Risikofelder Umsatzerlöse Produktstrukturrisiko, Konkurrenzrisiko, Währungsrisiko, Abhängigkeiten von Großkunden Materialaufwand Abhängigkeiten von Lieferanten, falsche/nicht ausreichende Absicherungsstrategie, unzureichendes Benchmarking bzgl. der verwandten Materials Personalaufwand schlechte/falsche Entlohnungssysteme, Qualifikation von Fach- und Führungskräften (Abhängigkeitsaspekt) Abschreibungen Investitions-/Desinvestitionsrisiko Zinsaufwand Finanzierbarkeit von Investitionen, Zinsänderungsrisiken
Risikoidentifikation anhand der Bilanz ( HGB)