mini|Friedrich Maase (um 1941) Friedrich Maase (* 1. Januar 1878 in Meiderich; † 10. September 1959 in Düsseldorf) war ein deutscher Rechtsanwalt, Pazifist und Oppositioneller. Er war Opfer des Nationalsozialismus, überlebte die Konzentrationslager Sachsenhausen und Flossenbürg und sagte später als Zeuge im 1958/59 geführten Strafprozess gegen die nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Gustav Sorge und Wilhelm Schubert aus. Maase war zeitlebens kulturell und politisch engagiert; unter anderem widersetzte er sich nach 1945 der von Bundeskanzler Adenauer betriebenen Politik der Wiederbewaffnung Deutschlands und galt zu dieser Zeit als maßgeblich in mehreren politischen Organisationen. Er war zudem Präsident des Demokratischen Kulturbundes Deutschlands und Mitgründer der Heinrich-Heine-Gesellschaft.

Leben Herkunft, Ausbildung und frühe Berufszeit Friedrich Maase wurde im Januar 1878 als eines von sechs Kindern (eine seiner Schwestern war Hedda Eulenberg) des Volksschullehrers und späteren Musikdirektors Wilhelm Maase (1850–1932) und seiner Ehefrau Maria geb. Langer in Meiderich (heute Duisburg-Meiderich) geboren. Um 1879 verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Düsseldorf, wo Friedrich Maase aufwuchs.

mini|Straßenszene in der Düsseldorfer Innenstadt um das Jahr 1906 (hier die Einkaufsstraße Schadowstraße) Nach seiner schulischen Ausbildung studierte er Jura und wurde im Jahr 1901 an der Universität Rostock mit der Dissertation Gefahrtragung beim Kauf für die Zeit des Schwebens einer Bedingung zum Dr. jur. promoviert. Anschließend ließ Maase sich als Rechtsanwalt in Düsseldorf nieder, das sich damals zur Wirtschaftsmetropole entwickelte und als „Schreibtisch des Ruhrgebiets“ etablierte – aber auch als kultureller Mittelpunkt. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Soldat des Reichsheeres teil. Kurz nach Beginn der Novemberrevolution von 1918/19, am zweiten Tag nach Ausrufung der Republik, ernannte ihn der Düsseldorfer Arbeiter- und Soldatenrat am 10. November 1918 zum Bevollmächtigten für die Beziehungen zwischen der Düsseldorfer Polizei und der in Düsseldorf stationierten Reichsheer-Garnison. Über seine Tätigkeit in dieser Funktion ist in der einschlägigen Sekundär-Literatur nichts verzeichnet.

Er war Förderer der weltlichen Einheitsschulen und setzte sich in der Weimarer Republik in Übereinstimmung mit seinem langjährigen Freund Johann Fladung für die Entkirchlichung der Schule ein. Maase war Mitbegründer und 1. Vorsitzender des 1920 in Elberfeld gegründeten Bundes der freien Schulgesellschaften, der den Freidenkern nahestand. Zudem gehörte er dem Vorstand des Deutschen Monistenbundes an und war Mitglied sowie zeitweise Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft. Außerdem war er Mitglied des 1907 gegründeten Freimaurer-Reformbundes Zur aufgehenden Sonne.

Maase war eingeschriebenes Mitglied der SPD und des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Obwohl seine Anwaltskollegen mehrheitlich der Zentrumspartei nahestanden, wählten sie ihn in Vorstand und Ehrengericht der Anwaltskammer Düsseldorf.

Politische Verfolgung durch das Nazi-Regime Nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 wurde Maase vorübergehend in Haft genommen und zudem als erster Rechtsanwalt in Düsseldorf aus der dortigen Anwaltskammer ausgeschlossen, weil er als Kommunist galt. Am 26. August 1933 belegte ihn der von den Nationalsozialisten neu eingesetzte preußische Justizminister Hanns Kerrl (NSDAP) mit einem Vertretungsverbot für seine Anwaltspraxis, und am 16. September 1933 entzog ihm der Oberlandesgerichtspräsident in Düsseldorf die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amts- und Landgericht Düsseldorf, „weil er sich im kommunistischen Sinne betätigt habe“.

mini|KZ Sachsenhausen – Häftlings­kolonnen vor dem Lagertor zum „Schutzhaft­lager“ (Foto aus der NS-Zeit, ca. 1936–1944) Um nach dem Berufsverbot seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, nahm Maase im November 1934 eine Stelle als Geschäftsführer bei der Firma Autogenwerk Sirius GmbH in Düsseldorf an, die er bis zu seiner Inhaftierung im September 1939 ausübte. Während dieser Zeit saß er bereits vom 30. Mai 1935 bis zum 2. Juli 1935 im Polizeigefängnis Düsseldorf in Untersuchungshaft wegen des Verdachts auf „Vorbereitung zum Hochverrat“. Am 3. September 1939, zwei Tage nach dem Überfall des NS-Regimes auf Polen, wurde Maase als Pazifist und ehemaliger Vorsitzender der Friedensgesellschaft wegen politisch „linker Überzeugungen“ – wie andere Regime-Kritiker in der „A-Kartei“ der Gestapo in diesen Tagen – in Haft genommen. Im Polizeigefängnis Düsseldorf traf er auf den Professor für Sozialwissenschaften, Benedikt Schmittmann, der bereits zu Beginn des Polenüberfalls am 1. September verhaftet worden war. Beide wurden am 8. September als sogenannte „Schutzhäftlinge“ in das KZ Sachsenhausen abtransportiert, wo sie am 10. September registriert wurden. Der damals 62-jährige Maase und der 67-jährige Schmittmann waren zu der Zeit die ältesten Häftlinge im Polizeigefängnis in Düsseldorf. Sie hielten daher dort sowie auf dem Transport zum und im KZ Sachsenhausen zusammen.

Maase (Häftlingsnummer 8010) musste mitansehen, wie Schmittmann im KZ Sachsenhausen am 13. September 1939 von den zur KZ-Wachmannschaft gehörenden SS-Männern Gustav Sorge, Wilhelm Schubert und Josef Wloka gemeinsam durch Fußtritte grausam ermordet wurde. Am 5. April 1940 wurde Maase vom KZ Sachsenhausen in das KZ Flossenbürg verlegt, wo er bis zum 9. November 1940 inhaftiert war. Unmittelbar nach der Haftentlassung fertigte er ein Gedächtnisprotokoll über seine Zeit in KZ-Haft an. Dieses Protokoll bildete später die Grundlage seiner Zeugenaussage im Strafprozess am Bonner Landgericht gegen Sorge und Schubert.

Politische Aktivitäten und Verfolgung nach 1945 Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Maase seine Anwaltstätigkeit in Düsseldorf alsbald wieder auf. Im März 1946 wurde er vom Oberlandesgerichtspräsidenten zum Notar in Düsseldorf ernannt. Bald darauf wurde ihm der Vorsitz des Kreishilfsausschusses beim Oberstadtdirektor in Düsseldorf übertragen, der Wiedergutmachungsfragen bearbeitete. Maase selbst wurde als politisch Verfolgter anerkannt, weil er wegen Widerstandes gegen das NS-Regime inhaftiert war.

mini|hochkant|Bundeskanzler Konrad Adenauer bei seiner Rede zu den Pariser Verträgen im Deutschen Bundestag am 25. Februar 1955 Er engagierte sich in der Nachkriegszeit gegen die Wiederbewaffnung (Remilitarisierung) Deutschlands und für die Vereinigung der westlichen und östlichen Besatzungszonen Deutschlands als neutraler Staat. Zu einem geplanten Volkskongress in Remscheid meldete er sich als Referent zu dem Thema „Deutsche Einheit und Kultur“. Der Kongress wurde verboten; in der Folge wurde Maase telefonisch über seinen Ausschluss aus der SPD informiert. Mitte September 1951 hatte die Volkskammer der – 1949 aus der Sowjetischen Besatzungszone hervorgegangenen – Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf Vorschlag des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl den Bundestag der – ebenfalls 1949 und aus den drei westlichen Besatzungszonen hervorgegangenen – Bundesrepublik Deutschland (BRD) aufgefordert, freie, gleiche und geheime Wahlen in ganz Deutschland sowie den Abschluss eines Friedensvertrages und den Abzug aller Besatzungstruppen zu ermöglichen. In diesem Sinne engagierte Maase sich gemeinsam mit den Politikern Wilhelm Elfes und Joseph Wirth im Arbeitskreis für deutsche Verständigung – für einen gerechten Friedensvertrag, der von der Adenauer-Regierung als kommunistische Tarnorganisation diffamiert wurde. Unter anderem leitete er den Kongreß für Deutsche Verständigung – für einen gerechten Friedensvertrag, der am 30. März 1952 in der Kaiser-Friedrich-Halle in Mönchengladbach stattfand. Weitere Redner waren unter anderem die Politikerin Katharina von Kardorff-Oheimb und Wilhelm Elfes, der das Hauptreferat hielt. Zusammen mit Elfes und von Kardorff-Oheimb reiste Maase im Frühjahr 1952 zu Gesprächen mit der politischen Führung der DDR nach Ost-Berlin.

Bundeskanzler Konrad Adenauer suchte in den frühen 1950er Jahren die von ihm betriebene Politik der Wiederbewaffnung und der militärischen Westintegration der jungen BRD, die 1955 in den Pariser Verträgen und dem Deutschlandvertrag gipfelte, durch das politische Strafrecht abzusichern. Maase, Elfes und andere wurden deswegen 1952 von Bundeskanzler Adenauer als Vertreter der Bundesregierung und persönlich unter dem Vorwurf der „Gründung und Förderung einer verfassungsfeindlichen Vereinigung gemäß § 90a Abs. 1 StGB bzw. einer kriminellen Vereinigung in staatsgefährdender Absicht gemäß §§ 94 Abs. 1, 129 Abs. 1 StGB“ angezeigt. Oberbundesanwalt Carlo Wiechmann bezichtigte Elfes und Maase der Kontaktschuld, das Verfahren wurde jedoch nach vier Jahren mangels Beweisen eingestellt. Wegen seiner Unterstützung für den Bund demokratischer Juristen (BdJ) im Jahr 1955 betrieb das nordrhein-westfälische Justizministerium die Strafverfolgung von Friedrich Maase, die jedoch von den zuständigen Behörden abgelehnt wurde, sowie seinen Ausschluss aus der Rheinischen Notarkammer, der ebenfalls von dieser abgelehnt wurde.

Maase leistete unter anderem dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) juristischen Beistand, wie zum Beispiel gegen SS-Veteranentreffen. Er kandidierte in Nordrhein-Westfalen bei der Bundestagswahl 1953 erfolglos für die Gesamtdeutsche Volkspartei, im Einvernehmen mit der 9-Punkte-Erklärung der Partei von 1953. Bei der folgenden Bundestagswahl 1957 kandidierte er ebenfalls ohne Erfolg für den Bund der Deutschen, Partei für Einheit, Frieden und Freiheit.

Kulturelles Wirken Maase gehörte – neben seinem Schwager, dem Schriftsteller Herbert Eulenberg, sowie Hanns Heinz Ewers, Hermann Harry Schmitz und anderen – zum literarisch-künstlerischen Stammtisch „Rosenkränzchen“, der von 1909 bis 1911 in Düsseldorf bestand und der seinen Namen nach dem Ort der Treffen, dem gleichnamigen Weinlokal in der Straße Altestadt in der Düsseldorfer Altstadt hatte. Er hielt Kontakt zur Künstlerszene in Düsseldorf, unter anderem ließ er sich im Jahr 1923 von Gert H. Wollheim porträtieren. 1932 zählte Maase zusammen mit Max Apel, Walter A. Berendsohn, Hans Hartmann, Wilhelm Hauser, Louis Satow und Max Seber zum neuen Herausgeberkreis der Zeitschrift Ethische Kultur, die liberale und sozialistische Positionen vertrat und das Publikationsorgan der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur darstellte. Alle sieben Herausgeber dieses Jahrgangs des Monatsblattes für ethisch-soziale Neugestaltung (Titelzusatz) waren Mitglieder des Freimaurer-Reformbundes Zur aufgehenden Sonne.

mini|hochkant|Heinrich Heine (1829) In der Nachkriegszeit engagierte Maase sich wiederum nicht nur politisch, sondern auch kulturell. So erteilte er 1947 Unterricht in Philosophie an der Volkshochschule und organisierte die Jugendweihen in Düsseldorf.

Gemeinsam mit Hans Böckler und anderen gehörte er 1946 dem Vorstand des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands an, der auf Initiative von Herbert Eulenberg im Mai 1946 in Düsseldorf als Regionalverband für Nordrhein-Westfalen gegründet und 1950 von der Bundesregierung im sogenannten Adenauer-Erlass als verfassungsfeindlich eingestuft wurde. Unter der Auflage der Unabhängigkeit vom Kulturbund der DDR durfte Johann Fladung im April 1951 von Nordrhein-Westfalen aus den bundesweit agierenden „Demokratischen Kulturbund Deutschlands“ (DKBD) aufstellen; auf der Gründungsveranstaltung wurde Maase – neben Ernst Rowohlt, Carl Taube und Günter Herzberg – zu einem der Vorstandsvorsitzenden gewählt. Der DKBD geriet ebenfalls rasch unter Verdacht, eine kommunistische Tarnorganisation zu sein, die Spionage für den Osten trieb.