mini|Berliner Gedenktafel für die Private Jüdische Waldschule Kaliski Im Dol 2–6
Die Private Waldschule Kaliski („PriWaKi“) war ein konfessionell ungebundenes, reformpädagogisch orientiertes, privates Tagesinternat (Ganztagsschule) für Mädchen und Jungen im Sinne der damals noch modernen Koedukation, das am 7. April 1932 in Berlin im Eichkamp gegründet wurde. Es zog schon 1933 nach Grunewald und wurde 1936 nach Dahlem verlegt. Seinen Namen erhielt es nach seiner Gründerin und Betreiberin Lotte Kaliski.
Geschichte „Raus aus der Stadt – Lernen in der freien Natur, mit viel Bewegung und Sport.“ So lautete ein reformpädagogischer Ansatz des frühen 20. Jahrhunderts, der insbesondere so mancher privaten Schule den Kurs vorgab. Sie nannten sich folgerichtig „Waldschule“, um dies kenntlich zu machen.Foto: Schulaufnäher Waldschule Kaliski (WK) für das Trikot beim Schulsport auf: jmberlin.de, abgerufen am 20. Juli 2015 Der Gründerin, der jungen Breslauer Mathematik- und Physik-Lehrerin Lotte Kaliski, bot dieser Ansatz eine berufliche Perspektive. Sie hätte wegen ihrer durch Kinderlähmung bedingten Gehbehinderung zur damaligen Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Anstellung an öffentlichen (staatlichen) Schulen gefunden.Werner Fölling: Zwischen deutscher und jüdischer Identität. S. 99/100
Ein Unterricht im Freien, geringe Klassengrößen für eine individuelle Betreuung, körperliche Betätigung inklusive Gartenpflege und die Lage in Waldnähe erschienen vielen Schülern und Eltern als attraktive Alternative zu einer staatlichen Schule im Häusermeer der Reichshauptstadt. Im Zusammenhang mit einigen prägenden Lehrergestalten der PriWaKi verweist Werner Fölling auch auf Kunst und Kultur als besondere Schwerpunkte der Schule. „In der Tat waren Jacob, dessen Erziehungsphilosophie sich unschwer mit den Ideen der Neuen Erziehung in Einklang bringen läßt, und der Musiklehrer Jospe diejenigen, die in ganz besonderer Weise die Kunst (Theater, Musik) und das Gemeinschaftsleben in der PriWaKi beseelt haben und damit der Schule ihre unverwechselbare Identität gaben. Hinzuzuzählen wäre – besonders für die Grundschulkinder – Ruth Ehrmann. Diese Lehrer fanden im Medium der Kunst einen pädagogisch geglückten und in den Methoden wenig verkrampften und konstruiert wirkenden Zugang zum Judentum, wobei auch Palästina und das Ostjudentum nicht ausgespart wurden.“Werner Fölling: Lehrer, S. 268. Details zu den genannten Lehrern siehe unten.
Westend, Eichkamp (SCC) Die noch in der Weimarer Republik in kleinem Rahmen zunächst mit 26 Schülern gestartete Private Waldschule Kaliski wurde quasi im letzten Moment gegründet. Schon im darauffolgenden Jahr wäre dies nicht mehr gelungen. Die Eigenwilligkeit und der Mut von Lotte Kaliski hatte dies ermöglicht, aber auch die Durchsetzungsfähigkeit und das Verhandlungsgeschick ihres Compagnons Heinrich Selver gegenüber den Behörden und deren vielen Dienststellen. Paul Jacob wiederum war zusammen mit einigen seiner Kollegen der soziale und emotionale Anker des Schulteams und galt den Schülern nicht zuletzt deshalb als wohl beliebtester aller Lehrer.Werner Fölling: Zwischen deutscher und jüdischer Identität. S. 191/192
Die noch kleine Schule durfte in den angemieteten Räumen des Sport-Clubs Charlottenburg in den Tribünengebäuden des Mommsenstadions nicht lange unterrichten. Der SCC, der sich in Zeiten der Weltwirtschaftskrise mit dem Stadionbau finanziell übernommen hatte, hatte das Stadion inzwischen an die Stadt Berlin übergeben. Diese kündigte 1933 der Waldschule Kaliski, um die von ihr genutzten Räume für das Mommsen-Gymnasium zu nutzen.Werner Fölling: Zwischen deutscher und jüdischer Identität. S. 105/106
Grunewald, Bismarckallee 35/37 Die von den Schülern „PriWaKi“ genannte Schule zog aufgrund der Kündigung ihres bisherigen Domizils notgedrungen und kurzfristig zum Oktober 1933 in die Bismarckallee 35/37 nach Berlin-Grunewald um, in die Villa der 1931 emigrierten jüdischen Kaufmannsfamilie Hartog Frank, direkt gegenüber der Grunewaldkirche. Villa und Grundstück waren von vornherein für Schulzwecke knapp bemessen, nur 270 Quadratmeter Wohnfläche hatte die Villa zu bieten. Für die Schüler hatte dies gegenüber den Verhältnissen im Eichkamp erhebliche Beschränkungen ihrer bis dahin großen Freiheiten zur Folge.Werner Fölling: Zwischen deutscher und jüdischer Identität. S. 106
Zu dieser Zeit bestand die Schülerschaft zu etwa fünfzig Prozent aus Kindern jüdischer Eltern, zu etwa fünfundzwanzig Prozent aus Kindern mit einem jüdischen Elternteil (in Nazi-Diktion war das Kind in diesen Fällen ein „jüdischer Mischling 1. Grades“) und zu weiteren rund fünfundzwanzig Prozent aus Kindern mit nichtjüdischen Eltern.Werner Fölling: Zwischen deutscher und jüdischer Identität. S. 103
Durch die 1. Verordnung zum Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 wurde die Zahl der Neuaufnahmen jüdischer Schüler an öffentlichen höheren Schulen (und Hochschulen) limitiert. Jüdische Schüler und Lehrkräfte wurden an den staatlichen Schulen generell ausgegrenzt, wodurch insbesondere Schulanfänger und jüngere Schüler stark betroffen waren, denn sie konnten dem für sie unbegreiflichen Geschehen noch nichts entgegensetzen. Eltern versuchten daher, ihre Kinder vor derart traumatischen Erfahrungen zu schützen, indem sie sie auf jüdische Schulen schickten, von denen es jedoch zunächst nicht genug gab bzw. deren Kapazität zunächst nicht ausreichte.
Die von den Nationalsozialisten als „arisch“ klassifizierten Schüler mussten die Schule auf Anordnung der Schulbehörde bis Ostern 1934 verlassen und sich in staatlichen Schulen anmelden. Die Schule musste aufgrund ihrer jüdischen Betreiberin als Private Jüdische Waldschule Kaliski neu firmieren und durfte demgemäß nur noch Schüler und Lehrer jüdischer Herkunft aufnehmen bzw. beschäftigen.Kiezspaziergang 9. November 2002 – Vom Roseneck zum Hagenplatz. berlin.de; abgerufen am 20. Juli 2015Kiezspaziergang 13. November 2004 – Vom Roseneck zum Hagenplatz, auf: berlin.de, abgerufen am 20. Juli 2015 Ende 1934 wurden rund 100 Schüler an der Waldschule Kaliski unterrichtet.Werner Fölling: Zwischen deutscher und jüdischer Identität. S. 111
Die Unterrichtsinhalte veränderten sich, um den Anfeindungen von außen, denen die Schüler täglich ausgesetzt waren, ein identitätsstiftendes Element entgegensetzen zu können. Die zumeist aus säkularen oder zum Christentum konvertierten Familien stammenden deutschen Schüler jüdischer Herkunft sollten sich nun mit dem Judentum und jüdischen Festen auseinandersetzen. Der erhaltene Stundenplan einer Obertertia (Jahrgangsstufe 9) der Waldschule Kaliski von 1938 zeigt eine sehr ausgefüllte Unterrichtswoche der etwa 14- bis 15-jährigen Schüler von morgens 8:15 Uhr bis abends 18:00 Uhr, mit Mittags- und Kaffeepausen. Nur der Samstagnachmittag und der Sonntag waren frei.Foto: Stundenplan Obertertia 1938, Waldschule Kaliski. jmberlin.de; abgerufen am 20. Juli 2015
Vor dem Hintergrund einer möglichen Emigration der Schüler und ihrer Familien wurde später das Fach Palästinakunde eingeführt. Der Spracherwerb gewann an Bedeutung, Englisch und Hebräisch standen jetzt im Fokus, aber auch der Erwerb praktischer Alltagsfähigkeiten rund um die Haushaltsführung.Schulalltag nach 1933. Kreuzzug gegen Kinder. swr.de; abgerufen am 20. Juli 2015Jugend 1918–1945. Jüdische Jugend. jugend1918-1945.de; abgerufen am 20. Juli 2015
Dahlem, Im Dol 2–6 mini|Werbliches Inserat für die Waldschule Kaliski in Berlin-Dahlem, 1937
1936 erfolgte ein weiterer Umzug der Waldschule Kaliski nach Berlin-Dahlem, in die Straße Im Dol 2–6. jmberlin.de; abgerufen am 20. Juli 2015 Auslöser für diesen letzten Umzug war der ab 1934 zunehmend aktive Widerstand „arischer“ Grundstücksnachbarn gegen die „Judenschule“. Die deshalb und wegen der weitaus größeren Nutzfläche neu angemietete großbürgerliche Villa Im Dol 2–6 stand gerade leer, ihre jüdischen Besitzer, ein Ehepaar Valentin, waren bereits ins Ausland emigriert. Die Waldschule entwickelte sich im Dritten Reich zu einem Schutzraum in einer als zunehmend feindlich empfundenen Umwelt.Ein sicherer Ort. In: Die Zeit, Nr. 19/1993 Dabei half das relativ abgeschirmte Ambiente: Hohe Bäume und dichte Büsche charakterisierten den weitläufigen Garten, es gab sogar ein Schwimmbecken darin. 1938 besuchten mehr als 400 Schüler die Waldschule Kaliski.Hochbegabt trotz Handicap. In: Jüdische Allgemeine, 16. März 2006; abgerufen am 20. Juli 2015
Lotte Kaliski gelang im Spätsommer 1938 die Emigration in die Vereinigten Staaten. Sie hat Deutschland bis zu ihrem Tod nie mehr besucht. Ihr Vater Max Kaliski wurde von den Nazis deportiert und kam am 1. September 1942 im Ghetto Theresienstadt um. holocaust.cz; abgerufen am 20. Juli 2015 gedenktafeln-in-berlin.de; abgerufen am 20. Juli 2015Werner Fölling: Zwischen deutscher und jüdischer Identität. S. 188Berliner jüdische Schulgeschichte: Die Kaliski-Schule. berlin-judentum.de; abgerufen am 20. Juli 2015
In der Pogromnacht vom 9. November 1938 blieb die Schule von nationalsozialistischen Übergriffen verschont.
Einem Runderlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, vom 15. November 1938 zufolge wurden sämtliche jüdischen Schüler infolge des Pogroms von den staatlichen Schulen verwiesen. Dadurch stieg die Schülerzahl der Privaten Jüdischen Waldschule Kaliski noch einmal an, auf bis zu 600 Schüler.
Im März 1939 musste die Schule auf Anordnung der Nationalsozialisten schließen.
Nachnutzung Unmittelbar darauf übernahm das Auswärtige Amt das SchulgeländeWaldschule Kaliski: Erinnerung an eine Zuflucht. In: Der Tagesspiegel, 18. April 2001; abgerufen am 20. Juli 2015 und richtete unter Minister Joachim von Ribbentrop zwischen 1939 und 1945 auf dem Grundstück Im Dol 2–6 eine Nachrichtenzentrale mit Sende- und Empfangsstationen sowie Neubauten für „Sonderaufgaben“ ein, darunter eine Chiffrier- und Dechiffrierstation mit dem Decknamen „Pers Z“, auch genannt „Sonderdienst Dahlem“.Die vergessene jüdische Waldschule. In: Berliner Zeitung, 16. Juni 2000
1949 richtete der Phoniater Hermann Gutzmann jr. in den Bunkerräumen der ehemaligen Nachrichtenzentrale seine privat finanzierte „Zentralstelle für Sprachgestörte“ ein. 1951 übernahm der Bezirk Charlottenburg die Zentralstelle als städtische Einrichtung, die dem Krankenhaus Westend angegliedert wurde. 1958 erfolgte die Übernahme als Universitäts-Poliklinik für Stimm- und Sprachkranke (PSSK) durch die FU. 1961 wurde dort die erste Lehranstalt für Logopäden durch Gutzmann gegründet. Mit dem Bau des Klinikum Benjamin Franklin zog die PSSK in das Klinikgebäude an die Klingsorstraße, die Lehranstalt blieb bis in die Mitte der 1990er-Jahre in Dahlem, sie wurde dann zusammen mit der erneut umgesiedelten PSSK im ehemaligen US-Militärkrankenhaus an der Fabeckstraße untergebracht.
Heute ist die Adresse Sitz der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Als Bundesanstalt ist deren oberster Dienstherr das Auswärtige Amt. Eigentümerin der Liegenschaft ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), in Nachfolge der per 1. Januar 2005 aufgelösten Oberfinanzdirektion Berlin.Auflösung der Berliner Oberfinanzdirektion. Pressemitteilung vom 23. November 2004, berlin.de; abgerufen am 20. Juli 2015 Auf dem ehemaligen Schulgelände Bismarckallee 35/37 befindet sich heute der Neubaukomplex einer Einrichtung der Seniorenpflege.
Erinnerungen