Otto Lehmann (* 17. Juni 1943 in Solothurn; † 14. Oktober 2021Otto Lehmann ist gestorben: Als Mensch war er eher still – aber als Künstler kompromisslos. In: Luzerner Zeitung, 17. Oktober 2021. Abgerufen am 18. Oktober 2021.) war ein Schweizer Zeichner und Maler.Martin Kraft: Lehmann, Otto. In: Biografisches Lexikon der Schweizer Kunst. 1998, Bd. L-Z, S. 619.

Leben und Werk

Otto Lehmann absolvierte von 1958 bis 1963 in Solothurn eine Ausbildung zum Grafiker. Anschliessend studierte er an der Kunstgewerbeschule Bern. Bis 1981 arbeitete Lehmann als Gebrauchsgrafiker.

Lehmanns professionelle künstlerische Tätigkeit als Zeichner und Maler begann Mitte der 1970er Jahre. Im Umfeld der sogenannten «Innerschweizer Innerlichkeit», beschäftigte er sich mit geometrischen Formen und archaisch-zeichenhaften Symbolen wie Schlange, Frau, Dreieck, Gitter, Spirale. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre beschränkte er sich auf Bleistiftzeichnungen sowie auf die menschliche Figur und menschlich-tierische Hybridwesen, die als isolierte archetypische Gestalten in existenziellen Situationen gezeigt werden. (Abb. A)Franz Müller: Lehmann, Otto. In: De Gruyter, Allgemeines Künstler-Lexikon. 2015, Bd. 83, S. 520.

1980 begann in einer ersten Ausstellung die Zusammenarbeit mit der Galerie Jörg Stummer in Zürich.Hanspeter Rederlechner: Otto Lehmann. In: Ausstellungskatalog Galerie Jörg Stummer. 1980. Dort zeigte Lehmann Arbeiten, die sich durch eine emotional äusserst aufgeladene Figuration und einem physisch-heftigen Gestus der Zeichnung mit dem Bleistift ausdrückten. Diese Arbeiten führten im Kontext der damals aktuellen neoexpressiven, wilden figürlichen Malerei zu nationaler Anerkennung Lehmanns. Auf Einladung von André Kamber waren 1982 in einer Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn, zusammen mit Aldo Solari und Anselm Stalder, Wandtafelzeichnungen (Ölpastellkreide auf schwarz grundierten Sperrholz- und Holzfaserplatten) sowie Pinselzeichnungen zu sehen.André Kamber: Lehmann, Stalder, Solari. In: Ausstellungskatalog Kunstmuseum Solothurn. 1982, S. 34. Ab 1983 entstanden Acrylgemälde mit aggressiven Szenen und Stillleben-Arrangements.

Ab Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre entstanden Bilder mit abstrakten Raumstrukturen. Obwohl sie noch wie die figürlichen Motive als Projektionen eigener und gesellschaftlicher Befindlichkeit zu verstehen waren, gewann in diesen Arbeiten der Malprozess gegenüber der bedrohlichen inhaltlichen Dimension zunehmend an Bedeutung. Arbeiten aus dieser Werkphase zeigte Elisabeth Grossmann 1988 im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen. (Abb. B) Im gleichen Jahr war auch die Ausstellung in der Galerie Roberto Medici in Solothurn.Elisabeth Grossmann: Otto Lehmann. Namenloser Ort. In: Ausstellungskatalog Galerie Medici, Solothurn und Kunstmuseum des Kantons Thurgau. Kartause Ittingen, 1988. Die Werkgruppe kulminierte 1994 in Gemälden mit Streifen- und Bänderstrukturen, zu sehen in zwei von Nicolas Raboud kuratierten Gruppenausstellungen; 1997 im Musée Cantonal des Beaux-Arts in Freiburg und 1999 im Musée Cantonal des Beaux-Arts in Sitten, unter dem Titel Saxifrage, le désespoir-du-peintre, La tendance expressive dans la peinture suisse contemporaire.Nicolas Raboud: saxifrage. Ausstellungskatalog Musée Cantonal des Beaux-arts in Fribourg und Musée Cantonal des Beaux-arts in Sion, 1997 und 1999, S. 42f, 81.

In der Folge reduzierte Lehmann das formale Spektrum zugunsten von Experimenten mit unterschiedlichsten Zeichen-, Malmitteln und Techniken (Kugelschreiber, Tusche, Tintenroller, Perlacryl). (Abb. C) Was diese Arbeiten mit den Werken der 1980er Jahre verbindet, ist die physische Intensität des Entstehungsprozesses und die Vermeidung gefälliger Ästhetik. 2001 zeigte Christoph Vögele wiederum im Kunstmuseum Solothurn grossformatige Kugelschreiberzeichnungen und Tuschemalereien sowie eine Installation mit monochromen Bleistiftzeichnungen Lehmanns.Christoph Vögele: Zur Bedeutung des Striches im Schaffen von Otto Lehmann. In: Ausstellungskatalog Kunstmuseum Solothurn. 2001, S. 5.Franz Müller: Die neuen Tuschezeichnungen von Otto Lehmann. In: Ausstellungskatalog Kunstmuseum Solothurn. 2001, S. 9–13. Nach einer Phase mit aggressiven geometrischen Formen, die mit dem Bleistift auf monochrome Acrylgründe gesetzt sind, wandte sich Lehmann erneut der Malerei zu.

Ab 2007 entstanden Bilder mit zeichenhaft reduzierten Gegenständen, die oft einen architektonischen Charakter besitzen (Abb. D) und später wieder ungegenständliche Malereien mit amorphen Farbverläufen und abstrakte Bleistiftzeichnungen. Anschliessend zeichnete er mit dem Tuschepinsel holzschnittartig, grossformatig auf Rollenpapier. Es entstanden Werke mit den Titeln Die drei Grazien und Die drei Nornen. (Abb. E)

2014 gewann Lehmann den öffentlichen Wettbewerb für Kunst am Bau in der Justizvollzugsanstalt Solothurn in Zusammenarbeit mit seiner Frau Kristin Lehmann. Das Thema «Der Wollknäuel der Ariadne» überzeugte in seiner Konsequenz die Jury. Es entstanden fünf Wandzeichnungen, eingeschnitten in Sichtbeton und ausgefüllt mit Epoxydharz, Symbol für den abgewickelten Faden des Knäuels der Ariadne und drei Objekte in den nicht zugänglichen Lichthöfen zwischen den Zellengängen. Diese Objekte sind ebenfalls aufgebaut aus rotem Epoxydharz und stellen die Wollknäuel dar. Zur Arbeit erschien eine Broschüre mit dem Titel Kunst im Knast.Otto und Kristin Lehmann: Kunst im Knast. 2015, ISBN 978-3-033-04910-9.

Ab Anfang 2015 befasste sich Lehmann mit Farbstiftzeichnungen unter dem Titel Noli me tangere. (Abb. F) In diesen befasste er sich mit der Thematik der Schönheit in der Natur. Fotografischen Aufnahmen von Viren und Bakterien interessierten ihn.

Auszeichnungen 1976: Eidgenössisches Kunststipendium 1982: Eidgenössisches Stipendium für freie Kunst 1989: Joseph-Ebinger Gedenkpreis Luzern, anlässlich der Jahresausstellung im Kunstmuseum Luzern 1990: Preis für Malerei des Kantons Solothurn 1992: Preis der Jury Jahresausstellung der Innerschweizer Künstlerinnen und Künstler, Kunstmuseum Luzern 1994: Anerkennungspreis der Stadt Luzern

Ausstellungen

Einzel- und Doppelausstellungen 1983: Gemeindegalerie Gersag Emmenbrücke 1988: Galerie Medici, Solothurn 1988: Kunstmuseum des Kantons Thurgau, Kartause Ittingen 1989/1991: Galerie Seywald Salzburg 1990/1987: Galerie Prosart Luzern 1991/1986/1984: Galerie Thomas Flora Innsbruck 1994/1991/1989/1989/1986/1984/1982/1980: Galerie Jörg Stummer Zürich 1994: Sammlung Scheuermann Köln 1994:Kunstraum Burgdorf, mit René Zäch 1996/1993/1989: Galerie Patrik Fröhlich Bern 1997: Sammlung Scheuermann Köln, mit Michael Lehmann 1997/1991: Kunstraum Burgdorf 2001/1995: Kunstmuseum Solothurn 2002/1994: Galerie Hofmatt Sarnen 2003/2001: Galerie Patrik Fröhlich Zürich 2009/2003: Galerie Rössli Balsthal 2009/2007: Galerie Pia-Anna Borner Luzern 2011/2008: Galerie Brigitta Rosenberg Zürich 2021/2012/1993/1979/1976: Freitagsgalerie Imhof Solothurn 2016: M1 / Museum 1 Adligenswil 2016: o.T. Raum für aktuelle Kunst Luzern 2021/2018: Richas Digest Köln 2019/2017: Galerie Müller Luzern 2019: Kunstmuseum Solothurn 2021: Freitagsgalerie Imhof Solothurn 2021: RICHAS DIGEST Köln 2021:APROPOS Luzern, mit Kristin Lehmann

Gruppenausstellungen 1978: Musée Rath Genève, 1. Quadriennale der Schweizer Zeichnung 1980: Musée cantonal des beaux-arts de Lausanne, «Les musées suisses collectionnent l’art actuel en Suisse» 1980: Kunsthaus Zürich, «Schweizer Museen sammeln aktuelle Schweizer Kunst» 1981: Galeria Nacional de Arte Moderna Lisboa, «LIS 81 International Show» 1981: Kunstmuseum Luzern, «Der behauste Mensch», Figuratives / Figürliches. Ein Aspekt der Inner-Schweizer Kunst der Gegenwart 1982: Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, «Neue Kunst aus Schaffhauser Sammlungen» 1982: Kunstmuseum Solothurn mit Aldo Solari und Anselm Stalder 1992: Galerie Bob van Orsouw Zürich, «366 Zeichnungen» 1993: Kunstmuseum Olten, «Sammlungserweiterung 1983–1992» 1994: Kantonales Kulturzentrum Palais Besenval. Solothurn, «Aussenwelten – Innenwelten». Landschaften in zeitgenössischer Kunst 1997: Musée Cantonal des Beaux-Arts Fribourg, «Saxifrage, le désespoir-du-peintre», La tendance expressive dans la peinture suisse contemporain 1999: Musée Cantonal des Beaux-Arts Sion, «Saxifrage, le désespoir-du-peintre» 2000: Sharjah Arts Museum Sharjah, United Arab Emirates 2005: IG Halle Kunst Experiment Diskurs, Alte Fabrik, Rapperswil «langläufer-sammlung bosshard 2» 2005: The Sharjah Art Museum Sharjah, UAE United Arab Emirates, «The Artcard» 2007: Kunstmuseum Solothurn «Kopf im Kubus» Konstrukte und Konstruktionen aus der Graphischen Sammlung des Kunstmuseums Solothurn 2008: Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona «der lange Atem – Schweizerkunst 1978 bis 2008 aus der Sammlung Peter und Elisabeth Bosshard» 2013: Kunstmuseum Olten, BABEL. There’s a Heaven above You! 2015: Galerie ArtQ13. Rom. Anonyme Zeichner 2015: Galerie Geyson20. Braunschweig/BRD. Anonyme Zeichner 2015: Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten Berlin. Anonyme Zeichner 2016: Kunstverein Rüsselsheim/BRD. Anonyme Zeichner 2018: KunstZeugHaus Rapperswil-Jona. «Alphabet der Sammlung» 2020: Kunstraum Baden/CH. "TOUCH ME I'M SICK - Kunst blickt auf Krankheit" 2021: KunstWerkKöln "STORAGE" Einblick in eine Stadt. Zusammen mit Barbara Lehmann

Bibliographie 1982: Kunstmuseum Solothurn «Otto Lehmann. Anselm Stalder, Aldo Solari», Texte von André Kamber. 1983: Galerie Gersag, Emmenbrücke «Otto Lehmann. Wandtafelzeichnungen 1980-1982», Texte von Martin Kraft. 1984: Galerie Bloch, Innsbruck „Otto Lehmann“ Galerie Bloch, Innsbruck, Texte von Esther Bättig. 1984: Galerie Stummer, Zürich «Otto Lehmann. Bilder 1983/84», Texte von Peter Killer. 1986: Heft 1 «Otto Lehmann. Zwischen Raum», Texte von Dieter Bitterli, Michael Lehmann und Walter Lüssi. 1988: Kunstraum Medici, Solothurn / Kartause Ittingen, Kunstmuseum des Kantons Thurgau «Otto Lehmann», Texte von Elisabeth Grossmann. 1989: Galerie Jörg Stummer, Zürich «Otto Lehmann. Die Dunkelheit sichtbar machen», Texte von Elisabeth Grossmann. 1990: Heft 2 «Otto Lehmann. Innenraum», Texte von Sabine Altdorfer und Koni Bitterli. 1994: Heft 3 «Otto Lehmann. Verloren im Raum», Texte von Konrad Bitterli. 1994: Heft 4 «Otto Lehmann. Malerei zwischen Autonomie der bildnerischen Mittel und Repräsentation der Bildzeichen», Texte von Philip Pocock und Michael Lehmann. 1998: Biographisches Lexikon der Schweizer Kunst. Hrsg.: Schweiz. Institut für Kunstwissenschaft, Zürich / Lausanne, Text von Martin Kraft. 2001: Kunstmuseum Solothurn «Otto Lehmann», Texte: Franz Müller und Christoph Vögele. 2005: Museen der Schweiz. Kunstmuseum Solothurn, Herausgeber: Stiftung BNP Paribas Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, Zürich und Lausanne 2011: Otto Lehmann, «Bilder einer Reise im Kopf», Text: Roswitha Schild in: KunstBulletin. 5/2011 2015: Roswitha Schild: Minotaurus und Ariadne am Jurasüdfuss. In: Otto und Kristin Lehmann (Hrsg.): Kunst im Knast. (Heft 5). Justizvollzugsanstalt Solothurn, Eigenverlag, Adligenswil. 2017: Ausst.kat. Von Anselm bis Zilla. Die Sammlung Peter und Elisabeth Bosshard der Stiftung Kunst(Zeug)Haus. Rapperswil-Jona. Text von Suzanne Kappeler. Lars Müller Publishers, Zürich. 2019: Ausst.kat. Otto Lehmann. Noli me tangere. Kunstmuseum Solothurn. Mit Texten von Alice Henkes und Christoph Vögele. Verlag für moderne Kunst, Wien, ISBN 978-3-903320-07-9.

Literatur Kunstmuseum Solothurn: Otto Lehmann 2019, Noli me tangere. Mit Texten von Alice Henkes und Christoph Vögele. Verlag für moderne Kunst, Wien, ISBN 978-3-903320-07-9. Franz Müller: Lehmann, Otto. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Band 83. De Gruyter, 2014. Kunstmuseum Solothurn: Otto Lehmann. Mit Texten von Franz Müller und Christoph Vögele. Solothurn 2001.

Weblinks

(Stand 2021)