rechts|mini|Julius Brumsack 2009 in Oldenburg Julius Brumsack (* 19. Januar 1915 in Beverstedt; ✡ 22. Oktober 2011 in Oldenburg (Oldenburg)) war Kaufmann in Beverstedt und Überlebender des Holocaust. Er kam 1948 nach Beverstedt zurück und eröffnete ein Textilgeschäft.

Kindheit in Beverstedt In seinem NachlassZum Nachlass Julius Brumsacks: E. Brumsack, siehe Literatur. schildert Brumsack die Kindheit in Beverstedt als unbeschwerte Zeit. Die FamilienIn Beverstedt gab es zwei Familien Brumsack: Julius Vater Markus (im Ersten Weltkrieg als Frontkämpfer 1915 gefallen), seine Mutter Emma (geb. Schragenheim) und seine Schwester Grete sowie Siegmund Brumsack mit seiner Frau Elise (geb. Schragenheim, gest. 1941) und den Kindern Annelise und Hans Leo. Überlebt haben nur Julius und seine Cousine Annelise. waren Mitglied der jüdischen Gemeinde Osterholz-Scharmbeck, trafen sich oft im Familienkreise am Sabbat. 1927 feierten die Kinder Annelise, Hans Leo und Julius die Bar Mitzwa. Die Männer waren Mitglied im Schützenverein und in der Feuerwehr. Die Frauen nahmen an Wohltätigkeitsveranstaltungen und Kaffeekränzchen teil und gehörten zum Frauenverein. Mit zehn Jahren wechselten Julius und seine Geschwister von der Volksschule zur privaten Mittelschule in Beverstedt. Dort lernte Julius Englisch. Bei seiner späteren Flucht nach Großbritannien kam ihm das zugute, wie auch seine Leidenschaft fürs Briefmarkensammeln.

Jugend und Ausbildung in Sehnde links|mini|Julius Brumsack 1932 im Geschäft der „Gebrüder Schragenheim“ in Sehnde Als Julius und sein Cousin Hans Leo 14 Jahre alt waren, begannen sie eine kaufmännische Lehre bei Verwandten in Sehnde.Julius Königheim und seine Frau Paula sowie deren Bruder Salli Schragenheim hatten keine Nachkommen, deshalb waren Julius und Hans Leo Brumsack als Erben für das Textilhaus „Gebrüder Schragenheim“ vorgesehen.Infoblatt vom Schicksal jüdischer Einwohner Sehndes

Die Machtergreifung Hitlers wirkte sich zunächst im Alltagsleben der Familien nicht so stark aus. Man gab sich dem Trugschluss hin: Wir sind doch nicht gemeint! Wir sind doch treue Deutsche! (E. Brumsack, siehe Literatur, S. 184) Nach einer Reise nach Jugoslawien nahm man Julius Brumsack seine Kamera ab, verdächtigte ihn der Spionage und Postbeamte, mit denen er durch Briefmarkensammeln verbunden war, ließen ihn wissen, dass er von der Gestapo überwacht und seine Post kontrolliert würde. Auf offener Straße wurde er von einem SS-Mann verprügelt, weil er „Kontakte zu einem arischen Mädchen pflegte“. (E. Brumsack, siehe Literatur, S. 185)

Julius Brumsack erlebte die Pogromnacht 1938 in Hannover, entging aber durch einen glücklichen Umstand der Verhaftung. Sein Cousin Hans Leo wurde verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Jetzt war Julius Brumsack klar, dass er Deutschland verlassen musste. Aber wohin sollte er gehen?

Diskriminierung und Verfolgung in Beverstedt Am 1. April 1933 wurde reichsweit ein Judenboykott ausgerufen. Er richtete sich gegen jüdische Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien. In Beverstedt ließen sich nicht alle Einwohner von den SA- und SS-Männern vor den Geschäften vom Einkauf abhalten. Viele kauften in der Schlachterei Brumsack nach Ladenschluss durch den Hintereingang und wenn es dunkel war. Viele Bauern wollten auch aufgrund ihrer guten Erfahrungen die Geschäfte zu den jüdischen Viehhändlern beibehalten.

Der deutsche Konkurrent, das war Friedrich Teschen – NSDAP-Mitglied, Viehagent bei der Viehverteilungsstelle in Wesermünde und Kreisamtsleiter der NSV in Beverstedt. Am 8. August 1935 erließ der Landesbauernführer der Landesbauernschaft Hannover eine Anordnung.

Bereits eine Woche später kündigte die Spar- und Darlehnskasse Meyerhof-Beverstedt einen Kredit von 7.000 Reichsmark.Die Originale des Vorgangs sind nicht mehr erhalten. In einer Erklärung vom 1. Februar 1948 hat Emil Lührs (damaliger Bürgermeister und Rendant der Kasse) betont: „Wir haben es aber abgelehnt, gegen Brumsack, der sich uns gegenüber stets korrekt benommen hat, Zwangsmaßnahmen zu ergreifen. Alle diesbezüglichen Anweisungen haben wir nicht befolgt und Brumsack Zeit gegeben, seine Verpflichtungen bei uns zu erledigen, wann er dazu in der Lage war.“ Schriftlich belegt ist jedoch, dass Siegmund Brumsack Ende Dezember 1935, also zwei Monate nach der Bankforderung, ein 1,6 ha großes Weidestück und 0,3 ha Ackerland verkaufen musste, um den größeren Teil des Kredits (4.500 RM) an die Spar- und Darlehnskasse zurückzuzahlen. Die Restsumme musste wohl erst Ende 1938 zurückgezahlt werden. (siehe: E. Brumsack, siehe Literatur, S. 190) Am 8. September 1935 bat Siegmund Brumsack das Finanzamt Wesermünde um Stundung der Einkommens- und Umsatzsteuer für August.„Obwohl wir mit fünf Brüdern Frontkämpfer waren und einer unserer Brüder gefallen ist, hat man uns als Nichtarier vom Schlachthof Wesermünde ausgeschlossen und man boykottiert auch unsere Schlachterei. Wir stehen vor dem Ruin, haben keine Einnahme und Verdienstquelle und auch keine sonstigen Mittel, um unsere Steuern bezahlen zu können. ... Der Kredit ist uns auf Anordnung der Landesbauernschaft Hannover durch die Spar- und Darlehnskasse Meyerhof mit sofortiger Wirkung gesperrt und gekündigt worden.“ siehe: E. Brumsack, siehe Literatur, S. 189.

Anfang 1939 musste das von Siegmund, Elise, Annelise und Hans Leo Brumsack bewohnte Haus in der Poststraße an die Familie Busch verkauft werden. Beide Familien lebten danach in dem Haus von Emma, Grete und Julius Brumsack in der Meyerhofstraße. Von dem Erlös von 9.100 RM, der von der NSDAP festgelegt worden war, wurden die Restverbindlichkeit gegenüber der Spar- und Darlehnskasse und die Judenvermögensabgabe beglichen, so dass nichts übrig blieb. Der Schlachterei- und Viehhandelsbetrieb, der die Existenzgrundlage für alle Familienmitglieder gewesen war, musste 1937 eingestellt und an einen "arischen" Schlachter verpachtet werden. Die Brumsacks arbeiteten als Tiefbauarbeiter in Bremerhaven und in einer Sackfabrik in Hahnenknoop (heute Loxstedt). Siegmund Brumsack wurde aus dem Schützenverein ausgeschlossen. Der Name „Markus Brumsack“ wurde aus dem Gefallenenehrenmal des Ersten Weltkriegs herausgemeißelt und erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf Betreiben seines Sohnes Julius wieder hinzugefügt.

Flucht nach Großbritannien Am 28. April 1939 verließ Julius Brumsack Deutschland. Er hatte im Februar die Einreiseerlaubnis nach England bekommen.Ein Briefmarkenfreund aus Glasgow stand für Brumsack als Bürge ein, er hatte die Zusage für eine Arbeitsstelle und sein Onkel Salli zahlte die Transportkosten und die Reichsfluchtsteuer. Ende 1939 erhielt er vom Jewish Aid Committee die dringende Empfehlung, sich als jüdischer Flüchtling für den Kampf gegen Hitler-Deutschland zu melden. So würde er der Verhaftung als „Enemy Alien“ und dem Internierungslager entgehen.

In einer Brigade jüdischer Flüchtlinge ging es 1940 mit den British Expeditionary Forces (BEF) nach Frankreich; Anfang Juni 1940 wurde er aus dem Kessel von Dünkirchen evakuiert. Er musste sich einen neuen Namen zulegen, um bei einer möglichen Gefangennahme nicht als Verräter zu gelten. Die Initialen JB sollten beibehalten werden – er nahm den Namen Jeffrey Barclay an. 1944 kam er im Laufe der Invasion erneut als britischer Soldat über den Kanal nach Frankreich. In Brüssel erlebte er die Kapitulation Deutschlands.

An verschiedenen Orten u. a. in Osterholz-Scharmbeck und Stade, nahm er als Dolmetscher an Verhandlungen gegen NS-Leute und an Entnazifizierungsverfahren teil.

Rückkehr nach Beverstedt und Aufklärung des Schicksals seiner Familie links|mini|Julius Brumsack als britischer Soldat Ostern 1946 Mehrere Male suchte er von Bielefeld aus das Haus Schragenheim in Sehnde auf, um etwas über das Schicksal seiner Angehörigen zu erfahren. Von Stade unternahm er mit einem Leichtmotorrad die erste Fahrt nach Beverstedt.

Gleich nach Kriegsende schrieb Brumsack aus Bielefeld unter dem Pseudonym Joseph Braun an die Gemeinde Beverstedt, um etwas über das Schicksal der Familie Brumsack zu erfahren. Er erhielt keine wirkliche Auskunft.Bürgermeister Reichers antwortete Joseph Braun am 26. Oktober 1945: „Auf umseitiges Schreiben erwidere ich, daß die beiden Familien Brumsack in Beverstedt nicht mehr wohnen. Eine Adresse, wohin sie seinerzeit bei der Auswanderung hingekommen sind, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Elfriede Brumsack schreibt dazu: „Dass 'Auswanderung' ab einem gewissen Zeitpunkt 'Ermordung' bedeutete, wusste jeder, der es wissen wollte. Und ebenso wohl bekannt war es dem Bürgermeister, dass man das Hab und Gut der Familie Brumsack, ..., nach ihrer Deportation versteigert hatte.“ (E. Brumsack, siehe Literatur, S. 199). Ende August 1948 verließ Brumsack England endgültig. Im November heiratete er seine Freundin Emmi Barg, 1950 wurde sein Sohn Hans-Jürgen und 1955 die Tochter Sabina geboren. In einem Briefwechsel mit der Israelitischen Gemeinde in Hannover beklagte Julius Brumsack die „mangelnde Auskunftsbereitschaft der Beverstedter Bevölkerung“.„Es waren natürlich einige große Hetzer hier selbst, die mir auch bekannt sind, doch was kann ich unternehmen, wenn ich selbst keine Zeugen bringen kann und mich nur auf sogenanntes Gerede verlassen muss?“ (aus einem Brief an die Israelitische Gemeinde am 10. Dezember 1948, siehe E. Brumsack, siehe Literatur, S. 200)

Es gelang aber, die Geschehnisse um seine Familie weitgehend zu rekonstruieren. Der Polizeimeister Toskowski beschrieb die Deportierung der Familienmitglieder nach Bremen, die Plombierung des Besitzes bis zur Versteigerung durch den Auktionator Heinrich Jäger am 8. Dezember 1941 und am 7. April 1942. Der leugnete später die Existenz von Versteigerungslisten. Unter Schwierigkeiten bekam Brumsack sie aber doch. In der Schulchronik des Volksschullehrers Ludwig Behrens fand sich die Eintragung: „Beverstedt seit dem 17.11.1941 judenfrei.“ Die Spuren der Angehörigen von Julius Brumsack enden am 18. November 1941 in Bremen. Sämtliche Familienmitglieder aus Beverstedt und Sehnde (darunter seine Mutter, Schwester, sein Cousin sowie Onkel und Tanten) wurden von den Nazis ermordet. Einzig seine Cousine Annelise konnte sich mit Julius Hilfe noch nach England retten (siehe E. Brumsack, siehe Literatur, S. 206f). Sein Elternhaus in der Meyerhofstr. 2 kaufte die Familie Schnaars für 11.000 RM (siehe E. Brumsack, siehe Literatur, S. 205f).

Neuanfang aus dem Nichts in Beverstedt

Anwälte versuchten im Auftrag der Beverstedter Nutznießer des Brumsackschen Familien-Eigentums mit allen Mitteln, die Zwangsverkäufe in der Nazi-Zeit als freiwillig zu deklarieren. Es wurde auch versucht, die Maßnahme als Folge der zurückgehenden Umsätze darzustellen, so dass der Verkauf nötig war, um Darlehensschulden zu begleichen.

mini|Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Beverstedt Bei seiner Rückkehr nach Beverstedt und Sehnde stieß Julius Brumsack zunächst auf eine Mauer des Schweigens und Leugnens. Erst Anfang 1951 erhielt Brumsack das elterliche Anwesen zurück. Zum Beispiel musste er absurderweise in einem zweijährigen Verfahren gerichtlich durchsetzen, den Schaden für Fahrrad und Radio ersetzt zu bekommen – über den Wert der Sachen wurden Zeugen gehört, die über Marke, Alter und Beschaffenheit Auskunft geben sollten. Der Anspruch auf Ersatz des Versteigerungserlöses für 385 im Dezember 1941 versteigerte Gegenstände wurde vom Wiedergutmachungsamt abgelehnt. Brumsack wurde auch zum Vorwurf gemacht, „er habe nicht für Deutschland gekämpft, sondern die Zeit des Krieges im Ausland verbracht“. (E. Brumsack, siehe Literatur, S. 210)

Für die Anerkennung als „rassisch Verfolgter“ sollte Brumsack 1949 beim Kreisarzt untersucht werden. Zwei Jahre nach der Antragsstellung ging es plötzlich auch ohne dieses Attest.

Julius Brumsack hat man öfters die Frage gestellt, warum er nach Deutschland zurückgekehrt sei. In seinen Aufzeichnungen hat er die Antwort aufgeschrieben: