miniatur|Tschechische Ausgabe der Kleinseitner Geschichten aus dem Jahr 1902 miniatur|Jan Neruda Kleinseitner Geschichten (tschechisch Povídky malostranské) ist eine Sammlung von Erzählungen des tschechischen Schriftstellers Jan Neruda, die 1878 erstmals erschien.
Charakteristik Nerudas Erzählungen, die zwischen 1867 und 1877 einzeln in verschiedenen Prager Zeitschriften erschienen waren und 1878 gesammelt in Buchform herauskamen, zählen zu den herausragendsten und auch international bekanntesten Werken der tschechischen Literatur. Darin schildert der Autor die kleinbürgerlichen Bewohner der Prager Kleinseite, eines Stadtteils links der Moldau, wie er sie selbst in seiner Kindheit und Jugend in den 1840er Jahren erlebte. Vorbild der Beschreibung realer Menschen dieser Gegend war der russische Realismus. Schon 1859 forderte Neruda:
Wie schon in der 1864 erschienenen Sammlung Arabesken wandte sich Neruda von der ihm überholt scheinenden romantischen Novellentradition ab und einer psychologisch-realistischen Genreskizzierung zu. Seine Milieuskizzierung wendet die Idylle zu einer milden Form der Groteske, die Erzählweise ist subjektivistisch-ironisch. Je nach Aussage der einzelnen Geschichten ist der Stil bald satirisch-süffisant, bald humorvoll oder auch sentimental. So entwickelt der Autor eine regelrechte Typologie der gesellschaftlichen Unterschicht der Kleinseite, in der der Gegensatz von unten und oben eine große Rolle spielt. Das Buch hat richtungsweisende stilistische Maßstäbe für die tschechische Literatur gesetzt. Autoren wie Jaroslav Hašek und Karel Čapek nahmen sie als Vorbild. Über die Natürlichkeit der Sprache Nerudas sagte die Schriftstellerin Eliška Krásnohorská, er habe den Zaubertrick gefunden,
miniatur|Haus Zu den Zwei Sonnen mit Gedenktafel für Jan Neruda in der Spornergasse Die Prager Kleinseite Schauplatz der Erzählungen Nerudas ist die Kleinseite, ein Stadtteil Prags, der bis 1784 eine selbständige Stadt war. Sie liegt unterhalb der Prager Burg mit ihren steilen Gassen, die sich zu Füßen des Laurenzibergs erstrecken, und unterscheidet sich im Charakter deutlich von der Prager Altstadt auf der anderen Seite der Moldau. Neruda wurde hier in der ehemaligen Spornergasse geboren, heute Nerudova 47, wo seine Mutter einen kleinen Greißlerladen hatte, in den die kleinen Leute der Umgebung zum Einkauf kamen. Die Menschen und Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend sind später in die Gestaltung der Erzählungen Nerudas eingeflossen. Auch spätere Schriftsteller haben diesen malerischen Stadtteil immer wieder zum Schauplatz ihrer Werke gemacht, die Kleinseite beschrieben und besungen.
Inhalt Die Sammlung besteht aus dreizehn Geschichten. Eine Woche in einem stillen Hause (Týden v tichém domě), 1867
Der Autor schildert Episoden in einem Haus auf der Prager Kleinseite. Nach und nach lernt der Leser die Bewohner des Hauses und ihre Sorgen und Nöte kennen. Gleich zu Beginn entdecken die Bewohner den Tod der alten Žanýnka, deren Hund andauernd verzweifelt bellt. Im Erdgeschoss lebt die Bavorová, die eine kleine Greißlerei betreibt und aus Träumen die Zahlen für die Lotterie herausliest. Ihr Sohn Václav ist Praktikant im Amt, versucht sich aber in der Literatur. Der Hausherr ist Herr Eber, der in einem Amt arbeitet; er wohnt mit seiner Frau und zwei Töchtern im ersten Stock. Die Tochter Matylda ist auf der Suche nach einem Bräutigam; der Oberleutnant Kořinek wird ihr von einer Freundin weggeschnappt. Der Herr Doktor Loukot wohnt zur Untermiete bei Herrn Lakmus und seiner Frau, die für ihre Tochter Klara auf der Suche nach einem Mann ist. Der Doktor aber schmachtet das arme Fräulein Josefinka aus dem zweiten Stock an und macht sich trotz seines höheren Alters ernstliche Hoffnungen auf sie. Wir lernen auch die literarischen Versuche Václavs kennen, der höchst respektlos über seinen Alltag im Amt schreibt, und dem Doktor die Zeilen zum Lesen überlässt. Als er erfährt, dass Josefinka in Kürze heiraten wird, gibt der Doktor den intensiven Avancen von Frau Lakmusova für ihre in ihn verliebte Tochter Klara nach. Die vornehm tuende Hausherrnfamilie ist finanziell am Ende. Als die Bavorová einen bedeutenden Lotteriegewinn macht, heiratet Václav deren Tochter Matylda, auf die er schon lange ein Auge geworfen hatte, aber bisher keine Aussichten hatte.
Herr Ryšánek und Herr Schlegl (Pan Ryšánek a pan Schlegl), 1875
Der Autor berichtet vom Lokal „Zum Steinitz“, dem führenden Gasthaus der Kleinseite, in dem nur angesehene „Größen“ des Stadtteils verkehrten. Als er selbst soweit Karriere gemacht hatte, um ebenfalls dort einkehren zu können, beobachtete er zwei Stammgäste, die täglich am selben Tisch saßen, aber 10 Jahre lang kein Wort miteinander sprachen. Sie ignorierten sich vollständig, weil sie einmal dieselbe Frau geliebt hatten. Obwohl sie schon lange tot war, blieb die Feindschaft der Herren bestehen. Keiner wollte nachgeben. Eines Tages aber erkrankte Herr Ryšánek ernstlich und konnte drei Monate lang nicht zum Steinitz kommen. Als er zum ersten Mal wieder, schwach und abgemagert, erschien, wurde er von allen Gästen sehr herzlich begrüßt und auch er selbst war gerührt. Nur im Verhältnis zu seinem Tischgenossen hatte sich nichts geändert. Da bemerkte er, dass er seinen Tabaksbeutel zu Hause vergessen hatte und schickte einen Buben, ihn zu holen. Da schob plötzlich, ohne hinzusehen, Herr Schlegl seinen Beutel über den Tisch und bot ihn Herrn Ryšánek an. Dieser reagierte lange nicht, doch dann dankte er. Nachdem sich allmählich ihre Blicke getroffen hatten, sprachen sie seit diesem Moment wieder miteinander – nach elf Jahren des Schweigens.
Die hat den Bettler zugrunde gerichtet (Přivedla žebráka na mizinu), 1875
Der Autor erinnert sich an einen Bettler aus seiner Jugendzeit, der überall auf der Kleinseite bekannt war. Er machte einen ordentlichen Eindruck und bekam von allen Leuten stets eine Kleinigkeit geschenkt – sei es Geld oder Sachspenden. Selbst vom örtlichen Polizisten war er durchaus anerkannt und wurde von ihm immer per Sie angesprochen. Die Wege des Herrn Vojtíšek, so hieß er, waren immer gleich und sein Tagesablauf geregelt. Doch einmal machte sich eine andere Bettlerin an ihn heran und umwarb ihn; denn sie wollte mit ihm zusammenziehen. Doch Vojtíšek wollte davon nichts wissen. Seit dieser Zeit verbreiteten sich unerklärliche Gerüchte auf der Kleinseite, er wäre in Wahrheit gar nicht arm und hätte anderswo zwei Häuser. Die Leute fühlten sich betrogen und ärgerten sich über ihn. Fortan wollte ihm niemand mehr etwas geben, man spottete über ihn und fragte ihn seinerseits nach einem Darlehen, das man benötige und so fort. Vojtíšek litt nun nicht nur Mangel, er war auch menschlich tief in seiner Ehre getroffen. Er kam immer mehr herab, wurde immer seltener gesehen und konnte auch in anderen Stadtteilen nicht reüssieren, da man ihn dort ja nicht kannte. Schließlich wurde er eines Tages erfroren aufgefunden, denn er hatte nicht einmal mehr ein Hemd.
Das weiche Herz der Frau Ruska (O měkkém srdci paní Rusky), 1875
Der allseits beliebte Kaufmann Josef Velš war gestorben und wurde über seinem Laden aufgebahrt. Er hatte zwar keine näheren Verwandten, trotzdem kamen viele Leute, die ihn gekannt hatten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Es kam auch die Frau Ruska, eine Witwe, die den Verstorbenen nicht gekannt hatte. Sie war dafür bekannt, auf alle Begräbnisse zu gehen, und dort vergoss sie ihre Tränen. So war es auch hier beim Herrn Velš. Sie trat an den Sarg heran, betrachtete den Verstorbenen und weinte. Dann begann sie zu den neben ihr stehenden, ihr ebenfalls unbekannten Frauen, einige despektierliche Bemerkungen über den Toten und seine schon länger verstorbene Frau zu machen. Empört wurde sie aus dem Zimmer gewiesen, und da auch ein Polizeikommissar unter den Leuten war, wurde sie von einem Polizisten zurück in ihre Wohnung begleitet, damit sie nicht länger stören konnte. Dann hatte sie sich auf dem Kommissariat einzufinden und wurde dort sehr streng ermahnt, künftig auf keinen Begräbnissen mehr zu erscheinen. Daran musste sie sich halten. Nach einiger Zeit jedoch wechselte sie ihre Wohnung. Sie bezog nun ein Haus, an dem alle Begräbniszüge vorbeiziehen mussten. Dann trat sie vor das Tor und weinte bitterlich.
Abendplaudereien (Večerní šplechty), 1875
Auf den Dächern zweier Häuser auf der Kleinseite trafen sich einige Studenten in der Dunkelheit. Sie plauderten und scherzten. Abwechselnd sollte immer ein anderer das Thema ihrer Plaudereien vorgeben. Diesmal war Jäkl dran und schlug vor, die frühesten Erinnerungen, die jeder von ihnen hatte, zu erzählen. Doch dann berichtete er seinen Freunden, dass er verliebt sei. Die betreffende Frau war Lízinka, in die er schon seit seiner Kindheit verliebt war. Nach langen Jahren traf er sie nun wieder und die beiden kamen sich näher. Als Lízinka aber eine Zeit lang fortreiste, kam sie mit einem Kind zurück.
Doktor Allesverderber (Doktor Kazisvět), 1876
Dr. Heribert war ein seltsamer Mensch. Obwohl er Medizin studiert hatte, arbeitete er niemals als Arzt. Er sprach auch mit niemandem und vermied möglichst jeden Kontakt zu Menschen. Doch eines Tages geschah etwas Seltsames. Zum Aujezder Tor zog ein Leichenzug. Der ständische Rechnungsrat Schepeler sollte begraben werden und alle Teilnehmer an diesem Leichenzug hatten ein seltsam zufriedenes Gesicht. Aus den unterschiedlichsten Gründen waren sie alle, auch die Witwe, offenbar durchaus wirklich zufrieden, dass der Mann gestorben war. Nur dessen bester Freund Kejřík trug wirkliche Trauer zur Schau. Als man den Sarg vom Wagen heben wollte, fiel er zu Boden, der Deckel sprang auf und die Hand des Verstorbenen ragte aus dem Sarg hervor. Gerade in diesem Moment stand zufällig Dr. Heribert an jener Stelle, an der der Sarg zu Boden gefallen war. Unwillkürlich ergriff der Doktor die Hand der Leiche, fühlte sie und musterte die Leiche genau. Dann sagte er, der Mann sei gar nicht tot. Gegen den Protest des Arztes, der Schepeler für tot erklärt hatte, aber mit Unterstützung des Freundes Kejřík, wurde der Leichnam in ein Haus gebracht und eingehend untersucht und behandelt. Und tatsächlich gelang es Dr. Heribert Schepeler wieder ins Leben zurückzurufen. Nach zwei Monaten konnte er schon wieder ins Amt gehen. Alle Menschen auf der Kleinseite sprachen damals von diesem unerhörten Fall, ja es wurde sogar in der Zeitung davon geschrieben. Dr. Heribert aber erhielt den Namen „Doktor Allesverderber“, denn er hatte allen Teilnehmern am Leichenzug, allen Erben, ihre Erwartungen mit der wundersamen Heilung des Rechnungsrates gründlich verdorben. Nach diesem Vorfall behandelte Dr. Heribert wiederum keinen einzigen Menschen wie zuvor.
Der Wassermann (Hastrman), 1876