mini|Männchen im abgenutzten Brutkleid
Der Wüstenregenpfeifer (Anarhynchus leschenaultii, Synonym: Charadrius leschenaultii) ist eine Watvogelart aus der Familie der Regenpfeifer (Charadriidae), die Wüstensteppen und Halbwüsten im Nahen Osten und in Zentralasien bewohnt. Das Verbreitungsgebiet reicht von Anatolien bis in die Mongolei.
Beschreibung Der Wüstenregenpfeifer gehört zu den größeren Arten der Gattung Anarhynchus und ist mit 22–25 cm Körperlänge durchschnittlich meist deutlich größer als ein Sandregenpfeifer. Die Flügelspannweite liegt zwischen 53 und 60 cm, das Gewicht zwischen 55 und 121 g.Wiersma et al. (2013), HBW Alive Der schwarze Schnabel ist für einen Regenpfeifer außergewöhnlich lang und klobig, was eines der Unterscheidungsmerkmale zum sehr ähnlichen Mongolenregenpfeifer darstellt.von Blotzheim 1975, S. 257f Der Wüstenregenpfeifer ist zudem hochbeiniger und kann in der Gesamtgestalt an eine Pluvialis-Art erinnern.Lars Svensson, Peter J. Grant, Killian Mullarney, Dan Zetterström: Der neue Kosmos Vogelführer. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH, Stuttgart, 1999, ISBN 3-440-07720-9, S. 130 f Die Beine können recht variabel gefärbt sein, sind aber im Unterschied zu den schwarzen Beinen des Mongolenregenpfeifers meist eher matt grünlichgrau. Die Iris ist dunkelbraun.
Männchen und Weibchen unterscheiden sich im Brutkleid recht deutlich durch die Kopfzeichnung. Im Schlichtkleid sehen sie gleich aus.
Beim Männchen im Brutkleid sind Scheitel und Oberseite hell sepiabraun mit rostfarbener Tönung im Gesichts- und Nackenbereich sowie auf einzelnen Federn auf dem Rücken. Die Stirn ist weiß, mittig von einem senkrechten, schmalen schwarzen Band geteilt und sowohl von einem schwarzen Stirnband als auch einem schwarzen Zügelstreif eingefasst. Letztere vereinigen sich zu einer breiten Augenbinde, die bis auf die teils eher bräunlich gefärbten Ohrdecken reicht. Der helle Überaugenstreif ist meist verwaschen rostfarben. Von der weißen Unterseite setzt sich ein lebhaft zimtfarbenes Brustband ab, das zur weißen Kehle hin scharf begrenzt ist, insbesondere zu den Flanken hin aber fleckig ausläuft und in der Brustmitte meist schmaler ist. Der graubraune Oberflügel wird zur Spitze und zu den Armschwingen hin dunkler. Die weiße Flügelbinde, die auf dem Armflügel recht schmal ist, reicht bis zur Mitte der Handschwingen. Auf den äußeren Handschwingen ist sie allenfalls verwaschen ausgeprägt.Hayman et al. 1986, S. 300 f Die Steuerfedern sind graubraun mit feinem, dunklem Subterminalband und weißem Spitzensaum; die äußeren beiden Steuerfederpaare haben zudem eine weiße Außenfahne, was die Schwanzaußenkanten weiß erscheinen lässt. Die Oberschwanzdecken sind weißlich gesäumt.
Beim Weibchen im Brutkleid ist die schwarze Kopfzeichnung des Männchens durch graubraune Partien ersetzt und allenfalls einzelne Federn schwarz. Die rostbraunen Töne der Oberseite sind matter oder fehlen; das Brustband ist schmaler und matter gefärbt.
Im Schlichtkleid fehlen bei beiden Geschlechtern die schwarzen und rostfarbenen Partien völlig. Die weißliche Stirn geht in den recht schmalen weißen Überaugenstreif über. Das Brustband ist auf graue Felder an den Brustseiten reduziert. Manchmal ist es auch schmal durchlaufend ausgeprägt. Die Oberseite ist graubraun mit hellen Säumen an den Oberflügeldecken, die Oberschwanzdecken sind etwas breiter hell gerandet, als im Brutkleid. An den Flanken sind manchmal einige graue Federn zu finden, ansonsten ist die Unterseite rein weiß.
Das Jugendkleid ähnelt dem Schlichtkleid, jedoch sind die hellen Säume des Oberseitengefieders eher gelbbraun. Auch der Überaugenstreif ist oft eher gelblich-braun und verwaschen. Die Brustseiten sind warm gelbbraun mit dunklen Federzentren.
Da beide Arten recht variabel sind und es in allen wesentlichen Merkmalen einschließlich der Körpergröße Überschneidungen geben kann, gestaltet sich in manchen Fällen die Unterscheidung vom Mongolenregenpfeifer sehr schwierig. Bei Beobachtungen unter schlechten Bedingungen sollte gegebenenfalls von einer eindeutigen Festlegung abgesehen werden.Hayman et al. 1986, S. 299 Beim Mongolenregenpfeifer ist der Schnabel im Allgemeinen feiner, der Kopf wirkt fast immer rundlich. Beide Arten sind langbeiniger als der Seeregenpfeifer, beim Wüstenregenpfeifer ist dies meist aber noch deutlicher ausgeprägt. Weitere Indizien sind die Beinfarbe, die Beschaffenheit der Flügelbinde, der Weißanteil auf dem Schwanz und die Stimme. Im Brutkleid ist das Brustband des Wüstenregenpfeifers meist weniger ausgedehnt.Hayman et al. 1986, S. 393
Stimme Der häufigste Ruf ist ein kurzes, hart trillerndes trrrrri, das auch bisweilen schnell gereiht oder in die Länge gezogen wird. Der Gesang am Brutplatz ist ein wiederholtes melodisch-pfeifendes pipruirr pipruirr pipruirr. Zudem wird eine aufsteigende Rufreihe etwa als dui dui tui duit beschrieben.
Verbreitung Das Brutgebiet des Wüstenregenpfeifers erstreckt sich durch die Trockengebiete Asiens und reicht von Anatolien bis in den Osten der Gobi.von Blotzheim 1975, S. 261 f
Westlich des Kaspischen Meeres gibt es bekannte, teils größere Vorkommen im Umfeld des Tuz Gölü und in den Sultansazlığı im Mittelanatolischen Hochland, im Westen Armeniens, auf der Halbinsel Abşeron in Aserbaidschan, am Djabboul-Salzsee bei Aleppo in Syrien und im Umfeld der Oasen Qa’ Hanna und Azraq in Jordanien. Das letztere stellt wohl den Südrand der Verbreitung dar. Brutnachweise in den Winterquartieren, wie in Somalia festgestellt, treten vermutlich nur sporadisch auf und sind nicht dauerhaft.Rob G. Bijlsma: Charadrius leschanaultii in Ward J. M. Hagemeijer, Michael J. Blair: The EBCC Atlas of European Breeding Birds – their distribution and abundance, T & A D Poyser, London 1997, ISBN 0-85661-091-7, S. 262
Östlich des Kaspischen Meeres verläuft der Nordrand der Verbreitung etwa vom Nordwesten des Ustjurt-Plateaus und Aralsk über die Wüsten Mujunkum, Kysylkum, Karakum und die Hungersteppe bis ins südliche Siebenstromland. Im Süden reicht das Areal mindestens bis Esenguly im südwestlichen Turkmenistan, bis Kelif und Termiz am Amurdarja, bis zum oberen Syrdarja in Tadschikistan und bis ins Ferghanatal. Weiter südlich wurde die Art auch noch im nördlichen Iran (mit Angabe „Chorasan“) sowie am Dashte Nawur in Farah und am Abe Istada in Ghazni in Afghanistan festgestellt. Vermutlich brütet sie auch im Dsungarischen Becken. Ferner reicht das Areal von der Tschuja-Steppe im Altai über Tuwa, wo die Art im Tannu-ola-Gebirge und am Uws Nuur vorkommt, durch die Mongolei bis mindestens Dsamyn-Üüd in der Dorno-Gobi-Aimag.
Geografische Variation und Systematik Es werden drei Unterarten anerkannt, die sich nur geringfügig unterscheiden. Die westliche Unterart C. l. columbinus hat einen relativ kleineren Schnabel. Außerdem sind sowohl im Jugend- als auch im Adultkleid die rostfarbenen Partien auf dem Rücken stärker ausgeprägt und die Färbung des Brustbands reicht bis weit auf die Flanken. Diese Merkmale sind immerhin so ausgeprägt, dass die jordanische Population lange fälschlicherweise dem Mongolenregenpfeifer zugeordnet wurde. Die Populationen östlich des Kaspischen Meeres sind kaum zu unterscheiden, sodass die Sinnhaftigkeit einer Einteilung in zwei Unterarten von einigen Autoren angezweifelt wird. Die westlichere dieser Populationen wurde 1873 von Nikolai Alexejewitsch Sewerzow als Eudromias crassirostris beschrieben. Bei der Überführung in die Gattung Charadrius wurde nicht beachtet, dass die von Johann Baptist von Spix 1825 als Charadrius crassirostris beschriebene Unterart des Wilsonregenpfeifers Priorität zukommt. 2012 wurde das Taxon daher in C. l. scythicus umbenannt, was eine Reminiszenz an die Skythen darstellt.Caio J. Carlos, C. S. (Kees) Roselaar, Jean-François Voisin: A replacement name for Charadrius leschenaultii crassirostris (Severzov, 1873), a subspecies of Greater Sand Plover, Bulletin of the British Ornithologists’ Club 132(1), S. 63–65
A. l. columbinus , 1829 – Türkei, Syrien, Jordanien, Armenien und Aserbaidschan A. l. scythicus , 2012 – Turkestan sowie möglicherweise vom nordwestlichen Afghanistan bis ins südöstliche Kasachstan S. l. leschenaultii , 1826 – westliche Volksrepublik China, Mongolei, Tuwinien im südlichen Sibirien und Altai
Das Artepitheton leschenaultii ehrt den französischen Naturforscher Jean-Baptiste Leschenault de La Tour.
Wanderungen Der Wüstenregenpfeifer ist ein Zugvogel, wobei der größte Teil der Population aus ausgeprägten Langstreckenziehern besteht. Nur ein sehr geringer Teil überwintert schon knapp südlich der Brutgebiete.von Blotzheim 1975, S. 262 f
Die Überwinterungsquartiere liegen an Meeresküsten und Inseln. Selten findet man die Art im Binnenland. Die Brutvögel westlich des Kaspischen Meeres überwintern im östlichen Mittelmeerraum, am Roten Meer und am Golf von Aden, die transkaspischen Populationen westlich des Dsungarischen Beckens ziehen süd- und südwestwärts, um in Nordost- und Ostafrika sowie ostwärts bis zu den westlichen Küsten des Indischen Subkontinents zu überwintern. Die ostasiatischen Populationen überwintern von Südasien und dem Malaiischen Archipel südwärts bis nach Südostaustralien und mindestens Neukaledonien. Ein Teil zieht möglicherweise ebenfalls nach Ostafrika.
Zwischen Mitte Juli und Anfang August sammeln sich die Vögel der transkaspischen Populationen an Binnengewässern – bei den Vögeln des Nahen Ostens setzt dies bereits einen Monat eher ein. Der Zug erfolgt dann größtenteils in breiter Front ohne Aufenthalt in die Winterquartiere, lokal jedoch auch leitlinienartig entlang von Küsten wie beispielsweise am Kaspischen Meer. Bisweilen können auch große, rastende Trupps auf dem Zug beobachtet werden. Häufig sind diese mit Mongolenregenpfeifern vergesellschaftet. Rastplätze und Überwinterungsgebiete haben oft eine lange Tradition.
In Indien und Pakistan erscheinen ab Anfang August die immaturen und adulten Vögel, die zu dieser Zeit häufig noch das abgenutzte Brutkleid tragen; zur Mitte des Monats treffen dann auch die diesjährigen Vögel ein. In Südchina und Hongkong ist die Art zwischen Ende Juli und November häufig anzutreffen. In Australien treffen die ersten Wintergäste Mitte August ein, in Südasien und vom Sudan bis Tansania zwischen August und September. Auch hier treffen die älteren Vögel vor den Diesjährigen ein.
In Südostasien brechen die ersten Heimzügler ab Ende Februar auf, das Gros startet zwischen März und April. In Ostafrika und Südasien erfolgt dies zwischen Mitte April und Anfang Mai. In den Brutgebieten treffen die Vögel ab Mitte März, die meisten jedoch im April und Mai ein. Einige Übersommerer verbleiben in den Winterquartieren. Vermutlich sind dies überwiegend noch nicht geschlechtsreife Individuen.
Als Irrgast wurde die Art in mehreren Ländern Europas, in Westafrika und den USA festgestellt. In Deutschland liegt die Anzahl der Nachweise zwischen 1931 und 2015 (2 NachweiseNachweise Juli 2015 bei Club 300, abgerufen am 23. Juli 2015) unter zehn, in Österreich wurde die Art einmal im Rheindelta festgestellt.Hans-Günther Bauer, Einhard Bezzel, Wolfgang Fiedler (Hrsg.): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Aula-Verlag, Wiebelsheim 2012, ISBN 978-3-89104-758-3, S. 452
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