mini|Toni Lessler, um 1930 Toni Lessler, geb. Heine (geboren am 4. Juni 1874 in Bückeburg; gestorben am 5. Mai 1952 in New York City, USA),Traueranzeige für Toni Lessler, geb. Heine. In: Aufbau – Reconstruction, deutsch-jüdische Wochenzeitung in New York City, Vol. XVIII, No. 19, 9. Mai 1952, S. 30, Spalte 4–5. war eine deutsch-amerikanische Pädagogin, Schulgründerin und -leiterin. Sie führte zuletzt die mit einem hervorragenden Ruf beleumundete größte Privatschule der Reichshauptstadt Berlin, richtete die erste und einzige Montessori-Klasse einer Privatschule im Deutschen Reich ein, und begründete ebenda die reichsweit erste jüdische Schule für Frauen.Kurt Landsberg (Hrsg.): Festschrift anlässlich des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Privaten Jüdischen Waldschule Grunewald. Selbstverlag, Berlin 1937, , S. 16.Toni-Lessler-Straße, auf: berlin.de

Familie mini|hochkant|Toni Lesslers Mutter, die Schulgründerin Hermine Heine, geb. Würzburger, um 1880 Toni Heine war das zweite Kind und die erste Tochter des Bankiers Louis Heine (geboren 1841; gestorben am 15. Februar 1876) und dessen Ehefrau Hermine, geb. Würzburger (geboren am 3. April 1846 in Bochum; gestorben 1928 in Berlin).Bankhaus Joseph Heine in Bückeburg, nach dem Tod des Gründers weitergeführt durch dessen Sohn Lazarus, dann ab 1853 durch Daniel Heine. Nach dem Tod seines Halbbruders Daniel übernahm Louis Heine die Bank, die jedoch als bedeutungslos gilt. – Zitiert nach: Dieter Brosius: Die Schaumburg-Lippischen Juden 1848–1945. In: Schaumburg-Lippische Mitteilungen, H. 21 (1971), S. 59–98.Helge bei der Wieden: Das Ende des Bankhauses Joseph Heine. Schaumburg-Lippischer Heimatverein (Hrsg.), Bückeburg 1971, . Sie hatte einen älteren Bruder, Leo (geboren am 18. Oktober 1872 in Bückeburg), und eine jüngere Schwester, Clara (geboren am 29. Februar 1876 in Bückeburg; gestorben am 18. September 1967 in New York City).2 Traueranzeigen für Clara Heine. In: Aufbau – Reconstruction, Vol. XVIII., No. 39, 29. September 1967, S. 48, Spalten 5–6. Kurz vor der Geburt seiner zweiten Tochter verstarb Louis Heine an einem Leberleiden;Niedersächsisches Staatsarchiv Bückeburg, schriftliche Auskunft vom 27. November 2001. – Zitiert nach: Sylke Bartmann (Hrsg.): „Wie ein Schatten ging ich meinen Weg zu Ende“ – Emigrantinnen aus Wissenschaft und Kunst. Budrich UniPress, Leverkusen-Opladen 2014, ISBN 978-3-940755-60-5, S. 131 FN 6. Toni Lessler schrieb, er sei bei einem Eisenbahnunglück umgekommen. Der Prokurist des Vaters habe diese Gelegenheit ausgenutzt, um mit dem größten Teil des Familienvermögens in die Niederlande zu flüchten, so dass die junge Witwe mit drei Kleinkindern nahezu mittellos zurückblieb.Toni Lessler: Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933 (Autobiographie), New York City 1940. In: Leo Baeck Institute, Signatur: LBI, ME 726, MM 47.

Toni Heines Großvater, Levi Heine (1789–1855), war ein Vetter des Dichters Heinrich Heine. Ihr anderer Großvater Philipp Würzburger (geboren am 24. Mai 1812; gestorben am 9. November 1877) war langjähriger Stadtverordneter der Stadt Bochum,Sterberegister Bochum 720/1877 v. 10. November 1877, Philipp Würzburger, Kaufmann und Stadtrath, geboren zu Bochum, verheiratet mit Betty, geborene Flechtheim, Sohn der in Bochum gestorbenen Eheleute Kaufmann Moses Michel Würzburger und Helene geborene Levi. in vielen Funktionen für die Stadt engagiert und Vorsitzender der dortigen Synagogengemeinde.„Aufstellen einer Steele [sic!] am Eingang des Stadtparks zur Ehrung des jüdischen Bürgers Philipp Würzburger“, Vorlage Nr.: 20210535 der CDU-Fraktion (James Wille), Bezirksvertretung Bochum-Mitte, vom 17. Februar 2021: „1869 fassten Bochumer Stadtpolitiker den Magistratsbeschluss einen städtischen Park zu errichten. Dieser Park sollte vor allem den Zechen- und Stahlarbeitern zur Erholung dienen. Einer der entscheidenden Befürworter des Projekts war Philipp Würzburger, der dann auch den Vorsitz der Parkkommission übernahm. Er stammte aus einer jüdischen Bochumer Familie, die seit 1800 einen Gewerbebetrieb in Bochum unterhielten. Bereits in der Zeit von 1861 bis 1863 leitete der engagierte Stadtpolitiker den Neubau der Bochumer Synagoge. Neben den vorgenannten Tätigkeiten war Vorsitzender der Innungsprüfungskommission, Direktor der Gasanstalt und des Wasserwerks, vorsitzender Brandmeister bei der städtischen Feuerwehr, Mitglied der Sanitätskommission, Vorsitzender des Kuratoriums der Handwerker und der Schuldentilgungskommission, die ausschließlich ehrenamtlich versah. 1872 stimmten die Stadtverordneten dem Bestreben, einen Stadtpark zu gründen, zu. 1873 wurden die Planungen zugunsten des Ausbaus des Gas- und Wasserwerks gestoppt, weil kein Geld für beide Projekte vorhanden war. Auf Initiative Philipp Würzburgers gelang es ihm bei der Regierung in Arnsberg die beantragten 500.000 Taler zu bekommen. Mit dem Geld konnten die nötigen Grundstücke durch die Stadt gekauft werden und der Kölner Stadt- und Landschaftsgärtner Anton Strauß 1874 den Bau beginnen, der mit der Eröffnung 1978 abgeschlossen werden konnte. Dank des engagierten Stadtpolitikers Philipp Würzburger verdanken wir ihm zu großen Teilen den heutigen schönen Stadtpark.“Philipp Würzburger / Ehrung zum Stadtparkjubiläum, 10. März 2022, auf: spd-bochum.de Philipp Würzburger bot seiner nun sehr früh verwitweten Tochter Hermine an, zu ihm nach Bochum zurückzukehren und für sie und ihre drei vaterlos aufwachsenden kleinen Kinder zu sorgen. Hermine wollte jedoch trotz der Lage unabhängig bleiben und entschied sich dagegen. Sie eröffnete auf der Basis ihrer eigenen sehr guten Schulbildung in Bückeburg ein Mädchenpensionat, das sie nach Umzug in Kassel weiterführte.Jörg H. Fehrs: Von der Heidereutergasse zum Roseneck – Jüdische Schulen in Berlin 1712–1942. Arbeitsgruppe Pädagogisches Museum e. V. (Hrsg.). Edition Hentrich, Berlin 1993, ISBN 3-89468-075-X, S. 298–303. Sowohl das für das Mädchen-Pensionat genutzte Gebäude als auch die Stadt Bückeburg waren zu klein geworden. Sie engagierte deutsche, französische und englische Lehrkräfte, die muttersprachlichen Unterricht erteilen konnten.

Toni Heine heiratete im Jahr 1902 in Kassel den Fabrikanten Max Lessler (geboren am 29. Dezember 1848 in Berlin; gestorben am 1. Januar 1912 ebenda).Adressbuch für Berlin und seine Vororte 1905. Erster Band. Teil I, S. 1213, Spalte 1. – Zitat: Max Lessler, Wollphantasiewrsbrk. [sic!], O 27, Holzmarktstr. 73 II. Inh. Max Leßler, Wohn, S. 14, Prinzenstr. 74 III.Clara Heine: Notariell beglaubigte eidesstattliche Erklärung, datiert auf den 28. Juli 1956. In: Entschädigungsakte Toni Lessler, AZ 268254, beim Landesverwaltungsamt Berlin. In: Leo Baeck Institute, New York City. Aus der Ehe ging Clara Heine zufolge ein Kind hervor.Ansprache von Kurt Landsberg am 29. August 1937. In: Kurt Landsberg (Hrsg.): Festschrift zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Privaten Jüdischen Waldschule Grunewald. Selbstverlag, Berlin 1937, S. 110.Clara Heine gibt im Antrag auf einen Erbschein an, ihre Schwester habe ein Kind gehabt, das im Kleinkindalter verstorben sei. Angaben zum Namen, Geburts- und Sterbetag des Kindes konnte sie nicht machen. – Zitiert nach: Entschädigungsakte Toni Lessler, Landesverwaltungsamt Berlin, AZ 268254. Möglicherweise gingen aus der Ehe zwei Kinder hervor, die jedoch im Kleinkindalter verstorben sind.Schriftliche Auskunft des Archivs im Centrum Judaicum der Stiftung Neue Synagoge Berlin vom 26. Februar 2002. – Zitiert nach: Sylke Bartmann (Hrsg.): „Wie ein Schatten ging ich meinen Weg zu Ende“ – Emigrantinnen aus Wissenschaft und Kunst. Budrich UniPress, Leverkusen-Opladen 2014, ISBN 978-3-940755-60-5, S. 233.

Schule, Ausbildung und Studium mini|hochkant|Töchterpensionat Heine in Kassel, um 1890 Toni Heine besuchte nach der Volksschule in Bückeburg die Städtische Höhere Töchterschule in Kassel (heute: Jacob-Grimm-Schule) und bereitete sich später an einer Lehrerinnen-Bildungsanstalt in Breslau zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Clara auf ihr gemeinsames Berufsziel vor.Clara Heine benannte in einer eidesstattlichen Erklärung die Lehrerinnen-Bildungsanstalt Hedwig Knittel in Breslau als Ausbildungsstätte ihrer Schwester Toni. Abweichend davon wird bei Jörg H. Fehrs (1993) und Helga Gläser (1992) die Bertha Lindner’sche Lehrerinnen-Bildungsanstalt in Breslau benannt. Nach bestandenem Examen übernahm sie im Israelitischen Mädchen-Pensionat ihrer Mutter in Kassel, Grüner Weg 29 (Gebäude besteht nicht mehr), die Unterrichtsleitung.Adreß-Buch von Kassel und Umgebungen für das Jahr 1885, 52. Jahrgang, Chr. Preime’s Erben und C. Boppenhausen (Hrsg.), Selbstverlag, Kassel 1885, S. 121. – Zitat: Heine, Hermine, Wwe., Israel. Mädchen-Pensionat, gr. Rosen-Str. 26.Adreß-Buch von Cassel und Umgebungen für das Jahr 1890, 57. Jahrgang, C. Boppenhausen / E. Preime (Hrsg.), Selbstverlag, Cassel 1890, S. 135. – Zitat: Heine, Hermine, Wwe., Israel. Mädchen-Pensionat, Grüner Weg 29.Adreß-Buch von Cassel und Umgebungen für das Jahr 1895, 62. Jahrgang, Philipp Dölls Erben (Hrsg.) unter Mitwirkung des Königl. Polizei-Meldeamts, Selbstverlag, Cassel 1895, S. 173. – Zitat: Heine, Hermine, Wwe., Israel. Mädchen-Pensionat, Grüner Weg 29. Nur wenige Monate später begann sie in der Schweiz, in Genf und Lausanne, ein Französisch-Studium, das sie mit Auszeichnung abschloss.

Wirken mini|hochkant|Genehmigung einer „Familienschule“ für bis zu 20 Schüler, 1915 mini|hochkant|Adressbucheintrag 1914 mini|hochkant|Adressbucheintrag 1929 mini|hochkant|Toni Lessler am Kopfende der Mittagstafel in der Privaten Waldschule Grunewald, Brahmsstraße 19, ca. 1930 mini|hochkant|Adressbucheintrag 1931 mini|hochkant|Private Waldschule Grunewald, Hagenstraße 56, ca. 1932 mini|hochkant|Toni Lessler am Kopfende der Mittagstafel in der Privaten Waldschule Grunewald, Hagenstraße 56, ca. 1934 mini|hochkant|Adressbucheintrag 1938 Kurz nach der Rückkehr zu ihrer Mutter in Kassel zog es sie 1894 in das Vereinigte Königreich, wo sie nach eigenen Angaben fünf Jahre in London, Cambridge und Edinburgh sowie als stellvertretende Vorsteherin an der renommierten Gloucester House School in Kew bei London tätig war.Lt. eidesstattlicher Erklärung von Toni Lesslers Schwester Clara Heine und der im Stadtarchiv Kassel erhaltenen Meldekarte zufolge hielt sich Toni Lessler vom 13. September 1894 bis zum 24. Oktober 1895 im schottischen Glasgow auf, während bei Jörg H. Fehrs (1993) und Helga Gläser (1992) ein Aufenthalt in England im Zeitraum von 1894 bis 1897 angegeben wird.

Im Jahr 1902 ließ sich Toni Heine in Berlin nieder und heiratete. Ihr neuer Status als Hausfrau füllte sie jedoch nicht aus. Sie engagierte sich daher auf sozialem Gebiet und geriet dabei wieder in eine lehrende Funktion, als ehrenamtliche Deutsch-Lehrerin für ausländische Studenten an der Königlich Akademischen Hochschule für ausübende Tonkunst. Dabei waren ihre guten Fremdsprachenkenntnisse hilfreich. Als ihr Ehemann im Jahr 1912 durch einen Unfall verstarb, ließ sie ihn auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beisetzen und verkaufte dessen Unternehmen.