Die 1930 gegründete Private Waldschule Grunewald, inoffiziell und sehr gängig auch Lessler-Schule, war eine konfessionell ungebundene Privatschule zunächst nur für Mädchen, ab 1933 auch für Jungen im Berliner Ortsteil Grunewald, von der Pädagogin Toni Lessler (1874–1952) gegründet und geleitet.Toni Lessler: Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933 (Autobiographische Aufzeichnungen), New York City 1939/40. In: Leo Baeck Institute, Signatur: LBI, ME 726, MM 47.Jörg H. Fehrs: Von der Heidereutergasse zum Roseneck – Jüdische Schulen in Berlin 1712–1942. Arbeitsgruppe Pädagogisches Museum e. V. (Hrsg.). Edition Hentrich, Berlin 1993, ISBN 3-89468-075-X, S. 298–303.Kurzbiografie Toni Lessler. In: Berliner Morgenpost, 2. September 2003, auf: morgenpost.de Die Schule war Grundschule, Reformrealgymnasium und Lyzeum; sie orientierte sich als damals erste bzw. einzige Privatschule im Deutschen Reich teilweise (eine Schulklasse) und temporär am Erziehungsbild von Maria Montessori. Ein angegliedertes Tagesheim bzw. Tagesinternat offerierte neben Verpflegung eine ganztägige Betreuung der Schüler beim Lernen und bei Hausaufgaben durch qualifizierte Lehrkräfte. Ende 1933 mussten als „arisch“ klassifizierte Schüler und Lehrer nach NS-Maßgabe die Privatschule verlassen, ab 1934 durften nur noch jüdische Schülerinnen und Schüler aufgenommen werden. Die Privatschule gliederte ab Mitte September 1934 eine Frauenschule an, die einzige jüdische Frauenschule im Deutschen Reich. Spätestens ab 1937 musste sich die Bildungseinrichtung Private Jüdische Waldschule Grunewald nennen, sie erhielt eine Oberstufe, die zur Reifeprüfung führte. 1939 wurde die Privatschule von den NS-Behörden geschlossen.

Geschichte

Vorgeschichte: Wilmersdorf, Uhlandstraße 161 Toni Lessler, geborene Heine (entfernt mit Heinrich Heine verwandt), betreute bereits seit 1912 im Gartenhaus der Uhlandstraße 161 in Berlin-Wilmersdorf private Schulzirkel für Mädchen und Jungen mit intensiverem Betreuungsbedarf, um diese beim Lernen und bei ihren Hausaufgaben zu fördern (dazu ausführlicher: Toni Lesslers Kurzbiographie).Leßler, Toni, geb. Heine, Frau, Priv. Schulzirk., Fortbildungskurse, W15, Uhlandstr. 161 Gh. Zwg. [Gh. = Gartenhaus; Zwg. = Zwischengeschoß], T.Uhld.2459. Mont., Mittw. u. Freit. 1–2. In: Berliner Adreßbuch 1917, Erster Band, August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H., Berlin, I. Teil, S. 1698, Spalte 1.Leßler, Toni, geb. Heine, Frau, Schulleit., W15, Uhlandstr. 161 Gh. Zwg. [Gh. = Gartenhaus; Zwg. = Zwischengeschoß], T Uhld. 2459. Mont., Mittw. u. Freit. 1–2. In: Berliner Adreßbuch 1918, Erster Band, August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H., Berlin, Teil I, S. 1628, Spalte 1.Schulgründungen durch jüdische Pädagoginnen kamen insbesondere dadurch zustande, dass sie vor 1918 kaum an öffentlichen Schulen eingestellt wurden und während der Weimarer Republik u. a. wegen der herrschenden Lehrerarbeitslosigkeit geringere Chancen hatten. Die Einrichtung höherer Schulen für Mädchen war vernachlässigt worden, so dass jüdische Eltern, deren Töchter besonders zahlreich nach höherer Bildung drängten, häufig keine Schule fanden, die sie aufnahm. Die wenigen öffentlichen Mädchenschulen waren überfüllt; Privatschulen versuchten durch Quotierung einen höheren Anteil jüdischer Schülerinnen zu verhindern. Couragierte jüdische Pädagoginnen wie Toni Lessler initiierten daher eigene Schulzirkel und Schulen. Die Schulbehörden zeigten sich dafür meist einigermaßen tolerant, da sie ein Interesse daran hatten, bestehende Engpässe im öffentlichen Schulwesen ohne Mehrkosten zu beheben, denn staatliche Zuschüsse gab es für diese Privatschulen nicht, sie mussten sich durch das von den Eltern erhobene Schulgeld selbst finanzieren. – Zitiert nach: Marlise Hoff: „Hier ist kein Bleiben länger“. Jüdische Schulgründerinnen in Wilmersdorf: Anna Pelteson, Toni Lessler, Lotte Kaliski, Dr. Vera Lachmann, Dr. Leonore Goldschmidt. Katalog zur Ausstellung „Hier ist kein Bleiben länger“. Jüdische Schulgründerinnen in Wilmersdorf, 19. März bis 18. September 1992 im Wilmersdorf-Museum. Bezirksamt Wilmersdorf von Berlin, Abteilung Volksbildung (Hrsg.), , S. 4 ff. Es entstand die inoffizielle, aber weithin gebräuchliche Bezeichnung Lessler-Schule. Die „Familienschule“ wuchs auf sechzig Schüler an, so dass sich aus den sukzessive angemieteten Wohnungen und Räumen im Hinterhof der Bedarf für ein eigenes Schulhaus entwickelte.

Grunewald, Brahmsstraße 19 Das Fortsetzungsprojekt wurde 1930 als Privatschule für Mädchen in einer in jüdischem Besitz befindlichen Villa eröffnet,Das Anwesen Brahmsstraße 17–19 in Berlin-Grunewald gehörte dem Landgerichtsrat bzw. Landrichter Dr. iur. Erich Manasse (geboren am 12. September 1889 in Berlin; gestorben am 16. November 1952 ebenda), der gleichzeitig auch in der Koserstraße 4I. in Berlin-Dahlem gemeldet war. Er ist auf der Gedenktafel für die während der NS-Zeit verfolgten Juristen jüdischer Herkunft im Haus des Deutschen Richterbundes in der Kronenstraße 73/74 in Berlin-Mitte verzeichnet. – Zitiert nach: Jüdisches Adreßbuch für Groß-Berlin, Ausgabe 1929/30, Goedega Verlags-Gesellschaft m.b.H., Berlin, S. 217, Spalte 4. – Zitiert nach: Berliner Adreßbuch 1930, Erster Band, Verlag August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H., Berlin, I. Teil, S. 2078, Spalte 2. – Zitiert nach: Berliner Adreßbuch 1930, Verlag August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H., Berlin, IV. Teil, S. 1408, Spalte 7. – Zitiert nach: Gedenktafel Jüdische Juristinnen und Juristen. gedenktafeln-in-berlin.de – Zitiert nach: Traueranzeige Dr. Erich Manasse. In: Aufbau – Reconstruction, Vol. XVIII, No. 49, 5. Dezember 1952, S. 29, Spalte 1–2. innerhalb einer seit rund vier Jahrzehnten bestehenden Villenkolonie.Karl-Heinz Metzger: Die Villenkolonie Grunewald. In: Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, auf: berlin.deHelga Gläser, Karl-Heinz Metzger: Hundert Jahre Villenkolonie Grunewald 1889–1989. Bezirksamt Wilmersdorf von Berlin (Hrsg.). Möller, Berlin 1988.Udo Christoffel, Elke von der Lieth (Hrsg.), Wolfgang Homfeld (Mitarb.): Berlin-Wilmersdorf – Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945. Bezirksamt Wilmersdorf von Berlin, Berlin 1996, ISBN 3-922912-39-7, S. 34.Grunewald …zur Geschichte der Villenkolonie. Arbeitskreis Geschichte Wilmersdorf, Edition Berlin im Metropol-Verlag, Berlin 2002, ISBN 978-3-932482-98-4, S. 93. Ihr wurde – erstmals bei einer deutschen Privatschule – ein Tagesheim mit entsprechender Vollverpflegung angegliedert, in dem sich die Schülerinnen bei Bedarf auch an den Nachmittagen aufhalten konnten und dort beispielsweise bei den Hausaufgaben und beim Lernen betreut wurden. Das Tagesheim, während der Zeit des Nationalsozialismus auch als Tagesinternat bezeichnet, leitete die jüngere Schwester der Schulvorsteherin, die Lehrerin Clara Heine (geboren am 29. Februar 1876 in Bückeburg; gestorben am 18. September 1967 in New York City), die bereits seit 1920 in den Schulzirkeln ihrer älteren Schwester mitwirkte und vorher an der Privatschule ihrer Mutter Hermine in Cassel tätig war.Hartmut Bomhoff: Ernst-Ludwig Ehrlich – Prägende Jahre. Eine Biographie. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-041421-9, S. 24.

In der Villengegend Grunewald waren zu dieser Zeit viele wohlhabende Familien von Akademikern, Bankiers, Künstlern und Unternehmern angesiedelt, darunter oft solche jüdischer Herkunft.Grunewaldrampe auf: berlin-judentum.de Weitere Klientel dieser Schule waren meist befristet in die Reichshauptstadt berufene ausländische Diplomaten, die ihre Kinder auf international ausgerichtete Bildungseinrichtungen mit bester Fremdsprachenvermittlung schicken wollten.

Zwischen 1930 und deren generellem Verbot im April 1933 bestand an der Schule eine eigene Montessori-Klasse mit 32 Schülerinnen. Aus diesem Anlass wurde die Schule von der ab 1925 durch Clara Grunwald geführten Deutschen Montessori-Gesellschaft e. V. (DMG) ausgewählt, um dort 1931 einen großen Empfang anlässlich des ersten Besuchs von Maria Montessori in Deutschland zu veranstalten.

Grunewald, Hagenstraße 56 Durch den Erfolg der neugegründeten Schule und stetig wachsende Schülerzahlen wurde 1932 ein größeres Schulgebäude erforderlich. Lesslers Privatschule für Mädchen zog daher in eine größere Villa um, die sich nicht weit entfernt und ebenfalls in jüdischem Besitz befand. Die Anmietung erwies sich als kostenintensiv.Als Eigentümer des Anwesens Hagenstraße 56 in Berlin-Grunewald war der Berliner Kaufmann Joseph (auch: Josef) Ginsburg eingetragen, der gemeinsam mit seinen Brüdern Samuel und Oscher Mitinhaber des Unternehmens Gebrüder Ginsburg zuerst in der Schlegelstraße 8III. in Berlin-Mitte und danach in der Darmstädter Straße 2I. in Berlin-Wilmersdorf war, zuletzt jedoch alleiniger Inhaber. – Zitiert nach: Berliner Adreßbuch für das Jahr 1905, Teil I, S. 572, Spalte 2. – Zitiert nach: Berliner Adreßbuch für das Jahr 1910, Teil I, S. 765, Spalte 4. – Zitiert nach: Berliner Adreßbuch für das Jahr 1914, Teil I, S. 863, Spalte 2. – Zitiert nach: Berliner Adreßbuch für das Jahr 1925, IV. Teil, S. 1347, Spalte 1. – Zitiert nach: Jüdisches Adreßbuch für Groß-Berlin, Ausgabe 1929/30, Goedega Verlags-Gesellschaft m.b.H., Berlin, S. 103, Spalte 2. – Zitiert nach: Berliner Adreßbuch für das Jahr 1930, IV. Teil, S. 1410, Spalte 1. – Zitiert nach: Berliner Adreßbuch für das Jahr 1938, IV. Teil, S. 1277, Spalte 3. Der weitläufige parkähnliche Garten der Villa eignete sich für die Pausengestaltung, den Schulsport, für Unterricht im Freien, für einen Obstgarten und die Anlage von Blumenbeeten durch die Schüler der verschiedenen Klassen. Es bestand ein Tennisplatz, der im Winter geflutet wurde, um von den Schülern für den Schlittschuhlauf genutzt werden zu können.

Die 1. Verordnung zum Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 begrenzte die Zahl der Neuaufnahmen jüdischer Schüler an höheren öffentlichen Schulen (und Hochschulen). Jüdische Schüler und Lehrkräfte wurden an den staatlichen Schulen generell ausgegrenzt, wodurch insbesondere Schulanfänger und jüngere Schüler stark betroffen waren. Eltern versuchten daher, ihre Kinder vor derart traumatischen Erfahrungen zu schützen, indem sie sie auf jüdische Schulen schickten, von denen es jedoch zunächst nicht genug gab bzw. deren Kapazität noch nicht ausreichte. Ab 1933 nahm die Lessler-Schule Knaben und Mädchen auf, die jedoch nicht gemeinsam unterrichtet werden durften, weil die nationalsozialistische Schulpolitik der Koedukation ablehnend gegenüberstand. Somit mussten neben den bestehenden Mädchenklassen auch Knabenklassen gebildet werden. Etwa zu dieser Zeit erfolgte wohl in Etappen die Umbenennung von der Privatschule für Mädchen über die Private Waldschule Lessler zur Privaten Waldschule Grunewald, wie es erhaltene Originalbelege der Jahre 1933 und 1934 nahelegen. Der Begriff Waldschule bezog sich auf einen heilpädagogisch begründeten Trend der damaligen Zeit, Stadtkindern einen direkten Bezug zur Natur zu ermöglichen, der im vorstädtisch strukturierten Ortsteil Grunewald mit Zugang zum gleichnamigen Waldgebiet gegeben war.

Die Unterrichtsinhalte veränderten sich während der Zeit des Nationalsozialismus; jüdische Schulen mussten ihre Schüler nun vordringlich auf ein Leben nach der Emigration ins Ausland vorbereiten. Der Fremd- bzw. Zweitsprachenerwerb, vorrangig Englisch und Hebräisch, gewann demgemäß an Bedeutung, aber auch das Erlernen praktischer Alltagsfertigkeiten und das identitätsstiftende Begehen jüdischer Feste, da viele deutsche Schüler jüdischer Herkunft aus zum Christentum konvertierten Familien oder aus säkular bzw. agnostisch orientierten Familien kamen.Schulalltag nach 1933. Kreuzzug gegen Kinder. Südwestrundfunk.Jugend 1918–1945. Jüdische Jugend. jugend1918-1945.de