Der Anschlag in Suruç am 20. Juli 2015 war ein Selbstmordattentat in der türkischen Stadt Suruç, etwa zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Dabei starben 34 hauptsächlich junge Menschen und mindestens 76 wurden teils schwer verletzt.

Der Anschlag in Suruç gilt als Wendepunkt im Vorgehen der türkischen Regierung gegen den Islamischen Staat (IS), dem der Anschlag zugeschrieben wird., de.euronews.com, 28. Juli 2015, von Beatriz Beiras.

Die PKK verübte nach dem Anschlag in Suruç mehrere, zum Teil tödliche Attentate auf türkische Polizisten und warf der türkischen Regierung vor, den IS verdeckt in dessen Kampf gegen die Teile Nordsyriens kontrollierenden YPG zu unterstützen.

Das türkische Militär griff nach dem Anschlag in Suruç und den Attentaten auf türkische Polizisten sowohl zum ersten Mal offen den IS als auch erstmals seit drei Jahren Stellungen der PKK in den Bergen des Nordiraks an, wohin sich die PKK-Kämpfer nach dem nun gebrochenen Waffenstillstand von 2013 zurückgezogen hatten.

Hintergrund und Vorgeschichte Bedeutung von Suruç für das umkämpfte und zerstörte Kobanê Suruç liegt in der Provinz Şanlıurfa und wird mehrheitlich von Kurden bewohnt. Im Bezirk Suruç befindet sich eines der größten Flüchtlingslager für syrische Menschen, die vor dem Krieg in Syrien flohen. In dem im Januar 2015 eröffneten Camp lebten zum Zeitpunkt des Anschlages 35.000 Flüchtlinge., n-tv.de, 21. Juli 2015.

Das türkisch-kurdische Suruç gilt als „Schwesterstadt“ des nahe gelegenen syrisch-kurdischen Kobanê (kurdisch auch Kobanî, arabisch )., nzz.ch, 20. Juli 2015, von Inga Rogg., faz.net, 20. Juli 2015, von Michael Martens. Kobanê liegt innerhalb des von der kurdischen PYD als „Westkurdistan“ (Rojava) beanspruchten nordsyrischen Territoriums, in dem infolge des Krieges in Syrien die Bildung eines zweiten kurdischen De-facto-Staates, ähnlich wie bereits zuvor im Nordirak, begonnen hat.Kurden in Syrien – Die Frau, die Al-Kaida das Fürchten lehrt (, ), fr-online.de, 28. Februar 2014, von Frank Nordhausen., Die Zeit, Nº 12/2014, 22. März 2014, von Onur Burçak Belli.

Mitte September 2014 hatten Einheiten des als terroristische Vereinigung eingestuften Islamischen Staates (IS) die kurdisch beherrschte Region und bald darauf die an der Grenze zur Türkei gelegene Stadt Kobanê selbst angegriffen. Im unter kurdischer Kontrolle stehenden und besonders stark vom Krieg in Syrien betroffenen Suruç, dessen Bürgermeister von der als legaler Arm der PKK geltenden prokurdischen BDP gestellt wurden, war es zu dieser Zeit wiederholt zu Zusammenstößen zwischen Regierungsgegnern und türkischen Sicherheitskräften gekommen., zeit.de, 17. Oktober 2014, von Çiğdem Akyol. Nach wochenlangem Kampf im Jahr 2014 war es den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) gelungen, die Kämpfer des IS mit US-Luftunterstützung aus Kobanê zu vertreiben. Während des Kampfes um Kobanê gegen den IS war die syrische Stadt, deren Bevölkerung in die Türkei geflüchtet war, fast vollständig zerstört worden., spiegel.de, 20. Juli 2015, von Christoph Sydow. So soll nach Angaben der PKK-nahen Co-Bürgermeisterin des HDP-regierten Suruç, Zühal Ekmez,, FAZ.net, 27. September 2014, von Michael Martens. bei der kurdischen Rückeroberung Kobanês auch die komplette Kanalisation funktionsunfähig geworden und die Infrastruktur zerstört worden sein., zeit.de, 4. Februar 2015, von Muriel Reichl. In den Wochen vor dem Anschlag waren Medienangaben zufolge die ersten Bewohner zurückgekehrt, doch hatte der IS wiederholt versucht, die Stadt einzunehmen. Im Juni 2015 hatten die IS-Extremisten erneut angegriffen, wobei Medienangaben zufolge 200 Menschen, vor allem Zivilisten, getötet worden waren.

Rolle des Kulturzentrums und der HDP/SGDF beim Kampf und Wiederaufbau in Kobanê Das Amara-Kulturzentrum in Suruç wird von der kurdischen Stadtverwaltung betrieben. Im September 2014 war das Zentrum ein erster Anlaufpunkt für tausende Flüchtlinge, die in nur wenigen Tagen vor Kämpfen in Kobanê nach Suruç flohen. Sie erhielten im Garten des Amara-Zentrums erste Versorgung, Essen und Unterkunft. Auch kurdische Kämpfer, die auf ihren Einsatz gegen den IS in Kobanê warteten, hatten sich in der Vergangenheit im Kulturzentrum aufgehalten.

Im Juli 2015 versammelten sich einem Aufruf der sozialistischen Jugendorganisation Sosyalist Gençlik Dernekleri Federasyonu (Föderation der sozialistischen Jugendverbände der Türkei: SGDF) folgend Hunderte Aktivisten – überwiegend Studenten – aus Istanbul, Ankara, Diyarbakır und anderen Städten der Türkei im Amara-Kulturzentrum in Suruç, um nach Kobanê zu reisen und beim Aufbau der Stadt zu helfen. Die SGDF, die in der Vergangenheit an linksgerichteten Demonstrationen in der ganzen Türkei – insbesondere während der „Gezi“-Proteste von 2013 – teilgenommen hatte, hatte vor dem Anschlag von Suruç auf Twitter erklärt: „Die Kinder von Gezi haben sich im Amara-Kulturzentrum von Suruç versammelt um nach Kobane zu gehen.“

Die SGDF gilt als eine Jugendorganisation der Ezilenlerin Sosyalist Partisi (Sozialistische Partei der Unterdrückten: ESP), (türkisch), milliyet.com.tr, 20. Juli 2015. einer marxistisch-leninistischen Partei, die sich selbst definiert als „eine militante revolutionäre sozialistische Partei, die für eine föderative Republik der Arbeiter in der Türkei und Nordkurdistan kämpft“. Die Organisationsstruktur der SGDF besteht vorwiegend aus Universitäts- und Highschool-Studenten. (englisch), Daily Sabah, 22. Juli 2015. Die Dachorganisation des sozialistischen Jugendverbands ist Teil der HDP., nzz.ch, 21. Juli 2015, von Inga Rogg. Viele HDP-Funktionäre entstammen Medienangaben zufolge der SGDF. Aus der SGDF rekrutierten sich angeblich laut Spiegel auch Kämpfer gegen den IS. Mitglieder hatten in Kobanê auf der Seite der kurdischen Truppen gekämpft.

Die SGDF hegt Sympathien für die kurdischen YPG. Die YPG gelten als militärischer Ableger der PKK in Syrien. (englisch). The Washington Post (Blogs), 11. August 2014, von Ishaan Tharoor. (englisch). Al Monitor, 1. September 2014, von Mohammed A. Salih. Die PKK wird in der Türkei, den USA, Deutschland und anderen Ländern als Terrororganisation eingestuft. Durch den Kampf gegen den IS hatte die PKK im Jahr 2014 ihr Image verbessern können. Dabei war in den Hintergrund geraten, dass auch die PKK Mordanschläge als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele verübte., Telepolis, 23. Juli 2015, von Peter Mühlbauer. Mit Verweis auf: (englisch), MERIP (Middle East Research and Information Project) Middle East Report #153 (Juli/August 1988), von Martin van Bruinessen. Etwa eine Woche vor dem Anschlag von Suruç hatte die PKK ihren nach jahrzehntelangem Krieg 2013 begonnenen Waffenstillstand, Handelszeitung.ch, 22. August 2014. (englisch). Reuters IN, 17. August 2014, von Youssef Boudlal. teilweise aufgekündigt.

Türkisches Vorgehen gegen den IS und andere Dschihadistengruppen Der IS hatte mehrfach damit gedroht, seinen Kampf auf die Türkei auszuweiten. Westliche Nachrichtendienste sahen in der Sorge vor Terroranschlägen einen der Gründe für die noch 2014 bestehende türkische Zurückhaltung gegenüber dem IS., spiegel.de, 14. Oktober 2014, von Hasnain Kazim. Einige Zeit vor dem Anschlag hatten sich Anzeichen gehäuft, dass die türkische Regierung den IS in einer Weise in den Blickpunkt rückte, die sowohl in der Türkei als auch von internationalen Beobachtern wahrgenommen wurde., zeit.de, 21. Juli 2015, von Özlem Topçu. In den dem Anschlag vorangegangenen sechs Monaten wurden nach offiziellen Angaben mehr als 500 mutmaßliche IS-Anhänger in der Türkei festgenommen. In den Wochen vor dem Anschlag fanden Razzien gegen IS-Anhänger in der Türkei statt., nzz.ch, 15. Juli 2015, von Inga Rogg. Bei dem verstärkten Vorgehen gegen mutmaßliche Netzwerke des IS in der Türkei wurden Dutzende von Verdächtigen aus dem Umfeld des IS sowie der Nusra-Front festgenommen sowie einschlägige Websites gesperrt, die als Sprachrohr des IS und der al-Nusra-Front fungierten. Allein im Juli 2015 wurden nach offiziellen Angaben landesweit 21 „Terrorverdächtige“ bei Ermittlungen gegen Rekrutierungsnetzwerke gefasst. Unter den Städten, in denen bei Razzien etwa hundert Personen festgenommen wurden, hatte sich Medienangaben zufolge auch das wenige Kilometer vom Anschlagsort in Suruç entfernte Şanlıurfa befunden. Als Anfang Juli 2015 Soldaten und militärisches Gerät an der Grenze nach Syrien stationiert wurden, deutete das der Journalist Ruşen Çakır auf Grundlage eines Hintergrundgesprächs mit einem hohen Regierungsbeamten als erste offizielle Regierungsaktion gegen den IS., zeit.de, 21. Juli 2015, von Özlem Topçu. Mit Verweis auf: (türkisch), rusencakir.com, 3. Juli 2015.

Nach dem Anschlag in Suruç äußerte die türkische Regierung die Vermutung, dass der Anschlag Teil einer IS-Rachekampagne sein könnte, weil die türkischen Behörden verstärkt gegen die Extremisten vorgingen. Bereits während des Wahlkampfes Ende Mai 2015 war ein Bombenanschlag auf eine HDP-Kundgebung in Diyarbakır verübt worden, bei dem vier Menschen getötet wurden. Namentlich nicht genannte Sicherheitsexperten hatten der Tageszeitung Hürriyet gegenüber gesagt, die Anschläge hätten das Ziel, den Konflikt zwischen der türkischen Regierung und den Kurden weiter anzuheizen. Zugleich stecke dahinter auch die Botschaft an die türkische Führung, dass die Türkei zum Anschlagsziel werde, wenn sie die Operationen gegen den IS fortsetze.

Anschlag Verlauf Am 20. Juli 2015 zündete ein Selbstmordattentäter, gegen 12 Uhr Ortszeit,, sueddeutsche.de, 20. Juli 2015, von Mike Szymanski. während einer Versammlung mit rund 300 vorwiegend jungen Menschen im Garten des Kulturzentrums in Suruç einen Sprengsatz. Dabei starben 32 Menschen., Spiegel Online, 21. Juli 2015, von Hasnain Kazim. Erste Medienberichte sprachen von über 100 Verletzten. Spätere Angaben lokaler Krankenhäuser gegenüber der türkischen Presse gaben eine Anzahl von 76 teils schwer Verletzten an., Jungle World, Nr. 30, 23. Juli 2015, von Ismail Küpeli.

Vor der Versammlung soll der privaten Nachrichtenagentur DHA zufolge eine Pressekonferenz der türkischen sozialistischen Jugendorganisation stattgefunden haben, auf der unter anderem vom Wiederaufbau der bei Kämpfen gegen den Islamischer Staat stark zerstörten syrischen Stadt Kobanê die Rede gewesen sein soll., Spiegel Online, 20. Juli 2015. Anderen Medienangaben zufolge soll die Bombe unmittelbar vor Beginn der Pressekonferenz detoniert sein., Telepolis, 21. Juli 2015, von Gerrit Wustmann.

Im zehn Kilometer von Suruç entfernten Kobanê gab es offenbar kurze Zeit nach dem Anschlag in Suruç ebenfalls Explosionen. (englisch), hurriyetdailynews.com, 20. Juli 2015. Die aktivistische Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, die syrische Kurdenmiliz YPG sei mit einer Autobombe angegriffen worden. Zwei kurdische Kämpfer seien durch die Explosion getötet worden. Ein YPG-Sprecher dementierte diese Darstellung dagegen und gab an, es sei zu mehreren Explosionen bei der Beseitigung von Munition gekommen, die vom IS zurückgelassen worden sei., Deutschlandfunk, 20. Juli 2015.

Ermittlungen und Angaben zur Täterschaft Türkischen Regierungsangaben zufolge sollte die Tat mit „größter Wahrscheinlichkeit“ dem IS zuzuschreiben sein. (englisch), handelsblatt.com, 22. Juli 2015. Während Euronews am 21. Juli berichtet hatte, der IS habe sich für den Anschlag verantwortlich erklärt, (englisch), euronews.com, 21. Juli 2015, von Sarah Joanne Taylor. hatten sich zu diesem Zeitpunkt nach anderen Medienangaben weder der IS noch andere militante Gruppen zu dem Anschlag bekannt. (englisch), dailysabah.com, 22. Juli 2015. (englisch), theguardian.com, 21. Juli 2015.