Freiherr Béla von Brandenstein (* 17. März 1901 in Budapest, Österreich-Ungarn, Königreich Ungarn; † 24. August 1989 in Saarbrücken) war ein deutsch-ungarischer Philosoph und Hochschullehrer, der einem in Ungarn beheimateten Zweig der altösterreichischen Freiherren gleichen Namens entstammte, die ihren Stammsitz (mit Burg) ursprünglich in Sachsen hatten, später nach Österreich-Ungarn auswanderten und in der österreichischen Armee dienten.Gedenkschrift für Bela Brandenstein zum 100. Geburtstag: Ildiko Veres (Hrsg.): Brandenstein Béla emlékkönyv, Universität Miskolc, 2002

Vor dem Zweiten Weltkrieg bekleidete er an der Königlich-Ungarischen Pázmány-Péter-Universität in Budapest, nach dem Krieg an der Universität Saarbrücken den Lehrstuhl für Philosophie. In Budapest stand er viele Jahre der Ungarischen Philosophischen Gesellschaft als Präsident vor und war zudem Vorsitzender der philosophischen Kommission an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.

Charakteristisch für Brandensteins gesamtes Denken ist ein unmittelbar-vortheoretisches Seinsvertrauen, das ihm die subjektive Gewissheit gibt, prinzipiell mit allen Seinsregionen vom Atom bis zu Gott verbunden zu sein.Brandenstein, Der Mensch vor Gott, 1984, 9-34 Erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch entspricht dieser gleichsam naiv-seelischen Grundhaltung, die er auch „Seinsverbundenheit“ nennt, seine philosophisch äußerst differenzierte Erkenntnismethodik, die in pluraler Weise den jeweiligen Erkenntnisherausforderungen angepasst ist und gewissermaßen ganz fein und tief auf die Dinge „hört“. In ihr zeigt er, dass sowohl die direkt-intuitiv schauende als auch die diskursiv-erschließende Vernunft weitaus leistungsfähiger ist, als dies Immanuel Kant meinte, und durchaus in der Lage ist, transempirische Gegenstände in ihrem Da- und Sosein zu ermitteln, also Metaphysik als echte Wissenschaft zu betreiben.Tibor Hanak, Ungarisches Jahrbuch, 1989, 313–315 Dabei kommt in seinen Begründungsdiskursen vor allem die so genannte reduktiv-regressive Erkenntnismethode (s. u.) zur Anwendung, die die notwendigen Seinsvoraussetzungen von solchen Urtatsachen bzw. Urgegebenheiten wie z. B. dem Selbsterleben und der Veränderlichkeit erschließt, die ohne Selbstwiderspruch nicht geleugnet werden können.

Da diese Methodik im Kern nicht neu ist, sondern in Ansätzen nachweislich schon von Platon und Aristoteles u. a. angewandt, von v. Brandenstein und seinem Lehrer Akos von Pauler (1876–1933) allerdings explizit gemacht und präziser gefasst wird, steht sein Denken einerseits in der Tradition der abendländischen Ontologie und Metaphysik, umfasst andererseits aber auch die Errungenschaften der neuzeitlichen Wissenschaften, einschließlich der modernen Mathematik und Physik. Da v. Brandenstein sie für unverzichtbar hält, baut er sie ausgiebig in seine Philosophie ein, so z. B. in seine Anthropologien von 1947, 1948, 1979. Dabei kommt es an entscheidenden Stellen mittels der Erweiterung, Vertiefung und korrektiven Umbildung alter metaphysischer Denkfiguren (resp. ihrer Erkenntnismethoden) zu neuen und vertieft begründeten Einsichten in den Bau der gesamten Wirklichkeit. In seiner sechsbändigen „Grundlegung der Philosophie“ (1965–1970) bringt er diese schließlich zur Darstellung. Während ihre ersten Bände (Ontologie, Totik, Logik, Mathematik, Metaphysik) auf Ungarisch bereits 1926 bis 1927 erschienen, wurde im Deutschen sein Hauptwerk in überarbeiteter und vollständiger Form in den Jahren 1965 bis 1970 veröffentlicht.

Leben Béla v. Brandenstein wurde 1901 als erster von zwei Söhnen der Eltern Antonie de Csonky und Albrecht Freiherr von Brandenstein (geboren in Sachsen), Offizier in der österreichisch-ungarischen Armee, in Budapest geboren. Der Vater, der ursprünglich aus Sachsen stammte, siedelte, als sein Regiment für einige Jahre von Budapest nach Wien verlegt wurde, mit seiner Familie von 1906 bis 1911 in die Hauptstadt Österreich-Ungarns um. Dort besuchte v. Brandenstein drei Klassen einer Wiener Grundschule und absolvierte parallel dazu Privatschulprüfungen. Ab 1911 wieder in Budapest erwarb er 1919 das Abitur und wurde nach acht Semestern mit 23 Jahren an der philosophischen Fakultät der Universität Budapest zum Dr. phil. promoviert. Noch als Schüler mit 18 Jahren erlebte er eine geradezu stürmische „philosophische Offenbarung“, in deren Verlauf er in kürzester Zeit die fundamentalen Einsichten in den Bau der Wirklichkeit, vor allem mittels des sog. „Wechselreihenbeweises“, aber auch des Beweises der „transzendenten Kausalität“ und damit der Existenz Gottes gewann (persönliche Mitteilung an Boris Wandruszka).

Im Wintersemester 1924/25 und im Sommersemester 1925 besuchte er dann als Stipendiat das im ungarischen Staatsbesitz befindliche Collegium Hungaricum in Berlin, wo er, an der dortigen Universität immatrikuliert, mit den Philosophen Eduard Spranger und Romano Guardini in persönliche Beziehung trat. Durch die fördernde Vermittlung Sprangers ließ er zunächst den ersten, dann den dritten Band seiner „Grundlegung der Philosophie“ (1926 und 1927) im Verlag Max Niemeyer Halle erscheinen; in Köln suchte er außerdem die Philosophen Peter Wust, Max Scheler und Nicolai Hartmann auf. Vor allem der erste kam ob der ungeheuren philosophischen Leistung eines so jungen, ja frühreifen Denkers kaum aus dem Staunen heraus. Die Begegnungen mit diesen Denkern und damit von Phänomenologie, Metaphysik und personalistisch-christlicher Philosophie haben nachweisbare Spuren in Leben und Werk v. Brandensteins hinterlassen.

Zurück in Budapest wurde er am 1. September 1925 zum Büroleiter des Generalsekretariats der Ungarischen Akademie der Wissenschaften ernannt, habilitierte sich 1927 in Philosophie und begann im Wintersemester 1927/28 als Privatdozent, philosophische Vorlesungen an der philosophischen Fakultät der Universität Budapest zu halten. 1929 wurde er in derselben Fakultät zum beamteten außerordentlichen und 1934 als Nachfolger des verstorbenen, als Logiker und Metaphysiker sehr bedeutenden Akos von Pauler (gest. 1933) zum ordentlichen Professor ernannt. Von 1938 bis 1944 war er schließlich Präsident der Ungarischen Philosophischen Gesellschaft, parallel dazu Mitglied der Sankt-Stefans-Akademie in Budapest.Vgl. Veres Ildikó 2014, 230 ff.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges floh v. Brandenstein im März 1945 vor der russischen Besetzung in einem Pferdekarren mit seiner Familie aus Ungarn quer durch Österreich – einen bewegenden Bericht hat er selbst dazu verfasstsiehe unveröffentlichtes Manuskript Béla von Brandensteins, aufbewahrt von Boris Wandruszka – und lebte bis zum Herbst 1948 im Vorarlberg, wo er einen Teil seiner Arbeiten veröffentlichte und über 100 Vorträge im Vorarlberger Raum, in Innsbruck und in der Schweiz hielt. In Feldkirch (Österreich) erreichte ihn dann ein Ruf an die neu gegründete internationale bzw. europäische Universität des Saarlandes in Saarbrücken, wo er seine universitäre Arbeit wiederaufnahm und regelmäßig publizierte. Außerdem gehörte er seit dem Weltkrieg als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats zu den Initiatoren und Mitbegründern des Ungarischen Instituts München und setzte sich (zusammen mit seiner ältesten Tochter) für den Erhalt der ungarischen Kultur, und da vor allem für ungarische Intellektuelle ein, die im stalinistischen Ungarn verfemt waren.Péter Turbucz, Radio Free Europe

Nach 41 Semestern in Saarbrücken und dem Erreichen des 68. Geburtstages wurde er ab dem 1. April 1969 emeritiert. v. Brandenstein hielt seitdem Gastvorlesungen und -vorträge und setzte seine philosophisch-schriftstellerische Arbeit intensiv bis ins hohe Alter fort. Parallel zu seiner universitären Tätigkeit gab er sowohl an der Universität als auch bei sich zuhause stets private Vorlesungen und Seminare.

Seit 1929 war er mit Magdalena Dessewffy de Csernek et Tarkeö verheiratet und hatte mit ihr fünf erwachsene Kinder, vier Töchter (drei sind verstorben) und einen Sohn, der als Rechtsanwalt in Saarbrücken lebt. Seit 1954 verbrachte v. Brandenstein den Sommer vorwiegend im Tessin (Lago di Lugano, Brusino Arsizio) und seit Ende 1969 die Wintermonate in München.

Nach kurzer Krankheit starb er mit 88 Jahren in Saarbrücken.

Allgemeine Charakteristik „Freiherr Béla von Brandenstein war sowohl einer der bedeutendsten Vertreter in der Geschichte der ungarischen Philosophie des 20. Jahrhunderts als auch eine große Gestalt des christlich-humanistischen, systembildenden Denkens.“ (Ildikó Veres)

Mit diesen Worten benennt die ungarische Philosophin Ildikó Veres zentrale Aspekte von Brandensteins Denken und Werk, das zwischen den Weltkriegen europaweit – im Klima einer neuen Offenheit für „Ontologie“ und „Metaphysik“ – zwar Aufmerksamkeit erregte, doch nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Ägide eines völlig neuen Zeitgeistes, dem Zeitgeist des metaphysikfeindlichen „Naturalismus und Positivismus“, bald der Vergessenheit anheimfiel. Sowohl in Ungarn (Anna Varga Jani, Matyas Szalay) als auch in Deutschland (Boris Wandruszka, Markus Enders) und in Italien (Matteo Raffaelli) wurde man jedoch seit einigen Jahren wieder auf ihn aufmerksam und ist nun bestrebt, das Interesse für diesen Denker neu zu wecken und sein Werk wieder bekannt zu machen. In Deutschland ist es außerdem der Arzt und Philosoph Boris Wandruszka, der auf dem Hintergrund des brandensteinschen Denkens eine eigenständige „Philosophie des Leidens“ (vier Bände: Phänomenologie des Leidens – Metaphysik des Leidens – Pragmatik/Theoretik/Poietik des Leidens – Ethik des Leidens) entwickelte und so die Fruchtbarkeit der denkerischen Bemühungen v. Brandensteins sichtbar zu machen versucht.

Béla v. Brandenstein stellt sich in seiner Selbstcharakterisierung einerseits in die große „ideal-realistische“ Tradition des abendländischen Denkens, die er eingehend studiert, durchdenkt, berücksichtigt und würdigt, andererseits übt er sich in einer wohlwollenden Distanz, die es ihm, wo die Sache es gebietet, ermöglicht, mit umsichtig-beharrlicher Kritik auch gegenüber großen Autoritäten Stellung zu beziehen. Leitend ist dabei ein konsequenter und rational nachprüfbarer, diskursiv-wissenschaftlicher „Zug zum Grund“, der nicht nur eine klare Scheidung zwischen Philosophie und Religion, Philosophie und Spezialwissenschaft, Philosophie und Weltanschauung (Ideologie) vornimmt, sondern auch alle instrumentalisierende, nur auf Nutzung (Utilitarismus) und Wohlgefühl (Hedonismus) abzielende Denkweise abweist. Immer steht die eigenwertige „Sache“ bzw. die innere Seinsstruktur eines Phänomens und deren adäquate gedankliche und sprachliche Fassung im Mittelpunkt, oder anders ausgedrückt: Die „Sach- bzw. Seinswahrheit“ eines Phänomens wird um ihrer selbst willen gesucht und, wo möglich, durch die rechte denkerische Verarbeitung in eine „Erkenntniswahrheit“ und das heißt, in eine menschlich angeeignete, damit auch existenziell stets relevante Sach- oder Seinswahrheit überführt.